Hören Sie mal

Der Spätsommer ist vorbei, es regnet stark die ganze Nacht, die neue B-75 steht unter Wasser- habe ich das richtig gehört? Aber der Regen hört nachmittags auf, die Sonne sorgt für unfassbar schöne und klare Farben. Ich denke, man muss in dem Moment leben, aber nur Theorie ist auch nichts, ziehe die Laufschuhe an, renne aus der Tür Richtung Planten un Blomen, bis zur Außenalster, ja, genau, stromabwärts rechte Seite, die ist am schönsten. Der Park, die Bäume. Die Kinder in Regenhosen und Gummistiefeln hüpfen in den Pfützen. Die Hunde drehen durch, endlich wieder raus. Ich denke an meine Laufgruppe in Aachen. Ich vermisse sie. Ich denke an Nike. Der ist 12 Jahre lang mitgelaufen und im Juni gestorben. Ein Berner-Senner Mischling.

Weiter geht’s. Bäume. Haben Sie sich schon mal eine Hängebuche genau angeschaut? Wenn die Äste wieder nach unten wachsen, ist das für eine Buche eigentlich eine Abweichung, etwas Unnormales. Aber wer staunt nicht über diese Schönheit? Der zierliche Stamm, die gewundenen glatten Äste, die prächtige Krone, die sich wie ein Wasserspiel runterfallen lässt.

Man wartet natürlich nicht, bis irgendwann so eine Abweichung spontan auftritt, sondern man nimmt so ein versehentlich gewachsenes Exemplar und pfropft es auf eine normale Buche auf, so dass eine weitere Hängebuche entsteht. Am Stamm kann man genau sehen, wo die Bäume verbunden wurden.

Die Sonne legt ein unglaublich schönes Licht über die nassen Wege, die Menschen lachen. Ich sehe viele Sportler, es gefällt mir vor allem, dass hier auch junge Leute richtig schnell und fit unterwegs sind. Hamburgs schöne Jugend.

Der Blick auf die Alster: Segelschiffe, Ruderboote, schnell und geräuschlos. Ich laufe durch die Herbstsonne und freue mich, dass die Sicht so gut ist. Man kann die Stadt messerscharf sehen, die Häuser, die Türme. Das perfekte Licht.

Jetzt wieder zum Stephansplatz. Wenn ich dort wieder in den Park renne, halte ich an, ziehe die Jacke über und spaziere weiter.

Es ist einfach zu schön jetzt. Das letzte intensive Licht des Tages sorgt für eine Theateratmosphäre. Bäume, Wasser, Treppen, Brücken. Überall Stühle und Bänke, die zum Verweilen einladen. Hier will ich sitzen, im Abendlicht, mit einer Decke und zwei Flaschen Bier. Über den stillen Park gucken mit jemandem an meiner Seite, der sich mit Klängen auskennt.

Sehen kann ich selber genug, vor allem, wenn ich die Brille aufhabe, aber ich habe gemerkt, dass es eine akustische Welt gibt, von der ich keine Ahnung habe, weil ich sie noch nie richtig in Frage gestellt habe. Haben Sie sich schon mal davon bewusst gemacht, was Sie alles genau hören? Ist es nicht so, dass Sie immer zuerst sehen und fast nicht darauf achten, was Sie hören? Ich weiß, wir befinden uns hier ganz nah bei der Laeisz-Halle und bei der Oper, wir dürfen so nicht denken. Und ja, es ist höchste Zeit, dort mal reinzugehen und ein Konzert zu hören, aber nicht in Laufsachen, oder?

Setzen Sie sich auf eine Parkbank hin und schließen Sie die Augen. Konzentrieren Sie sich auf die Geräusche. Sie werden reicher dadurch. Es passiert so viel, akustisch schiebt sich vieles übereinander. Wie bei einem Gemälde, das viele verschiedene Farbschichten hat. Aber wenn Sie erst mal verstehen, wie es aufgebaut ist, gewinnt es an Tiefe.

In diesem Park flüstert so viel. Man hört, wie die Natur von der Stadt eingerahmt ist, und wie gleichzeitig die Natur der Stadt einen Grund gibt. Es ist spannend, die verschiedenen Tiefen wahrzunehmen.

Außerdem gibt es verborgene Ecken, mysteriöse Durchgänge, Trittsteine über unbekannte Gewässer, eine ganz spezielle Melodie. Dieser Garten beflügelt die Phantasie, hier müssen Leute zugange sein, die genau wissen, was sie tun. Sie komponieren den Park, damit wir aus der Stadt kommen und durchatmen können, neue Wege entdecken, vielleicht sogar einen Weg zu uns selber finden.

Hier arbeiten Künstler. Sie singen, sie tanzen durch die Wasserfällen, die Baumkronen, sie pflegen die freien Flächen mit größter Sorgfalt, so dass sich eine eigene Melodie dort entwickeln kann, sie respektieren den Raum und sind sich bewusst, wie er sich anhört.

Ich weiß das. Meine Mutter hat selber einen 20.000 qm Garten. Sie pflegt ihn, alles wächst dort wunderbar. Aber das geht nicht ohne Leidenschaft. Es geht nicht ohne Arbeit. Es geht nicht ohne Mut, man muss sich komplett darauf einlassen.

Vielleicht kann ich sogar von Liebe sprechen.

Ja. Mit Liebe wird alles schöner.

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