Wie Kunst entsteht

Heute morgen scheint die Sonne. Es ist ein Feiertag, und es gehört sich so, dass man erst gegen Mittag aus dem Haus geht. Die Straßen sind immer noch leer, ab und zu kommt ein entspanntes Auto vorbei. An der Alster flanieren Gruppen von Leuten, sie fotografieren das Wasser und die Fontäne. Ich fahre zur Kunsthalle, will Rembrandt gucken, er ist morgen genau 350 Jahre tot.

Ich stecke die Tasche und den Mantel in ein Schließfach, merke, dass ich meine Brille vergessen habe. Ich habe aber das Ticket schon, was mache ich denn jetzt? Ich werde wohl an jedes Gemälde ziemlich nah dran gehen müssen. Bei einigen geht das, da sieht man die Pinselstriche und mit der Nase fast gegen das Tuch entdeckt man die Genialität. Es gibt aber auch Gemälde, die kann man nicht gut aus der Nähe betrachten, sie sind zu wild. Sie sehen von ganz nah genau so aus wie wenn ich sie ohne Brille sehe. Wie Fontainebleau von Monet. 

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Tanzende Türme

Sie sehen mich an und lächeln, die Augen leuchten auf. Ob sie eine Geschichte für mich haben? Klar, sie sind voller Geschichten. Sie erleben schräge Dinge, sind oft nacht unterwegs, sie arbeiten auf den Bühnen der Welt. Auf den größten Kreuzfahrtschiffen der Welt haben sie ihre Shows, sie fahren kreuz und total quer über die internationalen Gewässer. Ich bitte sie, ihren Namen und Künstlernamen jeweils in mein Buch zu schreiben. Die eine Schrift ist noch schöner als die andere. Seit der Grundschule hätten sie nicht mehr mit Füller geschrieben aber sie haben den Dreh immer noch raus.

Hier sitzen, in der Hausbar des Schmidt-Theaters, strahlend, ausgeschlafen, stolz und ein wenig abgedreht: Fanny Fantastic, Gloria Glamour, Sarah Barelly und Fanny Davis. 

Ich sehe diese Künstlerinnen an, sie sind schön. Auch wenn sie nicht geschminkt sind, gerade nicht auftreten, teilweise einen Bart haben. Sie sind zurückhaltend, zuvorkommend und laden mich ins Pulverfass ein. Fanny Fantastic will meine High Heels kaufen. Die mit der roten Sohle. Ich denke ja, das würde passen. Sie soll sie mal anprobieren, ich bringe sie ihr nächstes Mal mit. Gloria sagt, sie lässt sich ihre Schuhe in Italien speziell anfertigen, zum Beispiel diese orangefarbenen, denn sie ist schon eine sehr starke Frau und hat große Füße, normale Stilettos wären richtig gefährlich. Sie lacht und zeigt mir auch ihr Weihnachtskostüm. Es ist mein letzter Tag im Schmidt-Theater, ich sehe mir kopfschüttelnd meine schrille Gesellschaft an, gehe raus. Es hat gerade aufgehört zu regnen, ein Regenbogen streckt sich über die Tanzenden Türme.

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Locker bleiben!

Es ist Samstagmorgen, ich überlege, mich auf den alten Holzboden meines Zimmers hinzulegen und die Bauchmuskeln zu trainieren. Sie wissen ja, wenn man die Mitte stärkt, gewinnt man an Lebenslust, Selbstwertgefühl und Stabilität, man strahlt Kraft und Eleganz aus und ist für jede Situation gerüstet, aber ich habe keine Lust.

Die Sonne scheint, ich steige auf das Fahrrad und rolle Richtung Stadt. Ein Mensch auf einem schwarzen Chromrad fährt plötzlich neben mir. Er sieht sich mein Rad an, eigentlich Janas Rad, grinst mitleidig. “Muss mal in die Inspektion”, sagt er und fährt eine ganze Weile neben mir, auch wenn sein Rad eindeutig für andere Geschwindigkeiten entworfen ist. Durch die getönte Sportbrille, den Helm und das Tuch kann ich nur 2 cm Gesicht erkennen, an den Zähnen kann ich sehen, dass er um die 60 ist. Er sagt, dass er immer mit dem Rad zur Arbeit fährt, er kann ja im Büro duschen, Hamburg wäre eine echte Fahrradstadt. Ja, das finde ich auch. Man fühlt sich sicher. Etwas an ihm warnt mich, bei der roten Ampel anzuhalten, auch wenn kein Verkehr kommt.

In der Caffamacherreihe biegt er links ab, also doch. Ein sportlicher, gut gelaunter Polizist, der am Samstag Dienst hat und mich mit Sonnebrille und in Zivil durch die Stadt begleitet.

Am Rathaus sind sehr viele Leute, es sind Klimawochen, überall kommen Busse mit noch mehr Menschen, alles wuselt durch die Stadt, ich entscheide, weiterzufahren, an der Alster vorbei, am Park vorbei, wieder zu meiner Wohnung. Ich ziehe mich um und gehe ins Schmidt-Theater. Mal sehen, was dort im Wochenende so los ist.

Vor der Tür steht eine Menschenmasse. Da ich meine Brille nicht aufhabe, erkenne ich von weitem nicht, dass sie alle irgendwie ähnlich aussehen, denke, hier ist ein Schulausflug. Ich bitte die Schüler, mich durchzulassen. Ich wundere mich, dass sie sich ziemlich unflexibel bewegen, wenn ich mich vorbeischlängele, nicht unfreundlich, aber ihre Bewegungen sind irgendwie umständlich. Im Theater erfahre ich, dass es eine geschlossene Gesellschaft ist, 460 Bodybuilder. Aha. René nennt es eine Buildungsreise.

Drei Weltmeister auf der Bühne, Fotografen, Filmteam, Proteine. Proteine in allen Farben und Formen, Shakes, Pudding, Waffeln (mit Salty Caramel oder Schokolade, ohne Zucker), Süßigkeiten, Avocadobrote. Christian gibt mir seine Visitenkarte, Fitmart, der Sponsor. Er nimmt mir den Mantel ab, begleitet mich durch die Räume, erklärt mir freundlich, wer diese Schränke sind, die dort posieren, Weltmeister, und bittet mich, zu bleiben. Ich bekomme einen Sitzplatz ganz vorne im Theater.

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37 km

Wieso habe ich es jetzt erst getan?

Ich bin einem Käfig, die Tür schließt sich, ich bin eingesperrt. Es geht schnell runter, bis unters Wasser. Dann öffnet sich der Käfig wieder und ich sehe etwas unfassbar Schönes. Mysteriös, im sanften Licht streckt sich ein Tunnel vor mir aus, die Kacheln an der Wand schimmern, als wären sie nass. Ich sollte noch mal hinter mir schauen, sehen, wo ich herkomme, wie ich nachher wieder herausfinden kann, aber die Weite zieht mich an, ich bin wehrlos, werde in den Tunnel eingesaugt. Ich steige auf das Fahrrad und fahre so schnell ich kann geradeaus, auch wenn ich aus dem Augenwinkel gesehen habe, dass max. 10 km/h erlaubt sind. Ich kann nicht anders. Es ist wunderschön, es macht Spaß, ich bin im Film.

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Elbstrand

Heute bin ich aufgewacht und es regnete. Ich habe tief geschlafen, bleibe noch eine Weile liegen, gucke durchs Fenster. Da es im Vorwerkstift keine Vorhänge gibt, weiß ich, wie spät es ungefähr ist. Es gibt sehr viele Grauzonen. 50 shades of morninglight. Dieses Grau jetzt gerade ist relativ hell. Bestimmt schon 8:30.

Der Mittag ist regnerisch und der Abend auch. Das Grau hat sich über die Stadt gelegt, es fahren viele Autos. Das verändert die Energie. Bei Sonnenschein fahren viel mehr Fahrräder und Roller, die Bewegungen sind kleiner und wendiger, die Farben wechseln schneller, die Geräusche sind feiner und höher. Man hört Stimmen, man hört Leute lachen und rufen.

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Herbstb-rainstorm

Ich warte auf einen Tag, an dem ich zum Strand gehen kann. Nicht zum Nordseestrand, ich will nach Övelgönne. Ich warte auf Regen, auf Herbst, es gibt nichts schöneres als Strand und Herbst und Regen.

Haben Sie schon mal einen Kuss bekommen von jemanden, der mindestens eine halbe Stunde durch den Herbstregen gerannt ist, oder radgefahren? Von jemanden, der rote Backen hat, außer Atem ist und ganz durchnässt? Das liebe ich. Diesen Geruch.

Ich hoffe, ihn am Strand von Övelgönne zu finden, denn ich möchte keinen fragen, für mich eine halbe Stunde durch den Regen zu rennen, bis er außer Atem ist, um mich dann zu küssen. Wie soll man das erklären? Ich kann natürlich selber radfahren, schnell und leicht durch die Stadt, es soll sogar einen Wald geben in Hamburg. Den werde ich mal suchen, vielleicht finde ich dort den Geruch, der mir so gefällt. Ich stelle mir eine Böschung vor, einige mickrigen Akazien, Holunder, Ahornbäume und vielleicht drei dünngliedrige Birken.

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Flying P

Es ist Donnerstag 9:30 und im Café Paris formt sich die erste Schlange, alle hätten gerne Frühstück. Petit déjeuner. Es ist nicht so, dass das der einzige Ort in der Innenstadt ist, wo man ein gutes Frühstück bekommt, aber ich kenne nicht viele Établissements, in denen man sich so willkommen fühlt. Man geht hinein. Wartet kurz. Man wird abgeholt und an einen Tisch begleitet. Der Mantel wird aufgehängt, der erste Kaffee ist sofort da. Die Zeitungen liegen aus. Man wird freundlich  begrüßt.

Finden Sie das altmodisch? Ich nicht, ich finde das gut. Ich liebe es, wenn man sich um mich kümmert, nach mir guckt, mir einen Kaffee bringt.

Aber es ist Donnerstag und heute brauche ich kein Frühstück, ich stelle  mich nicht in Schlangen. Heute werde ich meiner Tochter einen Paternosteraufzug zeigen. Wenn man Paternoster fahren will, muss man sich zügig entscheiden, man darf nicht verweilen. Die Maschine hält nicht an, nie! Die Arme gehören steif neben dem Körper, bei Ausstrecken gibt es Verletzungsgefahr. Außerdem ist es gut, wenn man ein Gefühl für Gleichgewicht hat. 

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Speichern!

Die Speicherstadt hat eigene Gesetze.

Der offenporige Backstein nimmt alles auf, die Geschichten, die Eindrücke, Regen, Wind, Nebel, er gibt nichts wieder ab. Langsam sättigt er sich.

Bis er die ganze Welt gespeichert hat.

Dieses Gebiet wurde für den Handel gebaut, die Wasseradern brachten Güter aus allen Kontinenten. Es kamen fremde Aromen, exotische Stoffe, endlose Geschichten. Sie wurden auf der einen Seite der Gebäude von der finsteren, spiegelglatten Wasseroberfläche mit einer geschickten Bewegung hinein gezogen, so als würde jemand drinnen sitzen und angeln. An der anderen Seite wurden sie schwerfällig wieder rausgelassen. Dunkle Wagen warteten dort auf dem unebenen Kopfsteinpflaster um später mühsam und holperig mit der schweren Ladung wegzufahren.

Die Produkte haben kein bestimmtes Gewicht, keinen festen Klang. Auf dem Wasser sind sie ganz leicht und leise, sie gleiten dahin, aber auf dem Kopfsteinpflaster sind sie schwer und laut, sie poltern durch die Nacht.

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Das Spiel

“Hier wird richtig was los sein heute Abend” sagt er mir, und seine Kumpels bestätigen das. “Wir erwarten sehr viele Gäste, und ein richtiges Feuerwerk. Wir werden sie gut empfangen, alles ist bereit. Man wird die Gäste bis zum Spiel begleiten”.

Das hört sich ziemlich gastfreundlich an, denke ich. Ich sehe die sechs Männer an. Sie sind in Uniform, orange. Sie machen sauber im Karo-Viertel, alles soll bereit sein für das große Fußballfest.

“Es gibt keinen Alkoholverbot heute im Stadion” sagen sie. “Es wird richtig Randale geben”. Sie stehen in der Morgensonne und leuchten, sind gut gelaunt. Sie sind damit einverstanden, dass wir einige Fotos mit ihnen machen.

Nachmittags gehe ich mal gucken, was so am Stadion los ist, ob das Fest schon angefangen hat. Hubschrauber kreisen über meinen Kopf und Polizeiwagen reihen sich auf, es stehen gepanzerte Fahrzeuge für den Einsatz bereit. Die Mädels und Jungs in blauer Uniform haben beindruckende Schienbeinschoner an, Schutzwesten, Helme. Ich dachte, es gäbe ein Fußballspiel hier. Und das mit BFE Plus?

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Äpfel klauen

Ich war im Theaterstück “Tschüssikowski”. Ich bin dahin mit dem Fahrrad, in einem heftigen Regenschauer über den Kiez, mit Gummistiefeln und einem Regenmantel an. In der Garderobe des Schmidt-Theaters konnte ich mich umziehen.

Ich weiß, der Titel hört sich total bescheuert an.

Aber das Stück war richtig gut. Es fing auch im strömenden Regen an, ich dachte kurz, ich sollte wieder meine Gummistiefel anziehen.

Das Thema des Stückes ist einfach, die Umsetzung von höchster Professionalität. Die Musik macht richtig gute Laune, die Tänzer sind sexy und das Spiel schnell, die Schauspieler haben mehrmals die Rollen gewechselt und sind völlig überzeugend in immer anderen Outfits gekommen, sie wurden sogar zum Tier auf der Bühne.

Man fühlt sich als Publikum ernst genommen, wenn die höchste Qualität geboten wird, wenn jeder mitten in diesem rasanten Stück voll dabei sein kann.

Da ich nie so richtig verstehe, wie das mit der Musik und den Texten, mit dem Licht und den Nebelschwaden alles so klappt, bin ich hochgegangen und habe bei den Technikern geschaut, ob sie alles im Griff haben. Hier entsteht die Magie!

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