Bonjour mademoiselle

Holger geht raus und schließt die Tür, es ist noch sehr früh morgens und es ist noch dunkel. Keine Vogelgeräusche, sogar die Nachtvögel schweigen. Keine Autos. Windstill. Es ist so leer um ihn herum, dass seine Gedanken sich formen können. Es ist erst der 12. April, die Luft ist kalt und klar.

“Es ist schon schwierig, lange aus der Stadt wegzubleiben. Wenn ich woanders bin, vermisse ich sie. Auch wenn es immer wieder regnet und der Wind durch den Mantel pfeift, auch wenn man hier nicht genau weiß, was Sommer ist. Ich liebe das Wasser hier, die Energie. Die großartige Architektur, die vielen tollen Geschäften.

Ich könnte auch nach Südfrankreich ziehen, die Kinder sind groß und wohnen nicht mehr zuhause. Aber was soll ich dort? Mich in der Sonne vertrocknen lassen? Im Schatten unterm Baum sitzen und in die Ferne gucken? Wein trinken und Sterne zählen? Grillen lauschen? Und dann? Wo sind dann meine Freunde? Wo trifft man sich? Wie viel alleine kann man aushalten?”

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Hans

Heute habe ich einen Mann getroffen, der schon mehr als 70 Jahren in Sankt Pauli wohnt. Er ist auf einem Schiff um die Welt gefahren, nur der Suez-Kanal fehlt ihm noch, dort war Krieg damals und er war gesperrt. Neu Seeland hat er auch nicht besucht, das ist schade. Er kennt jeden Türsteher auf dem Kiez und jeden Barbesitzer, er kennt die Leute, die hier arbeiten. Er ist stolz auf seinem Stadtteil, fühlt sich hier zuhause. Ob ich seinen Namen erfahren darf? Nein, lieber nicht, er möchte nicht in die Zeitung. Es gab schon Berichte über ihn, er bleibt lieber anonym. Er sieht mich vielbedeutend an, seine Augen glänzen. Etwas später gibt er mir seinen Führerschein, den grauen Lappen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ein riesiges Dokument, total alt und voller Farbspritzer. Von damals, als er die Schiffe lackiert hat. Ach so. Und das Foto. Es strahlt mich ein schöner junger Mann an, Anfang 60-er Jahren. Es ist eine Brücke in die Vergangenheit. Was der für Kleider anhat! Und dann die Haare! Dieser sixties-Schlafzimmerblick. Meine Augen gehen hin und her zwischen dem schönen Jüngling auf dem Bild und dem alten, mageren, grinsenden Mann mit Mütze, der vor mir steht. Ich lache und merke mir, wie er heißt. Wo er wohnt.

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An Hamburg bauen

Hamburg wird von Termiten bedroht.

Sie fressen sich durch die Pfählen des Gerichtsgebäudes und bringen alles zum Einstürzen, das Gericht, die Häuser, die historischen Segelschiffe, die ganze Stadt.

Sie überleben entlang des Fernwärmenetzes und fressen Holz.

Das sagt Bürgermeister Dornquast aus Bergedorf. Nicht wortwörtlich, ich habe die Geschichte ausgeschmückt, denn sie passt gut zu der Geschichte der Schiffsbohrmuschel, die macht das Gleiche, aber im Seewasser. Die Termiten sind genau wie die Schiffsbohrmuschel so raffiniert, die Außenseite des Holzes stehenzulassen, so dass man erstmal nichts schräges vermutet. Bis dann plötzlich alles einstürzt. Es zerfällt wie Staub.

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Montagmorgen

Ich trinke argentinischen Rotwein, ein Geschenk von Ella & Huug, es ist 01:48, das heißt, fast 2:00 am Montagmorgen und ich konnte nicht schlafen. Der Wein ist aber gut, und wieso sollte ich schlafen.

Der Amerikaner oben hat eine Freundin zu Besuch, sie sind laut. Um fair zu sein: er hat angekündigt, seine Freundin kommt zu Besuch, es kann laut werden.  Erst dachte ich, Angeber. Aber jetzt hört es sich an, als hätten unsere Hauskatzen Carbon und Copy einen Kampf auf Leben und Tod. Ich habe noch nie solche Geräusche gehört, aber gut.

Wenigstens habe ich den Wein.

Ich war am Sammstagabend mit Heidi im Theater, das Stück ging 4 Stunden, wir waren ganz schön fertig danach. Die Schauspieler waren Weltklasse, das Stück schwer und schrecklich. Aber man fragt hier nicht nach einer Rezession. Da wir nach der langen konzentrierten Theaterzeit mit Brille auf der Nase und Programmheft in der Hand Hunger und Durst hatten, sind wir nach oben gelaufen, um etwas zu trinken. Ich habe lang nicht mehr solchen schlechten Weißwein getrunken wie da im Theater. Vor allem, die Bedienung machte die Gläser so voll, dass man sich kaum noch zum Stehtisch bewegen konnte, ohne ihn zu verschütten.

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Die Kunsthalle

Schauen Sie sich eine alte Stadtkarte von Hamburg an.

Sie sehen eine befestigte Stadt mit Wachtürmen. Es war ein Niederländer, Johan van Valckenburgh (oder Jan van Valckenburgh), der die Erdwälle in Hamburg aufgeschüttet hat. Das war im 17. Jahrhundert, vor dem 30-jährigen Krieg. Er sollte die Stadt befestigen, Hamburg sollte uneinnehmbar werden. Die Wälle sind ungefähr dort, wo Planten un Blomen ist, es gibt da auch eine Johan von Valckenburgh-Brücke.

Er ließ die Große Alster in Binnen-und Außenalster teilen, mit Verteidigungswällen, die weit ins Wasser hineinragten. Ein Stück blieb noch offen, dort baute er die Lombardsbrücke.

Die Kunsthalle, die ja dieses Wochenende ihren 150-en Geburtstag feiert, wäre fast in der Alster gelandet. Es gab 1862 einen Entwurf vom Architekten Martin Haller, die Kunsthalle zwischen Binnen-und Außenalster zu bauen. Das Projekt wurde abgelehnt, zu feucht und zu teuer, man gab ihm seine Pläne zurück.

Das kann man in einem Katalog „150 Jahre Hamburger Kunsthalle“ vom Hamburger Abendblatt lesen. Sehr empfehlenswert, es sind dort sogar die Pläne von diesem Projekt abgebildet.

In diesem Katalog kann man nicht nur Kunst sehen, sondern auch alte Fotos und Erklärungen zur Kunsthalle. Und noch etwas wofür ich als Nicht-Hamburgerin und Seemannstochter sehr dankbar bin: Luftaufnahmen und Grundrisse der Kunsthalle. So kann man sich orientieren. Es ist wie ein Vorhang, der aufgeht. Dort steht sie, so sieht sie also aus. Zwischen Alster und Bahnhof, und das ist die grüne Kuppel.

Ursprünglich war die Lombardsbrücke aus Holz.

Sie wurde ungefähr alle 60 Jahren renoviert.

Ich habe ein Foto aus 1889, und da ist sie schon eine Steinbrücke, mit 8 Lampenpfosten und 40 Glaskugeln. Kein Verkehr. Die Kunsthalle ist auf dem Foto nicht zu sehen, sie wurde ja am Ufer gebaut.

1194 wurde das Lepra Hospital St.-Georg gegründet, außerhalb der Stadtmauern. Lepra ist nicht hochansteckend, und Betroffene müssen eigentlich nicht isoliert werden. Aber man betrachtete die Lepra wie eine Strafe Gottes, daher hatte man die Patienten außerhalb der Stadtmauern verbannt. Ein Antibiotikum hätte es auch getan.

Später wurde es ein Ort für die Pestkranken. Die Pest wird auch von Bakterien übertragen und ja, sie ist sehr ansteckend.

In Sankt Georg gibt es gute Restaurants, der Portugiese hat tollen Fisch und spricht fließendes Spanisch. Meine Freunde lieben Kuchen mit sehr viel Sahne, perfekt für einen Sonntagnachmittag. Es gibt bei uns keine Lepra und keine Pest mehr. Es geht uns gut.

Heidi hat mich zur Eröffnung der Kunsthalle mitgenommen und wir stehen stundenlang still um die Reden zu hören. Kunst für uns alle. Es ist sehr heiß im Raum und ich merke, was man in Hamburg braucht, was aber in keinem Reiseführer steht: einen Fächer.

Dennoch, wir sind von den ganzen Vorträgen fasziniert und schieben unseren Vorsatz, gleich mal an die frische Luft zu gehen, entschieden beiseite. Hier wollen wir sein. Wir wollen es hören, fühlen, mitkriegen. Wir sind uns einig: hier ist ein starkes Team und „der Neue“, der Nachfolger von Christoph Martin Vogtherr, scheint etwas auf dem Kasten zu haben. Heidi und ich nicken uns begeistert zu und flüstern „alles Klar!“

Es wird ein herrlicher Abend. Später steige ich aufs Fahrrad, fahre leicht über die Lombardsbrücke, stelle mir vor, die Kunsthalle würde dort in der Mitte stehen, übers Wasser thronend. Und Alexander Klar würde mit einem Segelschiff zur Arbeit fahren. Wir würden ihm vom Ufer zuwinken.

Die Nacht ist immer noch warm, es steht ein leichter Wind, ich segele den Gorch-Fock-Wall hoch, lächelnd durch die Nacht.

Maya röstet Kaffee

Früher habe ich Büroarbeit gemacht. In Düsseldorf. Ich war Übersetzerin, Fremdsprachenkorrespondentin, Sekretärin, es waren die 90er Jahren. Wir hatten Schulterpolster und schmale Röcke, wir trugen nie Turnschuhe und hatten rote Lippen.

Wir kochten Kaffee in der Büroküche. Für den Chef und für die Partner, die zu Besuch kamen und zum Grappa etwas Aufbauendes brauchten.

Wer hat eigentlich den Kaffee eingekauft? Er war gemahlen und kam in großen Behältern. Wir kannten damals drei bis vier Sorten, aus der Werbung, und es war uns egal, wir waren jung und scherten uns nicht um Kaffee. Wir lebten für die Pausen, die wir in der ersten Frühlingssonne oder im Herbststurm am Rhein verbrachten. Nach der Mittagspause war alles super entspannt, die Chefs hatten gegessen und getrunken und der Stress ließ nach. Bis kurz vor Feierabend, dann kam er manchmal wieder auf wie ein Mistral aus den korsischen Bergen.

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Die Sinne

der Alte Wandrahm.

Rahm in Hamburgs Straßen ist keine Sahne, es ist ein Rahmen aus Holz, auf dem Stoffe nach dem Walken und Färben zum Trocknen gelegt wurden. Das geschah in einem Rahmenhof. Die Wandbereitung war das Gewerbe der Tuchhersteller. Es gab bis zum 19. Jahrhundert sogar eine Wassermühle zum Walken (von Wolle) und Pochen (von Flachs). Die Poggenmühle wurde aber schon 1865 abgerissen.

Im alten Wandrahm ist jetzt eine Blindenschule. Keine Schule, in der Blinden lernen, mit der Realität der Sehenden umzugehen, sondern wo Sehende lernen, wie man sich in der Welt der Blinden zurechtfinden kann. Wenn ich das im Internet nachlese, bekomme ich gleich einen Widerwillen. Wieso sollte ich, die ich doch sehen kann, jetzt so tun als wäre ich blind? Vielleicht sehe ich nicht mehr ganz so scharf, in der Ferne sehe ich verschwommen, aber oft ist es besser, wenn man die Leute nicht so genau sieht. Und ich habe ja eine Brille, für den Straßenverkehr und so, abends. Was soll ich dort?

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Reisen

Ich sitze im Zug von Hamburg nach Aachen.

In Hamburg sind zwei Rechtsanwälte eingestiegen, die sich nicht kannten aber beide nach Bremen unterwegs sind. Der eine ist gefestigt im Amt, leicht ironisch und voll gerüstet, er hat die verrücktesten Sachen schon erlebt, der andere ist gerade neu und etwas verunsichert. Das kommt aber hauptsächlich, weil er nur das eine Hemd gefunden hatte, das Manschettenknöpfe braucht, die anderen waren nicht gebügelt. Und er hatte nur die exotischen Singvögel als Manschettenknopf.

So sitzt der Rechtsanwalt mir gegenüber, jung, mit schönen leuchtenden Augen und Vögeln am Handgelenk.

Beide kippen sich Kaffee rein, den gibt es hier en masse, es wurde schon welchen im Bahnhof gekauft und auch im Zug trabt ein Kaffeelieferant durch die Gänge auf und ab. Ich würde gerne mal im Bremer Amtsgericht schnuppern, eine Mélange aus Bahnhofskaffee in Pappbechern.

Ob sie denn eine Robe anhätten, will ich wissen, oder vielleicht auch eine Perücke. Eine Perücke hatte ich nicht ernst gemeint, aber die Robe, ja, die wird angezogen. Obwohl man damit in Bremen eher gedisst wird. “Das sind da alle solche Alt-68-er”, höre ich interessiert, “die haben einen Wettkampf laufen, wer denn am Schlechtesten gekleidet ins Gericht kommt, mit ausgebeulten Cordhosen und so” geht die Insider-Info weiter. Aha. Das merke ich mir.

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