Wenn die Chemie stimmt

“Hier ist ein Artikel für Sie, ich habe ihn gerade ausgedruckt”, so Karsten, als er mich in der Bücherhalle begrüßt. Er gibt mir einen Zettel. Es ist ein Bericht von einem Hamburger Apotheker und Alchemist, der im späten 17. Jahrhundert lebte. Er hieß Henning Brand, war Soldat, benutzte den Titel eines Dr. med., auch wenn er kein Latein konnte und daher wahrscheinlich kein Mediziner war. Er war schon ein begeisterter Chemiker. Für seine alchemistischen Experimente hat er das Vermögen seiner Frau komplett aufgebraucht.

Dann handelte er mit Chemikalien und Medikamente, wohl aus Geldnot. Er war leidenschaftlich. Er war risikobereit, vor allem mit dem Vermögen anderer. Er war gewieft, er war Hanseat.

Wissen Sie, was Herr Brand entdeckt hat? Sie können das Experiment einfach mal nachstellen. Erhitzen Sie Urin, lassen Sie es zu einem schwarzen Rückstand eintrocknen und dann mehrere Monate stehen. Jetzt erhitzen Sie ihn nochmal, erst langsam, dann auf hoher Temperatur, bevor Sie ihn destillieren. Was entsteht? Phosphor.

Der Phosphor schlägt sich in Wasser als weiße, wachsartige Substanz nieder. Seien Sie jedoch zu jeder Zeit äußerst vorsichtig, dieser Stoff kann sich entzünden.

So wurde das erste Element in der Chemiegeschichte der Neuzeit in Hamburg entdeckt. Es brauchte einen Namen. Brand nannte es kaltes Feuer, oder phosporus, was auf Griechisch Lichtträger heißt.

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Feinspitz

Ob ich den Ohlsdorfer Friedhof kenne? So fragt mich Joachim in der Bücherhalle. Ja, theoretisch schon. Aber ich war noch nicht dort, ich habe nur davon gelesen, dort findet man Rosengrabstätten, Baumgräber, den Garten der Frauen, den Schmetterlingsgarten, einen Wildblumengarten. Sogar einen Naturlernpfad.

Na also. Den sollte ich unbedingt besuchen, so meint er. Gut, es regnet, die Luft ist grau und neblig, die Leute in der S-Bahn heute morgen sprudelten nicht gerade vor Lebenslust. In 100 Jahren sind wir alle Staub. Was ist wichtig? Vielleicht fahre ich später zum Friedhof, mal gucken, wer dort so alles ruht. Ich kann einen Gruß aus der Stadt rüberbringen, es ist der richtige Monat dazu.

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Es läuft

In der Schweiz findet man kostenlose Spender mit dem Schriftzug: “Na, läufts?” Es handelt sich hier leider nicht um Freibier, das Bier kostet in der Schweiz um die 13 Euro pro Liter für ein einheimisches, ungefähr 17 für einen Auslandsbier. Aber aus dem Spender kann man umsonst Taschentücher ziehen, so dass man in der Kälte mit laufender Nase schnell Hilfe hat.

Das braucht Hamburg auch, Papiertaschentuchspender, man kann ja Ökopapier reintun.

In der S-Bahn erzähle ich das einer Dame, sie gibt mir lachend ein Stück Küchenrolle, da ich bis zum Bahnhof mit dem Fahrrad gefahren bin, und die Nase läuft. Sie hat einen tollen Mantel von Dries van Noten an und ist an diesem Sonntagnachmittag zu einer Ausstellung unterwegs. Der Kleidungsstil der Dame ist genau wie ihre Frisur und das Make-up schräg, wunderbar. Sie bringt Farbe in das kalte, graue Novemberwetter und hat Spaß dabei. Sie fragt, ob ich mit zur Ausstellung komme, wir könnten zusammen ein Astra trinken– Was dagegen? Es läuft, so denke ich.

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die Stille

Ich habe jetzt ein Buch von Rembrandt vor mir liegen. Ich sehe, wie er auf den Selbstportraits in Stille altert. Was für ein plastischer Ausdruck der Zeit. Wie ist es mit meiner Zeit in Hamburg? Dies ist der letzte Monat hier, einige Sachen müssen noch gefestigt werden, damit sie für immer lebendig bleiben. Je intensiver man Momente  erlebt, um so tiefer bleiben sie in der Erinnerung haften. Die Zeit kann man eben doch anhalten.

Ich nehme mir vor, nächste Woche noch mal in die Kunsthalle zu gehen, einen Blick auf die Schätze werfen dort. Einmal reicht natürlich nicht. Ich werde ins Kabinett absteigen, ins Kupferstichkabinett. Heute ist eine ganz andere Art von Kabinett in Hamburg angesagt. Es läuft die Umweltminister-Konferenz und damit werden 4.000 Trecker in die Stadt gelockt.

Kabinett kommt von petite cabine, cabinette, also eine kleine Kammer, ein Hinterzimmerchen, mit Hintertürchen, wir sind hier letztendlich in der Politik.

Eine flinke Bäuerin mit strahlend blauen Augen und rote Backen hat mir eben am Jungfernstieg einen Flyer in die Hand gedrückt, als ich mit meiner Tochter Sophie durch die Sonne Richtung Bücherhallen spazierte. Sophie: „diese Leute muss man bewundern, die wissen wenigstens, wie sich Erde in Essen verwandelt, wir brauchen die noch“. Wir grüßen freundlich die Landwirte, die neben den Treckerkolonnen durch die Stadt marschieren und verraten diesmal nicht, dass wir Veganer sind. Man muss wissen, welche Info wann hilft.

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Ahornrot

In Blankenese gibt es eine Kaffeerösterei, Carroux. Das Lokal riecht nach frisch gerösteten Kaffeebohnen, aber dafür bin ich diesmal nicht gekommen. Ich muss kurz aufwärmen, trinke einen Hafermilch-Cappuccino und denke, nicht schlecht. Aber dann geht es weiter, wieder raus in die kalte Novemberluft, ich wollte eigentlich Fotos machen.

Natürlich macht hier jeder Fotos, es ist nicht wirklich originell, es laufen hier Leute mit Profi-Equipment herum, sie stellen sich an den Straßenecken und fotografieren. Es gibt hier tolle Motive, phantastische Häuser in den Hang gebaut, verwinkelte Steintreppen, feuerrote Ahornbüsche, sonnengelbe Buchen, tanzende Blätter auf tausenden Stufen, Parks, Gärten, auf allen Höhen. Und immer wieder zwischen den Häusern gibt es den befreienden Blick auf die silbrig schimmernde Elbe. Alle Architekturperioden sind hier vertreten, man kann richtige Studien machen. Es gibt hier einen Strand, eine Strandpromenade und einen alten Leuchtturm, der immer noch funktioniert. Im Rücken wird er von einem neuen Leuchtturm verstärkt, die beiden geben ihre Signale gleichzeitig. Es gibt hier das Schiffswrack Uwe.

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Loslassen

Ceylon-Zimt wird  als der ursprüngliche Zimt bezeichnet. Er wird vor allem in Sri Lanka (Ceylon) und im Süden Indiens angebaut. Er wird aus den Innenrinden des immergrünen Laubbaumes Cinnamonum Ceylanicum hergestellt. Die Ernte erfolgt nach der Regenzeit, die 4 Monate dauert. Je dünner die Rinde, desto feiner und aromatischer ist der Zimtgeschmack. Da die Ceylon Zimtstangen aus einzelnen dünnen Rinden zusammengesteckt werden, sehen sie im getrockneten Zustand wie eine aufgeschnittene Zigarre aus.

Wissen Sie was Ekelle sind?  Es ist eine Maßeinheit für die Qualität des Ceylon-Zimtes. Wenn der Wert Ekelle 0000 ist, hat man den hochwertigsten Zimt der Welt. Ekelle 0 ist eine Stufe tiefer, und wenn die Qualität schlechter wird, fällt der Wert von I bis V.

Cassia-Zimt ist der bekannte China-Zimt, die meistverkaufte Zimtart. Er ist dunkler, die Stangen sind grober und dicker als die des Ceylon-Zimtes und haben einen intensiveren Geruch. Die Rinde wird in relativ dicken Stücken von den erwachsenen Bäumen Cinnamomun Cassia abgetragen. Da die Qualität geringer ist, ist diese Sorte sehr viel günstiger.

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die Pfeffersäcke

Ich sehe mir das letzte Foto aus meiner Sammlung an, es heißt “der Binnenhafen 1881”.

Überall liegen Holzsegelschiffe und Ewer, Gemüseschiffe aus den Vierlanden, dahinter die Nikolaikirche, damals das höchste Gebäude der Welt, und die Katharinenkirche. Auf einem Schild vorne am Kai steht “Abfahrt der Jollenführer”.

Das Foto zeigt ein Durcheinander von Leinen und Masten, Schiffen und Tauen, es gab die durchstrukturierte Speicherstadt noch nicht.

Vorne auf dem Foto sind 9 Männer, alle mit Hut, alle haben ein weißes Hemd an. Manche eine Weste, andere eine Jacke. Sie tragen eine Fliege oder eine Krawatte. Wer sie wohl sind? Ihre Nachfahren laufen wahrscheinlich noch durch Hamburg, es sind ja noch keine 140 Jahre her. Ungefähr 6 Generationen. Vielleicht habe ich die Nachfahren in der Stadt schon getroffen, vielleicht waren die Herren, mit denen ich mich am Freitag in Café Paris unterhalten habe, echte Nachfahren von diesen Männern. Sie schienen sich mit Hamburg jedenfalls bestens auszukennen.

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Kreativ sein

Das mit der Kreativität ist auch so eine Sache. Wie schön ist es, bei Regenwetter am Schreibtisch in der Bibliothek zu sitzen, einen Tee zu trinken und Geschichten zu schreiben. Aber sie müssen irgendwo herkommen, sie müssen sich formen. Da braucht man einen Funken, eine Inspiration, eine Begeisterung. So kommt es, dass man in die Stadt muss, in die Kälte hinaus, durch die Straßen. Man soll sich einfach treiben lassen und schauen, was passiert. Ab in die Nacht.

Es ist schon längst dunkel und ich laufe durch die Wohlwillstraße, weil sie so schön ist nachts. Es hat geregnet und die Bürgersteige sind weich, weil die Blätter sie bedecken. Es fahren einige Autos hin und her, nur ein Parkplatz ist frei, weil dort ein riesiger Blätterhaufen liegt. Ich bleibe stehen und sehe zu, wie ein kleines französisches Auto einparken will. Ob es das schafft? Ohne zögern fährt es rückwärts schnell in den Blätterhaufen hinein, die Räder drehen durch, aber bald ist es gut geparkt. An der Fahrerseite steigt eine Frau mit roten Lippen, einem kurzen Kleid und High Heels aus, ihre Haare sind durcheinander und sie steht etwas verloren in den Blättern. Der Beifahrer kommt um das Auto herum und nimmt ihre Hand. “Ich fühle mich, als hätte ich den ganzen Tag im Bett gelegen, wilden Sex gehabt und nicht geduscht”, so sagt sie und sieht ihn provozierend an, “dabei habe ich gerade doch geduscht”.  Er lacht. Sie überqueren die Straße, gehen zur kleinen Pause. Die beiden sind kreativ, so viel steht fest.

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die Bücherhallen

Ich sitze im Bett und trinke Tee, es ist 20:00. So macht man das in der aufregendste Stadt der Welt. Gestern hat es den ganzen Tag geregnet, mal wieder ein Himmel in fifty shades of Hamburg. Es gibt fast nichts schöneres, als abends nach der Arbeit durch die Kälte und die Dunkelheit Fahrrad zu fahren, mit nassen Haaren, eiskalten Händen, roten Backen und kalten Beinen. Und dann in die Wohnung in die Wärme zu kommen, die nassen Sachen auszuziehen und heiß zu duschen. So dachte ich mir gestern.

Auch wenn ich einiges vertrage, und mir fast kein Wetter zuwider ist, bin ich heute etwas angeschlagen. Bei DM gibt es einen Erkältungstee, der hat Weidenrinde, das ist der Baustoff von Aspirin. Der ideale Begleiter für das Hamburger Wetter. Hier sitze ich denn nun, in einer Decke eingepackt auf meinem Bett im Vorwerkstift und trinke ihn. Ich habe Halsschmerzen, bin schlapp und es ist so ein herrlich herbstliches Gefühl.

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Vierhunderttausend

Die Frauen fädeln die langen Nadeln durch die Ösen. Dann legen sie Knoten. Sie haben Kleider der 60-er Jahren an, auch die Frisuren sind aus dieser Zeit. Sie sitzen in Reihen gegenüber einander und nebeneinander, ernst, schweigend, sie arbeiten hochkonzentriert, sie weben. Es irritiert, dass sie nicht dabei reden, und keinen Stoff bearbeiten, dass die Umgebung sehr technisch ist, überall sind Maschinen und Kabel zu sehen.

Diese Frauen sind die besten Handwerkerinnen Amerikas, sie legen einen Speicher für einen Computer an. Das Signal von einem Wortleitungsdraht, der durch einen bestimmten Kern verläuft, wird mit dem Bitleitungsdraht gekoppelt und als binäre „Eins“ interpretiert, während ein Wortleitungsdraht, der den Kern umgeht, nicht mit dem Bitleitungsdraht gekoppelt und als „Null“ gelesen wird, so Wikipedia.

Dieser Speicherplatz wird angelegt, um den Computer stark genug zu machen, die Mondreise zu steuern. Die Näherinnen legen die Muster aus 0 und 1 an, für ein Programm brauchen sie mehrere Monate. Hier ist viel Erfahrung, Geduld und unfassbar viel Geschicktheit gefragt.

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