Sterne gucken

Heute Nacht ist es nicht kalt, es ist windstill und fast trocken. Ich habe Gummistiefel und eine Regenjacke an. Die Haare sind nass durch die Feuchtigkeit in der Luft. Es riecht nach Herbst. Es ist schön hier an der Außenalster, jetzt, wo fast keine Leute unterwegs sind. Der Puls der Stadt schlägt in der Ferne, regelmäßig, langsam, tief.

Ich stehe unter einer Buche, das schwarze Wasser vor mir bewegt sich träge und ruhig, es macht kleine, freundliche Geräusche. Regentropfen, die beim letzten Schauer auf die Blätter gefallen sind, sammeln sich, gleiten über die Blätter, perlen herunter.

So ist das, wenn ich nicht schlafen kann und keine Lust habe, mich im Bett hin und her zu wälzen. Normalerweise schlafe ich sofort ein und wache morgens ausgeruht auf, aber hin und wieder passiert es, dass ich überhaupt nicht müde bin. Was tun? Lesen? Essen? Trinken? Alleine? Ich ziehe eine Jacke über, Stiefel an, geh raus. Ich steige aufs Fahrrad und fahre an die Alster. Kein Mensch unterwegs, es ist 4:00 am Samstagmorgen.

Ich erinnere mich an die Zeit, als die Kinder klein waren. Wenn eins mal nicht schlafen konnte, dann bin ich mit ihm spazieren gegangen. An die frische Luft, durch den nächtlichen Wald, über die Wiese. Wir haben uns auf einem Mäuerchen des Varnenums ausgestreckt, auf dem Rücken. Den Kopf haben wir über das Ende der Mauer nach unten hängen lassen, so zeigt sich die Welt andersherum. Falls Sie Yoga betreiben: so ungefähr wie der Fisch. Wir konnten die Erdkrümmung sehen. Die Erde, badend in einer Schüssel voller Sterne. Der Mond treibt dazwischen. Daran denke ich, während ich Richtung Außenalster fahre. Es ist immer ein wenig komisch, nachts unterwegs zu sein, nüchtern. Die Geräusche sind anders, die Gerüche auch.

Ich fahre über den neuen Jungfernstieg, über den Weg am Wasser entlang, unter der Lombards- und der Kennedybrücke hindurch, an den Botschaften vorbei, grüße die Wachleute, aber nicht zu euphorisch, man soll es ja nicht übertreiben. Die Umgebung gefällt mir nachts, die Weite wird in der Dunkelheit noch betont, die Bäume flüstern. Ich parke das Rad und gehe zu Fuß weiter. Ich suche eine Bank, am besten eine, die um diese Uhrzeit frei ist, denn wer jetzt auf einer Bank am Wasser sitzt, ist bestimmt kompliziert. Ich finde eine, lege mich auf den Rücken, strecke den Kopf über den Rand nach unten und schaue die Welt andersherum an. Es ist großartig. Die Lichter der Stadt baden mit den Sternen, der Mond hängt dort still und blass, alles ist ruhig und friedlich.

Ich lege den Kopf bequemer hin, entspanne mich, schlafe ein. Das merke ich natürlich erst, wenn ich wieder aufwache. Die Augen halte ich zur Sicherheit noch geschlossen, denn ich vermute, dass etwas nicht stimmt. Erstmal sammeln. Wo bin ich? Wieso ist es hier so hart, nass und kalt?  Ist es Nacht? Ich weiß es immer noch nicht und öffne langsam die Augen. Ach so, die Alster. Der Park. Nicht mehr ganz so dunkel. Samstagmorgen, viertel nach sechs. Ich hatte gedacht, ich konnte nicht schlafen. Jetzt habe ich Rückenschmerzen und kann mich kaum bewegen, mir ist kalt. Ich bleibe noch etwas liegen, aber gemütlich ist es nicht.

Estrela! fällt mir ein, und die Idee bringt mich in eine Aufbruchsstimmung. Der Lieblingsportugiese an der Sternschanze macht samstags um 7:00 auf. Zu dieser Uhrzeit kann man sogar noch Sterne gucken.

Ich setze mich begeistert auf und denke an den Kaffee dort, der perfekt ist. Stark genug, cremig und heiß. Galao, sogar mit Hafermilch. Die Leute sind gut gelaunt, es ist egal, wie man aussieht und was man an hat, wo man herkommt, sie freuen sich über Besuch. Dort will ich hin. Noch ein bisschen steif steige ich aufs Fahrrad, gucke noch mal auf die Stadt, die langsam zu Leben anfängt. Es fahren schon mehr Autos jetzt. Es ist Zeit, hier zu verschwinden, bevor die ersten Jogger kommen. Denn bald sind sie hier, fit und munter, ausgeschlafen und voller Energie im ersten Morgenlicht, mit roten Backen. Mit feinen Nebelwölkchen um sich herum und strahlenden Augen.

Das möchte ich im Moment nicht sehen, ich muss hier weg.

Was heißt Sternschnuppen auf Portugiesisch, will ich wissen. Estrela cadente.  Die Sternschnuppe war genau der Moment, in dem die Götter über das Leben auf der Erde nachdachten. Der ideale Zeitpunkt also, um die Wünsche der Menschen zu hören und zu erfüllen.

Ich wünsche mir jetzt einfach einen Kaffee.

Dann können die Götter von mir aus weiter überlegen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.