Harburg und das Theater

Der S-Bahnhof ist fast verlassen, der Beton sieht noch kahler als sonst aus.

Ich stapfe auf den hohen Schuhen die Rolltreppe hoch, passe auf, mich nicht zu verhaken dort in den Stufen.

Heute Mittag habe ich ganze Scharen von Wildgänsen gesehen. Sie sind über die Moorlandschaft der Elbemündung geflogen. Nachdenklich schaue ich auf meine Beine. Gänsehaut im Netz.

Seidenstrümpfe sind eigensinnig. Es ist, als ob sie einfach an alles mögliche hängenbleiben. Sie wollen Laufmaschen, wo es nur geht. Das ist das eigentliche Streben der Seidenstrümpfe an Strumpfgürtel. Von wegen, für den feinsinnigen Auftritt in noblen Kulturkreisen.

Aber die halterlosen Verwandten sind noch viel ungezogener. Sie galoppieren auch noch weiter, wenn die Trägerin schon längst zum Halt gekommen ist. Sie fangen zu rutschen an, so bald sie im Scheinwerferlicht stehen, oder beißen so gemein mit ihren Gummibändern ins Fleisch, dass ihre Spuren noch Tage später auf der Haut zu sehen sind. Außerdem müssen sie richtig kombiniert werden. Beide Beine aus der gleichen Packung, sonst ist das eine Bein dunkler und mysteriöser als das andere, und das will man nicht.

Die Variante der Wahl für einen seriösen Akt an einem windigen Herbstabend im Theater ist die Konservative Feinstrumpfhose, am besten blickdicht.

Sie ist aber nicht so seriös, wie sie sich verkauft. Ich mag sie nicht und rate von ihr ab. Sie sitzt entweder viel zu hoch, so dass sie sich um den Bauch klammert, oder zu tief, so dass sie sich nach einer Weile schon total durchhängen lässt, zu durch um noch ernstgenommen zu werden.

Es ist auch sehr schwierig, dieses einfältige und widerspenstige Kleidungsstück elegant hochzuziehen und zurechtzurücken.

Mit hochgekrempeltem Rock werden Kniebeugen und Fußübungen gemacht. Aufpassen mit spitzen Fingern, sie zwicken den feinen Stoff. Zieh dir lieber Handschuhe an! Flicken geht gar nicht, nicht einmal die versierte Kunststopferin schafft das.

Damit elegant durch den Abend kommen, Fehlanzeige.

Nun, dieser Abend, der von Anfang an schon keine hoffnungsvolle Blüte in sich getragen hat, und daher nicht viel Aussicht auf eine fruchtbare Nacht bietet, dieser Abend hätte genausogut eine blickdichte Feinstrumpfhose mit Zwickel und verstärkter Zehenpartie tragen können.

Sind nun diese Seidenstrümpfe für einen Herbstspaziergang durch die leergefegten Straßen von Harburg geeignet? so frage ich mich, so bald ich aus dem Bahnhof trete.

Auf der Straße weht der Wind nass und böig. Er treibt durchweichte Zeitungen vor sich hin. Die lassen sich spitz und willig auf die Stilettos aufspießen. Die abgefallenen Blätter legen ein effizientes Gleitmittel über den Bürgersteig.

Ich stemme mich gegen den Wind, den Kragen des Mantels muss ich zuhalten, den Kopf nach vorne beugen, die Frisur loslassen und weitergehen.

Im Theater ist es warm und trocken. Der Gong geht schon ganz dringend, die Vorstellung fängt an. Ich renne mit nassen Haaren in den Zuschauerraum zu meinem Platz, genau in der Mitte. Eine halbe Reihe von Leuten muss aufstehen. Ich klettere über Füße und Taschen, stoße an Knie und Ellbogen. Einige Zuschauer gucken weg, während ich auf den dünnen Stelzen zu meinem Sitz stolpere. Andere schauen interessiert auf meine Strümpfe. Ich frage mich, wieso alle anderen so ruhig auf ihren Plätzen sitzen, mit trockenen Händen, gebügelten Hemden, steifen Kragen und Manschetten.

Wenn das Schauspiel zu Ende ist, und die Zuschauer verschwunden sind, sitze ich immer noch in der Mitte. Ich lehne mich im Sitz zurück. Das war ein gutes Stück, so denke ich. Harburg, nicht schlecht.

Ich ziehe die Schuhe wieder an. Ich ziehe die Strümpfe glatt. Die Haarsträhnen streiche ich aus dem Gesicht.

Ein Techniker kommt in den Zuschauerraum. Er will wissen, was los ist.

Bleib, sage ich, bleib einfach hier.

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