Speichern!

Die Speicherstadt hat eigene Gesetze.

Der offenporige Backstein nimmt alles auf, die Geschichten, die Eindrücke, Regen, Wind, Nebel, er gibt nichts wieder ab. Langsam sättigt er sich.

Bis er die ganze Welt gespeichert hat.

Dieses Gebiet wurde für den Handel gebaut, die Wasseradern brachten Güter aus allen Kontinenten. Es kamen fremde Aromen, exotische Stoffe, endlose Geschichten. Sie wurden auf der einen Seite der Gebäude von der finsteren, spiegelglatten Wasseroberfläche mit einer geschickten Bewegung hinein gezogen, so als würde jemand drinnen sitzen und angeln. An der anderen Seite wurden sie schwerfällig wieder rausgelassen. Dunkle Wagen warteten dort auf dem unebenen Kopfsteinpflaster um später mühsam und holperig mit der schweren Ladung wegzufahren.

Die Produkte haben kein bestimmtes Gewicht, keinen festen Klang. Auf dem Wasser sind sie ganz leicht und leise, sie gleiten dahin, aber auf dem Kopfsteinpflaster sind sie schwer und laut, sie poltern durch die Nacht.

Ich gehe langsam durch die Speicherstadt. Die Sonne steht tief, die Häuser leuchten im Abendlicht warmrot auf. Zuerst bin ich mit dem Fahrrad über das Kopfsteinpflaster gefahren, schnell, irgendwo hin, mit einem Ziel vor Augen. Inzwischen habe ich gemerkt, dass es keinen Unterschied macht, ob ich schnell fahre, oder ob ich langsam gehe, wie viele Brücken ich schaffe, in welcher Zeit. Ich gehe an den Häusern entlang, manche Fenster sind geöffnet, ich sehe unheimlich viele Teppiche in großen Räumen, das größte Teppichlager der Welt wird gelüftet.

Ich komme an einer weiteren Häuserreihe, wo alle Fenster geschlossen sind, bis auf eines.  Auf der Fensterbank des offenen Fensters steht eine Kiste Bananen. Etwas in mir zuckt. Mein Vater, der wie ich in Antwerpen geboren ist, hat schon als kleines Kind beobachtet, wie die Schiffe Bananen in die Stadt gebracht haben. Manchmal, wenn er mit seiner Mutter und den ganzen kleineren Geschwistern auf dem Kai stand und zusah, wie so ein großes Überseeschiff entladen wurde, bekam er eine Banane geschenkt. Das war für ihn ein unglaublicher Schatz. Eine Banane, Antwerpen 1951. Später ist er selber als Kapitän zur See gefahren und hat in Ecuador Bananen eingekauft.

Im Kaffee Stark habe ich letzte Woche “Ali” getroffen, er meinte, in den 50-er Jahren gab es Bananen nur zu Weihnachten.

Ich habe gerade Lust auf eine Banane, nicht auf eine aus dem Supermarkt, so eine ohne Charakter, krumm und streng in ihrem Regal, sondern auf so eine, die in der Sonne liegt, sich ungeniert auf der Fensterbank räkelt und mich dabei anschaut. Sie ist frei, sie kommt von einer langen Reise, sie ruht sich in der Sonne aus. Auf so eine habe ich Lust. Ich lese das Schild, das an der Kiste hängt.

“Zu Verschenken”. Oder habe ich mir das ausgedacht? Schnell greife ich eine Banane, lasse eine zweite in meine Tasche verschwinden, denn ein Freund von mir hat gerade lange Arbeitsschichten und ich will ihm so ein gelbes Wunder vorbeibringen, und gehe weiter. Ich pelle sie. Und ja, ich weiß, dass ich auf gar keine Art, in keiner Sprache, eine verführerische oder romantische oder gar spannende Geschichte von einer Banane erzählen kann. Eine Banane ist so blöd, keiner liebt sie für ihren Duft, ihr Aussehen, ihre Haptik. Ich bin mir sicher, da kommt das Wort banal her. Es gibt nichts Aufregendes zu berichten, ein Apfel kann aufregend sein, fragen Sie Eva, Trauben sind erotisch, Birnen können es, Aprikosen, Feigen. Bananen nicht.

Ich frage mich, wieso männliche Stripper so gerne mit Bananen herumhantieren. Wie blöd muss man sein.

Was aber unglaublich ist, ist dass diese hier besser schmeckt als jede Banane, die ich jemals gegessen habe. Sie ist aromatisch, saftig, süß und perfekt zwischen hart und weich. Und ich möchte den Leuten danken, die einfach so eine Kiste mit Bananen zu verschenken in einem Fenster in der Speicherstadt aufstellen. Sie machen andere Menschen damit glücklich.

Ich gehe weiter, das Abendlicht ist sehr intensiv jetzt, die Wolken scharf und leuchtend, das Wasser dunkel. Ich weiß natürlich nicht, wie spät es ist, oder welchen Tag wir haben, es ist hier eine andere Welt. Es passieren Dinge, die keiner erklären kann.

Auch wenn offiziell niemand hier wohnt, bedient nachts bestimmt jemand die Seilwinden. Holt sich die Güter nach oben, es wäre doch schade, wenn alle glauben würden, diese Flaschenzüge hätten keinen Zweck mehr. Was nicht mehr gebraucht wird, wird an der anderen Seite auf die Straße gelassen. Manchmal wird etwas zum Verschenken angeboten.

Was passiert dazwischen, was machen die Häuser mit den Gütern? Sie speichern die Düfte, die Texturen, die Fasern der Stoffe. Wer entscheidet, was kommt und was bleibt, was geht?

Es gibt geheime Durchgänge, die Häuser sind garantiert miteinander verbunden. Was passiert nachts? Warum darf hier keiner wohnen? Was bewegt sich hinter den Backsteinmauern wenn es dunkel ist? Die Zeit ist hier nicht mehr wichtig, nirgendwo ist eine Uhr zu erkennen. Es fahren keine Autos. Ob man schnell oder langsam geht, es ist egal hier, das Wasser fließt kühl gleichmäßig vorbei und die Häuser halten die Augen geschlossen und den Atem ein.

Jetzt ist es fast ganz dunkel, ich grüße noch schnell Kaiser Barbarossa und Bischof Ansgar bei der Brücke, steige wieder auf das Fahrrad und fahre voller Kraft Richtung Reeperbahn. Die Banane will ich noch weiter verschenken und ich will das Leben spüren. Ich will noch mal auf den höchsten Turm hinauf und Wein trinken. Über die Stadt blicken und alles speichern, einfach nur speichern.

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