Kreativ sein

Der Wanderer über dem Nebelmeer ist die volle Portion Romantik. Dieses Gemälde von Caspar David Friedrich hängt in der Kunsthalle, vielleicht das berühmteste dort. Es ist eine Dauerleihgabe der SHK, der Stiftung Hamburger Kunsthallen. Als im Sommer 2019 an einem wunderschönen Augusttag der 150. Geburtstag der Kunsthalle gefeiert wurde, hat das Hamburger Abendblatt dieses Gemälde für die Vorderseite des Kataloges ausgewählt.

Dort steht er, der Mann im eleganten Mantel und mit einem Stock, oben auf einem Felsen, mit zerzausten Haaren. Er hat dem Betrachter den Rücken zugewandt, hält ihm ein Platz frei, so dass er über dem Nebelmeer mitgucken kann. So wird das Gemälde ein Fenster in die Romantik.

Wollen Sie es noch mythischer? Schauen Sie sich den Mönch am Meer an, vom gleichen Künstler, er hängt in Berlin. Sie sehen auch hier die Rückenansicht eines Mannes. Er steht an der Küste und sieht übers Wasser. Die Figur wirkt klein, fast verloren. Aber sie verändert die ganze Landschaft. Als Zuschauer sind Sie auch hier dabei, mitten im Bild, Sie sind Teil des Gemäldes.

Es gibt viele Menschen, die mit diesen romantischen Ideen nichts anfangen können, die sie übertrieben finden und zu leidenschaftlich. Vielleicht hilft in diesem Fall Christen Købke. Er kam 30 Jahre später, wohnte und arbeitete in Dänemark, malte seine Umgebung, ist kaum gereist. Seine Kunst ist ganz sauber, gewaschen, aufgeräumt, präzise. Hier findet man keine Spur von Ironie, kein bisschen Rebellion, keinen Druck. Nur Licht, Klarheit und Schönheit. So ungewöhnlich eindeutig wie das Wetter in diesem April.

Wir finden hier kein Mysterium, die Werke sind nicht spirituell. Sie sind genau und geradeaus, so wie man die Menschen auf der Straße am liebsten hätte. Aber vielleicht nicht den Liebhaber.

Die Titel der Gemälde sind eine direkte Beschreibung von dem, was abgebildet wird, mit Namen der abgebildeten Personen oder Orte, Tageszeit und Windrichtung. Sehr beruhigend, sehr zuverlässig. Kurz bevor die Fotografie erfunden wurde, war sie schon da, in den Gemälden von Christen Købke.

Was ist das Ziel der Kunst?

Was ist das Ziel der Wirtschaft?

Ich lese gerade, dass die Doppelspitze bei SAP sich aufgelöst hat. Frau Morgan und Herr Klein sind dort nicht mehr zusammen. Auch wenn der Name es anders vermuten lässt, ist es Jennifer Morgan, die klein beigeben musste und gegangen ist, nach kaum einem halben Jahr an der Spitze von Deutschlands wertvollstem Unternehmen. Dabei waren zwar ihr sympathisches Wesen, ihre Fähigkeit zum Zuhören und zum glasklaren Analysieren von Problemen bei Mitarbeitern und Kunden gut angekommen. Aber es folgten keine sichtbaren Aktionen, so Eva Müller im Manager Magazin.

Und was macht Christian Klein? Er organisiert, er tritt als scharfer Controller auf. Er sorgt für Verstärkung. Er schafft ein Vorstandsressort für Produkteentwicklung und besetzt ihn mit seinem Vertrauten Thomas Saueressig. Ein weiterer Kumpel, Jürgen Müller, wird Technikchef. Eva Müller schreibt, dieses Dreigestirn stellt eine überzeugende Roadmap für die Produktentwicklung der nächsten Jahre vor – mit klaren Daten.

Dieses Dreigestirn. Das Wort sagt einfach alles.

Der Artikel schließt ab mit einer Empfehlung für Frauen, die Spitzenpositionen besetzen möchten. Sie sollten die Regeln der Macht beherrschen und Leistung nachweisen können.

Das glasklare Analysieren hat also nicht ausgereicht, nicht bei SAP. Man braucht Leistung. Und in der Kunst? Auch wenn Christen Købke unfassbar genau und schön malt, fehlt auch da irgend etwas. Es ist nicht die Leistung. Es ist subtiler. Kunst ist eben nicht nur Technik.

Es ist schon dunkel, ich sitze draußen, mache ein Feuer von Tannenzapfen und Eichenholz. Plötzlich zieht eine Reihe von Sternen durch den Nachthimmel, eng zusammen und relativ schnell. Ich erschrecke mich, so etwas habe ich noch nie gesehen, aber dann fällt mir etwas ein, das ich gelesen habe. Es muss Starlink sein, von Elon Musk, eine Reihe von Satelliten. Es ist 22:00h und sie ziehen im südlichen Himmel durch die Nacht, ganz klar zu sehen.

Ich höre das Lied Vincent von Don McLean. Starry starry night, über Vincent van Gogh. Der niederländische Maler wusste nicht, was er wollte. Er ist viel gereist, hat immer wieder den Beruf und den Wohnplatz gewechselt und lebte teilweise in einer Nervenanstalt. Er sprach 5 Sprachen. Er konnte nicht nur Sonnenblumen im Licht malen, sondern auch Kartoffelesser in der Finsternis. De Aardappeleters.

Übrigens ist es nie bewiesen, wer 1888 ein Stück vom linken Van Gogh-Ohr abgeschnitten hat. Ich bin mir fast sicher, es war Gauguin.

Morgen wird das Wetter wieder klar sein, sonnig. Die Welt liegt unter der blauen Himmelskuppel, keine Wolke ist in Sicht, kein Flugzeug. Kein Wanderer, kein Nebelmeer. Kein Sturm, kein Mönch, keine Kartoffelesser in der Finsternis. Nur Sauberkeit und Schärfe.

Und jetzt brauchen wir Kunst. Wir brauchen die Künstler, die weitermachen, trotz Isolation. Die uns die Welt zeigen, so dass wir unsere eigene Lage relativieren können. Die uns zeigen, dass wir da sind, in einer Welt, in der Macht und Leistung zwar begehrenswert sind, aber nicht mehr greifen, wenn alles still steht.

Wir brauchen vielleicht doch wieder ein sympathisches Wesen, die Fähigkeit zum Zuhören, Einfühlungsvermögen und Kreativität.

Wir werden sehen. Das Leben wird weitergehen, irgendwie.

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