Wassergeister

Schön, oder? sagt der Paketbote hinter seinem Mund-Nasen-Schutz, stoppt neben mir aus seinem schnellen Gang und dreht sich zur Sonne. Er schließt die Augen und bringt seine Sackkarre voller Pakete neben sich zum Stillstand. Jedes Mal freue ich mich, wenn sie hier am Nachmittag durch die Häuser guckt, ergänzt er, dreht sich nach einem tiefen Atemzug dann wieder um, nimmt energisch die Handgriffe der Karre und sputet sich, zu seinen Kunden zu kommen. Sein Lieferwagen steht etwas weiter in der Straße im absoluten Halteverbot.

Vor einer Viertelstunde hingen noch graue, nasse Wolken über der Stadt.

Ich bin ins Chile-Haus hineingegangen, dort habe ich mir das Treppenhaus angesehen. Kunstvoll schwingt sich das Geländer Etage nach Etage bis ganz oben, die vielen Stufen über zehn Stockwerke sicher führend. Voller Bewunderung schaue ich das kunstvolle Arrangement an, bleibe einige Minuten stehen, um die Architektur auf mich wirken zu lassen.

Als ich das Gebäude wieder verlassen habe, hatte sich das Wetter plötzlich geändert. Wie konnte das so schnell passieren? Der Himmel ist blau, nur einige Schleierwolken hängen unschuldig im späten Nachmittag herum. Ich bin auf dem Bürgersteig stehengeblieben, denn die Sonne hängt tief über dem Hafen und scheint zwischen den Häusern hindurch auf mein Gesicht. Da kommt der Paketbote vorbei, er stellt sich kurz neben mich, und die Sonne strahlt noch etwas intensiver.

Endlich Farbe! Der Backstein der Speicherstadt leuchtet in dem warmen Rot der Abendsonne, es ist die Farbe, die man zu dieser Jahreszeit so sehr braucht. Die Farbe von reifen Hagebutten und Ahornlaub. Ich gehe zum Wasser, laufe über das Kopfsteinpflaster, über Brücken und an Speichergebäuden entlang. Auf der Poggenmühlenbrücke stehen einige Fotografen, sie haben ihre Kameras in Position gebracht, um gleich, wenn die Sonne über dem Wasser zwischen den Häusern hervorkommt,  das Wasserschloss zu knipsen, wie es schon hunderttausende Fotografen vor ihnen getan haben. Es ist kein sehr originelles, aber ein unfassbar schönes Motiv, vor allem jetzt, wenn am späten Herbstnachmittag die Fleete silbergrau schimmern und die Häuser rote Backen haben.

Ich grüße die Fotografen, aber sie sind zu konzentriert, um zurück zu grüßen.

Ich gehe in die Hafencity hinein. Die verlassenen Straßen glänzen vornehm im späten Abendlicht. Die Häuser sehen aus, als wären sie aus einer anderen Welt versehentlich hier gelandet. Wer hat mit ihnen gespielt und sie dann fallengelassen? Einige Häuser ragen kühl und alleinstehend hoch in den Himmel, mit ihrem Singledasein anscheinend zufrieden. Andere lehnen sich übers Wasser, spiegeln ihre Fassaden voller Bewunderung. Noch andere lehnen sich zur Seite, auf der Suche nach einer Schulter zum Anlehnen. Es gibt Gebäude, die auf einer schmalen Basis stehen, aber breite Köpfe haben. Sie versprechen mehr Wohnfläche, aber ich finde sie schon ein bisschen schräg.

Ich denke an meinen Jüngsten, der Minecraft spielt. Eine Ähnlichkeit seiner Konstruktionen mit diesem Stadtteil drängt sich deutlich auf. Wer ist hier vorbeigekommen und hat mit der Stadt gespielt? Was war zuerst da?

Starker Sturm, oder? meint Ulf Busse von der Bergedorfer Zeitung, als wir uns am nächsten Tag an den St. Pauli-Landungsbrücken treffen, um über das Literaturstipendium Stadtschreiberin zu sprechen. Es regnet, und durch den Wind ist es sehr kalt. Wir können uns nirgendwo hineinsetzen, keinen Galao im Portugiesenviertel trinken, keinen Tee zum Aufwärmen im Museumsschiff Kleinhuis, keinen Glühwein. Gott sei Dank keinen Glühwein.

Wir setzen den Mund-Nasenschutz auf, betreten das Gebäude des alten Elbtunnels, laufen die 132 Stufen in die Unterwelt hinab und unterqueren durch die geheimnisvoll schimmernde Röhre den wilden Fluss bis zum anderen Ufer.  Hier unten gibt es keinen Wind, keinen Regen, dafür Magie und Meerestiere auf Kacheln. Ich sehe Ungeheuer an den Wänden und wunderbar restaurierte Lampen, die ein kühles, milchiges Licht verbreiten.

An der anderen Seite sprintet Ulf die Treppe wieder hoch, er kommt gerade vom Tennistraining und ist voller Elan. Wir gehen zur Aussichtsplattform und sehen uns die Stadt an. Von hier aus stimmt alles. Das trübe Wetter, das wilde Wasser, die Gebäude gegenüber und rechts die faszinierende Elbphilharmonie auf ihrem Vordersteven, wie ein Fels in der Brandung.

Dort ist Friedrich Gottlieb Klopstock beerdigt, führt mich Werner über einen Friedhof, als wir nachmittags durch Ottensen laufen und zu dem Grab bei der Christianskirche gehen. Die uralte Linde, unter der das Grab liegt, gab es anscheinend schon zu seinen Lebzeiten. Das war Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Wir bleiben eine Weile dort stehen, das letzte Licht eines Novembernachmittags legt sich unerschütterlich über die alten Steine. Die anderen Gräber unter der Linde sind von seinen beiden Ehefrauen und von seinem Sohn. Er hatte die Frauen natürlich nicht gleichzeitig, sondern trauerte nach dem frühen Tod seiner ersten Frau dreißig Jahre lang, bis er im Alter nochmal heiratete. Vielleicht hat er deshalb so empfindsame Texte geschrieben.

Als wir an der Elbe zurücklaufen, ist es schon dunkel und kalt. Ich freue mich über die Wollsocken und die Mütze, die ich unterwegs gekauft habe. Der Parkplatz am Museumsschiff steht schon unter Wasser, in zwei Stunden wird der Wasserhöchststand erreicht sein. Die Elbe ist breit, wild und unberechenbar. Es riecht nach Sturm. Ich sehe die braunen Wassergeister, wie sie unter der Oberfläche tanzen und sich aufbäumen, alles voller Bewegungen, ein bisschen unheimlich, definitiv. Aber über das Wetter lachen wir ja, fasst Werner unser Treffen zusammen.

Auf dem Altonaer Balkon, vor dem Gebäude, das früher der Bahnhof war und jetzt die Stadtverwaltung beherbergt, stehe ich mit dem Gesicht zur Elbe.

Hinter mir rasscheln die kahlen Bäume mit ihren starren Zweigen. Ich denke an Dichter Kloppstock auf dem Friedhof. Eine Handvoll Blütenblätter liegt um mich herum auf dem Weg, hier wurde heute Hochzeit gefeiert.

Vor mir strömt das Hochwasser in die Stadt hinein, es fahren nur wenige Autos, die Bäume lassen die letzten Blätter los. So ist das, im November, es kann nicht ungemütlicher werden. Überschwappendes Wasser, Kälte, Regen und Sturm.

Schotten werden dichtgemacht, Sandsäcke hervorgeholt. In den Häusern gehen Lichter an, Köpfe biegen sich über Schreibtische, Pläne werden studiert, neue Entwürfe gezeichnet. Wein wird ausgeschenkt, Feuer wird angezündet, tief berührende Dichtung entsteht.

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