Da geht doch was

Damit anfangen, womit man aufgehört hat. Rosi und die letzte Hafenkneipe. Ich habe schon berichtet, dass ich die Glocke geläutet hatte und so eine Lokalrunde am Bein.

Nun, Christina hinter der Theke hatte gelacht und gemeint, die Männer hätten alle die Gläser noch voll, sie würde keine Runde für mich berechnen. Ich könnte es beim nächsten Besuch nochmal versuchen. Das nenne ich Gastfreundschaft.

Selber wurde ich natürlich schon zum Bier eingeladen, aber da ich den Weg zur S-Bahn und dann nach Hamburg noch finden musste, wollte ich nicht übertreiben. Wieso nach Hamburg? Ob ich nicht lieber im Hafen übernachten würde? Es gäbe das Hotelschiff, es gäbe außerdem Detlevs’ Segelschiff. Aha, triumphierte ich, und kramte einen sehr wichtigen Schlüsselbund hervor. Es gäbe doch auch die Kulturwerkstatt, hier habe ich die Schlüssel, und der Kühlschrank dort ist voll. Ein allgemeines Raunen. Lass uns dort eine Party feiern! so die Stimmung. Das wäre die Idee überhaupt. Eine Nachricht in die Whatsapp-Gruppe und ab in die Kulturwerkstatt. Da geht doch was. Sogar Kaffee ist da, für morgenfrüh. Weitere Vorteile: der Weg zur Arbeit würde plötzlich auf lediglich einige Meter zusammenschrumpfen. Und die Kulturwerkstatt würde so richtig eingeheizt werden.

Win-win Situation.

Am Morgen bin ich bei Martin eingeladen, in der Werkstatt “Jugend in Arbeit”. Die Umschulung zum Bootsbauer, die hier angeboten wird, umfasst 26 Monate, an 40 Stunden pro Woche. Es wird Theorie unterrichtet und alles wird gleich in die Praxis umgesetzt, im Hafen, wo echte Schiffe fahren, wo man viele Möglichkeiten hat, viel Platz und den Wind um die Nase. Martin ist Bootsbauer und hat den Beruf in Travemünde gelernt.

Weitere Ausbildungen, die man hier machen kann sind Tischler, Elektroniker und Fachkraft fürs Gastgewerbe. Es wird nicht nur Unterricht, sondern auch Umschulung und Coaching angeboten. Insbesondere wenn sich die Vermittlung in andere Betriebe oder Ausbildungsstätten als schwierig herausgestellt hat, bekommt man hier eine weitere Chance. Hier hört eine engagierte Truppe zu, erfasst die Probleme und packt sie an. Eine Menge Energie ist dafür nötig, aber die Leute scheinen gut drauf zu sein.

Ich bekomme eine Führung durch die Hallen, Jugendliche und Erwachsene sind dabei, Holz zu bearbeiten. Sie stellen Tische, Stühle, Schachbretter, ganze Schiffe her. Die Maschinen sind beeindruckend, hochwertig, die Arbeiter scheinen zu wissen, was sie tun. In einem Teil der Halle wird ein Schiff renoviert, an der Wand hängt eine Bauzeichnung mit den Details der Yacht. Ich fasse das Holz an, es ist schön, riecht gut, lässt sich toll bearbeiten.

Martin sagt, bevor man mit Holzbearbeitung anfängt, soll man lernen, Metall zu bearbeiten. Das würde die Präzision schulen, das Auge, überhaupt den Umgang mit Materialien. Metall würde um einiges mehr als Holz verlangen, es würde nicht so viel nachgeben. Das leuchtet mir ein. Bevor man ein so williges und großzügiges Material wie Holz verwendet, das einem immer wieder verzeiht, die scharfen Ecken schnell verliert, beim Bearbeiten warm und weich wird und zur Not auch immer wieder nachwächst, soll man lernen, wie das Bearbeiten überhaupt geht, man soll mit einem starren, uneinsichtigen und kalten Material lernen umzugehen.

Wir reden noch über die Abschlüsse, die die Leute hier erreichen können, und dann gehe ich in die Fischhalle. Dieser Raum fühlt sich erstaunlich gut an. Das muss mit der Akustik zusammenhängen. Obwohl es eine große Halle ist, sind die Geräusche sehr angenehm. Vielleicht hat das Segel etwas damit zu tun, das dort unter der Decke gespannt ist. Oder die frischen Blumen, die überall auf den Tischen stehen. Die faszinierenden Hafenaufnahmen an den Wänden. Es fühlt sich richtig an dort, lecker, freundlich, mit gut gelaunten und engagierten Menschen.

Die kleine Bühne hat hochwertige Beleuchtung und Beschallung. Gut. Ich nehme ein Programmheft mit und muss hier abends noch mal wiederkommen, wenn es etwas zu beleuchten und beschallen gibt, ich werde prüfen, ob es wirklich so hochwertig ist, wie es aussieht. Völlig beeindruckt gehe ich raus, laufe ein paar Schritte an der Straße entlang und komme wieder in die Kulturwerkstatt an. In der Ferne werden die Schiffskräne bewegt, es klingelt.

Lokalrunde!

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