Ohne Furcht

Es ist ein besonderes Winterlicht an diesem klaren Januartag, die Sonne scheint, es gibt viel Wind, ich gehe an der Elbe entlang, St. Pauli Fischmarkt. Es ist Mittwochmorgen, nur wenige Leute sind unterwegs. Es gibt eine Hochwasserwarnung, der Wind drückt die Flut in den Hafen, Sie sollten ihr Auto wegfahren, falls Sie in Neumühlen stehen, so die 90,3-Reporterin. Dort stehe ich nicht, ich habe kein Auto dabei, ich habe Gummistiefel an und fotografiere die Werft.

An den Landungsbrücken spricht eine quirlige Frau die Passanten an, sie sucht Fahrgäste für eine Hafenrundfahrt. Sie erklärt anhand einer Karte, welche Tour das Schiff machen wird. Die Idee gefällt mir, einmal durch den Hafen bis zur Speicherstadt. Ich steige ein, denn ich möchte die Werft anschauen. Vom Ufer aus sieht man nicht, was los ist, und so schippern wir ein bisschen näher ran. Blohm & Voss hat hier einen Schwimmdock. Die Fluttanks kann man mit Wasser füllen, so dass sie absinken, das Schiff fährt bequem hinein, das Wasser wird mit Druckluft wieder herausgepumpt, so wird das Schiff aus dem Wasser gehoben. Man kann es in Ruhe begutachten, reparieren, man kommt überall gut dran.

MKS180. Das neue Mehrzweckskampfschiff ist gerade von den Damen des Bundesverteidigungsministeriums in Auftrag gegeben worden, es sollen 4 Stück gebaut werden. Der Auftrag wurde ganz mustergültig europaweit ausgeschrieben und eine niederländische Firma hat ihn gewonnen. Da sie jedoch nicht die Möglichkeit haben, solch große Schiffe in ihrem kleinen Polderland zu bauen, werden sie mit Blohm & Voss zusammenarbeiten. Die Werft, die jahrelang mit einer herrlichen Sicht auf die Stadt gemütlich vor sich hingedümpelt hat, wird jetzt wachgerüttelt für den größten Marine-Auftrag der Geschichte der Bundeswehr. Es geht hier um mehr als fünf Milliarden, wennschon, dennschon. Über zehn Jahre wird die Werft komplett ausgelastet sein, sie wird es nicht einmal alleine schaffen. Werften und Zulieferer aus dem Rest der Republik werden dazu beitragen. Das von den Holländern designte Modell wird bei Blohm & Voss vor allem zusammengesetzt und ausgerüstet.

Hätte einer in Zeeland im Winter 1944 behauptet, die Holländer würden später mal die Elitemarineschiffe von Deutschland entwerfen, hätte man ihn für verrückt gehalten. Man hätte ihn hineingebeten, schnell die Tür wieder verschlossen, ihm einen Stuhl neben dem Kohleofen angeboten. Auf den kleinen Tisch hätte man ihm eine Tasse dünnen Tee und etwas Zwieback hingestellt. Man wäre näher zusammengerückt und hätte sich Mut zugesprochen. Man hätte Türe und Fenster geschlossen gehalten, später die Deiche kontrolliert, ob sie noch ganz dicht sind.

Ich fahre an der Werft vorbei und sehe Palena, ein Containerschiff. Weiter liegt dort ein Schiff aus Mexico und eine Yacht von einem englischen Staubsaugerhersteller. Diese Yacht ist etwas mehr als 90 m lang, hatte ursprünglich Dampfmotoren, jetzt fährt sie auf Diesel. Sie ist schön, heißt Nahlin. Etwas weiter liegen hohe Berge Schrott am Ufer, der Skipper der Barkasse meint, er wird einmal pro Woche nach China gefahren.

Die Elbphilharmonie zeigt sich von ihrer schönsten Seite, sie sieht so aus, als entsteige sie den Elbewellen. In die Speicherstadt geht es nur ein kleines Stück hinein, denn es ist Hochwasser und das Boot muss vor der Jungfernbrücke halt machen. “Hier ist die berühmteste Brücke Hamburgs” so der Skipper, während er die Barkasse wendet. Ich nehme mir vor, die nächste Fahrt bei Ebbe zu machen, in die Speicherstadt hinein. Vielleicht finde ich jemanden, der mit mir fährt, denn so eine Grachtenfahrt im Winter ist wild und aufregend. Ohne Furcht einander fest umklammernd im Wind übers aufgewühlte Wasser schippern, das kalte Sprühwasser ins Gesicht bekommen, die Backsteinbauten vom Wasser aus bewundern, die Winden, Ketten und Seile zählen, sich Geschichten von Kaffee und Tee erzählen, von Teppichen und Bananen. Von Schokolade.

“Ich heiße Milla”, sagt die Frau aus Viersen, die auch auf dem Schiff sitzt. Ihre Dauerwelle bewegt sich wild im Wind. “Das ist eine Abkürzung, wenn du meinen Namen ausschreibst, hast du Michaela”. Sie hat rote Lippen und blaue Augen. Milla ist schöner, findet sie. Ihr Freund hat eine Lederjacke mit Aufnähern an, einen Schnurrbart und heißt Johann, sie sind mit dem Wohnmobil in Hamburg. Darf man den auch Jan nennen? Ich erzähle Milla von dem burgundischen Herzog Johann Ohnefurcht, den wir in Belgien Jan Zonder Vrees oder Jean sans Peur nennen. Auf Englisch heißt er John the Fearless. Sie sieht ihren Freund mit großen funkelnden Augen an. John the Fearless. Er richtet seine Schultern, drückt die Brust raus und knurrt vielversprechend. Der Abend ist gerettet.

Nachdem wir wieder angelegt haben, verabschiede ich mich von den Mitreisenden und gehe zum besten Vietnamesen der Gegend, in der Davidstraße, Bu’n Pho Hang.

Ich rede mit der Inhaberin, “ist Polizist gestorben?” so fragt sie mich. “Denn gestern war hier so was von viel los, und im Laden kriege ich nix mit”. Ich versuche ihr die Person, die hier am Dienstag beerdigt wurde, zu beschreiben, und ja, dass er ein Ehrenpolizist war. Sie nickt ernst, dreht sich zu ihren Leute in der Küche um und spricht einige Sätze, leise, schnell, es kommt eine Antwort, glucksend wie ein kleiner Bergbach, wie Wasser, das über runden Steinen läuft, sauber und klar. Sie dreht sich wieder zu mir, macht eine ernste Kopfbewegung und gibt mir die Suppe. Ich gehe zum Fenster, beobachte die Leute auf der Straße. Sehe die Autos mit den schwarzen Bändchen an diesem klaren Jan-uartag und denke, Johann. Jean. Fearless John. Jan Fedder.

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