Was ist ein Held?

Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.

Mein 14-jähriger Sohn ist mit Wilhelm Tell beschäftigt, für das Fach Deutsch. Er soll die Handlung der Geschichte von Schiller in Haupt- und Nebenhandlungen beschreiben.

Ich sehe mir die Aufgabe online an, lese einige Zeilen im Buch und weiß, dieser Weg wird kein einfacher sein, und wenn er noch so hohl ist. Wie soll man Schulkindern heutzutage Freiheitskämpfer erklären? Helden? Und dann noch welche aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts in der Schweiz. Ich fasse zusammen:

Die Schweiz leidet unter der Tyrannei der Habsburger Vögte. Da Wilhelm Tell sich weigert, dem Hut eines Tyrannen, der auf einem Stock gesteckt wurde, die nötige Ehre zu erweisen, muss er zur Strafe einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen. Er legt sich zwei Pfeile zurecht, trifft mit dem ersten den Apfel, der Sohn bleibt dabei unverletzt. Der zweite Pfeil, so gibt er zu, war für den Tyrannen bestimmt, falls der erste sein Ziel verfehlen würde. Daraufhin wird er verhaftet, und per Boot über den Vierwaldstätter See zur Burg gebracht. Er entkommt aber im Sturm, schafft es ans Ufer, rennt in die Richtung der Burg und legt sich auf die Lauer in der Hohlen Gasse, wo der Herrscher vorbeikommen muss. Der Herrscher kommt, er wird von Wilhelm Tell erschossen, somit ist das Volk vom Joch befreit und hat einen Helden dazugewonnen.

Die Belgier kennen Küssnacht, weil dort 1935 Königin Astrid verunglückt ist. König Leopold III wollte unbedingt selber am Steuer des amerikanischen Cabrios sitzen, sein gleichaltriger Fahrer sollte hinten Platz nehmen. Der Achtzylinder kam vom Weg ab, knallte gegen einen Birnenbaum, die Königin verletzte sich am Kopf und fiel aus dem Wagen. Dabei wurde sie lebensgefährlich verletzt. Sie starb auf der Wiese in des Königs Armen. Sie kam aus Schweden, war schön und sehr geliebt und erst 29 Jahre alt. Sie ließ 3 Kinder zurück. Der Enkel Philippe ist inzwischen belgischer König.

Die Astrid-Kapelle kann man dort am See besuchen, auch wenn man sie inzwischen 30 Meter verschoben hat, um die Straße auszubauen. Der Unfallwagen wurde auf Befehl des Königs in den Vierwaldstättersee versunken. Er war kein Held, er konnte nicht einmal richtig Auto fahren. Aber bald wurde eine neue Prinzessin gefunden, für sie ließ Leopold einen Zwölfzylinder bauen, einen Ferrari 330 GTC Speciale P.F. Rethy

Was ist ein Held?

Ein Held ist mutig, hat einen noblen Charakter, oder ist besonders schlau. Er hebt sich von den anderen ab. Er braucht nicht unbedingt fleißig zu sein, muss nicht ins System hineinpassen, er kann auch einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Manche Helden werden von Ruhm oder Ehre motiviert, andere agieren selbstlos, streben nach etwas höherem.

In dieser Corona-Zeit geht es meistens nicht um Ruhm oder Ehre. Der Held hebt sich nicht von den anderen ab. Der Held hält einfach durch, er braucht kein schillerndes Kostüm, nur eine Mundmaske und Handschuhe. Aber was, wenn er einfach mal durchatmen muss? Die Handschuhe mal ausziehen? Wenn er an die frische Luft muss, um durchhalten zu können? Was, wenn gerne an der Elbe entlang läuft?

Ich lese gerade, dass der Heldenlauf in Blankenese abgesagt wurde. Er war wie immer am letzten Sonntag im August geplant, Euer Jubel ist unsere Motivation, so der Slogan. Der wahre Heldenlauf, mit Containerriesen um die Wette laufen.

Der Veranstalter Heldenzentrale hat alles dafür getan, die Einhaltung der notwendigen Vorsorgemaßnahmen zu versichern, aber das Event darf dennoch nicht stattfinden. Die Begründung lautet „Es kann nicht gewährleistet werden, dass mehr als 999 Personen sich dort versammeln“. Ab 1000 Personen ist es ja eine Großveranstaltung.

Somit fließen viel Engagement, intensive Arbeit und nicht unerhebliche Vorlaufkosten sowie vor allem Herzblut, ohne welches keine Laufveranstaltung auskommt, leider die Elbe runter, so die Heldenzentrale. Und das zum ersten Mal in 18 Jahren.

Wir können jetzt im Alltag sehr gut Helden erklären, so überlege ich mir, und nicht nur Antihelden mit komischen Frisuren. Denn Heldentaten sind eigentlich genau das, was wir jetzt brauchen. Wir müssen nicht gleich einen Herrscher erschießen. Aber auch nicht einfach die Karre in den See versenken und eine neue kaufen.

Wir sollten aus dem Schlaf aufwachen. Abwehrkräfte stärken. Den Atem, der ständig zurückgehalten und gefiltert wird, mal wieder befreien. Die Natur spüren, sich mit der Stadt verbinden, die Sonne und den Regen auf der Haut spüren. Sich miteinander treffen, Abstand einhalten, von mir aus in einer hohlen Gasse.

Ich kann nicht glauben, dass es einer Person besser geht, wenn sie sich monatelang einsperrt, und dabei missmutig auf etwas aus dem Vorratsschrank kaut. Wenn sie sich von bedrohlichen Mitteilungen auf zahlreichen Medienkanälen ständig verfolgt fühlt. Wenn sie alleine ist. Was macht der Körper mit so viel Stress und Unsicherheit?

Was braucht man in der Not? Ein neues Auto? Gut, ein Ferrari Baujahr 1967 ist schön. Mehr Geld? Wettbewerbsvorteile? Die Wirtschaft?

Wir brauchen Heldentaten. Wir brauchen Freiheitskämpfer und Querdenker. Bewegung und Motivation. Zwischenziele und Wachstum, weit über sich hinaus. Spontanität, Solidarität, Kreativität.

Die Wirtschaft zieht schon nach.

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