Los geht’s

Der Aachener Regen ist laut und schräg, ihm fehlt die Eleganz des Hamburger Regens. Er jagt wild über die Landschaft und fällt dann einfach so runter, weil die Wolken bei der Eifel nicht weiterkommen, er denkt sich gar nichts dabei. Die Tropfen werden vom Wind getragen, sie reisen über Belgien, über die Niederlande, kommen in Deutschland an und würden gerne weiterreisen, in östliche Richtung, vielleicht sogar noch etwas südlicher. Aber dort liegt die uneinsichtige Eifel. Die Wolken, die gerade eine gute Fahrt aufgenommen hatten, werden abrupt zum Halt gebracht, sie müssen ihre kostbare Ladung fallen lassen.

Der Regen in Aachen hat einen Akzent, aber man versteht ihn gut, man muss sich auf ihn einlassen. Er ist umständlich und hört sich selber gerne regnen. Ich bin auf der Vennbahn, das ist eine alte Eisenbahntrasse, die zum Fahrradweg umgebaut wurde. Sie führt vom Zentrum in Aachen über die Grenze nach Belgien, durch die schöne Wallonie bis nach Luxemburg, das sind 125 km freie Fahrt. Wenn da nicht zu viele Jogger wie ich oder Hunde im Weg sind.

Heute, an diesem Sonntagmittag im Advent, bin ich fast alleine unterwegs hier. Es stürmt und regnet. Die Pfützen auf der Trasse spiegeln die Bäume. Es ist, als würde man eine andere Welt sehen. In der Welt dort unten scheinen die Bäume falsch herum zu stehen. Ich sehe im Wasser auch die blass-graue Luft gespiegelt. Ich sehe meine Füße in den Laufschuhen, pink und in Bewegung. Ich kann in diese Pfütze verschwinden. Dieser Gedanke läuft plötzlich klar neben mir. Der Himmel spiegelt sich, der Eindruck einer endlosen Tiefe entsteht. Was, wenn diese Pfütze tief wie der Himmel ist? Ich sehe die Spiegelbilder und denke, ich kann die Wasserpfütze als Durchgang nehmen, und in eine andere Welt wieder auftauchen. Das müsste möglich sein, ich muss mich nur auf die Tiefe konzentrieren. Vielleicht komme ich so nach Hamburg, dort ist Wasser genug. Wenn ich hier einsteige, kann ich im Alsterpark wieder rauskommen. Ich brauche nur in der Spiegelung des Regenwassers auf der Vennbahntrasse einen Baum zu erkennen, der auch an der Alster wächst. So schwer kann das nicht sein.

Da laufen eine monotone Angelegenheit ist, kaufe ich mir in Gedanken ein HVV-Tagesticket. Ich steige aus der Pfütze im Alsterpark aus, laufe den nassen Weg entlang, zum Jungfernstieg, nehme die S3 Richtung Buxtehude. Ich steige in Neu Wulmstorf aus. Sie fragen sich jetzt, wieso ich schon aussteige und nicht mit der S3 bis nach Buxtehude fahre. Gibt es diese Stadt eigentlich? Nur in Märchen? Wir kennen den Wettlauf von Hase und Igel, diese beiden Maskottchen sind sogar als Weihnachtsbeleuchtung über die Straßen dort angebracht.

Der Name hat tatsächlich etwas Magisches, es wurden dort nicht nur Ende des 16. Jahrhunderts Hexen verfolgt, sondern Petrosilius Zwackelmann fliegt in einem Buch vom Räuber Hotzenplotz (“der reine Räuber Hotzenplotz, wie Dittsche sagen würde) zu einem befreundeten Zauberer nach Buxtehude. Übrigens spricht man seit 2014 von der Hansestadt Buxtehude.

Ich bin durch die Straßen gelaufen, auf der Suche nach der Magie, die Stadt sieht sauber und aufgeräumt wie eine Deutsche Nordseeinsel aus. Ich bin mir sicher, hier gibt es viele Besen. Sie erinnert mich sogar an eine Holländische Kleinstadt an der Küste, mit den Grachten bis zum Markt und Holzboote am Ufer. Der Unterschied mit einer Holländischen Stadt ist, dass die Leute hier in Buxtehude alle Funktionssachen tragen, und in Holland tun das nur die Deutschen. Die Mädchen aus Holland haben bei diesem Herbstwetter lange offene Haare, kurze Röcke oder lange Kapuzenpullis und Strumpfhosen an, Stiefel.

“Hunger oder Durst aber kein Geld? Kommen Sie rein” steht an der Tür des Kiosks in Neu Wulmstorf. Ich gehe rein, der junge Mann hinter der Theke gibt mir einen Espresso, ich zahle etwas mehr, das kommt in eine Spardose. Wenn man gerade kein Geld hat, nimmt er es daraus. Eine gute Idee, die mir sehr gefällt. Um die S-Bahn-Station stehen überall Baukräne, es sieht so aus, als würde nicht nur das Parkhaus ausgebaut.

Es kommt ein Besucher in das Café hinein, er hat ein Hoodie auf, große Kopfhörern, er sieht auf den Boden. Ich wundere mich, wieso er sich in seinem Alter wie ein Teenager kleidet. Er vermeidet Blickkontakt, aber in der Spiegelung der Theke kann ich sehen, dass er um die 50 ist, er hat einen Oberlippenbart. Wahrscheinlich war er persönlich dabei, als Bench 1989 in London das erste Scater-Hoodie auf den Markt brachte. Endlich ein Kleidungsstück, in das man sich verstecken konnte. Wenn ich den Kiosk wieder verlasse, höre ich wie er leise „hier ist kein Ende, hier ist ein Anfang“ sagt.

Im Dorfkrug, einem Café, das es schon seit 1857 gibt, hat man eine Salatsoße entwickelt, die man sogar in Aachen kaufen kann, die “Sylter Salatfrische”. Sie wird heutzutage immer noch in Neu-Wulmstorf hergestellt und ist im ganzen Land zu haben. Was hier wohl das Geheimrezept ist? Wahrscheinlich die frische Luft, das stille Wasser, das dunkle Moor oder so.

So kann es gehen auf dem Land. Man bekommt ein Verlangen nach echtem Essen, mit ehrlichen Zutaten. Tee, Kräuter, Kuchen, ein Stück heile Welt. Dinge mit Namen, die man erkennt und gerne in den Mund nimmt, Heimat.

Das hätte man in Neu-Wulmstorf einfach haben können. Wieso nimmt man für eine Ortschaft einen Namen, den kein seriöser Mensch aussprechen kann? Dabei gibt es den perfekten Namen auf Plattdeutsch: Vosshusen! Dieser Name sagt wenigstens, was los ist. Hier wohnen die Füchse. Vos ist Fuchs auf Niederländisch. Und die wohnen dort am Rande des Moores. Es ziehen aber auch immer mehr Menschen nach Fuchshausen, es werden ganze Siedlungen errichtet. Hoffentlich bleibt noch genug Freiraum und Wildnis für Füchse und Rehe. Und für die Igel, Waschbären und Störche. Für Bürgermeister Wolf.

Der Moorgürtel ist Naturschutzgebiet, er streckt sich lässig über die Landschaft aus, die Este fließt gemächlich zur Elbe, die Deiche versprechen hoch und heilig, die Landschaft vor der Springflut zu schützen, so weit es geht natürlich, ohne Garantie. Sie tun einfach, was sie können.

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