Wilde Tiere

Es dauert eine Weile, bis das Wasser im Kessel kocht. Ich gucke aus dem Fenster, die späte Sonne legt einen goldenen Schimmer über die Landschaft. Der japanische Kirschbaum oben auf der Wiese am Wald fängt das Licht auf. Er sieht so aus, als würde er von innen heraus leuchten. Ein paar Tage lang ist er überirdisch schön, auch wenn er überhaupt nicht in die Landschaft passt.

Ich habe den Wasserkessel von einem Nachbarn vor zwei Jahren geschenkt bekommen. Er hat ihn aus Dänemark mitgebracht. Es ist ein Gegenstand mit der richtigen Form, der perfekten Größe, er ist schön anzusehen. Ich höre, wie das Wasser zu kochen anfängt, drehe das Gas aus und sehe weiter aus dem Fenster. Dann stelle ich den Keramikfilter auf die Tasse, falte das Papier, kippe Hagenbecks’ Caféhausmischung rein und gieße das heiße Wasser auf.

Ich bin wieder sieben Jahre alt, es sind Sommerferien, ich übernachte bei meiner Großmutter. Das Geräusch der Kaffeemühle unten in der Küche weckt mich. Kurz überlege ich, wo ich bin, im großen antiken Bett, ich sehe die Tapete an. Vor dem Fenster bewegen sich leicht die geblümten Vorhänge, ich spüre den frühen Sommermorgen voller Versprechen.

Die Sonne scheint, ich habe bald Geburtstag. Die Ringeltaube ruft ihren fünfsilbigen Ruf, der unheimlich wäre, wäre es nicht ein strahlender Morgen Anfang Juli. Der Geruch von aufgebrühtem Kaffee kommt hoch. Barfuß gehe ich über den dicken Treppenläufer herunter, in der Küche sind die Großeltern, sie decken den Tisch. Dort ist auch der Kanarienvogel in seinem Käfig, er hat schon seine Orangenscheibe bekommen und singt.

Ich rufe Blacky, den schwarzen Labrador, wir rennen über das nasse Gras bis zum Schwimmbad. Ich springe kurz ins kalte Wasser, renne wieder zum Haus, bekomme ein großes, weiches Handtuch und Frühstück. Blacky trinkt auch einen Kaffee aus seinem Fressnapf, er braucht das morgens, dann glänzt sein Fell. Er legt sich zufrieden grunzend in seinen Korb und schließt die Augen.

Es muss der aufgebrühte Kaffee sein, der die Erinnerung an einem Sommermorgen in Antwerpen triggert. Tautropfen, Sommerfrische, sattes Grün, Ringeltauben. Klopapier, rosa wie japanische Kirschblüten. Meine Großmutter, die mich zum Markt schickt, um ihre Spezialmischung an Kaffeebohnen einzukaufen.

Jetzt, 40 Jahre später, möchte ich einfach einen Kaffee trinken und an meine Großmutter denken, Oma Rosa. Einen Kaffee ohne den ganzen Lärm der Maschine, ohne Befehle wie Satz leeren, Reinigen, Entkalken. Brüheinheit entfetten. Ich nehme die Tasse und gehe raus, spaziere durch die Straße, es ist ganz still. Die Sonne geht unter.

Gottfried Claes Carl Hagenbeck war der uneheliche Sohn eines flämischen Teppichfabrikanten und wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Hamburg geboren. Er wurde Fischverkäufer auf dem Kiez und hatte durch seine unkonventionelle Art viel Erfolg. Sie können die Geschichte nachlesen. Von seinen Fischern bekam er Seehunde, und stellte diese in Bottichen zur Schau, am Spielbudenplatz. Auch andere Tiere kamen hinzu, die meistens von Seeleuten aus fernen Ländern mitgebracht wurden. Affen, Papageie. Manchmal sieht man sie dort immer noch, vor allem im Wochenende.

Sein Sohn Carl organisierte außerdem Völkerschaus, die richtig viel Erfolg hatten. Heute sind wir natürlich empört, dass man Menschen zur Schau stellte. Es lief damals übrigens überhaupt nicht korrekt, die Bezahlung stimmte nicht, willkommen auf dem Kiez. Und die medizinische Versorgung ließ auch zu wünschen übrig, die Eskimos einer dort ausgestellten Dorfgemeinschaft sind alle gestorben, weil man vergessen hatte, sie gegen die Pocken zu impfen.

Zusammen mit seinem Halbbruder John gründete Carl einen Teehandel, auch Kaffee kam dazu, und immer mehr Tiere aus der ganzen Welt. Das Tierpark Hagenbeck liegt jetzt in Stellingen, ist 25 Hektar groß und in Privatbesitz.

Es gehört zu Hamburg, genauso wie der Kaffee in der Tigertüte, unverkennbar. Das Design bekam 2019 einen Red Dot Award. Hanseatisch, durchdacht, traditionell und bekannt.

Nur, Hagenbeck kommt aus Flandern.

Ich trinke den Kaffee, während ich durch die Straße laufe, ich denke an den Geruch vom Elefantengehege im Sommer, von dem Staub, den trockenen Tieren. Ich erinnere mich an die ganzen Leute überall, an den Lärm, die Unruhe. Mein Vater erzählte, wie die ersten Elefanten in Antwerpen durch die ganze Stadt gelaufen sind, vom Hafen bis zum Zoo, und wie das eine Sensation war. Ich hörte mir die Geschichte an, ich war sieben und wollte nicht zum Zoo. Blacky reichte mir. Ich wollte bei meiner Oma bleiben, im Garten spielen und schwimmen, den ganzen Sommer lang.

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