Dialog im Dunkeln

Für eine richtige Herausforderung wähle ich einen wunderschönen sommerlichen Samstagnachmittag aus, mit blauer Luft und strahlender Sonnenschein, mit Schiffchen auf dem Wasser und Landungsbrücken voller lachenden Leute, blau und grün, gelb und rot und Frohsinn überall, um in die Finsternis einzutauchen.

Dialog im Dunkeln.

Einen tiefen Atemzug und ich gehe hinein. Am Empfang sitzen fröhliche und interessierte Leute, sie tun so, als sprächen wir hier gerade über einen Spaziergang im Park. “Ja, so ist es auch”, bestätigt mir eine Frau. “Sie werden durch einen Park spazieren. Mit Blindenstock”.

Die Gruppe, an die ich mich anschließe, sind Leiterinnen von einem Kindergarten, sie heißen 2x Anna, 2x Julia und Annika, sie machen einen Betriebsausflug und haben einen Heidenspaß.

Der Guide heißt Klaus und ist seit Geburt schon blind. Wir werden in einen dunklen Raum gebracht, wo er uns abholt, so dass wir nicht wissen, wie er aussieht, das ist fair. Es ist stockfinster. Er hat eine feste, ruhige Stimme und scheint Freude am Abenteuer zu haben. Willkommen in meiner Welt, meint er. Der weiße Langstock, wie die Gehhilfe für Sehbehinderte heißt, liegt am Anfang nutzlos und widerspenstig in der Hand, es wird ziemlich viel gekreischt und gekichert, man stolpert und hampelt und fasst sich überall an, die Damen sind ja Kindergarten gewohnt, Berührungsängste kennen sie nicht.

Wir tapsen durch die Gegend, einige von uns nehmen die Wand als Hilfe, andere den Langstock. Ich entscheide, mich einfach darauf einzulassen. Es ist die Stimme von Klaus und die Sicherheit, die diese Stimme aussendet, die mir Mut macht. Er kann sich unfassbar schnell auf uns einstellen, weiß sofort, wer wo steht, wie sie heißt –wir sind sechs Frauen, nicht jung, nicht alt, einfach kann das ja nicht sein- und welche Stimme zu welcher Frau gehört. Er bewegt sich unhörbar durch die verschiedenen Räume und schafft es, alle Frauen durch die Dunkelheit zu führen und sie gleichzeitig einiges entdecken zu lassen. Gemüse. Ampeln. Einen Briefkasten. Bäume. Wasser. Wir machen eine Bootstour über die Elbe. Sehen nichts aber sind dabei.

In einem Klangraum legen wir uns in einem Kreis auf den Boden und spüren, wie der Klang sich einen Weg durch den Körper bahnt, die Zellen vibrieren, der Körper wird Raum, um uns herum ist alles und nichts. Es ist intensiver, weil man nichts sieht. Ich kann mir vorstellen, dass das hier sehr emotional werden kann. Aber dafür sind wir nicht lange genug im Raum, und es ist wahrscheinlich nicht die Absicht.

In der Unsicht-Bar bestellen wir etwas zu trinken. Das Geld fühlt sich unterschiedlich an! Es gibt geheime Zeichen auf den Scheinen! Vielleicht besteht die ganze Welt aus geheimen Zeichen, und wir sind nur zu plump und zu hastig, sie wahrzunehmen. Wer weiß schon, welche Zeichen in der Welt wirken, von denen wir keine Ahnung haben? Was bewegt sich um uns herum, was kriegen wir alles nicht mit? Der Ausflug in die Dunkelheit ist ein Weg in ein unbekanntes Land, ich möchte nochmal dahin. Denn dort war ein Ort des Vertrauens, der Zuverlässigkeit. Es geht darum, sich fallenzulassen, die Kontrolle abzugeben und einfach jemandem zu vertrauen.

Es gibt eine Verbundenheit, die man sonst nicht so einfach finden kann.

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