Die Vierlande

Gestern nahm mich Lisa mit auf einen Ausflug durch die Vierlande. Lisa kennt sich hier aus, sie wohnt hier am Deich.

Sie holt mich mit dem Auto am Bergedorfer Bahnhof ab, ich freue mich, das Auto fährt leise, elektrisch.

Es geht durch weite Landschaften mit vielen Bäumen, Feldern, Flüssen und Seen, es gibt die herrlichsten Weitsichten und man kann das Meer riechen. “Wir sind auf unserer Tour keine Sekunde aus Hamburg” versichert sie mir. Das kann ich kaum glauben. Hamburg ist eine Polderlandschaft! Hier wohnen Bauern in reetgedeckten Höfen mit Mühlen am Deich entlang. Und Schafe wohnen hier.

Wir kommen an der Doven Elbe und steigen aus, die Weite tut gut. Am Deich kann man ausgedehnte Spaziergänge machen, der Fluß liegt ruhig da und reflektiert die Sonne. Es fahren einige Schiffe hin und her. Es gibt sogar Stellen mit Sandstrand.

Ich sehe mir die Schafe an, diese weisen Tiere, geduldig und anspruchslos, die die Landschaft bewölken. Schafe, die sich fast überall wohlfühlen und sich mit kleinen, kräftigen Bissen durchs Leben grasen. Stetig weitergehen, einfach die Wolle wachsen lassen, während das Fleisch einen salzigen Geschmack bekommt. Ist das hier auch so? Wie bei den atlantischen Lämmern? Oder bekommt das Fleisch hier einen Geschmack von Brackwasser und Regen?

Die Luft ist frisch, die grüne Landschaft beruhigend nach 3 Wochen Stadt. 77 Quadratkilometer sind die Vierlande.

Ich bekomme Lust, ins Wasser zu springen, Lisa hält mich zurück. Es ist 12 grad, wir haben keine Handtücher dabei und überhaupt.

Statt dessen lädt sie mich auf einen Kaffee ein, im Zollenspieker Fährhaus an der Elbe. Wir sehen das kleinste Restaurant der Welt, das Pegelhäuschen, in dem gerade mal ein Tisch passt für ein tête-à-tête überm Wasser.

Wir sitzen auf der Terrasse im Wind, das Wasser glitzert, die Luft ist unfassbar schön, dunkelgrau, weiß und blau und voller Bewegung. Da ist  die Sonne. Und die Wolken, und die Regentropfen, ich gewöhne mich nur langsam daran, dass das Wetter jede Minute anders aussieht.

Wenn es in Aachen zu regnen anfängt, regnet es stundenlang. Man kann  ruhig Gummistiefel und einen Regenmantel anziehen und losgehen, man wird nicht nach 5 Minuten wieder in seiner Endzeitstimmung gestört durch eine lachende Sonne, die plötzlich hinter den Wolken hervorspringt und ihre Strahlen herunterbeamt.

Wir kaufen im Gemüsestand bei Nelli ein, es gibt Blumen, Gemüse, Obst, alles frisch und farbenfroh. Wir sehen total alte und auch frisch renovierte Reetdachhäuser, gutaussehende junge Handwerker sind dabei, ein Haus neu mit Reet zu bedecken. Wahnsinn, dieses Handwerk wird hier noch immer betrieben. Wir fahren wieder nach Bergedorf.

Was es hier laut Ulf-Peter Busse von der Bergedorfer Zeitung auch gibt, ist eine Sternwarte aus 1912. Spiegelteleskop von Carl Zeiss, wie in Aachen. Unbedingt anschauen. Aber wo? “Am Friedhof”. Ja. Und nun? Ich werde das später in meiner Wohnung mal nachschlagen, hier im Schloss gibt es kein Internet.

Aber ich bin froh, dass das Bergedorfer Schloss ein Schlosscafé hat. Dustin kennt sich mit Kaffee aus, er liebt den Geruch und die Textur dieses Getränks. Ich darf dort sitzen bleiben, so lange wie ich will, so wie ein Künstler aus alten Zeiten. Und ich zitiere hier mal gerade Stefan Zweig über das Wiener Kaffeehaus:

„Es stellt eine Institution besonderer Art dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“

Aha. Es ist also völlig natürlich, sich im Café aufzuhalten und sich inspirieren zu lassen. Vielleicht soll ich meine Post auch hierhin kommen lassen. Das überleg ich mir noch.

Aber das mit der billigen Schale Kaffee kann ich so nicht stehen lassen. Der Kaffee ist nicht billig, er ist gut, einfach nur lecker.