Die Sanduhr

Was kann ich tun, um eine Stadt kennenzulernen?

Ich suche die Orientierungspunkte, sehe mir ab und zu eine Karte an, so dass ich ungefähr weiß, wo was ist und wie viele davon. Einen Kompass dabei haben ist auch gut.

Ich kaufe die Zeitung Hinz&Kunzt, die mal eine andere Sichtweise hat, gut recherchierte Reportagen bringt und klare Einblicke über die Stadt bietet. Diesmal wird das Gängeviertel beschrieben, aha, das steht bei mir schon auf der Liste. Denn ich lese etwas, was mich sehr interessiert: “seit zehn Jahren bestimmen Gäste an Tür und Tresen weitgehend selbst, wie viel sie zahlen. Wir stehen hier auf einer der teuersten Flächen Europas, aber wir schließen die Leute, die keine Kohle haben, nicht aus”, sagt Stephan Fender. Ich freue mich, wollte ich doch die Gastfreundschaft untersuchen.

Sie vergeben Sterne für faire Hotels, wo man gute Arbeitsbedingungen vorfindet. Wo Hinz&Kunzt hingeht, so denke ich, sollte man auch mal gucken. Der Zeitungskünstler und ich betreten die Hotellobby des “Atlantik”, hier erwartet man Gastfreundschaft. Vielleicht find ich hier Geschichten für die Zeitung. Eine ruhige, gehobene und sehr gastfreundliche Atmosphäre ist hier. Es riecht hier gut.

Die Damen an der Rezeption haben ein entspanntes Lächeln auf dem Gesicht. Das ist einfach schön. Der Kellner, der uns bedient ist auch sehr nett, seine Augen lachen mit, das finde ich sehr anziehend. „Es riecht hier gut“ sage ich. Er ist verwirrt, antwortet etwas über Umbaumaßnahmen, und dass vielleicht der Duft aus der Konditorei hineinkommt, durch die Lüftung. „Wohl eher aus der Sauna“ überlege ich, denn es riecht nach ätherischen Ölen, ganz leicht. Er nickt nur kurz und geht schnell weiter.

Ich wundere mich, dass wir zum Tee, der ziemlich umständlich mit großer Sanduhr geliefert wird, keine Süßigkeiten bekommen, das wäre in Belgien oder auch in Aachen völlig undenkbar. Der aufmerksame Kellner hat aber gleich bemerkt, wie ich zucke, erkundigt sich, ob wir Kekse wollen, und bingt uns eine übertriebene Silberetagère mit Schweineöhrchen und Heidesand.

Touché.

Die Sanduhr ist großartig. So etwas hat man zu Kolumbus’ Zeiten gebraucht, um die Wache auf dem Schiff abzumessen. Vier Stunden, acht “Glasen”. Aber diese, die bei uns auf dem Tisch steht, ist für die richtige Ziehzeit des Tees, schon klar. Wieso ist die aber so groß? Ich werde völlig hektisch davon, wie der Sand durchschnellt, überleg doch mal, normalerweise dauert es eine halbe Stunde, meditativ, souverain und beruhigend fließt die Zeit dahin. Hier kann ich kaum das Ding anschauen, es jagt in 3 Minuten alles restlos durch. Nun ja, man muss sich das nicht anschauen. Der Tee wird nicht sauer, wenn er einige Sekunden länger ziehen muss. Und es ist ja gut gemeint.

In der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, sagt man „die Gäste“ zu den Kindern. Das ist eine schöne Vorstellung, die Kinder sind die Gäste, sie sind zu Besuch, werden liebevoll betreut und irgendwann sind sie wieder weg.

Ich werde hier in Hamburg der Spur der Gastfreundschaft folgen. Ich würde gerne hinter die Kulissen schauen, sehen, was die Stadt bewegt. Ich bin auf der Suche nach interessanten, leckeren, originellen, freundlichen Projekten. Und nach den Menschen hinter solchen Projekten. Was treibt sie an? Wo holen sie die Kraft und die Energie her, die sie für die Umsetzung einer zündenden Idee brauchen? Wie viel Herzblut kostet es? Man kann jahrelang versuchen, etwas mit harter Arbeit am Laufen zu halten, aber wir alle wissen, wenn das Herz nicht dabei ist, funktioniert es nicht.