Wenn’s hilft

Panification exquise.

Pan ist der griechische Gott des Waldes und der Natur, der die Hirten schützt und der, wenn man ihn bei seinem Mittagschlaf stört, das Vieh in Panik versetzt. Pan ist der liebestolle Gott, der ständig hinter den Nymphen her ist. Von diesem Gott wird das Wort Panik abgeleitet.

Exquisite Panik also.

Panification exquise lese ich auf einer Brötchentüte in Belgien.

Die Brötchen sind etwas runder und unkonventioneller als in Deutschland, sehen sonst aber völlig normal aus. Sie sind außen knusprig, innen fluffig weich und warm, sie schmecken ausgezeichnet mit Butter und einer Tafel zartbitterer Schokolade dazwischen. Die kühle Schokolade schmilzt ein bisschen, sie legt sich in das weiche Bett aus Brot, bleibt im Kern aber knackig frisch. Ich esse das Brötchen und gleich noch so eins. Keine Panik.

Ich bin in Hamburg und denke an ein Brötchen mit Schokolade. Gleichzeitig weiß ich, dass es Gerichte gibt, die man nur in einem bestimmten Land essen kann. Für den Fall, dass ich ein exquisites Brötchen finde, wird es mit dem Belag nicht klappen. Eszet oder Ritter Sport sind keine Alternativen. Außerdem ist die Brötchentüte in Hamburg meistens sehr ernst. Sie weiß, dass sie sofort weggeworfen oder wiederverwertet wird. Sie weiß, dass ihre Sprüche kaum gelesen werden. Es ist in Hamburg nicht einfach, originell zu sein. Das weiß die Brötchentüte, und sie schweigt.

Ich habe schon Brot mit Gedichten gesehen, ein andermal las ich Sprüche auf einem Papierbeutel. Backwaren mit Literatur, morgens beim Frühstück.

Es ist ein wechselhafter Sommertag, gerade so warm, dass du im Pullover rausgehst. Die Sonne kommt ab und zu zwischen den Wolken hervor. Ich höre, wie die Haustür ins Schloss fällt. Es liegt diese bestimmte Frische in der Luft, an der man sich nicht satttrinken kann. Eine Frische wie die Fußballjugend, die gerade im Regen Training hatte und mit roten Backen und nassen Haaren reingestürmt kommt, ungestüm, außer Atem.

Die Fenster sind geöffnet, die Vorhänge bewegen sich im Wind, du kommst wieder zu mir. Du reichst mir Kaffee, ich sehe den Himmel, wie er sich ständig ändert. Es läuft Jazz im Wohnzimmer, vielleicht Michael Bublé. Du sagst nichts. Der Kaffee ist heiß, ein Herz hat sich auf dem Milchschaum geformt. Ich lese still das Gedicht, das auf der Brötchentüte steht. Ich lese den Spruch, der den Tag bestimmen wird, es ist ein guter Spruch. Es ist ein guter Tag.

Im November stand Gewalt in großen Buchstaben auf der Papiertüte. Darunter in kleiner Schrift kommt mir nicht in die Tüte und eine Telefonnummer. Das war ein Beitrag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Dieser Tag ist am 25. November.

Die Frühstückstische der Stadt zeigten auf Gewalt. Ich wünschte mir, es würde helfen. Ich bezweifle jedoch den Erfolg. Einen Umstand, den man vermeiden will, soll man nicht überall verbreiten. Schon gar nicht als erste Mitteilung am Morgen.

In Mechelen, einer belgischen Stadt in der Nähe von Antwerpen, hatte Michiel von Beethoven, der Urgroßvater eines berühmten Komponisten, eine Bäckerei. Daher gibt es dort Brottüten mit dem wohlbekannten Gesicht seines Urenkels Ludwig, der vor 250 Jahren in Bonn geboren wurde. Er hatte sechs Geschwister, aber nur zwei von ihnen überlebten das Säuglingsalter.

Ludwig von Beethoven ist also eigentlich Flämisch, denke ich für mich. Früher sind die Künstler viel gereist, sie waren europäisch. Sie ließen sich von Grenzen nicht beirren.

Ich denke an meinen direkten Vorfahren, Peter Paul Rubens. Er ist in Siegburg geboren, als seine Eltern aus Antwerpen während der Religionskriege geflüchtet waren. Mutter Maria Rubens ist jedoch ziemlich schnell mit ihrer Kinderschar wieder zurückgereist. In Antwerpen eröffnete sie einen Laden für Nähgarn. Sie war sehr mutig und hat ihrem Sohn die richtige Ausbildung ermöglicht.

Man hat übrigens ein Gemälde von ihm wiedergefunden, endlich, es ist das Porträt einer Dame. Falls Sie Interesse haben: Es wird am 29. Juli in London versteigert, Sie benötigen ungefähr dreieinhalb Millionen. Dafür hätten Sie dann einen echten Rubens. Ich wünsche mir, die Kunsthalle bekommt etwas Geld dafür, denn ich weiß, dass ihr Direktor, Prof. Dr. Alexander Klar, gerne einen Rubens für Hamburg hätte. Vielleicht findet sich ja ein Sponsor. Es lohnt sich, die schöne Dame würde perfekt in die Hansestadt passen.

Ich bin Übersetzerin, und das mit der panification hat natürlich nichts mit Panik zu tun. Es ist ein Wort, das von le pain kommt, das Brot. Es hört sich einfach schöner an, wenn man sagt, voilà le panification, statt Hier backt man Brot. Wir leben in Europa, wir können ja ab und zu ein paar Wörter Französisch einfließen lassen.

Wenn’s hilft.

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