Sternschanze und Schulterblatt

Sternschanze, fragen Sie nicht, wie ich hierhin gekommen bin. Ich denke, dass ich träume, wenn ich den grünen Monstern, die sich hier über die ganze Wand bewegen, ins Auge starre. Einäugige Fabelwesen, von oben bis unten. Won ABC war hier, so erfahre ich, er hat gerade den S-Bahnhof Sternschanze verschönert, und zwar im Auftrag der Bahn. Man kennt ihn aus der Szene, zum Beispiel aus der damaligen “OneZeroMore Gallery”. Er hat auch schon öfter illegal S-Bahnen verschönert, dafür wurde er zu Geldstrafen und sogar zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

Die kunsterfahrenen Polizeiermittler 1996 zeigten sich begeistert “hier haben wir einen der besten Sprayern Europas”. Sie hatten Recht. Won ABC hat die Kunstakademie absolviert, und überall auf der Welt wird er für die verschiedensten Projekte gefragt. In München hat er zusammen mit Loomit über eine ganze Häuserwand eine Hommage an Georg Elsner gesprayt.  Im Millerntorstadion kann man seine unvergesslichen Figuren auf den Betonwänden bewundern.

Und jetzt die Sternschanze. Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Figur, die mir bekannt vorkommt. Ist das der Mensch in Kapuzenpulli, den ich vor einiger Zeit in Neu-Wulmstorf gesehen habe? Er lehnt sich an die rot-grüne Wand mit den Augen und diskutiert mit zwei weiteren Figuren in Hoodies, sie haben Rucksäcke dabei. Ich gehe zu ihnen und versuche, die Gesichter zu sehen, vielleicht würde ich sie ansprechen. Aber sie drehen sich von mir weg. „Es sind die Schlaglöcher“, sagt einer von ihnen, wenn ich vorbeigehe. Er hat eine gute Stimme.

Ich brauche ein Schulterblatt zum Anlehnen. Wenn Sie sich das Original anschauen wollten, sollten Sie ins Museum für Hamburgische Geschichte gehen, dort hat man beide Teile ausgestellt.

In Altona gab es Ende des 17. Jahrhunderts die Grönlandkompagnie, die Walfänger trafen sich in einem Lokal dort. Sie brachten dem Wirt diese Schulterblätter mit, er hing sie als Aushängeschild auf.

Die Straße, wo die Wirtschaft sich befand, wurde ab ca. 1700 „beim Schulterblatt“ genannt.  Damals schon kreativ, originell und unkonventionell unterwegs, so denke ich, das muss man erst mal bringen, ein Skelett als Aushängeschild verwenden. Und mit schöner, geschwungener Schrift den Namen darauf schreiben. Im Museum lese ich, was genau auf diesen Schildern steht. Auf dem einen Schild steht an beiden Seiten „Schulter=Blatt“ und auf dem anderen „Hier schenkt man Bier und Brantewein“.

Genau vor 116 Jahren, am 27. Dezember 1813, brannten die Franzosen auch die 26 Häusern des Schulterblatts nieder, die Bäume wurden umgelegt, sie brauchten ein freies Sicht- und Schießfeld. Nach der französischen Besatzung wurden die Häuser wieder aufgebaut. Es siedelten sich Geschäfte an, ein Sommertheater mit einfacher Holzbühne und Ausflugsgarten wurde 1835 eröffnet. Man nannte es Tivoli. Später kam ein Fachwerkrundbau mit dem Namen Schmidt`s Tivoli hinzu. Es war das beliebteste Ausflugslokal auf dem Schulterblatt. Jetzt steht an der Stelle die Rote Flora.

Die Flora war zuerst eine Bark, die auf der Norderelbe lag und ihren Einsatz als Walfangschiff beendet hatte. Sie war ein sehr beliebtes Ausflugsziel, es wurde dort getrunken und getanzt, bis sie 1888 abgewrackt wurde. Den Namen hat man dennoch behalten, so hieß ab 1889 das neue Konzerthaus auf dem Schulterblatt: Gesellschafts- und Concerthaus Flora, ein weitläufiger Gebäudekomplex mit Gartenanlagen.

Diese Straße schreibt Geschichte. Ziemlich holländisch, findet Bruno vom Käseladen, er hat den letzten Käseladen in ganz Hamburg, versichert er mir. Das Teehaus gegenüber ist schon seit 50 Jahren dort, der Bäcker daneben sogar seit 80 Jahren. Das verstehe ich, wenn ich hier wohnen würde oder ein Geschäft hätte, würde ich auch nicht mehr weg wollen.

So muss das sein, sagt der netter Mensch in better times, wenn er die Tür nach seiner Mittagspause um 14:21 aufschließt. Er verkauft Fanartikel von St. Pauli und vieles mehr. Ich kann in diesem Laden Stunden verbringen, ich entdecke hier immer neue Sachen. Ich kaufe eine Postkarte mit einem Kunstwerk von Banksy. Hamburg hat nur noch ein Kunstwerk von diesem Britischen Graffiti-Künstler, in der Nähe vom Michel. Es wurde aber beschädigt. Auch die Schutzplatte aus Acryl hat da nicht geholfen. In blauer Farbe wurde das falsch buchstabierte Wort Grafitti an die Mauer oberhalb des Kunstwerkes gesprüht, die Farbe ist hinter der Platte über das Werk selbst gelaufen. Einige Personen meinen, Banksy selber habe das so gemacht, weil es nicht richtig sei, Street Art mit einer Acrylplatte für die Straße zu schützen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er Graffiti falsch schreibt.

Man kann es restaurieren, man kann versuchen, es wegzunehmen, in ein Museum zu bringen, aber ist das wirklich die Absicht von Street Art? Gehört das nicht einfach auf der Straße, vergänglich? Veränderlich wie der Verkehr, wechselhaft wie das Wetter? Ich muss über dieses Thema mit Alexander Klar sprechen, er hat bestimmt eine klare Meinung dazu.

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