der Berg ruft

Auf dem Mont-Everest gibt es 5G-Mobilfunkempfang. Vor fast 70 Jahren wurde der höchste Berg der Welt zum ersten Mal bestiegen, jetzt kann man dort oben ganz bequem telefonieren und surfen.

1953 bestiegen der Sherpa Tenzing Norgay und der Neuseeländer Edmund Hillary den Mount Everest über die Südroute. Damit wurden sie offiziell die ersten Menschen auf dem höchsten Gipfel der Welt. Es gibt aber nur ein Foto von Tenzing Norgay. Er konnte die Kamera nicht bedienen und seinen Begleiter nicht knipsen. Edmund Hillary meinte, auf 8848 m Höhe gäbe es nicht die idealen Bedingungen, jemandem das Fotografieren beizubringen.

Die Mobilfunkmasten und 25 km Glasfaserkabel liegen an der chinesischen Seite, also an der Nordroute vom Berg. Sie dienen dazu, den Berg neu zu vermessen und werden bald auch wieder abgebaut. Also wenn Sie gerne klettern, aber nicht auf die sozialen Medien oder aufs Telefon verzichten können, ist jetzt Ihr Moment. Sie haben Zeit, denn die Wirtschaft zuhause liegt still, und Sie haben die vergangenen Wochen genug Kalorien zu sich genommen, um für die Extremtour gut gerüstet zu sein.

Es dürfte auch nicht zu schwierig sein, die Quarantäne-Vorschriften auf dem Berg einzuhalten. Abstand halten und Atemmaske nicht vergessen. Sie sind ja nicht Reinhold Messner.

Wenn Sie dort herumklettern, sollten Sie bitte darauf achten, nicht zu laut in Ihrem Mobiltelefon zu sprechen, das machen Sie zuhause doch auch nicht mehr. Es werden keine Geschäftsabschlüsse mehr diskutiert, keine hitzigen Verhandlungen geführt, keine erbitterten Ehestreite. Nicht in dieser Zeit, nicht übers Telefon.

Flüstern geht, den Geliebten anrufen, hören, wie es ihm geht, sich gegenseitig Mut zusprechen, weiter gehen.

Die letzte Etappe vor dem Gipfel schafft ein erfahrener Bergsteiger in einigen Stunden. Aber er ist dort nicht mehr alleine. Es ist Mai, wir haben die Fenstertage und jetzt formt sich gerade eine Schlange vor den Fixseilen, die dort befestigt sind, um die schweren Passagen überwinden zu können.

Nur an einigen Tagen pro Jahr, kurz vor dem Monsun, kann man die letzte Etappe schaffen. Und das wissen alle, die dort unterwegs sind. Es kann also sein, dass Sie dort erfrieren, weil der Vordermann nicht schnell genug vorangeht, oder weil jemand sich in der Schlange vorgedrängelt hat.

Hat man dann den Gipfel erreicht, muss man auch wieder zurück. Logisch, aber oft unterschätzt. Die meisten von den ca. 300 Toten, die auf dem Mount Everest geblieben sind, waren schon auf dem Nachhauseweg. In einer Notsituation können Sie nicht einfach so mit Hilfe rechnen, jeder ist für sich unterwegs, jeder potentielle Helfer würde sich selber in Lebensgefahr bringen. Außerdem ist er nur da, um den Gipfel zu besteigen, nicht um zu helfen.

Jede Minute in diesen extremen Zuständen zählt.

Ich war vor einigen Tagen einkaufen, in einem Geschäft, wo alles gerade war, die Ware geordnet in den Regalen, klar ausgeschildert, manche Regale waren leer. Verschiedene Angestellte waren dabei, wortlos und maskiert die Regale wieder aufzufüllen. Um mich herum war es todesstill, es gab keine Musik, keine Gespräche, keine Kinder, keine Fragen. Kein Lächeln, oder wenn, dann heimlich hinter der Maske. Keinen Lippenstift.

Nur wenige Menschen huschten mit ihrem Einkaufswagen herum, machten große Bögen um einander. Sie waren verhüllt, trugen Handschuhe und gingen auf leisen Sohlen. An der Kasse gab es kein Abzählen des passenden Geldes mehr, warten Sie, ich habe es klein, kein verständnisvolles Lächeln, sondern nur ein kurzes Nicken, einen Wisch mit der Kreditkarte ans Lesegerät, eine kurze Kopfbewegung zum Abschied.

Alles andere geht hinter der Maske verloren. Die Höflichkeit leidet und kein Mensch errötet dabei. Die Brille beschlägt und man weiß nicht, wohin mit der Maske, wenn man wieder zuhause ist. In den Backofen? In den Tiefkühler? In die Waschmaschine? Oder einfach nur in die Sonne? In den Mülleimer?

Ich lese, dass die anderen Geschäfte auch so langsam wieder öffnen können. Die Kunden müssen einen Mund- und Nasenschutz tragen. Sie müssen den Abstand einhalten. Die Cafés sollen noch geschlossen bleiben, die Terrassen in der Frühlingssonne bleiben verboten. Also Atemmaske, keine Seilschaften, keine Basecamps, keine Verpflegung unterwegs, jeder für sich. Vielleicht dann doch lieber bergsteigen? Wie gesagt, 5G in diesem Jahr.

Ich denke an mein Lieblingscafé, rufe Kosta an, dem es gehört. Wie es ihm geht. Gut, sagt er. Wird schon. Das kriegen wir hin. Er sagt genau, was ich hören will. Ruhig, souverän. Das kriegen wir hin.

www.ferbers.de

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