die Ringe des Jahres

Bäume scheinen im Winter ein Eigenleben zu führen, es sieht so aus, als würden sie den Himmel tragen. Im Sommer, wenn alles blüht und voller Leben ist, fallen sie gar nicht so auf, sie stehen wie Dekoration in der Landschaft. Der Himmel wölbt sich hoch, weit weg von den Kronen. Aber im Winter ist es anders. Die Gräser und Blumen verschwinden, die Sträucher sind klein und mickrig. Die Wolken hängen tief und schwer über die stille, kahle Landschaft. Die 120 Schwäne sind ins Winterquartier gekommen, das war dieses Jahr am 19.11.

Im Spätherbst ist es anders, jetzt sieht man erst, was Bäume eigentlich sind.

Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Erde.

Sie führen Tagebuch. Sie schreiben genau auf, wie es ihnen geht. Im Sommer, wenn sie gut wachsen, sind die Holzzellen groß und hell, im Winter sind sie klein und kompakt und daher auch dunkler, man kann die Jahrringe sehen. War es ein langer, kalter Winter, ein kurzer Sommer, gab es genug Zeit zu wachsen? Die Dendrologie ist die Gehölzkunde. Jemand, der sich damit auskennt, ist ein Dendrologe.

Aber Sie brauchen kein spezielles Studium, um Bäume anschauen zu können. Gehen Sie einfach in den Park. Im Sommer ziehen die Blätter das Wasser gierig durch den Stamm hoch, der Baum enthält viel Wasser, man kann es hören, wenn man das Ohr an die Rinde legt. Aber da es im Winter einfach keine Blätter gibt, gibt es auch nicht viel Saft im Stamm. Das ist gut, so gefriert der Baum nicht so schnell. Er ruht sich einfach aus.

Das Holz hat auch einen Frostschutz durch die Zucker- und Eiweißverbindungen in den Zellen. Diese schießen im Frühling in die neuen Knospen, damit dort frische Blätter wachsen können. Probieren Sie mal, das erste helle Grün ist süß und saftig. Es wird von den Tieren schnell abgeknabbert.

Die Alsterschwäne, die für ihre Überwinterung nicht etwa nach Südfrankreich, sondern nur bis nach Eppendorf eingeladen werden, bekommen dort einen Teich mit ökologisch fast perfekten Unterwasserpumpen, die dafür sorgen, dass das Wasser sich sanft bewegt und nicht so schnell zufriert. Hier hat man sich gegen Zuckerwasser entschieden, von wegen Übergewicht. Aber sie bekommen Futter, falls sie es nicht mehr selber schaffen, sich etwas zu essen zu suchen.

Die hanseatischen Alsterschwäne sind geschützt, man darf sie seit 1664 nicht beleidigen. “Wie definiert man hier eine Beleidigung?” fragt mich Alexander, wenn ich ihm das beim Mittagsessen erzähle. Das weiß ich auch nicht, ich habe das Gefühl, dass sie ziemlich schnell beleidigt sind. Wenn Schwäne in der Nähe sind, können Sie sich schnell strafbar machen. Achten Sie vor allem auf Ihren Sprachgebrauch, die Tiere sollen ja empfindlich sein. Und auf den Hund, der nur spielen will.

In England und Wales sind Schwäne ohne eine einzige Ausnahme Eigentum der Queen. Wenn sie es schaffen, nach Schottland zu flüchten, sind sie frei. Es kann sein, dass es ihnen sogar gelingt, europäische Schwäne zu bleiben. Sie müssen es nur hinkriegen, über die Grenze zu geraten.

Schottland tut ja alles dafür, unabhängig von der britischen Krone zu werden und so zusammen mit den geflüchteten Schwänen das brüchige Brexitboot zu verlassen.

Und wenn ich schon mal bei den fetten Vögeln bin, jetzt in der Vorweihnachtszeit: Es gibt so viele Königspinguine auf der Insel Südgeorgien wie Bücher in der Bücherhalle, nämlich 400.000. Macht das die 120 Alsterschwäne bedeutungslos? Natürlich nicht, sie gehören zur Stadt, sie gleiten souverain über die Gewässer, so dass man sich bei ihrem Anblick selber auch eleganter fühlt, man reckt den Hals und lässt die Schultern leicht nach hinten fallen. Man bewegt sich ruhig, gar majestätisch durch die Hansestadt.

Es wäre interessant zu beobachten, was passieren würde, wenn man in der Nachweihnachtszeit Pinguine statt Schwäne in Hamburg aussetzen würde. Sie sind wahrscheinlich nicht so schnell zu beleidigen, sie haben ein dickeres Fell. Wie würden sich unsere Haltung, unsere Gewohnheiten beim täglichen Anblick der Pinguine in der Stadt ändern?

Man braucht sich nicht einmal viel Mühe zu geben. Die Anpassung an die neue Vogelart verläuft problemlos. Pinguine haben einen riesigen Magen. Wenn er voll ist, macht er ein Drittel des Körpergewichtes aus, das braucht der Vogel, um stabil im Wasser zu liegen. Sie sind zwar fett, haben aber vor allem schwere Knochen. Sie putzen ständig ihr Federkleid. Wenn sie sich aufrichten, drücken sie die Knie durch und werden so 10 cm größer. Sie lieben das Wasser. Wie gesagt, für Hanseaten eine einfache Übung, sich wie ein Pinguin zu verhalten.

Die Schwierigkeiten kommen dann erst im Sommer, wenn die Pinguine wieder Platz für die zierlichen Schwäne machen müssen. Denn so schnell wird man den Winterspeck nicht los. Aber ehrlich gesagt, man kann auch übergewichtig durch die Alster paddeln, so lange man den Nacken dabei zierlich wölbt. Der Unterhautspeck ist egal, er schützt vor Frühlingskälte und man hat ein gutes Gleichgewicht im Wasser.

Der nächste Frühling wird wunderschön. Die Bäume bekommen wieder ein feines Blätterkleid. Legen Sie sich mit Ihrem Liebsten auf das Gras und beobachten Sie das Schattenspiel. Spüren Sie, wie der Saft durch den Stamm nach oben schießt, genießen sie die Kraft.

Die Jahrringe wachsen langsam und zeichnen ihr geheimes Tagebuch auf. Ich bin mir sicher, wenn ein Baum spürt, dass tief unter seiner Krone auf dem Gras die Menschen sich lieben, schreibt er schöne Zeilen. Jahrhunderte später werden diese Ringe noch von Ihrem ersten Frühlingsschäferstündchen erzählen, dort im Park unter den Bäumen an der Alster.

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