die Unendlichkeit

Vom Hamburger Holzhafen bis zur Staustufe Geesthacht wächst der Schierlings-Wasserfenchel. Sonst nirgendwo auf der Welt, nur dort. Es ist die Pflanze, die die weitere Elbvertiefung gestoppt hatte, damit war sie eine ganze Weile in den Nachrichten. Bevor irgend jemand sich über eine tiefere Elbe Gedanken machen konnte, musste zuerst eine Ausgleichsfläche für das Kraut gefunden werden.

Auf der Elbinsel Kaltehofe wurde man findig. Die Bedingungen dort werden als optimal für den Wasserfenchel eingestuft. Dazu müssen einige alten Wasserbecken vertieft werden, der Boden aus Beton und Ziegel wird herausgehämmert, die Pflanze braucht einen Untergrund aus Sand und Schlick.

Die Baumaßnahmen werden mehr als 11,6 Millionen Euro betragen, aber dafür kann der Schierlings-Wasserfenchel sich, wenn alles fertig ist, gemütlich über sieben Hektar ausbreiten. Sogar für die Tide wird gesorgt, denn die braucht sie, um sich richtig wohl zu fühlen, es wird ein Verbindungskanal zur Elbe gegraben. Für flache Böschungen und ein schattiges Ufer unter Weiden wird gesorgt. Und die Schieberhäuschen, die ich im Winter noch bewundert habe, sollten natürlich stehen bleiben, um den Charakter dieses Denkmals zu bewahren.

Die Arbeiten können jedoch  nur im Herbst und Winter erfolgen, weil Kormorane auf der Elbinsel leben. Diese Vögel brüten im Frühjahr und dürfen dabei nicht gestört werden, man hat hier noch etwas gutzumachen. Kormorane wurden oft bedroht, heimliche Ausrottungsversuche durch Erschießen oder Eier klauen waren normal. Man fürchtete nämlich, der Vogel würde den Anglern die Fische wegessen. In Anglerzeitschriften liest man, dass ein Kormoran ein Pfund Fisch pro Tag verschlingt, was natürlich übertrieben ist.

Es gibt aber auch Jäger und Fischer, die ihn brauchen, weil sie erkannt haben, wie geschickt er ist. Sie dressieren ihn, wie ein Falke sitzt er auf der Faust und fährt mit auf dem Boot. In Japan soll es Exemplare geben, die bis zu 150 Fische pro Stunde fangen. Natürlich bekommt der Vogel ein Halsband um, denn sonst würde er den Fang einfach herunterschlucken, und bald das Interesse an weiterer Arbeit verlieren.

Wenn er den gefangenen Fisch ins Boot bringt, bekommt er eine Belohnung. Ein kleines Stück Fisch, dass durch den verengten Hals passt und natürlich lecker genug sein muss, um motivierend zu wirken. Dann geht es los zum nächsten Fisch.

Die Kormorane brüten jetzt, die Bauarbeiten auf Kaltehofe sind frühestens März 2021 fertig.

Wildkaninchen vermehren sich bis zu sechs mal pro Jahr. Jetzt, wo die Menschen zuhause bleiben sollen, vermehren sie sich besonders gut. Ich war gestern im Garten des Baufritz-Musterhauses und habe mir die tiefen Tunneln angesehen. Normalerweise arbeite ich dort, erkläre den Besuchern, was die Vorteile eines ökologischen Holzhauses sind. Durch die vielen Besucher, die manchmal sogar Hunde dabei haben, halten die Kaninchen sich zögernd auf dem Hintergrund, aber jetzt sind ja alle Häuser im Park geschlossen. Die Tiere freuen sich über die neu gewonnene Freiheit und vermehren sich zügellos. Was tun, sie  zu vertreiben?

Leider fangen Kormorane nur Fisch.

Ich spreche mit einem Fachmann. Er schlägt vor, Gift auszulegen. Das kommt für mich natürlich nicht in Frage, ein totes Kaninchen irgendwo unterm Busch ist ja noch viel schlimmer als ein lebendiges, und das Ganze hört sich nicht besonders ökologisch an.

Ich frage meine Tochter, sie ist Biologin und kennt sich mit Naturschutz aus. Sie weiß immer eine Lösung, die für alle passt, ist tierlieb und gleichzeitig konsequent. Erschießen, meint sie.

Ich spreche mit einem Falkner. Er meint, seine Vögel fangen nur Krähen.

Ich könnte mir einen Hund ausleihen, einen, der buddeln kann. Aber vielleicht werden dann die Löcher und Tunneln einfach nur größer, ohne dass die Kaninchen verjagt werden. Sie wissen genau, wie grobmotorisch und ungestüm die Hunde sind und lachen sich ins Pfötchen.

Lavendel mögen sie nicht, so mein Cousin aus Belgien. Er hat eine Gartenbaufirma. Da könnte etwas dran sein, man legt ja auch Lavendelsäckchen in den Schrank, um Motten abzuschrecken. Also werde ich Lavendelöl zur Arbeit nehmen und ums Haus zwischen den Pflanzen verteilen. Sie sehen, ich stehe vor einem Dilemma. Es ist Ostern, und ich versuche, die Hasen zu verscheuchen.

Heimliche Ausrottungsversuchen durch Erschießen. Die andere Variante kommt auch nicht in Frage. Eier klauen. Hasen legen keine Eier, nicht Ostern und sonst auch nicht. Leider.

An diesem Osterfest geht keiner in die Kirche. Die Straßen der heiligen Stadt Rom sind verlassen, man kann im Fernsehen den Ostersegen empfangen, wenn man ihn denn braucht. Es gibt keine Familienfeste, keine Besuche, viele Personen liegen alleine in ihren Betten und vermissen ihre Lieben. Viele Personen können erst gar nicht an Ostern denken, weil ihre Arbeit unfassbar hart ist. Viele Personen sterben alleine.

Der Himmel schöner als jemals zuvor. Die Sterne sind ganz klar, der Mond nimmt ab.

Venus steht tief im Westen und leuchtet besonders hell. Die Nacht ist frisch und man kann bis ins All sehen.

Ich sehe die Unendlichkeit, die ich mir nie vorstellen konnte.