Fleet bei den Mühren

Wenn ich das Foto von 1887 anschaue, Fleet bei den Mühren, sehe ich alte, schiefe Häuser am Fleet, ein Kellergeschoss, 3, 4 oder 5 weitere Geschosse, und ein Dachgeschoss. Der Giebel ist aus Holz, Fachwerk und Backstein, es gibt sehr viele schmale Sprossenfenster, und man kann sich vorstellen, dass man in den Häusern viel Feuchtigkeit und wenig Platz hat.

Die Wäschestangen sind an den Fenstern montiert und die Wäsche hängt modrig über das Fleet. Jedes Haus hat eine verschiedene Höhe und eine andere Dachform, manche haben einen Balkon oder einen Erker, die Meisten sind schief.

“Drogerie & Materialwaren” steht auf einem Schild an einer Häuserwand. Das Foto kommt bald in die Zeitung , dann können Sie das selber sehen. Ich freue mich, dass ich nicht Ende des 19. Jahrhunderts am Fleet wohne.

Ich fahre durch die Speicherstadt, will etwas über Tee erfahren. Dann geht man ins Wasserschloss und erkundigt sich. Der Mitarbeiter erklärt die Geschichte des Hauses.

Windenwächtern wohnten Anfang des 20. Jahrhunderts in der Speicherstadt und waren für die Wartung und Reparatur der hydraulischen Speicherwinden zuständig. Die Ware musste ja hochgezogen werden, und ohne Winde lief da nichts.

Nur die Windenwächter, das restliche technische Personal, die Hausmeister und Schuppenvorsteher durften in der Speicherstadt wohnen. Bis heute ist das Wohnen im Freihafengebiet generell verboten. Es gab nur Kontore.

Was bedeutet Kontor eigentlich? Denn alles ist hier Kontor, wo man auch guckt, wer „Kontor“ an seinem Betrieb hinzufügt, macht sich auf einmal seriöser.

Es kommt vom französischen “comptoir”, das ist der Tisch, an dem (Geld) gezählt wurde, compter ist zählen. Also es bedeutet so etwas wie Büro. Die Hanseaten hatten oft ihr Kontor, das Lager und den Wohnraum unter einem Dach, aber nicht in Hamburg: dort entstanden die Kontore als Orte für sich, wie jetzt die Bürogebäuden.

Ich radele weiter, denn ein Freund aus Aachen hat mir gesagt, ich sollte zu Hobenköök. Die Sonne scheint, es steht ein leichter Wind, es ist spätnachmittags. Das unaussprechbare Wort ist auf ein verlassenes Eisenbahngelände zu finden, perfekte Kulisse für einen Horrorfilm. Aber es die Sonne scheint, und die Terrasse sieht einladend aus, ich gehe da mal hin.

Die jungen Leute, die bedienen sind gut gelaunt, hilfsbereit und frisch, wie das Gemüse, das im Bereich der Markthalle in Holzkisten liegt und zu kaufen ist. Hier kriegt man alles und es sieht gut aus. Ich laufe durch die Markthalle. Man kann nachlesen, wo die Sachen herkommen. Ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt. Holzkisten aus dem Alten Land. Rüben, rote Beete, Kräutern, Porree. Und sonst alles, was gerade wächst, dort draußen in den Vierlanden.

Ich will heute nichts kochen. Jetzt nicht mehr.

Christiane erzählt mir, dass es eine Halle von der Eisenbahn war. Für die Instandsetzung. Man sieht tatsächlich die Gruben, wo man die  Züge abgestellt oder repariert hat. Die 3 Gründer von Hobenköök haben eine Ausschreibung gewonnen, so dass sie ihr Projekt verwirklichen konnten. Es hat am 4. August 2018 eröffnet.

Es gab sogar crowdfunding. Coole Geschichte hier.

Draußen gibt es plötzlich strömenden Regen, er fliegt waagerecht an den Fenstern vorbei, wie eine Inszenierung, jetzt wird es doch noch gruselig. House of Doom!

Die Terrasse wird nach innen verlegt und man isst einfach weiter. Ich erinnere mich: denke auf hamburgisch! Es sieht wie Weltuntergang aus, aber die Dinge sind nicht, wie sie aussehen. Ich bestelle einen Wein, mache es mir gemütlich und sehe mir das Spektakel an.

Kaum habe ich den Teller leergegessen, scheint die Sonne wieder.

Christiane bringt mir einen Espresso (der kommt von der Rösterei nebenan) und einen unwiderstehlich fruchtigen und frischen Sorbet – zum Probieren. Nun, ich probiere und probiere und würde am liebsten jeden Tag hier probieren kommen. Alles ist lecker. Ich überlege hier bald mein home-office zu machen, glücklich, dass ich keine Windewächterin aus 1904 bin. Oder eine Hausfrau am Fleet 1887.

Wenn ich wegfahre, scheint die Sonne wieder, noch kurz bevor sie untergeht, sanft und versöhnlich. Voller rote-Beete-Power trete ich in die Pedale und ja, ich kann fast mithalten auf den Radwegen. Nur selten schießt noch etwas Verwegenes an mir vorbei, gegen Schallgeschwindigkeit. Aber ich trainiere! Ich passe mich langsam dem Rhythmus dieser Stadt an.

Hobenköök heißt Hafenküche. Ist fast Niederländisch, meine Oma hätte das sofort verstanden und auch richtig ausgesprochen.

Die Markthalle hätte sie voll begeistert.