der Strom

Wenn man in England eine politische Entscheidung trifft, bei der das Volk zuschauen kann, übers Fernsehen oder Internet, wenn das ganze Land auf etwas spannendes wartet, oder etwas zu verarbeiten hat, geht der Stromverbrauch plötzlich stark in die Höhe. Was ist das? Wieso verbraucht man mehr Strom, wenn es spannend wird? Weil die Engländer alle im Gleichtakt den Wasserkocher anmachen, denn mit einer Tasse Tee sieht die Welt schon viel besser aus. Der Satz, der immer hilft: I’ll put the kettle on. Damit hat man eigentlich alles gesagt: ich bin da, du bist nicht alleine, wir trinken erstmal einen Tee zusammen und dann sehen wir weiter.

Hamburg hat drei große Strom-Umspannwerke, Nord, Ost und Süd, die den Strom von Höchstspannung auf Hochspannung, also von 380.000 Volt auf 110.000 Volt umwandeln, und dann in das Verteilernetz einspeisen. Dann gibt es 55 Umspannwerke, die den Strom von Hochspannung auf Mittelspannung transformieren. Ungefähr 7.700 Netzstationen sorgen dann für die 230 Volt Netzspannung, die bei Ihnen zuhause aus der Steckdose kommen. Ab hier können Sie dann selber entscheiden, wie Sie die Anschlüsse nutzen. Sie brauchen nur noch den Versorger Ihres Vertrauens ausfindig zu machen. Es gibt eine Menge verschiedener Anbieter, und alle behaupten, der beste zu sein. Genau der, der zu Ihnen passt, und auf den Sie gewartet haben.

Ich weiß ja nicht, für welchen Anbieter Sie sich entschieden haben und was Sie mit Ihrer Energie vorhaben, komme aber gerne auf eine Tasse Tee vorbei.

Jetzt will ich aber meine Energie mit Henry vorm Backofen nutzen, wir wollen ein Baguette aufbacken. Der Ofen, den wir vor uns haben, ist ein Hochsicherheitsgerät.

BITTE DEN KNOPF 10 SEKUNDEN GEDRÜCKT HALTEN so fängt er das Spiel an. Ich halte ihn gedrückt, das Gerät zählt ab und bei Null gibt es die Freigabe. Wollen wir hier eine Mondrakete starten? WAS WOLLEN SIE ZUBEREITEN? Ein Menü zeigt die verschiedenen Möglichkeiten, es gibt bei jeder Taste noch eine Menge weiterer Optionen, mit Symbolen. Henry fängt zu lachen an, hier, sagt er, diese Taste nehmen wir, – WILD. Wild thing, you make my heart sing – you make everything – groovy– Ja, the Troggs. I wanna know for sure!  Wir singen vorm Ofen und drücken die Taste wild. Das nächste, was der Ofen uns mitteilt ist – HASE. Das ist jetzt nicht mehr ganz so wild, aber süß. Seit wann spricht ein Backofen in Kosenamen? Ich sehe Henry an. Hase!

Dabei bin ich nicht die Einzige, die nackt frühstückt. In Paris hängt das berühmte Gemälde von Édouard Manet, Le déjeuner sur l’herbe. Der Maler soll seinem Freund Antonin Proust gesagt haben: Es scheint, dass ich einen Akt malen muss. Nun, ich werde einen Akt machen. Man wird mich verreißen. Soll man sagen, was man will!

Éduard Manet, Le Déjeuner sur l’herbe – Das Frühstück im Grünen –

Und ja, es wurde ein Skandal. 1863 hat er das Gemälde dem Pariser Salon zur Ausstellung angeboten. Es wurde von den 40 Juroren prompt abgelehnt. Auf dem Vordergrund sitzt eine entkleidete Dame, neben ihr zwei Herren, in Anzug, sie reden miteinander, die Dame sieht den Betrachter des Bildes an. Was denkt sie sich dabei?

Wir sitzen auf dem Gras, meine ausgezogenen Kleider liegen unordentlich auf dem Boden, dort liegt auch ein Korb mit Brot, er ist umgekippt, einige Brote sind herausgerollt. Wir haben Obst dabei, du bist noch angezogen, unterhältst dich mit deinem Kollegen, der bei uns im Gras sitzt, natürlich auch in Anzug und Krawatte, wie du. Hinter uns ist eine Freundin von mir, Lisa, sie badet dort im Fluss, leicht bekleidet.

Édouard Manet hat sie nicht so gut hingekriegt, sie scheint über uns zu schweben, wenn man das Gemälde betrachtet. Sie ist viel zu stark beleuchtet, überhaupt ist die Beleuchtung so, dass jeder sieht, das dieses Gemälde in Wirklichkeit nicht draußen im Park, sondern im Studio gemalt wurde.

Und ich sagte noch, ich habe da kein Problem mit, nackt im Park zu lunchen, ich bin dabei. Ja, es heißt Lunch, Mittagessen, déjeuner, warum man auf Deutsch Frühstück im Grünen davon gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Diese Deutschen, mit ihrem Frühstückswahn. Es soll realistisch wirken, und eins ist klar, so frühstückt man nicht, auch nicht in Deutschland. Jeder sieht doch, dass ich mich gerade ausgezogen habe, dass der Tag schon fortgeschritten ist. Ich ziehe mich morgens nicht aus um auf dem nassen Gras zu frühstücken. Und Lisa würde so früh nicht baden, das Wasser ist einfach zu kalt.

Die Männer hätten noch keine Anzüge und Krawatten an, hätten noch keine ernsten Themen zu besprechen, und überhaupt, Geschäftsleute, die zusammen frühstücken ist eine absurde Vorstellung. Es ist doch klar, dass dies ein Businesslunch ist. Übrigens war der ursprüngliche Titel von diesem Kunstwerk le Bain. Das Bad. Dagegen habe ich mich gewehrt, denn ich fand Lisa schon viel zu sehr auf dem Vordergrund, das Bild sollte nicht auch noch nach ihr genannt werden. Le Bain! Als wäre die Badende, die eigentlich für den Hintergrund gedacht war, das Hauptthema des Bildes.

Wie gesagt, ich wäre mit euch in den Park gegangen, also echt nach draußen, in den öffentlichen Raum, hätte mir die Kleider ausgezogen, sie aufs Gras fallen lassen und mich fürs Bild dort hingesetzt. Aber du und der Maler, ihr habt euch nicht getraut. Von wegen guten Ruf und so. Lisa hat übrigens später noch deinen Kollegen verführt, weißt du davon? Natürlich nicht, so etwas kriegst du nicht mit.

So sitzen wir dort auf dem Gras, Ich sehe dich nicht an, ich sehe Édouard in die Augen. Häschen, sagt er, Victorine, Häschen, nicht immer so zu mir gucken. Mon petit lapin. Aber ich konnte nicht anders. Das Gemälde ist nicht unbedingt das schönste von ihm, aber es ist dennoch sehr bekannt geworden. Ich denke nur, er hätte meine Füße eleganter malen können und die Speckröllchen wegretouchieren. Häschen.

Victorine

HASENKEULE! reißt der Backofen mich aus meinen Überlegungen. Henry sieht mich an. Du Veganerin, was nun? Wir wollen doch einfach ein Baguette aufbacken. Wir klicken uns durchs Menü und haben Tränen in den Augen vor Lachen. Hasenkeule! Mein Gott! Vielleicht sollten wir einfach den Wasserkocher anmachen und erstmal einen Tee trinken.

In Hamburg befinden sich 29.000 km Stromleitungen, von denen 95% unterirdisch verlegt wurden, in Kreisen, so dass sie von zwei Seiten zugänglich sind. Ist mal ein Defekt an einer Seite, schaltet sofort die andere Seite um und der Strom wird wieder hergestellt.

Was für eine Energie in die Stadt fließt. Es ist unfassbar, alles steht unter Strom, der Strom ist überall unter der Erde. Unsichtbar wird er in die Stadt gebracht, bringt Licht, Wärme, Bewegung, ist immer da, ohne Strom funktioniert nichts.

Keine S-Bahn, keine U-Bahn, keine Beleuchtung, keine Kühlung. Kein Backofen.

Da freut sich der Hase.

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