Dea ex Macchina

Schade, dass wir uns nicht einfach auf einen Kaffee treffen können, überlegt Sylvie am Telefon. Sie sitzt in ihrem Apartment mitten in Antwerpen, trinkt Tee und legt ein Puzzle. Es sei vierzig Jahre her, dass sie sich das letzte Mal damit beschäftigt habe, erzählt sie mir, aber es wirke irgendwie beruhigend. Letztes Jahr hätte sie noch behauptet, in Antwerpen sei immer etwas los, es gebe ein überwältigendes Kulturangebot, keinen Tag könne man alleine in der Wohnung verbringen und wie bitte? Puzzles? Was ist das? Diese alte-Leute-Beschäftigung?

Jetzt, im Herbst 2020, hat sie die Lesebrille auf und sitzt in der Jogginghose vor den tausend Teilen. Sie lacht. Ich antworte, ich löse Sudoku, muss dafür meine Brille absetzen, das ist genauso komisch.

Was soll man sonst machen? Die Cafés haben zu, es gibt Reisebeschränkungen, wir müssen den Kontakt zu unseren Freunden vermeiden und vor allem auch zu den Eltern. Die Covid-19-Infektionszahlen nehmen rasant zu, so viel Kontakt und Austausch wie möglich muss eingeschränkt werden, sodass das Durcheinander wieder entwirrt werden kann. Es läuft gerade aus dem Ruder.

Anfang Februar 2019 ist meine Mutter 70 geworden, es hatte geschneit und die Landschaft sah so friedlich aus. Wir waren da natürlich ahnungslos, wie die Welt sich ändern würde. Das immer noch jugendlich wirkende Geburtstagskind baute einen Schneemann, die Perücke der Tante Frieda kam oben auf dem Kopf. Hurra, 70! stand auf einem Schild, das der Schneemann in seinem Schneearm festhielt.

Dieser Leichtsinn! Man hatte Eltern, Großeltern, sonstige alte Menschen um sich herum, und wir waren jung, sogar mit 70. Die Alten waren zum Anfassen nah, auch im Altenheim, auch über den Tod hinaus, denn wir konnten sie besuchen, mit ihnen reden und uns würdevoll verabschieden.

Dieses Jahr hat sich alles geändert. Jetzt sieht jeder alt aus. Abstand halten, Mundschutz, kein Besuch, keine Ausflüge. Kein Kino, kein Theater, keine Disco, kein Club. Dafür Puzzles, Sudoku, Ärzte, Krankenhäuser, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, überall Erinnerungszettel. Mundmaske! Hände waschen! Abstand halten!

Die ganze Welt ist ein Altenheim.

Was das sollte mit der Perücke der Tante Frieda? Frieda war die Schwester meines Großvaters väterlicherseits, sie wohnte eine Weile in Antwerpen, dann in Brüssel und die letzten Jahre ihres Lebens in meinem Elternhaus, da sie keine Kinder hatte. Meine Geschwister und ich waren schon ausgezogen, es gab Platz genug.

Das Haus auf dem Land gefiel ihr natürlich nicht, denn Frieda war immer schon ein Stadtmensch und mochte das Landleben nicht besonders. Sie lag meistens im Bett. Sie rief ab und zu an sonnigen Herbsttagen meine Mutter, um ihr zu helfen, die Treppe herunterzugehen. Dann ging sie wütend über den schmalen Gartenweg bis zu den Hühnern, mit einem Stock, um die Viecher zu verscheuchen. Sie trug Perücken. Die hat sie damals in Antwerpen gekauft, tolle Perücken, die auf dem Land keinen Nutzen haben, zumal sie dem wilden, regenbringenden Westwind nicht standhalten.

Meine Mutter hat die Großtante in ihren letzten Jahren liebevoll begleitet. Sie hat Wollsocken für sie gestrickt. Sie hat ihr Liebe geben, Wärme, die sie vorher nicht gekannt hat. Mit dem Ort der letzten Ruhe jedoch war Frieda gar nicht einverstanden, sie zeterte im Krankenbett, ihre Perücke rutschte beiseite. Dort wollt ihr mich beerdigen? Ihr wollt mich in diesem dreckigen Lehmboden zu Grabe tragen? Aber ändern konnte sie es nicht. Und es ist eigentlich auch egal, Hauptsache Ruhe, irgendwann. Dort, in einem kleinen Dorf neben einer schiefen Kirche auf dem flämischen Land, befindet sich somit ihre letzte Ruhestätte, fern der prachtvollen Stadt Antwerpen, fern von ihren Geschäftsbeziehungen in Brüssel. Damals konnte man sich noch beschweren, wenn man mit der Lage des Friedhofs nicht einverstanden war, ein Luxus, den man sich heutzutage nicht mehr vorstellen kann.

Kaum war Frieda ins Jenseits hinübergegangen, zog Oma Rosa bei meinen Eltern ein. Sie war die Mutter meiner Mutter und noch ziemlich fit. Sie war jedoch der festen Meinung, dass die Treppe zu gefährlich war und sie einen Aufzug brauche. Mein Vater baute einen Außenaufzug am Giebel unseres Hauses, so einen, der für Lasten gedacht ist.

Später, als Oma Rosa Ende 90 war und sterben wollte, weil ihr Leben einfach aufgebraucht war, ging sie in ein Sterbehaus. Der Priester kam, um ihr die letzte Ölung zu geben, die Familie kam, um sich zu verabschieden. Wir alle sind einzeln zu ihr ins Zimmer getreten, denn sie wollte sich von uns allen persönlich verabschieden.

Dort lag sie, in ihrem schönen weißen Kleid, sie hatte die Beerdigungsfeier schon geregelt, mit einer Harfenspielerin und schönen Texten, ein würdevolles Fest. Meine liebe Enkelin, wir sehen uns dann am Dienstag wieder, auf meiner Beerdigung, so sagte sie mir. Ich stand neben ihrem Bett und weinte. Nicht weinen, es kommt doch eine schöne Feier. Ich habe den besten Champagner bestellt, und das Wetter soll toll werden.

Ihre Beerdigung war ein schönes Fest, bei strahlendem Herbstwetter.

Die Erinnerung an sie bleibt jedoch nicht der Anblick von ihr im weißen Kleid im Sterbebett, weiß war überhaupt nicht ihre Farbe; die Erinnerung ist eine ganz andere.

Wir sitzen um den Tisch unter dem alten Wallnussbaum, es ist ein schöner Sommertag. Mein Vater schenkt Champagner aus, er funkelt in den Gläsern. Kurz bevor wir anstoßen, ertönt dieses bekannte Geräusch. Der Lastenlift setzt sich in Bewegung. Und ja, dort ist sie, pünktlich wie immer, Dea ex Macchina. Wie eine Erscheinung kommt Oma Rosa im bunt gemustertem Sonntagskleid aus den Kulissen heruntergefahren, sie steigt würdevoll ab, schreitet zum Tisch und nimmt ihren Ehrenplatz am Kopfende ein, sie bekommt ihr Glas und wir sagen Prost!

Prost Leben, prost Großeltern, wir dürfen sie jetzt nicht vergessen. Daher auch die Perücke von Frieda, wir müssen uns immer an unsere Vorfahren erinnern, am liebsten mit Freude.

Jetzt, wo wir keine Personen besuchen können, und schon mal gar nicht die im Altenheim, geht natürlich einiges verloren. Wie sehen sie noch mal aus, die alten Leute? Sollen wir dazu in den Spiegel schauen? Mit Mundschutz? Mit oder ohne Perücke? Mit oder ohne Brille?

Ich nehme das Sudoku-Heft und denke an Sylvie, an Antwerpen, an das Theater, das nun wieder geschlossen hat. An die Schauspieler, die in unserer Gästewohnung übernachten, wenn ein Theaterstück geprobt wird, und die schon wieder abgereist sind. Aber vielleicht kommen sie bald wieder. Ich koche einen Tee.

Der Champagner steht kalt.

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