Ein Engel

Bart Stouten moderiert beim belgischen Klassiksender Klara.be vormittags zwischen 9:00 und 12:00 “Klassiek leeft”. Er ist ein Idol für viele Menschen, die vormittags ruhig Radio hören und sich ein bisschen weiterbilden möchten. Heute Morgen nach dem Laufen höre ich, wie er Wunschmusik anbietet. Am Freitag ist ja Valentinstag, und dann kann man Musik anfragen, er würde sie auflegen, wenn sie irgendwie passt natürlich.

Er sagt dazu, dass er vom ganzen Valentinstagstrubel nicht viel halte, aber ein bisschen Musik könne man gerne verschenken. Und dann sagt er: “Also falls Sie Ihrem Partner einen Gefallen tun möchten, ich meine ihrer Frau, oder ihrem Mann, oder ihrem geschlechtslosen Engel, dann schicken Sie mir doch eine Mail”.

In der Schule hat die Schülervertretung einen Rosenverkauf organisiert. Die Schüler können eine oder mehrere rote Rosen vorbestellen und diese dann am Freitag verschenken lassen, anonym. Das führt dazu, dass es an dem Tag der Liebe einige 13- bis 14-jährige Jungen gibt, die mit einer Rose über den Schulhof laufen, und nicht genau wissen, was sie davon halten sollen. Von den Freunden, die keine bekommen haben, dürfen sie natürlich keine Rücksicht erwarten. Die Freunde tun alles dafür, um zu zeigen, wie froh sie sind, dass sie keine Rose in der Hand halten müssen, auf dem Schulhof im Sturm. Die Rosenträger werden argwöhnisch beobachtet, auf dem Nachhauseweg wird geschubst und gekämpft, es gibt richtige Rosenkriege.

Die Mädchen wollen natürlich schon mit einer Rose in der Hand durch die Stadt laufen, und beschenken sich gegenseitig. Sie suchen sich auch gemeinsam einen Jungen aus, am Liebsten einen, der süß aussieht, mit Brille und ein wenig schüchtern. Der bekommt dann auf einmal verschiedene Rosen.

Das Wetter wird gerade auf Klara als ungestüm bezeichnet, berauscht. Wieso hat man nicht solche schönen Wörter beim deutschen Wetterdienst?

Was ich am Freitag mache? Meine Freundin Maria wird bald 60. Ihr Mann ist vor einigen Jahren gestorben, sie wünscht sich ein neues Bett. Wer sucht sich schon gerne alleine ein Bett aus, völlig nüchtern? Der Crémant  steht in meinem Kühlschrank, ein Korb mit Gläsern steht schon fertig.

Ich habe mit einer Freundin verabredet, dass wir Maria abholen und dann im Naturmöbelgeschäft erst ein Glas auf einen neuen Lebensabschnitt trinken und dann alle Betten ausprobieren werden. Ein guter Plan für Freitag, nach Feierabend. Soweit ich weiß, sind alkoholische Getränke im Bettengeschäft nicht ausdrücklich verboten.

Ein Bett ist wie ein Boot auf dem weiten Ozean der Nacht. Es ist eine Zuflucht. Es soll schön sein, aus Holz, ein sicheres Gefühl vermitteln. Eine tiefe Entspannung bieten. Jede Nacht ist eine Reise. Und wenn man nachts arbeitet, wie Maria? Dann stellt man die Klingel ab, das Telefon auf stumm und man verbringt einfach den Tag im Bett. Ein bisschen Musik, ein gutes Buch, das Fenster auf der windabgewandten Seite gekippt. Man hört ungestüme Jugendliche unten auf der Straße, bellende Hunde, Autos, die hin und her fahren. Man dreht sich einfach nochmal um. Der Sturm in den Bäumen, die Hagelkörner gegen das Westfenster.

Ein wachender Engel.

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