Hartendiefje

Darf ich hier als Frau überhaupt rein? so wundere ich mich, wenn ich mit meinem Jüngsten ein Herrenfrisörgeschäft betrete. Ich denke an den Damentag in der Sauna, da dürfen Herren auch nicht einfach so mitkommen. Die vier Männer in ihren schwarzen T-Shirts und Jeans sehen gleichzeitig von ihrem jeweiligen Kunden auf. Ja, klar, setzen Sie sich. Einer bringt mir Tee, auch ein kleines Glas für meinen Sohn. Wir warten noch und sehen uns die Arbeiten im Salon an. Es werden Bärte eingeseift, Haare aus Ohren und Nase geflammt, Augenbrauen gezupft und gefärbt, Schultern massiert. Und die Haare? Die werden durch ein Abbauprodukt des Testosterons auf dem Kopf immer weniger, dafür sprießen sie mehr aus Ohren und Nase.

Ich sitze auf dem Sofa, beobachte das Wirbeln im Laden, trinke Tee, gebe das Glas meinens Sohnes dem nächsten Kunden, der sich auf die andere Seite des Sofas hingesetzt hat. Er nickt, wirft zwei Zuckerwürfel rein, trinkt nachdenklich. Mein Sohn ist dran, also alles klar, Undercut, oder? Eigentlich möchte er einen anderen Schnitt, das klappt aber nicht.

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Segeln gehen

In Granada habe ich letztes Jahr einen Kurs belegt, Spanisch für Lehrkräfte, die keine Muttersprachler sind. Wenn man Fremdsprachen spricht, muss man immer dranbleiben.

Da ich normalerweise mit der ganzen Familie verreise, und das einiges an Organisation kostet, wollte ich diesmal nichts organisieren. Der Kurs sollte montags anfangen, ich war schon am Freitag angereist.

Ich traf mich mit meiner schottischen Cousine Elfreda in Granada am Flughafen, weil wir uns eine lange Zeit nicht gesehen hatten, und dies eine gute Gelegenheit war. Wir hatten keine Wohnung gebucht, es war die Woche vor Ostern, alles war belegt. Vor allem fanden wir es viel zu anstrengend, über Internet die richtige Art von Unterkunft zu finden in einer fremden Stadt. Beschreibungen sind ungenau, Bewertungen stimmen nicht. Und außerdem, wie soll man zuhause am Laptop wissen, wo genau man in einer andalusischen Stadt übernachten möchte.

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Zauberstoff

Kleider werden in fernen Ländern produziert, sie kommen in Containern im Hafen an, sie reisen weiter über das Straßennetz, werden in Lagerräume untergebracht, gleich weiter an Geschäfte und online-Kunden verteilt. Später kommen sie in die Altkleidersammlung und werden wieder aus der Stadt gebracht, in Containern, sie kommen auf ein Schiff, sie werden in ferne Länder gefahren.

Die Entwerfer denken sich neue Schnitte aus, sie suchen die richtigen Materialien, sie suchen die richtigen Menschen, die die Kleidung herstellen können. Verpacken. Verteilen. Mit den richtigen Wörtern und Bildern, so dass jeder das Gefühl hat, das ist genau der Stoff, den er jetzt braucht, die Kleider, in denen er sich glücklich fühlen wird. Kleider, die die Identität unterstreichen.

Eine Flut an Stoffen, Garn, Knöpfen, Reißverschlüssen, Schnitten, Fetzen spült durch die Stadt.

Meine Eltern haben im Winter 1970 geheiratet, als das ganze Land unter einer Schneedecke ruhte. Sie waren blutjung, meine Mutter noch keine 21. Die Kapitänsuniform meines Vaters, die Braut im schlichten Kleid, der verliebte Hippieblick. Sie hat die langen honigfarbenen Haaren hochgesteckt, eine kleine weiße Blume oben drauf. Sie ist still, sieht auf den Fotos ruhig und souverän aus, wahrscheinlich stört sie nicht einmal ihre Mutter, die als goldene Kugel am Tisch sitzt.

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die Daten

Die Datensammler haben große Netze, sie sitzen auf den Fensterbänken der Häuser und verrichten ihre Arbeit schweigend. Man kann sie sehen, wenn man im Winter abends um 21:00 in der U3 sitzt und am Baumwall vorbei fährt, Richtung Stadthaus. Die Büros sind beleuchtet, man sieht die Schreibtische, die Räume sind still, die Pflanzen warten ab, sie sind müde, sehen mickrig aus. Es stehen Computer auf den Schreibtischen, die Stühle sind leer, bis auf zwei. Dort sitzen noch Personen, sie bleiben da bis tief in der Nacht, das Gesicht blau angeleuchtet, konzentriert auf ihrer virtuellen Welt.

Aber auch morgens um 7:30 kann man von der S3 aus die Datensammler sehen, vor Sonnenaufgang bei Hammerbrook. Wie ein riesiger Adventskalender mit beleuchteten Törchen sehen die Bürogebäude aus. Hier und da wird ein kleines Theaterstück aufgeführt, es ist fast Weihnachten, viele Lampen sind schon an. Meist sind es Einmannstücke. Ein Raum ist leer, eine Kaffeetasse verrät, dass schon jemand dort war. Manchmal sehe ich Bewegungen von einem Raum in den anderen, so als würden die Personen durch die Wand gehen. Ich liebe Theater. Tragödien. Ich liebe den Regen, er macht alles noch dramatischer. Ich liebe Schokolade.

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der Strom

Wenn man in England eine politische Entscheidung trifft, bei der das Volk zuschauen kann, übers Fernsehen oder Internet, wenn das ganze Land auf etwas spannendes wartet, oder etwas zu verarbeiten hat, geht der Stromverbrauch plötzlich stark in die Höhe. Was ist das? Wieso verbraucht man mehr Strom, wenn es spannend wird? Weil die Engländer alle im Gleichtakt den Wasserkocher anmachen, denn mit einer Tasse Tee sieht die Welt schon viel besser aus. Der Satz, der immer hilft: I’ll put the kettle on. Damit hat man eigentlich alles gesagt: ich bin da, du bist nicht alleine, wir trinken erstmal einen Tee zusammen und dann sehen wir weiter.

Hamburg hat drei große Strom-Umspannwerke, Nord, Ost und Süd, die den Strom von Höchstspannung auf Hochspannung, also von 380.000 Volt auf 110.000 Volt umwandeln, und dann in das Verteilernetz einspeisen. Dann gibt es 55 Umspannwerke, die den Strom von Hochspannung auf Mittelspannung transformieren. Ungefähr 7.700 Netzstationen sorgen dann für die 230 Volt Netzspannung, die bei Ihnen zuhause aus der Steckdose kommen. Ab hier können Sie dann selber entscheiden, wie Sie die Anschlüsse nutzen. Sie brauchen nur noch den Versorger Ihres Vertrauens ausfindig zu machen. Es gibt eine Menge verschiedener Anbieter, und alle behaupten, der beste zu sein. Genau der, der zu Ihnen passt, und auf den Sie gewartet haben.

Ich weiß ja nicht, für welchen Anbieter Sie sich entschieden haben und was Sie mit Ihrer Energie vorhaben, komme aber gerne auf eine Tasse Tee vorbei.

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der Verkehr

Man kann fantastische Fotos der Köhlbrandbrücke machen. Sie ist aus den 70-ern und schwingt sich elegant über dem Köhlbrand, einer Nebenstrecke der Elbe. Man hat 8 Jahre lang versucht, diese Brücke zu sanieren, für 60 Millionen Euro. Aber jetzt ist es entschieden: in 20 Jahren gibt es die neue, die noch 20 Meter höher sein wird.

Gorieswerder war eine Elbinsel, die sich von Finkenwerder bis Kaltehofe ausstreckte. Während der Sturmfluten des 13. Jahrhunderts wurden schon Finkenwerder und Altenwerder von dieser Insel abgetrennt. Nach den Sturmfluten Ende des 14. Jahrhunderts entstand dann der Köhlbrand, als Gorieswerder immer mehr von Wasser überströmt wurde und so ständig neue Inseln entstanden.

Der Köhlbrand heißt so, weil früher an den Ufern dieses Flusses die dort ansässigen Menschen Holzkohle gebrannt haben, um diese an die Schiffer zu verkaufen. Sie waren die Köhlern.

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das Wasser

Oft sind die Flüsse der Ursprung einer Stadt. Das Wasser, das irgendwo aus einer Quelle sprudelt, findet seinen Weg zum Meer, ein kleines Rinnsal wird immer größer, es gräbt sich durch die Landschaft. Es formt die Landschaft.

Durch das Wasser entstehen die Täler, und somit auch die Hänge. Die kalten Nordhänge, mit spärlicher, schroffer Vegetation. Die verwöhnten Südhänge am Fluss, mit dem richtigen Boden für Wein. Falls Sie fruchtbaren Kalkboden antreffen, können Sie versuchen, Pinot Noir anzubauen. Eine hochempfindliche Beere, dünnhäutig und wählerisch. Sehr variabel, je nach Boden, Mikroklima, Lagerung, Verarbeitung. Jedes Detail entscheidet mit, ob Ihr Pinot vollmündig samtig oder streng sauer wird. Und lagern Sie ihn nicht für später, sparen Sie ihn nicht für eine bessere Gelegenheit auf, dieser Wein verliert seinen Charme, wenn er zu lange liegt.

Wollen sie Champagner? Dann brauchen Sie 38% der Pinot Noir Rebe. Der Rest in diesem Verschnitt ist Chardonnay und Schwarzriesling. Wenn sie die roten Trauben ohne Schale gären lassen, wird der Schaumwein weiß. Am besten, Sie fahren mal nach Frankreich, in die Champagner-Gegend, und lassen sich alles genau erklären. Besuchen Sie einige Weingüter und seien Sie überrascht über die Vielfalt der Aromen, lassen Sie sich auf ein prickelndes Abenteuer ein.

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