Ode an die Freu(n)de

Kohlenstoff (kurz: C) ist reaktionsfreudig wie ein Rheinländer unter Fremden. C geht mit fast jedem Verbindungen ein, bildet komplexe Stoffe und die Bausteine des Lebens, so berichtet die Zeit. Der Wissensartikel wurde von 3 Autoren (Petra Pinzler, Friederike Oertel und Stefan Schmitt) geschrieben, ich kann nicht genau sagen, von wem dieser Satz stammt, aber er ist herrlich.

Mein Kollege Jörn wohnt in Hamburg. Ich treffe mich mit ihm, um zu schauen, ob ich ihn bei der Arbeit unterstützen kann. Wir treffen uns in Café Paris, ich bin eine Viertelstunde zu früh. Es ist schön, die geschäftigen Leute um mich herum beim Frühstück zu beobachten. Am Nebentisch sitzen zwei Damen, mit Lippenstift am Sektglas und schönen italienischen Stiefeletten an den Füßen. Eine von ihnen telefoniert. Die andere dreht eine Zigarette zwischen den Fingern mit den pink lackierten Nägeln, sie will eigentlich vor die Tür, ein bisschen rauchen, aber sie genießt noch den Gedanken daran. Sie hält die Zigarette zwischen Ringfinger und Mittelfinger, schaut ihre Tischbegleitung an, ohne sich wirklich für das Gespräch zu interessieren.

Als Rheinländer würde ich meine Tasse Kaffee nehmen und damit rausgehen, mich zu den anderen Rauchern stellen, mich unterhalten, um Feuer bitten, et is noch immer jot jegange sagen und fragen, wo denn die tolle Jacke herkommt, und ist die schön warm, wa? Braucht man hier, mit dem kalten Wind, und willste noch ne Zigarette?

Ich bin aber keine Rheinländerin, ich feiere nicht einmal Karneval.

Ich wohne aber in so einer Gegend. Als ich früher die Kinder für den Kindergarten verkleiden sollte, fiel auf, dass ich keine Ahnung hatte. Alle anderen Kinder hatten ihre Vorstellung von dem, was sie sein wollten, und wurden das denn auch, fröhlich und ausgelassen. Ihre Eltern hatten sich gleich mitverkleidet und alle liefen einander küssend, Schmalzgebäck essend und Sekt trinkend durch die Straßen Richtung Kindergarten. Meine Kinder hatten auch so ihre Vorstellungen, aber viel weiter als Wolke oder Geist haben sie es nicht geschafft. Kein Wunder, dass sie auf den Gruppenbildern nie lachen.

Mein Kollege kommt ins Café. Er setzt sich zu mir, wir sprechen über das neue Computersystem. Die Frauen neben uns scheinen ihn zu kennen, kaum merkbar grüßen sie, er nickt knapp und kühl, zieht dabei die Augenbrauen kurz zusammen, der Mund bewegt sich nicht. Es sieht so aus, als sei etwas Schlimmes vorgefallen zwischen ihnen, aber inzwischen kenne ich diese hanseatische Art sich zu grüßen.

Sie bezahlen und gehen raus, die eine immer noch mit der Zigarette in der Hand. Das kenne ich. Manchmal muss das so sein. Wenn ich eine Flasche Wein abends vor mir stehen habe, brauche ich sie meistens nicht mehr. Schlimm ist es nur, wenn ich keine im Haus habe. Dann muss ich dringend los, einkaufen. Vielleicht ist das mit der Zigarette auch so. Vielleicht muss man sie anschauen, sie zwischen den Fingern halten, die Sicherheit haben, dass man immer, wenn man möchte, rauchen könnte. Man befindet sich nur einen Streichholzbreit weg vom Rauchen.

Ist das normal? Wenn man etwas in der Hand hält, oder wenn es sonst sehr nah ist, hat es keine Macht mehr. Die Sehnsucht richtet sich auf etwas, was nicht da ist, sie wird immer stärker, je weiter und unerreichbarer das Objekt ist. Es ist die Sehnsucht, die unsere Seele nährt, nicht die Erfüllung, so schreibt Arthur Schnitzler. Er war Ende des 19. Jahrhunderts Arzt in Österreich, und auch Erzähler, Dramatiker, Schriftsteller. Sein Theaterstück “Reigen” verursachte ein Skandal, der beste Weg zur Berühmtheit.

In Düsseldorf marschieren gerade die Tanzmariechen durch die Altstadt, in ihren rot-weißen Kleidchen, von der Kapelle begleitet. In Köln tanzen die Menschen über die Domplatte, das Rheinland bereitet sich an diesem sonnigen Wochenende auf den Karneval vor. Die Leute stehen draußen kontaktfreudig vor den Brauereien, erzählen sich Geschichten und prosten auf den Frühling, bevor nächste Woche die Fastenzeit anfängt.

Zum ersten Mal wollen Düsseldorf und Köln, diese rivalisierenden Städte, etwas Gemeinsames machen. Sie haben zusammen mit Aachen und Bonn einen gemeinsamen Prunkwagen entworfen und gestaltet. Er heißt “Ode an die Freu(n)de” und hat eine Beethoven-Figur  mit Europafrisur. Beethoven kam ja aus Bonn und wäre dieses Jahr 250 geworden.

Es ist das allererste Mal, dass die vier Karnevalshochburgen in ihren Rosenmontagszügen einen gemeinsam gestalteten Wagen mitfahren lassen. Wenn das kein Grund zur Freude ist.

Jörn findet es suspekt. Überhaupt alles, was mit Verkleiden zu tun hat. Und die kühlen Damen von eben? Ist es das, was glücklich macht? Im Café sitzen, nicht miteinander reden, vor sich hin starren, beide mit den gleichen Schuhen an den Füßen? Er guckt mich misstrauisch an. Ich denke, warte nur, warte bis nächste Woche. Ich gebe ihm die Hand, muss zum Bahnhof, ich bin auf dem Weg nach Hause.

Nächste Woche werde ich Jörn in Süddeutschland wiedersehen, wo wir eine Nachschulung für das neue Computersystem haben. Dort wurde für jeden von uns ein Einzelzimmer im Landgasthof gebucht. Man findet Teppiche auf dem Boden und alte Bauernschränke. Es stehen Trockengestecke herum, Jagdhörner und Geweihe hängen an den Wänden. Die Leute haben Filzhüte auf und Knickerbocker an, auch wenn es kein Karneval ist, sie sagen“Grüßgott“ den ganzen Tag. Zum Frühstück bekommt man Brezeln, Käsen, Böse-Augen-Wurst und Kaffee aus einer Thermoskanne auf der steifen Tischdecke.

Ich habe in der Firma vorsichtig nachgefragt, ob ich vielleicht auch mal in einer Probewohnung übernachten könnte. Ich würde keinem sonst davon erzählen. “Ja, freilich” kam die Antwort, “aber das Problem ischt, du bekommscht dort kein Frühstück”. Ha! Darauf verzichte ich gerne, ich bekomme ein Holzhaus für mich alleine, schlafe herrlich im Queensize-Bett, mache Yoga morgens früh im Wohnzimmer auf dem unfassbar schönen Eichenparkett, spaziere durch die Frühlingsluft zur Firma und bitte dort die sympathische Kollegin am Empfang, ob sie mir einen Kaffee macht. Ich bin mir sicher, er wird perfekt sein, liebevoll gemacht, schwarz, heiß, mit einer festen Crema.

Das ist der Plan. Ich behalte ihn noch für mich. Man muss ja nicht alles teilen.

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