Segel entfalten

Der Verein, für den sie arbeite, meint Frau Dr. Schütz am Telefon, könne das Projekt kaum unterstützen. Nein, sagt sie, sie sähe keine Verbindung zu der Art von Projekten, die sonst gefördert werden. Der Verein kümmere sich um Dialog und Verständigung, engagiere sich für den internationalen Austausch. Flüchtlinge und so. Aber Stadtschreiber? Aus Antwerpen?

Ich habe im Internet gelesen, dass sie ihr Doktorat über Thomas Mann geschrieben hat, und antworte ihr, dass die Hauptperson aus der Geschichte des Zauberbergs, Hans Castorp, nur für einen kurzen Besuch in das Sanatorium wollte, dort letztendlich aber sieben Jahre verbrachte. So kann es anders laufen, als man denkt.

Frau Dr. Schütz überlegt kurz, sagt, sie höre sich mal um. Sie ist aber gerade in etwas anderes verstrickt und darf sich nicht ablenken lassen. Das hört sich eher wie Kafka an. Ich verwerfe diesen Gedanken sofort wieder, er verwirrt nur.

Sie redet, wie ein Schiff durch die Wellen schneidet, schnell, geradeaus, die Segel voller Wind.

Die Geschichte des Zauberbergs handelt von der Zeit. Die Zeit im Flachland ist zusammengeballt und hart, sie rollt fest und mit hoher Geschwindigkeit durch die Blutgefäße des pulsierenden Lebens. Die Menschen gehen zur Schule, zur Ausbildung, sie arbeiten und versorgen ihre Familien, es bleibt wenig Raum für Müßiggang.

Die Zeit in den Bergen dagegen ist unendlich, weiß wie Schnee, sie legt sich träge und gedämpft über die Dinge. Hier kennt man keine Eile, die Zeit verläuft monoton und wird nur von einer gewissen Routine geformt.

Die Hauptperson der Geschichte ist ein junger, gesunder Mann aus Hamburg, der Schiffsbauer werden wollte. Bevor er mit der Ausbildung anfängt, besucht er seinen Cousin, der eine Kur in den Bergen macht. Dort angekommen betritt er eine andere Welt. Die Bewohner des Sanatoriums, im dem der Cousin sich aufhält, sind skurril, blass und entrückt. Sie verbringen ihre Zeit mit immer den gleichen Handlungen und Ritualen. Sie haben ein leichtes, vornehmes Fieber.

Das Leben im Flachland scheint unwirklich weit weg.

Der junge Hans Castorp wäre vielleicht doch besser Schiffsbauer geworden, statt sieben Jahre in einem Sanatorium herumzusitzen und dabei immer schwächer zu werden.

Ich bin im Hafenmuseum auf dem Kleinen Grasbrook und schaue mir die Peking an. Ein 115 Meter langer Viermaster aus Stahl, bestellt von der Reederei Laeisz, gebaut bei Blohm & Voss. Sie ist am 25. Februar 1911 vom Stapel gelaufen, inflationsbereinigt hat sie 3,8 Millionen Euro gekostet. Sie wurde jetzt gerade für das Zehnfache originalgetreu restauriert. Das heißt, nur außen herum, innen ist sie hohl. Vielleicht gibt es irgendwann Zuschüsse für den Innenausbau, sodass man ihn auch noch fertigstellen kann.

Auch wenn dieser schnelle Frachtsegler gebaut wurde, um Vogelkot zu transportieren, ist er elegant und schön.

Die Peking ist nach Argentinien gefahren, um Salpeter zu laden. Sie brauchte nur 70 Tage für den Hin- und Rückweg, zweimal um das Kap Hoorn herum. Damit war sie schneller als ein Dampfschiff. Die 32 Segel hatten eine Gesamtoberfläche von 4.100 Quadratmetern, es war, als könne sie fliegen.

Ich spreche mit einem Museumsmitarbeiter, einem hageren kleinen Mann um die 70. Er arbeitet hier ehrenamtlich und kennt sich mit Schiffen aus. Er zeigt mir einen alten Hafenkran und meint, ich sollte mir mal anschauen, wo die Kohle geschaufelt wurde, von einem Lagerplatz in den Ofen hinein. Eine unfassbar schwere Arbeit. Dann vielleicht doch lieber segeln und auf Dampfmaschinen verzichten. Oben an Deck Seeluft atmen.

Man kann die Lunge mit frischer Luft füllen, so den Körper stärken und den Geist erfrischen. Man kann mit weit entfalteten Segeln um die Welt reisen. Das pulsierende Leben. Aber im Moment laufen wir noch mit Mund- Nasenschutz herum, wir bewegen uns in sehr kleinen Kreisen. Wir tauschen kaum noch etwas untereinander aus.

Was hätten die Personen aus dem Sanatorium dazu gesagt?

Es dauert sieben Jahre, bis eine neue Krankheit überwunden ist. Vielleicht ahnte Thomas Mann, der Kaufmannssohn aus Lübeck, schon etwas von Covid-19. Vielleicht wollte er uns mit seiner Geschichte der sieben Jahre im Sanatorium einfach nur warnen.

Dann wäre die weiße Welt in den Bergen ein Symbol für die coronabefallene Lunge.

Ich blicke über die Elbe.

Wenn wir geboren werden, entfalten sich die Lungen wie Segel. Wenn wir sterben, klappen sie wieder zusammen. Gesunde Lungen haben eine Gesamtoberfläche von bis zu 100 Quadratmetern, eine große Angriffsfläche für ein Virus. Bei einer Covid-19-Infektion verwandelt die dunkle Masse der Lunge sich auf den Röntgenaufnahmen in eine weiße, schneebedeckte Landschaft.

Man sollte auf die Lungen gut aufpassen. Sich hinstellen, die Gesichtsmaske abnehmen, wenn man alleine ist, und tief durchatmen. Vielleicht im Jenisch-Park, dort ist es schön, vor allem jetzt im Herbst, wenn die Sonne tief steht und die alten Buchen golden aufleuchten.

Tief atmen. Die Lungen befreien. Die inneren Segel entfalten.

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