Hartendiefje

Darf ich hier als Frau überhaupt rein? so wundere ich mich, wenn ich mit meinem Jüngsten ein Herrenfrisörgeschäft betrete. Ich denke an den Damentag in der Sauna, da dürfen Herren auch nicht einfach so mitkommen. Die vier Männer in ihren schwarzen T-Shirts und Jeans sehen gleichzeitig von ihrem jeweiligen Kunden auf. Ja, klar, setzen Sie sich. Einer bringt mir Tee, auch ein kleines Glas für meinen Sohn. Wir warten noch und sehen uns die Arbeiten im Salon an. Es werden Bärte eingeseift, Haare aus Ohren und Nase geflammt, Augenbrauen gezupft und gefärbt, Schultern massiert. Und die Haare? Die werden durch ein Abbauprodukt des Testosterons auf dem Kopf immer weniger, dafür sprießen sie mehr aus Ohren und Nase.

Ich sitze auf dem Sofa, beobachte das Wirbeln im Laden, trinke Tee, gebe das Glas meinens Sohnes dem nächsten Kunden, der sich auf die andere Seite des Sofas hingesetzt hat. Er nickt, wirft zwei Zuckerwürfel rein, trinkt nachdenklich. Mein Sohn ist dran, also alles klar, Undercut, oder? Eigentlich möchte er einen anderen Schnitt, das klappt aber nicht.

Einer der Typen hat schon den Kurzhaarschneider angesetzt. Undercut ist cool, machen wir so. Sechs Millimeter an den Seiten, oben länger, sieht gut aus, so der tätowierte Berater. Er lässt sich von einem 14-Jährigen nicht beirren.

Ich sehe, wie die fertigen Männer wieder auf die Straße gehen, alle mit der gleichen Frisur und ohne Nasenhaare, ohne Ohrhaare. Glattrasiert, parfümiert, teegesättigt und mit einem Silberblick.

Ich denke an Overcut. Nicht das Rundstreckenrennen im Motorsport, sondern es gibt die Ortschaft Over, dort, wo die Seeve in die Elbe fließt, sie hat 1.300 Einwohner. Ich glaube, da gibt es einen Frisör, der Overcut heißt. Aber den kenne ich nicht.

Die Strandhalle kenne ich schon, sie ist fabelhaft.

Wenn Sie die Welt vergessen möchten, übers Wasser schauen, ein kühles Bier trinken, ab und zu einem Schiff zuwinken, sollten Sie dorthin. Es gibt wenige Lokale, die so originell sind, unaufdringlich, raffiniert. Die Stühle und Tische stehen unter einem Baum am Fluss, man fühlt sich fast in einem Heimatfilm, wäre da nicht die gewisse steife Brise, das nüchterne Understatement. Wir sind im Norden, ganz nah an Hamburg.

“Gibt es hier eine Toilette?” so die Frau am Nachbartisch. Die Bedienung zeigt hinter der Strandhalle, da im Schuppen, das Licht ist draußen, wenn Sie das nicht anmachen, sehen Sie dort nichts. Es sieht so aus wie der Waschraum einer Segellagers, keine goldene Spiegel, keine Orchideen, keine flauschige weiße Handtücher und Lotusfotografien an der Wand. Keinen Rap. Aber wir sind hier ja auch nicht beim türkischen Frisör. Wir sind hier draußen am Deich, auf dem Sandberg 7 in Seevetal. Schauen Sie auf Facebook nach, Strandhalle Over. Es ist Herbst und ich bin die Stadtschreiberin.

Städte wurden gegründet, wo zwei Flüsse zusammenfließen, wie Hamburg an Elbe und Alster entstanden ist. Auch in Belgien ist das so. Entlang der Flüsse, die Richtung Nordsee laufen, wurden die Städte gegründet. Irgendwann hat man die Wichtigkeit des Wassers vergessen, es verschwand aus dem Stadtbild, lief nur noch irgendwo unterirdisch, verwahrlost.

Nach vielen Jahren wurden Stimmen laut, erst von langhaarigen Naturschützern und Landschaftsspezialisten, die meinten, der Fluss müsste sich entfalten können, er sollte wieder sichtbar werden. Nach und nach änderte sich auch die allgemeine Meinung dazu, man merkte, dass die Natur nicht beliebig geändert und manipuliert werden kann. So fing man vor 30 Jahren an, die Flussläufe aufzuspüren, sie zu erforschen, sie zu verstehen. Die Korrekturen sollten wieder aus dem Verlauf herausgenommen werden.

Das Wasser sollte fließen können, wohin es möchte. Auslaufflächen wurden wichtig, Feuchtbiotope entstanden, da konnte man nach und nach wieder von einer reichen Artenvielfalt sprechen.

Die Flüsse sind genau so wichtig für das Gesicht einer Landschaft wie die Hohlwege, die eine kulturhistorische und archäologische Bedeutung haben und geschützt werden müssen.

Die Hohlwege werden in der zivilisierten Welt natürlich nicht mehr mit Gartenabfall zugeschüttet. Sie werden freigelegt, dokumentiert und illustriert. Die Fledermäuse werden gezählt und die Eulen auch, falls man das denn schafft. Man sieht sie fast nie, aber man kann sie hören. Das Fingerkraut wächst wieder, und die Schafgarbe, die gut gegen Verdauungsbeschwerden und Schlaflosigkeit ist, die Vogelmiere wuchert wie in alten Zeiten. Man braucht sie nicht mehr als Unkraut auszurupfen, man kann sie essen. Sie schmeckt lecker als Salat.

Es ist Frühling, die Sonne steht tief, das Licht ist silbrig. Ich laufe mit meinem langhaarigen Freund an einem Fluss entlang. Die Ufergräser rauschen im Wind, neues Gras wächst leuchtend grün zwischen den braunen Stengeln. Einige Vögel fliegen tief übers Wasser, ich rieche Wasserminze und Schnee. Wir sind nicht zum Wandern hier, setzen uns auf ein Stück Holz neben einem Baum, der noch keine Blätter hat. Ich hole zwei Bier aus dem Rucksack, er legt seine Jacke um unsere Schultern. Wir öffnen die Flaschen mit einem Feuerzeug. Ich lehne mich an ihn, rieche seine Haut, wir sehen über das Wasser, der Moment ist perfekt.

Das Geräusch, das meine Gedanken in die Jugendzeit hat abschweifen lassen, wird intensiver. Ich weiß noch nicht genau, wo es herkommt, aber ich rieche Leder, Benzin, Öl. In der Strandhalle brennt der Kamin, der Anker hängt dort fest an der Wand, die Leute sind in Ordnung.

Eine vorsichtige Februarsonne treibt zwischen den Wolken, es riecht nach Frühling. Keine Wasserminze hier, keinen Schnee, schon lange nicht mehr. Der Wind ist noch kalt. Aber es ist der erste Sonnentag nach vielen grauen Regenwochen. Ich gehe am Deich entlang, das bekannte Geräusch ist jetzt ganz nah, dann sehe ich sie: zwei Motorradfahrer auf italienischen Maschinen aus den 60-ern.

Ich weiß, wo sie hinfahren. Ich freue mich auf den Kaffee mit ihnen am Kamin. Ich nehme die Mütze ab, lasse den Wind durch die Haare wehen, öffne den Mantel, mir ist warm. Ich denke an die Jugendabenteuer im flämischen Hügelland, an die heimlichen Motorradtouren und die wilden Küsse im Wind. Im Winter ist die Elbe unfassbar schön.

Eine Erinnerung formt sich gerade, ein niederländisches Wort bildet sich, es wird ganz leise übers schimmernde Wasser getragen. Hartendiefje.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.