Zeitlos

In der Morgenpost lese ich über den verschwundenen Schatz in der Elbmündung bei Cuxhaven. Napoleon war bis nach Ägypten vorgedrungen, nicht nur mit seinen militärischen Truppen, sondern er hatte auch Wissenschaftler und Forscher dabei, so schob er einen wahren Ägyptenwahn an. Plötzlich sahen sich die verschiedenen europäischen Städte im Wettkampf, die interessantesten und seltensten Kunstwerke zu zeigen, überall wurden ägyptische Museen errichtet, so auch von Kaiser Friedrich Wilhelm III in Berlin. Es wurden aus fremden Ländern Kunst und Heiligtümer geraubt, verschleppt und daheim ausgestellt. Mit ihrer überheblichen Art organisierten die Europäer Raubzüge und Plünderungen unter der Decke der Kunst. Der Auftrag läutete: “so viele Schätze wie möglich zu sammeln”.

Die Ladung, die aus Alexandria in Triest ankam, wurde aufgeteilt. Ein Teil der Kisten verschickte man Richtung Berlin übers Land, die schweren und besonders aufwendigen Teile kamen auf ein Schiff, das um Europa herum bis in den Hamburger Hafen fahren sollte. Alles lief ziemlich gut, bis bei der Elbmündung ein heftiger Sturm aufkam, und das Schiff die schwere Ladung nicht halten konnte. Die riesigen Teile waren mehrere Tonnen schwer, es war sogar ein Sarkophag aus rotem Granit und eine Pyramidenspitze dabei. Die ägyptischen Schätze rutschten hin und her, zersplitterten das Schiff, brachen durch die Wand, das Wasser trat ein, das Schiff kenterte, die Besatzung und der Kapitän kamen im Sturm ums Leben.

Seitdem, so Olaf Wunder in der Mopo, liegt ein geheimnisvoller Schatz in der Elbmündung, links natürlich. Man hat ihn nie wiedergefunden. Ab und zu wurde die eine oder andere Mumie ans Ufer gespült, die gutmütigen Fischer haben sich zu Tode erschreckt und die Leichen schnell wieder verbuddelt. Bis die Versicherungsgesellschaft einschritt. Sie hatte viel für die verlorengegangene Ladung zahlen müssen, und sammelte jetzt die angespülte Kunst ein, die dann im Auktionshaus in der Hamburger Innenstadt verkauft wurde. So wurden die ägyptischen Kulturschätze verpulvert, sie wurden in allen Windrichtungen verteilt. Mit groben europäischen Stiefeln wurde wieder einmal eine filigrane Kultur zertreten.

Es gab die geheimen Sprüche, es gab die in Stein gemeißelten Flüche, die die Gräber vor Eindringlingen schützen sollten. Eine seltsame Häufung von Todesfällen tat sich vor, nachdem manche Grabkammer geöffnet wurde. Wie kam es dazu? Gab es Gift im Grab, oder eine bestimmte Art von Bakterien? Röntgenstrahlung, Radioaktivität? Die Forscher, die untersuchen, was es mit dem Pharaonenfluch auf sich hat, haben bis jetzt nichts gefunden. Aber eine schaurige Geschichte verkauft sich gut. So war es vor allem die Sensationspresse, die sich darauf stürzte und dafür sorgte, dass die Pharaonen wieder Macht bekamen. Es wurde berichtet, dass Grabschänder und Kunsträuber von Mumien und unbekannten Wesen verfolgt wurden, bis sie krank oder wahnsinnig waren. Häufig fanden sie erst im Tod die Ruhe.

Donnerstagabend. Ich gehe die Treppe runter, vorsichtig, respektvoll. Ich höre einen feinen Ton, wie von einer Flöte. Die Geschichte ist überall an den Wänden zu sehen, viele Schichten vergangener Kulthandlungen übereinander. Hier muss man mit fundierter Fachkenntnis ran. Vielleicht erst mal nach Jahrzehnt ordnen. Meine Finger gleiten über die Wände, sie fühlen die alten Sprüche. Ehrfürchtig gehe ich in die Kammer unten hinein, betrachte auch dort die vielen Informationen im gespenstigen Licht, das hier über den Kunstgegenständen liegt. Hunderte Augenpaare sehen mich an.

Jimi Hendrix: Music is a safe kind of high, steht dort an der Bar.

Ich bin im Birdland, https://www.birdlandhamburg.de/ und ich möchte Jazz hören. An der Seite ist noch Platz auf einer Bank, ich setze mich dazu und höre die Musiker, die heute Abend in der jam session spielen. Sie improvisieren und experimentieren, scheinen viel Freude an ihrem Auftritt zu haben. Die Leute neben mir kennen sie persönlich. Sie erzählen, wer dort steht, und dass es Freunde ihrer Kinder sind. Der eine mit dem Flügelhorn, das ist der Niels. Wir sitzen dort und hören zu, essen Erdnüsse und trinken Rotwein. Der Mann, der sich an meine andere Seite setzt, und der die Erdnüsse mitgebracht hat, riecht gut. Er hat schöne Hände.

Es stehen hier nicht nur junge Künstler auf der Bühne. In diesem zeitlosen Ort ist das Alter egal, der Dialog aus Rhythmus und Melodien fließt hin und her zwischen den Musikern, das Publikum versucht, der Unterhaltung, die sich dort entwickelt, zu folgen. Sie ist nicht immer einfach zu verstehen. Künstler scheinen manchmal unnahbar zu sein, sie zeigen aber einen Zugang auf. Jazz. Lassen Sie sich einfach darauf ein, wenn Sie mal dort sind.

Durch die Musik schließen sich die Besucher von Birdland zusammen, sie werden eine Person, ohne Alter. Ich sehe sehr junge Leute, die wie die unbefangenen Musiker frei und wild sind, ich sehe ältere Personen, jugendlich frisch und tanzlächelnd. Sie sorgen dafür, dass die Klänge den Raum bekommen, den sie brauchen, um sich zu entfalten. Ohne Zuhörer ist kein Konzert lebendig, Musik findet erst seine Bestimmung, wenn sie empfangen und reflektiert wird.

Heute Nacht sind die Telefone nur zum Fotografieren da. Keiner läuft wie ferngesteuert mit Kopfhörern in den Ohren durch das Lokal und führt Selbstgespräche.

Im alten Ägypten gab es Flöten, Harfen, Lauten, Rasseln, Kastagnetten und noch viele weitere Musikinstrumente. Man sang und machte Musik bei der Arbeit, auf den Booten, bei den Begräbnissen. Musik war allgegenwärtig. Konnte man noch etwas davon wahrnehmen, als man in die Grabkammern eingebrochen ist? Hingen dort noch einige Schwingungen der Trauergesänge, konnte man die geheimnisvollen Töne der Flöten noch wahrnehmen? Welche Musik begleitete den Fluch des Pharaos, als er vernahm, wie das Schiff mit den Kostbarkeiten wegsegelte? Eine leise, unheilbringende Melodie, die die Fracht in Schwingung brachte.

Kurz vor dem Ziel, als alle sich schon die Hände rieben, weil sie sich so sicher waren, dass der Raub geglückt war, kam der Sturm auf, die Ladung war nicht mehr zu halten und das Meer verschluckte Schiff, Besatzung und Fracht.

Wenn Sie am östlichen Ufer der Elbmündung spazieren gehen, hören sie die Wasservögel, sie hören den Wind, die Schleiftöne des Wassers über die Steine. Es gibt die blue notes, in der Zeit zwischen Tag und Nacht.

Und manchmal, kurz bevor ein Sturm aufkommt, ist sie da.

Die fremde und feine Flötenmelodie.

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