Herbstb-rainstorm

Ich warte auf einen Tag, an dem ich zum Strand gehen kann. Nicht zum Nordseestrand, ich will nach Övelgönne. Ich warte auf Regen, auf Herbst, es gibt nichts schöneres als Strand und Herbst und Regen.

Haben Sie schon mal einen Kuss bekommen von jemanden, der mindestens eine halbe Stunde durch den Herbstregen gerannt ist, oder radgefahren? Von jemanden, der rote Backen hat, außer Atem ist und ganz durchnässt? Das liebe ich. Diesen Geruch.

Ich hoffe, ihn am Strand von Övelgönne zu finden, denn ich möchte keinen fragen, für mich eine halbe Stunde durch den Regen zu rennen, bis er außer Atem ist, um mich dann zu küssen. Wie soll man das erklären? Ich kann natürlich selber radfahren, schnell und leicht durch die Stadt, es soll sogar einen Wald geben in Hamburg. Den werde ich mal suchen, vielleicht finde ich dort den Geruch, der mir so gefällt. Ich stelle mir eine Böschung vor, einige mickrigen Akazien, Holunder, Ahornbäume und vielleicht drei dünngliedrige Birken.

Call yourself a forest.

Die haben doch alles schon für ihre Segelschiffe abgeholzt, damals, wie in Schottland. Dort gab es auch ausgedehnte Wälder, und jetzt nicht mehr. Ich mache mir nicht zu viel Hoffnung, einen richtigen Wald hier zu finden, gucke auf Google Maps, sehe eine große grüne Fläche. Aber das ist ein Friedhof, der größte Parkfriedhof Europas, da will ich nicht hin. Ich gucke weiter. Die Harburger Berge. Aha. Jetzt gibt es auch noch Berge hier, das wird ja immer unglaubwürdiger. Aber da ich dort ja noch nie war, kann ich kein Urteil fällen. Ich werde davon berichten, so bald ich sie gefunden habe. Ich warte noch, bis es wieder regnet, und herbstlicher wird, so dass ich die Gummistiefeln anziehen kann und ernst genommen werde, draußen, im Wald, zur Zeit der Pilzsuche.

Kennen Sie die Grüppchen von Leuten, die mit Körbchen durch den Wald gehen, bunt wie die Herbstblätter, in Funktionskleidung und laut schnatternd? In Aachen bin ich in einer Laufgruppe. Wir treffen uns sonntagmorgens um 8:30 und laufen eine Stunde durch den Wald, bergauf, bergab. Bei jedem Wetter. Dann treffen wir sie, im September. Hier in Hamburg laufe ich nicht, ich habe noch keinen Wald gefunden.

 Aber ich weiß, dass es jetzt die Zeit ist, wo die Gruppen von Pilzsammlern unterwegs sind. Meine Freundin arbeitet auf der Notaufnahme sonntags im Krankenhaus, sie sagt, Schuld ist oft der grüne Knollenblätterpilz, der wie ein Wiesenchampignon aussieht. Das ist einfach zu vermeiden, finde ich. Wächst der Wulstling im Wald: giftig. Ist er auf der Wiese: in Ordnung, der essbare heißt ja nicht umsonst Wiesenchampignon.

Im Zweifel kann man probieren, eine kleine Ecke reicht. Wenn der Pilz bitter schmeckt, sofort ausspucken.

Aber ich wollte keine Pilze sammeln, ich wollte zum Strand oder in den Wald wenn es regnet. Die Sonne scheint, es ist ein unglaubliches Wetter heute. Was mache ich denn an einem schönen Spätsommertag? Im Café sitzen. Das geht. Was ich als Belgierin sehr komisch finde, ist die hanseatische Art auf einem Stück harten Holz zu sitzen, ohne Rückenlehne, das wackelt. Diese Biertische! Sind wir hier im Bayerischen Biergarten? Wie kann man sich hier hinsetzen und das Essen genießen? Man genießt es nicht! Man isst schnell und guckt aufs Mobiltelefon, ob man gerade dabei einen Trend erwischt. Eine Schlange vor einem Lokal ist unverkennbar: Trend, da muss man sich anstellen! Dabei sein. Ich habe hier oft das Gefühl, man isst alles aus zweiter Hand. Nicht so wie man es selber empfindet ist wichtig, sondern, wie es beschrieben wurde. Wie es fotografiert wurde. Wie es durch die Netze geht.

Man könnte also eine Geschichte über einen Knollenblätterpilz schreiben, und ihn zum Beispiel als Aphrodisiakum anpreisen, wie man auch mit dem armen Kugelfisch macht. Man geht in einen Eichen- oder Buchenwald, erntet den Pilz, dämpft ihn, brainstormt zusammen mit einigen dampfenden Werbeköpfen und platziert ihn im Netz. Man serviert ihn auf einem Wackeltisch und siehe da, eine Schlange vorm Lokal, die immer länger wird.

Ich will nur sagen: glauben Sie nicht alles, was gerade angesagt ist, vor allem, wenn Sie nicht wissen, wer es ansagt. Nehmen Sie sich die Zeit zum essen, kochen Sie ab und zu für sich und Ihre Freunde, so dass Sie sehen, wie einfach gutes Essen sein kann. Wenn Sie keine Lust haben, oder keine Phantasie, rennen Sie erst noch mal einige Runden durch den Park im Regen, dann bekommen Sie schon Lust. Und wenn sie verschwitzt und mit nassen Haaren reinkommen, freuen Sie sich, sie riechen gut und bekommen vielleicht sogar einen Kuss.

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