die Daten

Die Datensammler haben große Netze, sie sitzen auf den Fensterbänken der Häuser und verrichten ihre Arbeit schweigend. Man kann sie sehen, wenn man im Winter abends um 21:00 in der U3 sitzt und am Baumwall vorbei fährt, Richtung Stadthaus. Die Büros sind beleuchtet, man sieht die Schreibtische, die Räume sind still, die Pflanzen warten ab, sie sind müde, sehen mickrig aus. Es stehen Computer auf den Schreibtischen, die Stühle sind leer, bis auf zwei. Dort sitzen noch Personen, sie bleiben da bis tief in der Nacht, das Gesicht blau angeleuchtet, konzentriert auf ihrer virtuellen Welt.

Aber auch morgens um 7:30 kann man von der S3 aus die Datensammler sehen, vor Sonnenaufgang bei Hammerbrook. Wie ein riesiger Adventskalender mit beleuchteten Törchen sehen die Bürogebäude aus. Hier und da wird ein kleines Theaterstück aufgeführt, es ist fast Weihnachten, viele Lampen sind schon an. Meist sind es Einmannstücke. Ein Raum ist leer, eine Kaffeetasse verrät, dass schon jemand dort war. Manchmal sehe ich Bewegungen von einem Raum in den anderen, so als würden die Personen durch die Wand gehen. Ich liebe Theater. Tragödien. Ich liebe den Regen, er macht alles noch dramatischer. Ich liebe Schokolade.

Wenn man richtig hinschaut, sieht man, wie die Datensammler arbeiten, wie sie ihre Netze schwenken und Daten einfangen, auch wenn keine Fensterbänke vorhanden sind. Keiner weiß, was sie damit vorhaben, wo sie sie hinschicken, wer sie auswertet, wer die Statistiken aufstellt, ob sie noch angereichert werden oder verfälscht. Welche Informationen sind die wahrhaftigen, welche sind dazugekommen? Gibt es überhaupt ursprüngliche Informationen?

Das Speichern und Weiterverarbeiten der Daten lässt einen Strom entstehen, den man nicht sehen oder hören kann. Durch die Stadtadern und über die ganze Erde fließen unaufhörlich Daten mit Lichtgeschwindigkeit, kein Mensch weiß, wie viele. Jeden Tag weben 8 Milliarden Menschen am weltweiten Datennetz. Und alle wissen, dass viel mehr Informationen gespeichert werden, als man möchte.

Weben Sie nicht mit? Sie holen die Datensammler doch selber ins Haus. Die virtuellen persönlichen Assistenten führen nicht nur Befehle aus, sie hören genau hin, was in ihrer Umgebung so passiert, sie jagen und sammeln stumm. Verkleidet. Manchmal sitzen sie einfach nachts auf der Fensterbank. Geduldig und originell wie der Mann aus dem Rheinland, der mit der Angel an einem frühen Wintersonntagmorgen los zieht, alleine im Morgengrauen. Es ist Januar, es regnet, er hat ein Butterbrot in der Blechdose dabei. Er heißt Jan.

Wie viel Speicherplatz hat eine Stadt, in wie vielen Rechenzentren? Wenn Sie gucken möchten, wo Ihre Daten gespeichert werden, können Sie einen Termin im Rechenzentrum Ihres Vertrauens machen und den Daten in gespeichertem Zustand anschauen. Dort liegt Ihre ganze Identität sicher, ruhig, aufgebahrt. Geschützt, so behauptet die Werbung. Die Daten sind für den Kunden jederzeit an jedem Ort auf der ganzen Welt abrufbar.

Es ist eher ein Zeichen der absoluten Unruhe und Unsicherheit, so finde ich.

Im Rechenzentrum ist die Kühlung sehr wichtig, Feuer muss unbedingt vermieden werden, denn wenn es dort einmal brennt, kann man nicht einfach mit der Wasserkanone oder mit dem Pulverlöscher alles wegpusten, dann sind auch die Daten weg. Sogar Staub bei Bauarbeiten sorgt dafür, dass ein hochsicheres Rechenzentrum plötzlich heruntergestuft wird, es ist dann nur noch mäßig sicher. Daher gibt es eine ISO-Norm für die Sauberkeit in Rechenzentren.

Staubpartikel sind grob, Sand im Getriebe war noch nie eine gute Idee. Mache Partikel sind sogar elektrisch leitend, so können Kurzschlüsse entstehen, und was passiert, wenn die elektrischen Signale plötzlich unkontrolliert miteinander reagieren? Es entsteht ein komplettes Chaos, denn Signale sind ja nur Signale, nicht wirklich greifbar, und schon gar nicht sanktionierbar.

Dann bleibt von dem, was man mühsam gespeichert hat, so gut wie nichts Gültiges mehr übrig. Eventuell findet man noch Spuren im doppelten Boden, der für die Verkabelung und für die Gerätekühlung angelegt wurde, aber der Info, die Sie dort noch auflesen können, sollten Sie nicht mehr vertrauen.

Es gibt Daten, die in einem Bunker gelagert werden, der unterirdisch gebaut wurde und mehrere Stockwerke umfasst. Druckwellen, Hitze und ionisierende Strahlung werden abgehalten. Steht im Prospekt auch EMP-gesichert? Dann haben nicht einmal elektromagnetische Impulse eine Chance. Dort können Sie dann aber Ihre Daten nicht einfach mal besuchen, der Zutritt ist strikt reglementiert.

Jan setzt sich auf einen Klappstuhl ans Wasser, im Nieselregen, er hat Gummistiefel und eine Regenhose an, sein Regenmantel ist gelb. Er sieht über den See. Neben ihm steht ein Eimer Wasser, für die Fische, die er fangen wird.

Er denkt an die beiden Räume im Rechenzentrum, wo er arbeitet. Den Sicherheitsraum für die Feintechnik, wo er einen Hörschutz braucht,  und den anderen Raum für die Grobtechnik, wo die Kühlung und die Löschmittel sind.

Er erklärt mir das Philosophenproblem.

Pleonasmus, ich weiß. Keine Philosophen ohne Probleme.

Also, bei diesem Problem sitzen sie um einen runden Tisch, jeder hat einen Teller Nudeln vor sich. Sie denken nach, und wenn sie Hunger bekommen, essen sie. Dazu braucht jeder 2 Gabeln, aber es liegen nur 5 Gabeln zwischen den 5 Tellern. Wenn nur einzelne Philosophen Hunger bekommen und essen möchten, nehmen sie jeweils 2 Gabeln und essen. Oder sie warten, bis eine Gabel frei wird. Wenn jedoch alle Philosophen gleichzeitig essen möchten, nehmen sie alle eine Gabel, aber haben keine zweite. Sie warten auf die jeweils zweite Gabel und verhungern.

So will Jan mir ein Deadlock erklären. Das ist eine Verklemmung, wenn nichts mehr geht. Alles ist blockiert, alles wartet auf ein Ereignis, das aber durch die Blockade nie eintreffen wird. Das muss man versuchen vorauszusehen und zu vermeiden, so erklärt er. Jan entwickelt Betriebssysteme. Interprozesskommunikation, Resourcenverwaltung, darum geht es. Ich nicke.

Wo die Daten hingehen? Das weiß er auch nicht. Sie werden erstmal gespeichert.

Ich sehe in den Eimer. Dort schwimmen ungefähr 15 gespeicherte Fische, klein, grau, hektisch.

Sie erfüllen nicht das Mindestmaß, so Jan. Außerdem haben sie Schonzeit. Und essen kann man sie auch nicht. Wozu sind sie denn hier im Eimer?

Es hat zu regnen aufgehört, der Himmel ist bleischwer, grau, das Gras ist nass und kalt. Ich stehe am Ufer, sehe den Nebel über dem Wasser, die Tropfen, die von der Weide herunterperlen.

Jan klappt seinen Sitz zusammen, stellt sich neben mir. Wir schweigen. Neben uns wimmeln die gefangenen Fische unruhig durcheinander. Wenn Jan den Eimer zum Ufer bringt, und ihn vorsichtig ins Wasser lässt, so dass die Fische herausschwimmen, verstehe ich, um was es geht.

Es gut sein lassen. Nicht immer ein Ziel vor Augen haben. Angeln, weil man Ruhe braucht. Weil der See sumpfig riecht und der Regen dunkelgrün. Dafür muss man kein Philosoph sein.

Man weiß, der See ist nur ein kleiner Teil eines Wassernetzes, das die ganze Erde umspannt. Greifbarer als die Datenautobahnen, nicht so störungsanfällig, hier findet man keine Fehler. Man findet vielleicht sich selbst.

Jan geht wieder, die Angel über die Schulter. Ich sehe ihm nach. Warte, bis der Nebel ihn verschluckt. Eine ganze Weile noch sehe die gelbe Jacke, wie sie langsam in den Wolken verschwindet.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.