Segel entfalten

Der Verein, für den sie arbeite, meint Frau Dr. Schütz am Telefon, könne das Projekt kaum unterstützen. Nein, sagt sie, sie sähe keine Verbindung zu der Art von Projekten, die sonst gefördert werden. Der Verein kümmere sich um Dialog und Verständigung, engagiere sich für den internationalen Austausch. Flüchtlinge und so. Aber Stadtschreiber? Aus Antwerpen?

Ich habe im Internet gelesen, dass sie ihr Doktorat über Thomas Mann geschrieben hat, und antworte ihr, dass die Hauptperson aus der Geschichte des Zauberbergs, Hans Castorp, nur für einen kurzen Besuch in das Sanatorium wollte, dort letztendlich aber sieben Jahre verbrachte. So kann es anders laufen, als man denkt.

Frau Dr. Schütz überlegt kurz, sagt, sie höre sich mal um. Sie ist aber gerade in etwas anderes verstrickt und darf sich nicht ablenken lassen. Das hört sich eher wie Kafka an. Ich verwerfe diesen Gedanken sofort wieder, er verwirrt nur.

Sie redet, wie ein Schiff durch die Wellen schneidet, schnell, geradeaus, die Segel voller Wind.

Die Geschichte des Zauberbergs handelt von der Zeit. Die Zeit im Flachland ist zusammengeballt und hart, sie rollt fest und mit hoher Geschwindigkeit durch die Blutgefäße des pulsierenden Lebens. Die Menschen gehen zur Schule, zur Ausbildung, sie arbeiten und versorgen ihre Familien, es bleibt wenig Raum für Müßiggang.

Die Zeit in den Bergen dagegen ist unendlich, weiß wie Schnee, sie legt sich träge und gedämpft über die Dinge. Hier kennt man keine Eile, die Zeit verläuft monoton und wird nur von einer gewissen Routine geformt.

Die Hauptperson der Geschichte ist ein junger, gesunder Mann aus Hamburg, der Schiffsbauer werden wollte. Bevor er mit der Ausbildung anfängt, besucht er seinen Cousin, der eine Kur in den Bergen macht. Dort angekommen betritt er eine andere Welt. Die Bewohner des Sanatoriums, im dem der Cousin sich aufhält, sind skurril, blass und entrückt. Sie verbringen ihre Zeit mit immer den gleichen Handlungen und Ritualen. Sie haben ein leichtes, vornehmes Fieber.

Das Leben im Flachland scheint unwirklich weit weg.

Der junge Hans Castorp wäre vielleicht doch besser Schiffsbauer geworden, statt sieben Jahre in einem Sanatorium herumzusitzen und dabei immer schwächer zu werden.

Ich bin im Hafenmuseum auf dem Kleinen Grasbrook und schaue mir die Peking an. Ein 115 Meter langer Viermaster aus Stahl, bestellt von der Reederei Laeisz, gebaut bei Blohm & Voss. Sie ist am 25. Februar 1911 vom Stapel gelaufen, inflationsbereinigt hat sie 3,8 Millionen Euro gekostet. Sie wurde jetzt gerade für das Zehnfache originalgetreu restauriert. Das heißt, nur außen herum, innen ist sie hohl. Vielleicht gibt es irgendwann Zuschüsse für den Innenausbau, sodass man ihn auch noch fertigstellen kann.

Auch wenn dieser schnelle Frachtsegler gebaut wurde, um Vogelkot zu transportieren, ist er elegant und schön.

Die Peking ist nach Argentinien gefahren, um Salpeter zu laden. Sie brauchte nur 70 Tage für den Hin- und Rückweg, zweimal um das Kap Hoorn herum. Damit war sie schneller als ein Dampfschiff. Die 32 Segel hatten eine Gesamtoberfläche von 4.100 Quadratmetern, es war, als könne sie fliegen.

Ich spreche mit einem Museumsmitarbeiter, einem hageren kleinen Mann um die 70. Er arbeitet hier ehrenamtlich und kennt sich mit Schiffen aus. Er zeigt mir einen alten Hafenkran und meint, ich sollte mir mal anschauen, wo die Kohle geschaufelt wurde, von einem Lagerplatz in den Ofen hinein. Eine unfassbar schwere Arbeit. Dann vielleicht doch lieber segeln und auf Dampfmaschinen verzichten. Oben an Deck Seeluft atmen.

Man kann die Lunge mit frischer Luft füllen, so den Körper stärken und den Geist erfrischen. Man kann mit weit entfalteten Segeln um die Welt reisen. Das pulsierende Leben. Aber im Moment laufen wir noch mit Mund- Nasenschutz herum, wir bewegen uns in sehr kleinen Kreisen. Wir tauschen kaum noch etwas untereinander aus.

Was hätten die Personen aus dem Sanatorium dazu gesagt?

Es dauert sieben Jahre, bis eine neue Krankheit überwunden ist. Vielleicht ahnte Thomas Mann, der Kaufmannssohn aus Lübeck, schon etwas von Covid-19. Vielleicht wollte er uns mit seiner Geschichte der sieben Jahre im Sanatorium einfach nur warnen.

Dann wäre die weiße Welt in den Bergen ein Symbol für die coronabefallene Lunge.

Ich blicke über die Elbe.

Wenn wir geboren werden, entfalten sich die Lungen wie Segel. Wenn wir sterben, klappen sie wieder zusammen. Gesunde Lungen haben eine Gesamtoberfläche von bis zu 100 Quadratmetern, eine große Angriffsfläche für ein Virus. Bei einer Covid-19-Infektion verwandelt die dunkle Masse der Lunge sich auf den Röntgenaufnahmen in eine weiße, schneebedeckte Landschaft.

Man sollte auf die Lungen gut aufpassen. Sich hinstellen, die Gesichtsmaske abnehmen, wenn man alleine ist, und tief durchatmen. Vielleicht im Jenisch-Park, dort ist es schön, vor allem jetzt im Herbst, wenn die Sonne tief steht und die alten Buchen golden aufleuchten.

Tief atmen. Die Lungen befreien. Die inneren Segel entfalten.

Überhaupt die Liebe

Die Geschichte, mit der ich 2019 das Stipendium Hamburger Gast gewonnen hatte, handelt unter anderem von einem Aal.

Träge und allwissend ist er durch den Schlamm eines Binnengewässers mitten in der Stadt geschwommen. Jahrelang hat er still beobachtet, was in der Stadt passiert. Er musste aufpassen, dass er nicht gefangen wurde und mit Aprikosen und Backpflaumen in die Suppe landete, denn er war schon einige Zeit in Europa und hatte sich bereits viel Fett angefressen. Er hatte aber noch einiges mit seinem Leben vor, er wollte noch eine Fernreise machen und sich fortpflanzen, bevor er sterben würde.

Wenn er an einer natürlichen Todesursache stirbt, stirbt ein Aal nie fettleibig. Auch wenn es Zeiten gibt, an denen 30 Prozent seines Körpergewichts pures Fett ist, verendet er immer erschöpft und ausgehungert nach dem Sex in den Bahamas.

Viele Jahrhunderte lang haben die Menschen gerätselt, wo der Aal herkam. Aristoteles behauptete, er wurde aus Schlamm geboren. Inzwischen wissen wir, dass in den Bahamas sein Leben anfängt. Von dort aus schwimmt er als Larve Richtung Europa, er lässt sich nicht nur passiv vom Golfstrom treiben, wie manche unverschämterweise behaupten. Nach einer Reise von etwa drei Jahren kommen die Larven in Europa an, verändern sich in Aal und wechseln vom Salzwasser ins Süßwasser. Durch die Flüsse schwimmen sie in die Binnengewässer hinein, wo sie weiter wachsen und sich entwickeln, sie werden bis zu 6 Kilo schwer.

Und dann geschieht das Unglaubliche: Nach einigen fetten und trägen Jahren in Europa machen sie sich auf den Weg zurück zu ihrem Geburtsort. Sie schwimmen wieder durch die Flüsse in das Meer hinein und gegen den Golfstrom zurück in die Bahamas. Diese Reise von 5.000 Kilometern unternehmen sie, ohne zu fressen. Sie leben vom Eigenfett, das sie sich in Europa zugelegt haben. Wenn sie an ihrem Geburtsort angekommen sind, hat sich der Verdauungstrakt komplett zurückgebildet. Der Geschlechtstrakt bildet sich zugleich aus, die Aale paaren sich. Niemand hat jemals beobachten können, wie das genau geht. Es ist eins der unerforschten Geheimnisse der Natur, das vielleicht nie entschlüsselt wird.

Es soll sich jedoch lohnen, denn wieso sonst nimmt man so eine lange und anstrengende Reise auf sich. Der Laich wird in ca. 2.000 Metern Tiefe abgelegt, die Tiere haben nun die letzten Kräfte aufgebraucht und sterben. Die neuen Larven schlüpfen, richten sich, wie die Generationen vor ihnen, nach dem Erdmagnetismus und nehmen die Reise Richtung Europa auf.

In Gefangenschaft kann ein Aal bis weit über 100 Jahre alt werden. Er ist dann besonnen, träge und ohne Geschlechtsorgane unterwegs, ernährt sich von Würmern und Schnecken. Ob das der Schlüssel zu einem langen Leben ist?

Der berühmte Fischmarkt von St. Pauli darf ab Ende Oktober wieder öffnen. Um die Gefahr der Corona-Pandemie einzudämmen, darf jedoch nicht laut herumgeschrien werden, Dieter! Die betrunkenen Pinneberger und Nachtschwärmer der Reeperbahn und des Schanzenviertels sollen entmutigt werden, bei Tagesanbruch zum Fischmarkt zu torkeln und sich dort zu versammeln, es darf kein unübersichtliches Chaos entstehen.

Der Fischmarkt darf demnächst am Sonntagmorgen also nur von 11:00 Uhr bis 15:00 Uhr stattfinden, entscheidet die Bezirksleiterin. Ein politisch korrekter Fischmarkt soll es werden, die Besucher sollen dort, Kaffee und Kuchen mit Abstand zu sich nehmen.

Die Aale sind bedroht, sie sind dabei auszusterben. Die Weltmeere sind verschmutzt, und die Überfischung findet ca. 100 km vor Europas Küsten statt. Die ankommenden Jungtiere haben die lange Reise geschafft und entwickeln sich dort von Larven in Glasaale, sie machen sich bereit, das Salzwasser zu verlassen. In dieser Phase werden sie als Delikatesse betrachtet, sie laufen große Gefahr, eingefangen und nach Asien abtransportiert zu werden.

Wir werden vielleicht nie herausfinden, wie sie sich paaren. Aber sie werden sich immer wieder auf die Reise machen, sie werden zweimal im Leben die unfassbaren 5.000 Kilometer auf sich nehmen, die Hinreise als Larve und die Rückreise als ausgewachsenes Tier. Nur um sich zu lieben.

Und die Menschen? Mit Kontaktsperre und Mundschutz ist es nicht einfach, sich kennenzulernen. Bei Kaffee und Kuchen gelingt es oft nicht, die zwischenmenschliche Hürde zu überwinden. Wir werden uns etwas einfallen lassen müssen.

Wir sitzen um die Mittagszeit nachdenklich auf dem Fischmarkt mit Sicht auf die Elbe, an desinfizierten Tischen. Wir lassen hoffnungsvoll all unsere Daten dort, Name, Telefonnummer, verfügbare Zeiten. Wir unterhalten uns hinter der Maske, lächeln vielleicht, oder sind das doch nur die Falten?

Wir träumen von Fernreisen, vielleicht in die Karibik, wir träumen von Sportevents, fit sein, Fett abbauen, ein fernes Ziel setzen und etwas dafür tun, überhaupt wieder Ziele haben zu dürfen. Wir träumen von der Liebe, wir träumen einfach so vor uns hin.

Coronakonform

Vielleicht können wir einen Schreibtisch für Ihr Projekt organisieren, das muss ich erst mal bei uns intern ventilieren, sagt Herr Schmitt, als ich mich mit ihm am Telefon über Stadtschreiberin unterhalte. Ventilieren, zögere ich, was ist das? Es hört sich so wie ventriloquist an, die englische Bezeichnung für Bauchredner, ob er das meint? Kann er das denn, bauchreden?

Herr Schmitt sagt zunächst nichts, es gibt eine Stille am Telefon. Dann meint er, dafür müsse man bestimmt Talent haben, er habe es noch nicht versucht, könne sich aber auch nicht vorstellen, dass er es kann.

Auf YouTube kann man sich Tutorials ansehen, zum Beispiel von Jeff Dunham, er spielt  Achmed The Dead Terrorist. So kann man lernen, wie es geht, aber ich habe es ihm nicht vorgeschlagen.

Vielleicht hängt es vom Bauch ab, versuche ich.

Da hätte ich aber gute Chancen, antwortet er und lacht.

Coronavorrat?

Ja, da müsse er dringend etwas dagegen tun.

Vielleicht, überlege ich mir, könnte man damit arbeiten. Er soll mal anfangen zu üben, ich kann demnächst Bauchredner beim Projekt der Stadtschreiberin auftreten lassen, vielleicht statt einer normalen Lesung.

Denn gibt es überhaupt eine Unterhaltungsform, die mehr coronakonform ist?

Er überlegt kurz. Stimmt, findet er auch, keine infektiösen Aerosole. Theater und Gesang ohne die notwendige Plexiglastrennwand. Kein Mund- und Nasenschutz, keine zusätzlichen Abzugsvorrichtungen im Theater, kein Publikum, das nur einsam in weiter Ferne sitzen darf. Ein Publikum hautnah, zum Anfassen, oder fast, nur anderthalb Meter weg. Die Lösung für die Theaterwelt. Bauchreden. Ganzkörpertraining.

Ich freue mich über das informative Gespräch und darüber, Herrn Schmitt demnächst zu besuchen, um den möglichen Schreibort anzuschauen. Der Verlag, in dem er arbeitet, befindet sich in einem der schönsten Häuser der Stadt. Ein Schreibplatz dort wäre großartig.

Awful Coffee

Ich trinke Jasmintee, höre Awful Coffee von John Scofield. Gleich muss ich zum Zahnarzt, Wurzelbehandlung, und ja, ich kenne die Gefahren. Erscheinungen wie Müdigkeit, schlechte Laune, psychische Störungen, alles kann auf Entzündungsherde, die nach einer Wurzelbehandlung entstehen, zurückzuführen sein. Heilpraktiker fragen meistens als Erstes: „Haben Sie wurzelbehandelte Zähne?“ Wenn die Antwort ja lautet, ist man vielleicht selber schuld an seinem Leiden.

Ich habe einen sympathischen Zahnarzt, der sich auf zahnerhaltende Maßnahmen spezialisiert und mich ausführlich beraten hat.

Ich trinke also keinen Kaffee vorher, denn ich will einen angenehmen Atem haben, nach Jasmin duftend. Vielleicht hilft das ja. Ich verspüre Herzrasen.  Morgens um acht auf der Liege, auf dem Rücken mit aufgespreiztem Mund, Kofferdam und Haken in den Mundwinkeln, bin ich keine Heldin –was Kofferdam ist? Wikipedia: korrekt Cofferdam von englisch coffer ‚wasserdichte Struktur‘, ‚Verkleidung‘ (im Schiffsbau) und dam ‚Deich‘, ‚Dämmung‘, auch Rubberdam (…)zur Abschirmung des zu behandelnden Zahns vom restlichen Mundraum, insbesondere bei einer Wurzelkanalbehandlung.

Der Zahnarzt und die Assistentin beugen sich mit Lupe, Mikroskop, Pro-Glider und unglaublich feinen Instrumenten über mich, ich schließe die Augen, bleibe regungslos liegen, denke an Hamburg, an Wasser, Freiheit, Schiffe. Die Betäubung ist toll. Einige Stunden gehen vorbei. Zum Glück bespielt dieser Zahnarzt mich nicht mit Vogelgezwitscher und Bachrauschen, das wäre jetzt zu viel. Ich will nach Jazzmusik von Thelonious Monk fragen, aber ich kann den Namen gerade nicht gut aussprechen.

Nach der Behandlung gehe ich langsam und ein bisschen schummrig zu Folke. So heißt die Ehefrau des Zahnarztes, sie sitzt in ihrer frisch-fröhlichen Art am Empfang und hat gute Laune. Die Sympathie in Person. Folke, sag ich, dein Mann weiß, was er tut. Ich habe es mir viel schlimmer vorgestellt. Sie lacht. Der Peter liebt das. Wurzelbehandlungen sind seine Leidenschaft. Nun ja, denke ich. Nun ja. Ich will noch etwas Schlaues sagen, aber mir fällt nichts ein, ich bin noch zu leicht im Kopf, verabschiede mich. Bis in zwei Wochen.

Abends telefoniere ich mit meiner Tochter Sophie, sie segelt gerade im Norden von Norwegen, um die Inseln dort von Müll zu befreien. An einem Tag sammeln sie und der Rest der Besatzung bis zu 3 Tonnen angespülten Unrat ein. Der Verein, mit dem sie unterwegs ist, heißt in the same boat. Wenn Sturm ist, können sie nicht rausfahren, dann sitzen sie unter Deck und stricken oder kochen. Es gibt oft Sturm, und es ist kalt im Norden, jetzt in der Septembersonne nicht mehr als 10 Grad.

Das ist die neue Generation. Sie säubert die Ozeane und strickt. Sie trinkt Tee und backt ihr eigenes Brot. Ist das die Rebellion? Ich habe das Gefühl, dass die Vergangenheit mich einholt. Meine Mutter ist die beste Strickerin der Welt. Meine ganze Kindheit trug ich selbstgestrickte Pullover. Sie gingen nicht kaputt, nie. Sie wurden von Kind zu Kind weitergereicht, und dann zu den Verwandten nach Schottland verschickt. Es gibt sie immer noch, unverwüstlich lagern sie irgendwo in einer Kiste, die Pullis. In vielen Kisten. Und nach einem halben Jahrhundert pieksen sie immer noch am Hals.

Ich überlege, was Sophie auf dem Schiff gerade strickt, in welchen Farben (ich kann’s mir vorstellen, Backstein, Erde und Schlamm), und was ich zu Weihnachten geschenkt bekommen werde.

Spätsommer in Norwegen

Über Weihnachten rede ich am nächsten Tag mit einer Lerngruppe aus der Eifel. Sie sind zwischen 60 und 75 Jahre, und ich war ihre Englischlehrerin im Samstagsunterricht. Es ist ein warmer Spätsommertag, wir treffen uns in einer Gaststätte im tiefen Wald. Die Landschaft ist felsig, die Wege sind sehr steil, es stehen unheimliche Tannen auf den Hängen und stattliche Buchen in den Tälern. Kein Verkehr ist zu hören, eine Gruppe Mountainbiker sitzt an einem langen Holztisch, sie trinken Weizenbier und unterhalten sich laut und voller Begeisterung über die fabelhaften Abfahrten. Die Sonne verschwindet schon hinter den hohen Bäumen, es wird plötzlich ziemlich kühl. Die Rur fließt an der Terrasse entlang, die Bäume rauschen, die Vögel zwitschern. Ich kann aber nicht sagen, welche es sind, ein Specht ist nicht dabei.

Hier geht das, Vogelgezwitscher und Bachrauschen. Ohne Zahnschmerzen kann man das ertragen. Der Kaffee schmeckt schrecklich.

Die Englischgruppe hat mich letztes Jahr in Hamburg besucht, als ich Stadtschreiberin war. Es war ein wildes Wochenende, sie haben bei der Alsterrundfahrt um Tickets gefeilscht, indem sie darauf bestanden haben, eine Rentnertruppe zu sein und somit rabattfähig, obwohl mehr als die Hälfte von ihnen noch mitten im Berufsleben steht. Sie haben so clever gehandelt, dass sie nicht nur die Bootsfahrt, sondern auch noch eine Stadtrundfahrt mit dem Bus zum Sonderpreis bekommen haben.

Das Lokal, in dem wir uns befinden, war früher eine Disco, erzählen sie mir. Dort ist man hingelaufen, stundenlang durch den dunklen Wald. Klar, manchmal traf man einen komischen Vogel unterwegs. Wo es das nächste Telefon gab? Dort, wo man auch einkaufen konnte, ein bis zwei pro Dorf. Eine der Damen sieht mich verwundert an. Wir wollten Spaß haben und tanzen, doch nicht telefonieren.

Ich merke noch ein Ziehen im Mund, will aber das Thema Zahnmedizin nicht zur Sprache bringen, damit kann ich hier am Tisch nicht gewinnen. Ich werde bestimmt sofort übertrumpft.

Ich sehe in die Runde. Wald, Feld, Disco. Keine Anrufe, keine Chats unterwegs, keine Rechtfertigungen, nichts, das verpasst wird. Keine Fotos. Der Moment an sich. Improvisieren, wenn etwas schiefläuft.

Vor langer Zeit haben sie hier gefeiert, sie sind unter einem weiten Sternenhimmel nach Hause gelaufen, die steilen Berghänge hoch, durch die endlosen Wälder, mit Herzrasen und Bachrauschen. Berauscht. Vom Tanzen.

Es wird immer kühler, das Gespräch handelt jetzt von Weihnachten und davon, dass Anfang September bei 34 Grad die Lebkuchen bei den Discountern liegen. Tagsüber kann man sich Weihnachten überhaupt nicht vorstellen, aber sobald die Dämmerung fällt und die Kälte aus den Gewässern hochkriecht, schon, vor allem in der Eifel im düsteren Tannenwald. Wir reden darüber, wie der weiße Glühwein besser schmeckt als der rote, aber nur, wenn er vom Winzer kommt. Ein Nachtvogel schreit lange und schrill.

Ich habe keine Socken an und friere, dort auf der Terrasse an der Rur. Eine der Damen leiht mir ihre Jacke, die ich um die Beine schlage. Ich denke an meine Tochter und meine Mutter, die nie frieren. Hier in der Kälte hätten sie garantiert Wollsocken dabei, und einen Schal.

Auch wenn sie nie die Musik von John Scofield hören, und schon mal gar nicht die Klänge von Thelonious Monk, kennen sie jeden Vogel.

http://www.dr-dolezel.de/behandlungen.html

in the same boat

Ideen sammeln

Auf dem Weg nach Harburg steige ich in Hammerbrook aus. Es ist 12:00 h, und ich habe Lust auf guten Kaffee. Auf einen Hammerkaffee, Sie wissen schon. Maya! Mein Herz schlägt schon schneller, als ich merke, dass sich noch keine Schlange vor dem Geschäft gebildet hat. Es ist fast Zeit für die Mittagspause, und hier gibt es sehr viele Büros, aber gerade geht es. Ich gehe hinein, schließe die Augen, atme den Duft des Kaffeeröstens ein, bekomme eine Tasse voller Glück. Ich sehe die freundlichen Mitarbeiter an, kaufe noch ein Franzbrötchen mit Schokolade und setze mich auf einen Stuhl aus Kaffeesäcken.

Was will man mehr?

Ich sehe zu, wie die Bohnen – oder Kirschen? – frisch geröstet und noch warm eingepackt werden. Es riecht hier gut, ich könnte hier sehr lange sitzen bleiben.

Aber ich bin auf dem Weg nach Harburg, trinke den letzten Tropfen Kaffee, steige wieder in die S-Bahn und fahre über die eleganten Elbbrücken in den Südhafen.

Später habe ich einen Termin mit dem Vorstand der Kulturwerkstatt, aber es bleibt noch einen ganzen Nachmittag Zeit. Ich laufe durch den Hafen von Harburg. Ich habe gehört, dass Hamburg diesen Bezirk ziemlich stiefmütterlich behandelt. Richtig so. Denn wer will schon auf die verwöhnte leibliche Tochter des Kaiserkais treffen? Auf die hochnäsige Schwester der HafenCity? Ich stelle sie mir elegant und schick vor, in Businesskostüm und ökologisch korrekten Sandalen. So geht es hier nicht. Hier ist es ganz anders.

Harburg, du wildes, rebellisches Stiefkind. Unangepasst, frei, originell, unberechenbar.

Harburg ist Lederjacke, kaputte Jeans, Turnschuhe. Zigarette im Mund, einige Bierflaschen neben der Bank auf dem Boden, Blick auf unendlich.

Ob er das Foto gerne hätte? Der Mann, der gerade seine Zigarette anzünden möchte, sieht mich verwundert an. Welches Foto? Ich gebe zu, dass ich ihn fotografiert habe, weil die Farben stimmen. Der tiefblaue Spätsommerhimmel, das silbrig schimmernde Wasser, die Figur auf der Holzbank, der gelbe Hafenkran dahinter. Er sieht sich das Foto an, nickt, und ich teile es mit ihm.

Das Foto, der Spätsommer. Der Hafen in Harburg. Schiffe, Taue, der Geruch von Öl, Rost, Holz, Teer. Die Süderelbe.

Ich bin hier, weil ich das Projekt Stadtschreiberin starten will. Ich bin zwar die Stadtschreiberin, aber 2021 gibt es ein neues Stipendium, und dafür sammle ich gerade Ideen und Förderer.

Wieso gibt es eigentlich einen in Rottweil, nicht aber in Hamburg?

Ich muss den besten Kandidaten, die beste Kandidatin finden und das Preisgeld einsammeln, sodass ich ihr oder ihm eine schöne Zeit ermöglichen kann. Sind Sie interessiert? Auf meiner Startseite stehen die Details.

Ideen sammeln geht am besten draußen in der Natur. Ich laufe zur Elbe, lege mich auf einen Steg und gucke Schiffe. Der Nachmittag segelt an mir vorbei. Ich höre die kleinen Wellen, wie sie um den Steg glucksen. Ein Boot vom Zoll schneidet mit hoher Geschwindigkeit durchs Wasser, die Zollbeamtinnen sehen beeindruckend aus, wie sie in Uniform mit gekreuzten Armen fest am Bug ihres schnellen Schiffes stehen, unbeirrbar. Ich winke ihnen zu, sie nicken kurz.

Zwei Jugendliche befinden sich am Ufer, sie werfen Steine ins Wasser und angeln. Ein Segelschiff kommt vorbei, blau wie die Luft, mit Segeln weiß wie die Wolken. Es spiegelt sich im Wasser, ich denke an ein Gemälde von Constant Permeke, aber dann in hell und freundlich. Es ist eine Familie, die einen Nachmittagsausflug macht. Der Nachmittag dehnt sich unendlich.

Ich bin mitten in Hamburg. Ich sammle Ideen.

die Schwarzfahrer-App

Das Ticket kann nur in der App gekauft werden und ich muss registriert sein. Was war nochmal mein Passwort? Mein mittlerer Sohn, der mich zum Aachener Bahnhof fährt, beobachtet mit Staunen meine Versuche, ein Fahrticket zu kaufen. Kein Netz, App nicht zur Verfügung, Neuanmeldung. Wählen Sie eine Sicherheitsfrage aus. Mädchenname meiner Mutter? Zum Glück muss mein Sohn sich auf den Verkehr konzentrieren, und schnell fahren, denn das Navi zeigt an, dass wir eine Minute vor Abfahrt am Bahnhof ankommen werden.

Wollen Sie die Ortungsdienste für die App einschalten? Was? Werde ich von der Deutschen Bahn persönlich abgeholt? Schön wär’s, denke ich mir, während wir vor einer absurden roten Ampel mitten im Niemandsland stehen. Fahr! Meine Verantwortung. Der Bahnhof ist in Sichtweite, aber der Zug nach Köln hält in wenigen Minuten auf dem hinteren Gleis und die Zeit läuft weg. Nach kurzem Zögern fährt er tatsächlich, die Ampel bleibt einfach rot. Ich schäme mich ein bisschen für diese Anstiftung zur Ordnungswidrigkeit.

Die Bezahlung des Tickets von Aachen nach Köln schließe ich letztendlich im Zug ab, als der Schaffner schon um die Ecke gestapft kommt. Erleichtert lächele ich ihn hinter meiner Maske an, denn fast wäre ich schwarzgefahren, und er sieht nicht so aus, als würde er mir die Geschichte einer Schwarzfahrer-App glauben.

Außerdem habe ich tatsächlich mehr bezahlt als für das Ticket von Köln nach Hamburg, das ich gestern gekauft habe. Wurde hier wirklich nur einmal appgerechnet? Den Rest der Stecke brauche ich, um Emails zu empfangen, die mir bestätigen, dass ich bezahlt habe und wieder vollwertig bei dem Unternehmen registriert bin.

Nichts kann mehr schiefgehen.

Keine Stunde später bin ich im Kölner Hauptbahnhof, gleich geht es Richtung Hamburg weiter. Die Personen um mich bewegen sich mit der Gesichtsmaske und ihren Koffern durch die Bahnhofslandschaft. Manche sind in Eile, andere gehen langsam und konzentriert. Jeder von ihnen hat etwas aus seinem Leben dabei, trägt es wortlos durch die Welt.

Mit den Gesichtsmasken sieht es noch surrealer aus als sonst. Geheimnisvoll schreiben die Reisenden das Leben, indem sie sich selbst und die Gegenstände spurlos von hier nach dort transportieren. Ich rieche die Luft von Pizza, Eisen und Rolltreppe im Bahnhof, höre die Züge, wie sie metallisch auf den Gleisen bremsen. Ich sehe mir die Erschaffer der Welt an.

Hier passiert es. Alles! Hier kann man einsteigen. Man kann komplett aussteigen. Man kann ohne Probleme umsteigen.

Ich tanze vor Freude. Ich reise wieder.

Leuchtturm

Ich bin einem kleinen Dorf in den Niederlanden, in Zeeland, und sehe mir eine Gedenktafel für den 1. Februar 1953 an. Dort steht die Geschichte der großen Sturmflut.

Damals änderte sich die Welt für immer. Die Deiche rissen ein, das Wasser nahm alles mit sich, auf das es ein Recht hatte. Es wollte das Gebiet wieder zurückerobern, das ihm abgenommen wurde. Von Naturgewalt braucht man keine Rücksicht zu erwarten. Das Wasser riss das Land an sich, es riss Häuser und Menschen an sich, Wiesen und Vieh, Autos und Kirchen.

Ich sehe um mich. Die Landschaft sieht friedlich aus.

An diesem heißen Sommertag kann ich mir die Katastrophe von damals kaum vorstellen. Ich steige wieder aufs Fahrrad und fahre nachdenklich weiter, halte bei einem Café an. Es schmiegt sich an eine Düne, am Ende der Straße.

Auf der Terrasse sitzt eine Gruppe Rentner unter einem dunkelgrünen Sonnenschirm. Eine der Frauen hat ein kleines Gesicht mit Doppelkinn. Dieses Gesicht sieht man heutzutage nur noch selten, man erkennt es höchstens noch auf einem Gemälde aus einem vergangenen Jahrhundert. Still sieht sie vor sich hin, auf die Dünen, die hier anfangen. Es ist gerade 12 Uhr mittags, ein sanfter Wind bewegt die Gräser. Sie riecht das Meer nicht, so behauptet sie. Sie riecht fast nichts, aber sie hört den Wind in den Bäumen, dort, wo der Dünenweg ist. Und sie sieht noch gut, wenn sie die richtige Brille auf hat. Ein Mann sitzt ihr gegenüber, er nickt abwesend, trinkt ein Trappistenbier, eine Frau mit weißen Haaren und einem gestreiften T-Shirt sitzt neben ihr. Es ist still am Tisch, keiner hat es eilig, bis plötzlich ein halblauter Gedanken aufkommt.

– Kann ich schon essen? fragt die Frau aus dem vergangenen Jahrhundert.

Ihre Begleitung mit Streifenshirt antwortet ihr.

– Ja! Du kannst jetzt essen. Du hast deine Tabletten vor  zwei Stunden genommen. Also kannst du jetzt essen, was du willst. Hast du denn Hunger?

Sie überlegt kurz.

– Nein, überhaupt nicht.

– Dann solltest du etwas Leichtes essen, etwas Normales. Vielleicht etwas Banales.

Eine Möwe segelt lautlos über die Tische hinweg.

– Was nennst du banal?

– Einen Toasti vielleicht. Magst du das? Es gibt hier gute Toastis.

– Ja, gut. Dann bestell ich mir das, oder? Zum Wein.

Der Mann am Tisch hält sein Glas, trinkt langsam, zittert nur leicht. Er sieht in die Ferne und sagt nichts.

Auf dem Muschelsandweg hält eine Frau mit dem Fahrrad, sie hat einen Hund im Fahrradanhänger dabei. Sie steigt ab, lehnt das Rad gegen den Holzständer. Dann lädt sie ihr süßes Teil ab. Es hat große Augen und weiches Fell mit Schleife. Es ist ihr elegantestes Teil, das sich fast geräuschlos und mit leichten Hüpfern über den Sand bewegt, Nase in der Luft. Sie nennt es Schatz. Sie behauptet –Jetzt sind wir da, sie redet nickend andere Menschen an, meint –Sie ist immer ganz entspannt.

Behutsam nimmt sie die entspannte Hündin auf den Arm und geht die Treppe über die Düne hoch, zum Aussichtspunkt. Ich sehe ihnen nach.

Eine Frau im Sommerkleid kommt auf die Terrasse. Auch sie hat einen Hund dabei, sie hält ein Ende der Leine in der Hand. Am anderen Ende befindet sich ihr tierisches Teil. Das hat sie schon vor langer Zeit ausgelagert. Sie nennt es wilde Maus. Es ist struppig, durchgedreht, tollpatschig. Es schnüffelt hektisch zwischen den Tischen herum, zieht Richtung Bank, unter der sich ein weiterer Hund aufhält, der beschnuppert werden muss, aber die Leine lässt das nicht zu. Maus, sage ich leise. Es interessiert ihn nicht. Maus zieht hechelnd die Frau im Sommerkleid weiter, zickzack über die Terrasse.

Der Hund unter der Bank sieht sein eigenes Herrchen an. Er will alles richtig machen, vielleicht gibt es dann etwas zu fressen. Er hört komm und sitz und platz und bleib, und gehorcht. Herrchen sieht den Hund zufrieden an und nickt. Seine Begleitung flirtet mit dem Kellner, der aber zu jung ist, um es zu verstehen. Sie sieht den platten Hund auf dem Boden an und isst langsam ihre Bouletten, ohne etwas davon abzugeben. Der Hund weiß natürlich nicht, dass es zu seinem Schutz ist, er hat keine Ahnung davon, wie sich holländische Bouletten im Magen verhalten, er weiß nur, da ist etwas, was lecker riecht und er will es haben.

Aber wie jeder Hund stellt auch dieser kaum Bedingungen. Unermüdlich spielt er die Rolle, die ihm zugedacht wurde. Er seufzt, liegt neben dem Tisch, sieht seine Begleiter mit treuen Augen an und wartet einfach. Zwischendurch verzieht er immer mal wieder die Schnauze, um so präzise wie möglich seine Besitzer zu spiegeln. Er will das tun, wofür man ihn ausgewählt hat. Er ist zeitlos.

Die Rentner unterm Schirm sitzen still am Tisch, halten ihre Gläser, trinken langsam, sehen in die Ferne. Ich stehe auf, grüße kurz, steige auf mein Fahrrad und fahre in den Dünenweg hinein.

Nachmittags am Strand ist das Wasser sehr weit weg, spiegelglatt liegt es unter der heißen Augustsonne. Es scheint endlos zu sein, der Übergang von Wasser in Luft ist wegradiert. Als wäre es eine Filmkulisse.

Ich sehe die Streifen im Sand, wo die Ebbe sich zurückgezogen hat.

Erst gegen Abend zeichnet sich der Horizont wieder scharf ab. Je tiefer die Sonne sinkt, um so klarer und satter werden die Farben, das Meer sieht wie gegossenes Blei aus. Es ist windstill.

Gegenüber von der untergehenden Sonne wird gleich der Vollmond aufgehen. Springflut. Ich denke wieder an die Dörfer, die geflutet wurden, an die Menschen, denen alles genommen wurde. Viele sind geflüchtet, einige sind geblieben, ohne Besitz, ohne greifbare Erinnerungen. Sie konnten ihr Leben erzählen, aber beweisen konnten sie es nicht. Haben sie überhaupt vorher gelebt? Hatten sie wirklich ein Haus und eine Arbeit? Eine Familie? Beziehungen? Sie mussten alles neu erfinden. Wie Flüchtlinge aus Kriegsgebieten haben sie ihre Nachbarn verloren, ihre Familien, ihre Eltern und Kinder.

Sie mussten sich ein neues Leben aufbauen, aus Erinnerungen und aus Sachen, die sie irgendwann gelernt haben, die irgendwo im Erbgut gespeichert sind. Sie haben neue Verbindungen geknüpft, malten sich eine Zukunft aus. Aber wo kommen sie her? Was geben sie von Generation zu Generation weiter? Das werden sie nie greifen können. In einer fernen Geschichte oder im Traum einer stürmischen Winternacht werden sie vielleicht etwas erkennen. Aber sie werden ein Leben lang auf der Flucht sein, auch wenn sie ein neues Zuhause gefunden haben.

Nachdenklich gehe ich über den Strand. Am Horizont sehe ich den Umriss der Schiffe, die aus dem Hafen von Rotterdam losgefahren sind. Gleich geht der Mond auf. Ich habe es nicht eilig.

Ich sehe eine Gruppe Jugendlicher, ihre Stimmen sind weit zu hören, sie lachen, rufen und rennen hinter einem roten Ball her. Sie haben Musik dabei, der Rucksack mit Getränken liegt im Sand.

Eine Möwe segelt lautlos über den Dünen.

Auf dem glatten Meer liegen gelbe Bojen. In der Ferne steht der Leuchtturm. Er sendet seine Signale. Die Sonne geht unter. Die Flut kommt.

Leinen los!

Als ich letzte Woche Geburtstag hatte, kamen meine Eltern vorbei. Ein gelbes Kanu war auf dem Dach ihres Wohnmobiles festgeschnürt. Sie sind über 70, sahen aber wie Hippies auf dem Weg zum Strand aus. Das Boot war das Geburtstagsgeschenk.

Es ist kein einfaches Boot, und schon mal gar kein normales. Es hat ein kleines Segel, das die Größe von dem eines Optimisten hat. Für den Fall, dass Wind aufkommt und man nicht wie blöd paddeln will. Der kurze Mast ist zusammenklappbar, mein Vater hat das Boot selbst gebaut. Er ist als Kaptiän auf großer Fahrt um die ganze Welt gefahren, daher ist er praktisch veranlagt. Wieso sollte man den Wind nicht nutzen, wenn er schon mal da ist? Außerdem hat er an beiden Seiten Ausleger montiert, outrigger, sodass das Boot sicherer im Wasser liegt. Man kann segeln, es fühlt sich wie ein Katamaran und gleichzeitig wie ein Kanadier an.

In gelb.

Ich denke an die Dove Elbe, 18 km lang, und wie ich in meinem selbstgebauten Katamaran den Fluss entlangsegle, dort, wo die Gose Elbe in die Dove Elbe mündet. Ich könnte das Segel einklappen, sobald ich zu dem Bundessport-Leistungszentrum für Ruderer und Kanuten komme, denn ich wäre ja viel schneller als die Trainierenden, und das wäre nicht fair.

Die Frage ist, was muss ich bei einer möglichen Kontrolle vorzeigen? Einen Segelschein? Einen Schifffahrtschein für Binnengewässer? Oder für die See? Einen Reisepass? Bin ich mit meinem Gefährt ein Binnenschiff oder eher ein Sportboot? Vielleicht sollte ich die Wasserschutzpolizei vorab informieren. Dann müsste ich wahrscheinlich angeben, bis wohin ich segeln möchte, denn irgendwann wird eine Binnenfahrt eine Seefahrt. Das kann sich schnell ändern, zum Beispiel unter einer Brücke. Man befindet sich plötzlich nicht mehr auf einem Binnengewässer, sondern im Hafen oder gar auf See und hat den Übergang nicht bemerkt. Manchmal markiert eine Brücke den Übergang, zum Beispiel eine Eisenbahnbrücke, aber nicht immer. Außerdem gibt es zahlreiche Ausnahmen. Man muss schon wissen, was man tut, da draußen auf dem Wasser.

Ich telefoniere gerade für Baufritz, meinen Arbeitgeber. Der Gesprächspartner meint, er würde gerne bauen, findet aber kein Grundstück. In dem Moment, als er sagt, “aber sobald es losgeht, ruf ich an, ich habe euch auf dem Schirm”, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie auf der Terrasse eine große Bewegung stattfindet. Es wird plötzlich viel heller. Der Sonnenschirm löst sich aus der Halterung, nutzt die Thermik  und schwebt langsam und stattlich in die Luft.

Ich beende das Gespräch, gehe raus, sehe, wie einige Handwerker auf der Straße stehen und in die Luft zeigen. Wir schauen zu, wie der Schirm immer kleiner wird, und dann wieder größer, als er langsam zurückkommt. Es sieht sehr eindrucksvoll aus, es ist ein großer Schirm, der durch die Sommerluft segelt, mit einem Durchmesser von drei Meter fünfzig. Er verpasst knapp das geparkte Auto der Handwerker, schwebt Richtung Steilhang, dorthin, wo der Wind hergekommen war. Unten am Hang ist eine vielbefahrene Straße. Der Schirm bleibt in den Bäumen hängen.

Die Handwerker helfen mir, den Schirm zu befreien, wir kurbeln ihn zu und tragen ihn unversehrt nach Hause. Sie lachen erleichtert, denn der Flug ist gut ausgegangen. Ihr Auto wurde nicht beschädigt. Ich biete ihnen einen Kaffee an, sie möchten lieber ein Weizenbier jetzt. Ich spüle die Gläser mit kaltem Wasser, schenke das goldene Bier aus, die Schaumkrone ist weiß und fest.

Man muss den Wind nützen. Segeln ist eine Kunst.  Der Schirm hat verstanden, wie es geht, er hat einfach abgewartet, bis die richtige Thermik aufkam.

Mein gelbes Boot hat einen Anker, ausklappbar und stark. Für den Fall, dass ich gerade eine Pause mache und vergessen habe, das Segel zu raffen, und eine unerwartete Windböe aufkommt. Ich würde schnell vorwärtsgetrieben werden, immer schneller, vor allem bei Ostwind gegen den Strom die Norderelbe hoch. Unter die Elbbrücken hindurch. Unter die Eisenbahnbrücke, plötzlich in die Gebiete der Seefahrt hinein. Mit wehendem Haar an der Elbphilharmonie vorbei, zu den Landungsbrücken, zum Fischmarkt, zwischen den Containerschiffen hindurch.

Die Wasserschutzpolizei wäre in wichtigen Sachen vertieft, sie hätten mich zu spät gesehen. Ich würde bis zur Grenze zu Niedersachsen segeln und endlich im Windschatten der verlassenen Insel Neßsand das Segel zusammenklappen können. Dann würde ich Crusoe-artig an Land gehen und das Boot in den Büschen verstecken. Dort warte ich, bis es dunkel wird.

Es ist eine dieser Sommernächte, die voller Zauber sind. In der ersten Hälfte des August sind unfassbar viele Sternschnuppen zu sehen, die Tränen des Laurentius.

Unter dem klaren Sternenhimmel fahre ich mit kräftigen Ruderschlägen zur Este-Mündung, in die Este hinein, immer weiter stromaufwärts durch das mondbeschienene Alte Land. Das Wasser der Este ist weit und still, einige Nachtvögel segeln tief. Der orangefarbene Himmel über Hamburg liegt weit hinter mir, vor mir ist nur Dunkelheit. Eine samtene Nacht spannt sich über dem ruhigen Moor. Die Weite nimmt mich auf, die Unendlichkeit, ich bin schon ewig hier. Die Sommernacht spricht mit dem Duft von Brombeeren und Wasserminze.  Dort sind fast reife Äpfel, und Gräser wiegen sich im Wind. Ein Käuzchen spielt Gespenst. Der Anker liegt hinten im Kanu verstaut, ich brauche ihn nicht.

Ich fahre weiter, immer weiter, mit einem gelben Kanu in die Unendlichkeit hinaus.

Wenn’s hilft

Panification exquise.

Pan ist der griechische Gott des Waldes und der Natur, der die Hirten schützt und der, wenn man ihn bei seinem Mittagschlaf stört, das Vieh in Panik versetzt. Pan ist der liebestolle Gott, der ständig hinter den Nymphen her ist. Von diesem Gott wird das Wort Panik abgeleitet.

Exquisite Panik also.

Panification exquise lese ich auf einer Brötchentüte in Belgien.

Die Brötchen sind etwas runder und unkonventioneller als in Deutschland, sehen sonst aber völlig normal aus. Sie sind außen knusprig, innen fluffig weich und warm, sie schmecken ausgezeichnet mit Butter und einer Tafel zartbitterer Schokolade dazwischen. Die kühle Schokolade schmilzt ein bisschen, sie legt sich in das weiche Bett aus Brot, bleibt im Kern aber knackig frisch. Ich esse das Brötchen und gleich noch so eins. Keine Panik.

Ich bin in Hamburg und denke an ein Brötchen mit Schokolade. Gleichzeitig weiß ich, dass es Gerichte gibt, die man nur in einem bestimmten Land essen kann. Für den Fall, dass ich ein exquisites Brötchen finde, wird es mit dem Belag nicht klappen. Eszet oder Ritter Sport sind keine Alternativen. Außerdem ist die Brötchentüte in Hamburg meistens sehr ernst. Sie weiß, dass sie sofort weggeworfen oder wiederverwertet wird. Sie weiß, dass ihre Sprüche kaum gelesen werden. Es ist in Hamburg nicht einfach, originell zu sein. Das weiß die Brötchentüte, und sie schweigt.

Ich habe schon Brot mit Gedichten gesehen, ein andermal las ich Sprüche auf einem Papierbeutel. Backwaren mit Literatur, morgens beim Frühstück.

Es ist ein wechselhafter Sommertag, gerade so warm, dass du im Pullover rausgehst. Die Sonne kommt ab und zu zwischen den Wolken hervor. Ich höre, wie die Haustür ins Schloss fällt. Es liegt diese bestimmte Frische in der Luft, an der man sich nicht satttrinken kann. Eine Frische wie die Fußballjugend, die gerade im Regen Training hatte und mit roten Backen und nassen Haaren reingestürmt kommt, ungestüm, außer Atem.

Die Fenster sind geöffnet, die Vorhänge bewegen sich im Wind, du kommst wieder zu mir. Du reichst mir Kaffee, ich sehe den Himmel, wie er sich ständig ändert. Es läuft Jazz im Wohnzimmer, vielleicht Michael Bublé. Du sagst nichts. Der Kaffee ist heiß, ein Herz hat sich auf dem Milchschaum geformt. Ich lese still das Gedicht, das auf der Brötchentüte steht. Ich lese den Spruch, der den Tag bestimmen wird, es ist ein guter Spruch. Es ist ein guter Tag.

Im November stand Gewalt in großen Buchstaben auf der Papiertüte. Darunter in kleiner Schrift kommt mir nicht in die Tüte und eine Telefonnummer. Das war ein Beitrag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Dieser Tag ist am 25. November.

Die Frühstückstische der Stadt zeigten auf Gewalt. Ich wünschte mir, es würde helfen. Ich bezweifle jedoch den Erfolg. Einen Umstand, den man vermeiden will, soll man nicht überall verbreiten. Schon gar nicht als erste Mitteilung am Morgen.

In Mechelen, einer belgischen Stadt in der Nähe von Antwerpen, hatte Michiel von Beethoven, der Urgroßvater eines berühmten Komponisten, eine Bäckerei. Daher gibt es dort Brottüten mit dem wohlbekannten Gesicht seines Urenkels Ludwig, der vor 250 Jahren in Bonn geboren wurde. Er hatte sechs Geschwister, aber nur zwei von ihnen überlebten das Säuglingsalter.

Ludwig von Beethoven ist also eigentlich Flämisch, denke ich für mich. Früher sind die Künstler viel gereist, sie waren europäisch. Sie ließen sich von Grenzen nicht beirren.

Ich denke an meinen direkten Vorfahren, Peter Paul Rubens. Er ist in Siegburg geboren, als seine Eltern aus Antwerpen während der Religionskriege geflüchtet waren. Mutter Maria Rubens ist jedoch ziemlich schnell mit ihrer Kinderschar wieder zurückgereist. In Antwerpen eröffnete sie einen Laden für Nähgarn. Sie war sehr mutig und hat ihrem Sohn die richtige Ausbildung ermöglicht.

Man hat übrigens ein Gemälde von ihm wiedergefunden, endlich, es ist das Porträt einer Dame. Falls Sie Interesse haben: Es wird am 29. Juli in London versteigert, Sie benötigen ungefähr dreieinhalb Millionen. Dafür hätten Sie dann einen echten Rubens. Ich wünsche mir, die Kunsthalle bekommt etwas Geld dafür, denn ich weiß, dass ihr Direktor, Prof. Dr. Alexander Klar, gerne einen Rubens für Hamburg hätte. Vielleicht findet sich ja ein Sponsor. Es lohnt sich, die schöne Dame würde perfekt in die Hansestadt passen.

Ich bin Übersetzerin, und das mit der panification hat natürlich nichts mit Panik zu tun. Es ist ein Wort, das von le pain kommt, das Brot. Es hört sich einfach schöner an, wenn man sagt, voilà le panification, statt Hier backt man Brot. Wir leben in Europa, wir können ja ab und zu ein paar Wörter Französisch einfließen lassen.

Wenn’s hilft.

Diamanten

Der Mann macht einige Schritte in meine Richtung. Er ist groß, breitschultrig, schmalhüftig und hat kurz rasierte Haare. Er trägt eine enge schwarze Hose, schwarze Stiefel, ein schmal geschnittenes schwarzes T-Shirt. Ich will wissen, was er denkt, ob er überhaupt etwas denkt, aber ich erkenne keine Mimik. Er hat eine Sonnenbrille auf. Auf der Brust steht in kleinen weißen Buchstaben Security

Er kommt auf mich zu und sagt etwas, ich verstehe nicht, was. Die Mundmaske filtert jeden Laut. Sie ist auch schwarz. So unauffällig wie möglich sehe ich um mich. Gibt es noch mehr solcher Wachmänner? Oben auf dem Kai sehe ich noch einen, auch mit Sonnenbrille und Mundmaske, anscheinend unbewaffnet.

Ich will an Bord eines Schiffes gehen und in See stechen. Ich fühle mich, als hätte ich gerade den größten Diamantenraub der Geschichte getätigt und der Geheimdienst ist kurz davor, mich zu stellen. In einem Film würde jetzt unheimliche Musik ertönen, so dass der Zuschauer weiß, es wird spannend. Meine Augen gleiten im Hafen über die Gebäude um mich herum, wo weitere Agenten sich aufhalten. Ich sehe keine.

Der Security-Mann, der nun auf 1,5 m Abstand vor mir stehen bleibt, wiederholt seinen Geheimcode, den ich nicht verstanden hatte: Gesichtsmaske bitte aufsetzen, sagt er. Ich sehe ihn ungläubig an. Muss er sich für eine einfache Gesichtskontrolle so anziehen? So zieht man sich an, wenn man einer großen Verbrecherbande auf der Spur ist, nicht wenn man kontrolliert, wer auf der Fähre will. Ich hole die Gesichtsmaske aus meiner Tasche, ziehe sie an und sehe ernst vor mich hin. Die Fähre kommt, ich gehe an Bord, der Security-Mensch folgt mir.

Das Ostufer von Ostende erreicht man, indem man die Fähre im Hafen nimmt, unten an der Fischtreppe. Sie fährt alle fünf Minuten hin und her, kostet nichts, es dürfen zur Zeit nur eine bestimmte Anzahl von Personen und drei Fahrräder pro Tour einsteigen. Die Security sorgt dafür, dass alle Fahrgäste eine Gesichtsmaske aufhaben, denn das ist in Belgien in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht.

Ob denn hier strenge Infektionsschutzgesetze befolgt werden? Karel, der mir in seinem Lebensmittelgeschäft mitten im Hafen Schokolade verkauft, schüttelt den Kopf. Belgier umschiffen die Gesetze. Und wieso? Weil wir der Behörde nicht trauen. Wieso sollen eine Handvoll Theoretiker über unsere Arbeit entscheiden? Er zeigt mir seine Hände. Ehrliche Arbeit, sagt er, harte Arbeit. Aber auch gutes Essen, wahre Freunde, die zum Feiern kommen, die helfen, wenn man Hilfe braucht. Hier gelten andere Gesetze.

Internationale Gewässer, denke ich, hier im Hafen von Ostende.

Der Strand ist endlos, von Dünen gesäumt, in den Dünen liegen Bunker. Es ist gerade Ebbe und auf den Wellenbrechern sammeln sich die Möwen, auf der Suche nach Muscheln. Der Sturm jagt Wolken von Sand über den Boden, ständig entstehen neue Zeichnungen, neue Formen, eine neue Welt.

Ein Schild macht deutlich, dass auf dem Strand Hunde gerne gesehen werden, dass sie ganzjährig, 24/7, Tag und Nacht willkommen sind. Die wenigen Hunde, die hier ausgeführt werden, rasen ausgelassen in weiten Kreisen über den Strand. Kaum ein Hund wird an der Leine gehalten, keiner ist irritiert oder nervös, hier wird nicht angebellt oder dominiert, hier wird nur Stöckchen geholt. Oder Tennisbälle, die weggeschleudert wurden. Hier werden Möwen gejagt. Die Hundebesitzer sind entspannt, sie haben genug Platz. Ich hebe einige Muscheln auf, stecke sie in meine Tasche.

Ich lasse mich vom Wind bis zur Surfschule mitnehmen, denn dort ist ein Strandcafé. Heute, bei Sturm und ohne Sonne, sind nur wenige Segel auf dem Wasser. Zwei Kiter fliegen über den Schaumkronen. Einige Gruppen üben Wellenreiten. Sie liegen wie Robben in der Brandung, scheinen aber Spaß dabei zu haben.

Das Café liegt gegen den Dünen, die Terrasse ist auf dem Strand, mit den Tischen im Sand. Die Aussicht ist endlos weit nach Westen, die Welt ist champagnerfarben. Bis wann es hier auf hat, frage ich die Bedienung. Sie  sieht mich an, lacht und bindet die langen Haaren zu einem Zopf. Was für eine lustige Frage. Wir sind da, bis die Sonne untergeht. 

Der Weg zurück ist hart, der Wind fegt mich fast weg, Sand fliegt mir in die Augen. Die Vögel fliegen senkrecht, auf und ab, versuchen voranzukommen. Die Welt geht unter und entsteht neu. Ich bin wieder in einem Film. Um die Bunker in den Dünen schleichen schwarze Gestalten, einsatzbereit, mit Wachhunden an Ketten. Sie bereiten sich auf einen Großeinsatz vor. Die Lage spitzt sich zu, und bei der nächsten Windböe droht sie außer Kontrolle zu geraten. Worte verlieren sich sofort. Sobald sie ausgesprochen werden, sind sie weg, kein Ton ist über dem Wind zu hören. Die Luft wird immer dunkler, bedrohlicher. Der Sand fegt über die ausgestorbene Fläche.

Ich habe Diamanten in der Tasche.