Hier ist die Magie

Ich spaziere an einem Wallnussbaum vorbei, der wie eine umgekehrte Lunge aussieht. Der Baumstamm wäre dann die Luftröhre. Es gibt zwei Flügel, der linke kleiner als der rechte, denn das Herz muss noch reinpassen. Ich sehe die Hauptverzweigungen, die kleineren Verästelungen, sie werden immer mehr und immer kleiner. Wenn die Blätter sich bald entfalten, könnten das die Lungenbläschen sein, dort findet der Gasaustausch statt.

Die Lunge ist unser Dialog, unsere Verbindung mit der Welt. Hier ist die Magie.

Es war, als würde etwas meine Brust fest umklammern, so Jill aus Schottland. Sie erzählt am Telefon, dass sie vom Erstickungsgefühl fast in Panik geraten ist. Sie fühlte sich gleichzeitig so schlecht, dass sie niemanden in ihrer Nähe haben wollte. Sie war sich völlig fremd, als wäre sie eine andere Person. Sie wollte nicht reden.

Ob sie denn auf Corona positiv getestet wurde?

Das ging nicht, es gab keinen freien Termin, ich konnte nach dem 2. Tag kaum noch gehen, konnte nicht einmal aufstehen. Ich bin durch die Wohnung gekrochen, Elfreda hat mir Lebensmittel vor die Tür gestellt. Und plötzlich nach 15 Tagen ging es wieder besser, ich konnte wieder atmen. Das war unfassbar schön.

Der Atem, das Leben. Er geht absurd einfach. Es atmet mich, ich brauche nichts zu tun. Unhörbar, fast unmerkbar, lebenswichtig. Anfang und Ende des Lebens. Nachdenklich gehe ich weiter und sehe mir den Baum genauer an, ich fotografiere ihn. Dann bekomme ich den Impuls, loszusprinten. Der Atem geht schneller. Es ist ein wolkenloser Aprilabend, ich bin draußen in der freien Natur, hier lauert keine Ansteckungsgefahr.

Eine Fledermaus schießt an mir vorbei. Ich meine zu hören, wie sie schrill lacht.

Die Fledermaus ist zusammen mit dem Flughund das einzige Säugetier, das fliegen kann. Sie orientiert sich mit Ultraschall, ist wahnsinnig schnell, vertilgt Insekten in der Nacht, versteckt sich während des Tages. Zusammengefaltet wie ein Päckchen hängt sie verkehrt herum, bescheiden in ihrem Mantel gehüllt. Still und unsichtbar schläft sie, bis es wieder Nacht wird.

Manche Sorten wiegen nur 2 Gramm. Sie pflanzt sich bedachtsam fort, nicht mehr als ein Baby pro Jahr. Die fürsorgliche Mutter fliegt mit dem Neugeborenen durch die Nacht. Es klammert sich voller Vertrauen an sie fest, auch wenn die Spitzengeschwindigkeit 160 km/h betragen kann. Für mehrere Wochen fliegt der Nachwuchs mit, bis er süchtig nach Geschwindigkeit alleine loszieht. Auf zu neuen Rekorden.

Jetzt wird die Fledermaus des Massenmordes beschuldigt.

Die Lunge tauscht die Informationen des Körpers mit denen der Umgebung aus, durch die Lunge werden wir erst Teil der Welt, sage ich, während wir eine Zigarettenpause einlegen. Ich rauche nicht, ich stelle mich aber dazu, passiv, denn wieso sollten nur Raucher Pause machen?

Wird es esoterisch jetzt? zweifelt Jeffrey meine Worte an. Er ist Anstreicher und wir stehen zusammen vor dem Haus. Er kommt mit vielen Menschen in Kontakt, zur Zeit natürlich auf Abstand, und wundert sich manchmal, wie weit sie das Glück suchen.

Wir mussten mal auf einer Baustelle alle Rolladen austauschen, erzählt er. Ich sehe ihn an, verstehe nicht, was er meint. Die Rolladen waren Rechtsroller, das ist schlecht für die Energie, wir haben alle wieder ausgebaut und Linksroller montiert. Hier steht er, der Anstreicher meines Vertrauens, und ich weiß nicht, ob ich an diese Geschichte glauben soll. Er arbeitet schon seit mehr als zwei Jahren mit unserer Firma zusammen, ohne ein Zeichen der geistigen Verwirrung.

Ich habe es gegoogelt. Es ist wie beim Klopapier, Linksroller ist, wenn das Blatt zwischen Wand und Rolle hängt, Rechtsroller heißt, das Blatt ist außen. Es gibt Leute, die richtig aggressiv werden, wenn das Klopapier falsch herum hängt. Vorausgesetzt, sie besitzen überhaupt noch Klopapier natürlich.

In dieser Corona-Zeit gibt es immer wieder diesen blöden Nachbarn, der den ganzen Vorrat schon aufgekauft und nach Hause geschleppt hat. Happy End steht auf der Packung, er hat das Klopapier gerade beim Discounter erworben, und es in seiner Doppelgarage gelagert, neben dem Mehl. Er ist dann genau der Nachbar, der am Sonntag 5 Personen weiter vorne in der Schlange vorm Bäcker steht. Selbstzufrieden. Er backt also doch nicht mit dem gekauften Mehl, auch wenn er mehr als 60 Kilo eingelagert hat. Er kann bestimmt nicht einmal backen.

Es ging aber über Rolladen, und ob die eine andere Energie verbreiten, je nachdem, wie sie rollen. Der durchtrainierte tätowierte Handwerker meint, er hätte diese falsche Energie noch nie gespürt. Aber der Kunde ist König, also hatte er alle Rolladen einfach wieder ausgebaut und die anderen eingebaut. Dann hat er alles noch einmal sauber verspachtelt und angestrichen, er hat ja Geduld.

Die habe ich auch. Ich kann stundenlang zuschauen, wie gespachtelt und angestrichen wird.

Ich denke an Glück. Wieder atmen können. Eine Krankheit überwinden. Überleben. Ich denke an Wasseradern, Erdmagnetfeldern, Elektrosmog. An Radon, ein Edelgas, das Lungenkrebs verursachen kann. An Beatmungsmaschinen. An Windrädern, die durch den Druckabfall die feinen Lungen der Fledermäuse platzen lassen können. Ich denke an links- oder rechtsdrehende Gegenstände, an Kristalle, Windspiele, Räucherstäbchen und Duftkerzen.

Ich atme tief ein, der Duft von Staub, Farbe und Kaffee durchströmt mich. Ich befinde mich mitten auf der Baustelle. Ich sehe Farbeimer, Werkzeug, Fachleute, die wissen was sie tun. Das Baustellenradio ist an, sie arbeiten gleichmäßig und fachmännisch konzentriert. Es gibt keine Diskussionen, jeder weiß, was er zu tun hat. Hier schlägt das Herz, die Lunge dehnt sich aus und bestimmt das Leben. Sie sieht wie ein Baum aus. Hier ist die Schönheit.

Und ja, hier ist die Magie.

www.team-farbenwelt.de

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