Das Gleiche in Grün

“There are kisses for us all” schreibt ein Bekannter von mir, der für mich ein literarisches Werk zusammengefasst hat. Die Kurzbeschreibung eines Buches. Und welches Buch? Ja, genau, Dracula. Irland 1897. An diese Geschichte muss ich denken, wenn ich im Zug nach Bergedorf sitze und auf einer Hauswand den Spruch lese: „Kunsthalle. Leidenschaft für uns alle”.

Ob die in der Kunsthalle auch Dracula lesen?

Was mir an dem zusammengefassten Buch und auch an dem Spruch auf der Mauer der Kunsthalle gefällt, ist, dass man teilen möchte, Küsse oder Leidenschaft. Es sind beides Sachen, die beim Teilen mehr werden. Und ich vermute, dass man nicht wie die “weird sisters” aus der Dracula-Geschichte über einen jungen Mann gebeugt sitzen muss –he is young and strong-, bereit, ihn in den Hals zu beißen, sondern dass man das auch nach der heutigen Zeit transportieren kann.

 “die Zeit” hat gerade einen Spezialbeitrag über das Thema “Freundlichkeit” publiziert und im Café, wo ich den besten Kaffee der Welt trinke, liegen Aufkleber aus in verschiedenen Farben “seid nett zueinander”.

Ich sitze im Café, weil ich einen Termin mit der Chefin habe. Und zwar habe ich mich vertan, ich bin eine Stunde zu früh gekommen. Man darf nie die Kraft des Unterbewussten unterschätzen, wenn man sich um 10:30 schon zum Kaffeetrinken hinsetzt, weislicherweise das Laptop dabei hat, und eigentlich um 11:30 den Termin hat.

Es ist eine gute Gelegenheit, Leute zu gucken, perfekten Kaffee zu trinken, vielleicht hier und da jemanden etwas zu fragen. Ich fühle mich wie ein altmodischer Arzt, der sich Zeit nimmt, zu beobachten, zu horchen. Zu bestimmten Zeiten formt sich eine Schlange, denn alle brauchen plötzlich Kaffee, dann wird es wieder ganz ruhig und die Baristas können kurz durchatmen. Regale auffüllen, rösten, verpacken. Eine Dame sitzt auf der Bank, sie hat einen Filterkaffee vor sich stehen. Sie sieht wie eine Meisterin der Tarnung aus, mit der sandfarbenen Kleidung auf den Polstern aus Kaffeesäcken. “Selbstgemacht, diese Sessel,”, wie der Chef später erklärt, “das macht einer für uns in liebevoller Handarbeit”.

Ich würde gerne die Chamäleonfrau fotografieren, aber da es nicht ihre Absicht ist, sich der Landschaft so anzupassen, lasse ich es.

Das Gespräch mit Birthe und Christian Haase ist gut. Hier wird nicht mit Kaffee geworben, hier überrumpelt man einen nicht mit schlauen Sprüchen, hier geht es um das Produkt und die Liebe zum Produkt. Sie erzählen begeistert über den Kaffee, über die eigenen Projekte in den Ländern, wo er her kommt. Schulen werden gebaut, Kooperationen gegründet, faire Arbeitsbedingungen geschaffen. Kein Wort darüber, dass ihr Kaffee der beste ist, das stellen die Gäste eh selber fest. Gäste. Nicht der Kunde, der König ist?

Nun ja, der Gast spürt die Gastfreundlichkeit.

Wir schauen uns die Rösterei an, die schonende Art, die grüne Bohnen schokoladenbraun zu rösten und wieder abzukühlen, mechanisch, ohne Wasserdampf. Ich probiere eine Bohne, die erst nach Kaffee riecht und schmeckt, wenn sie aufgebrochen wird. Klar, sonst hätte man ja das ganze Aroma in der Röstmaschine. Die Bewegung der glatten grünen Bohnen, die zum Rösten in die Maschine kommen, sieht völlig anders aus wie die Bewegung der gerösteten Bohnen. Es ist wie eine Installation in einer Kunstgalerie.

Alleine die Bewegung der Kaffeebohnen.

Ich bin froh, dass ich eine Rösterei und vor allem die Menschen, die sie betreiben, kennenlernen kann.

Das passiert mir auch in Poppenbüttel, wo ich eine weitere Kaffeerösterei besuche. Ein faszinierender Ort, ganz cool mit Betonwänden, Stahlträgern und Cognacfarbenen Möbeln. Hier kennt sich jemand mit Innenarchitektur aus. Anja und Rainer Helmke lieben ihre Arbeit, so viel ist klar. Voller Begeisterung und mit einem Leuchten in den Augen erzählt Anja Helmke, wie es zu den verschiedenen Röstungen kommt. Sie zeigt zu jeder Sorte Kaffee eine Landkarte mit der Basisinfo, wie zum Beispiel, wann er geerntet wird. Und dann wird in einem Glaskasten gezeigt, wie die Sorte eigentlich aussieht, einmal geröstet und das Gleiche in Grün. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Bohnen wird klar.

Diese Rösterei ist klein, aber sehr persönlich. Man bietet hier Seminare an, Kaffeeverkostungen, “rösten und verkosten”.

Nach dem ganzen Kaffee ist es in der S-Bahn stickig und eng, ab Hauptbahnhof steige ich erleichtert auf Janas’ Fahrrad und radele noch mal zu den Landungsbrücken. Mit einem HVV Schiff einmal durch das Binnendelta cruisen, die Nase im Wind, die Nachmittagssonne im Haar. Es ist jedes Mal schön, die Stadt vom Wasser anzuschauen und an nichts weiteres zu denken.

Und Kaffee trinken? Was zu tun ist:

sich die Kaffeebohnen anschauen, sie fühlen, grüne und schwarze Bohnen fühlen sich ganz unterschiedlich an. Sie riechen (fast keinen Geruch zu erkennen), hören, wie sie geröstet werden, die leisen Rostgeräusche, das Knistern. Die satte, volle Farbe bewundern. Riechen, wenn der Duft beim Mahlen freigesetzt wird. Das volle Aroma in eine Tasse auffangen. Fühlen, wie der Kaffee die Tasse wärmt, sehen, wie sich die Crema aufbaut. Warten. Schmecken.

There are kisses for us all.