Burgundisch

Es ist Samstag, die Osterferien fangen an. Fünf Wochen Ferien, die Schulen schließen, das COVID-19 soll damit eingedämmt werden. Ich habe die Kinder  lange nicht mehr so fit und fröhlich gesehen. Sie rasen mit den Fahrrädern durch die Straßen, ausgelassen und voller Pläne. Sie organisieren Übernachtungsparties, um diesen Glücksfall zu feiern. Sie versprechen, sich oft mit Seife die Hände zu waschen, nur in der Armbeuge zu niesen und keine Großeltern zu besuchen.

Letzte Woche war ich auf der Suche nach Holz für den Kamin. Ein Bauer in der Gegend meinte, er verkaufe kleingesägtes trockenes Eichenholz. Er stellt Zaunpfähle her, die angespitzt werden müssen, damit sie gut in den Boden geschlagen werden können. Den Verschnitt hat er übrig, ich kann vorbeikommen und soviel abholen, wie ich will, er hat genug da.

Er wäre im Wochenende unterwegs, so sagt er am Telefon, aber seine Tochter sei morgens dort und melkt die Kühe, Samstag um 9 Uhr wäre perfekt. Ich verabrede mich und stelle mir diese Tochter vor, die alte Jungfer, die immer noch bei den Eltern auf dem Hof wohnt. Sie arbeitet viel, kennt sich mit dem Wetter und mit Tieren aus, fährt Trecker mit Anhänger, trägt einen Overall, Gummistiefel und hat einen praktischen Kurzhaarschnitt. Eine Bäuerin, unwirsch, zurückhaltend. Mit tiefliegenden Augen.

Am Samstagmorgen stehen wir um 7 auf, einen Anhänger hatten wir schon bei den Nachbarn ausgeliehen. Wir fahren zum Bauernhof. Die Kinder können ja helfen, die haben ab jetzt keine Schule mehr. Die Frühlingssonne strahlt aus einem blauen Himmel mit flauschigen Schäfchenwolken, das Holz liegt auf einem Riesenhaufen mitten auf der schlammigen Wiese, die Kühe stapfen durch einen offenen Stall hin und her und gucken uns an. Es sieht so aus, als wären sie schon gemolken. Ich gehe um den Stall herum und klingele an die Tür. Die Tochter macht auf. Sie ist fröhlich und noch keine 20. Sie lacht ansteckend, hat eine frische Haut, wunderschöne Augen, lange rotblonde Haare, die nass sind, sie hat gerade geduscht. Sie sieht in ihrer Jogginghose und den Gummistiefeln umwerfend aus. Ich sehe meinen Sohn von der Seite an, er scheint unbeeindruckt.

Das Holz riecht gut, die Scheiten müssen noch hier und da mit der Kettensäge gekürzt werden, aber das geht schnell. Das Feuer brennt gleichmäßig, lange und schön, wie ich nachmittags feststelle. Ich stelle außerdem fest, dass es bei uns im Gästezimmer kein Klopapier mehr gibt und schreibe es auf meine Einkaufsliste. Paprika, Olivenöl, Äpfel. Toastbrot, die Kinder sind zuhause und haben immer Hunger.

Wir haben unsere schnellsten Kassiererinnen angerufen und alle Kassen besetzt, dennoch standen die Leute Schlange bis zum Kühlregal, so die quirlige Kassiererin abends um neun, als ich noch schnell einkaufen wollte. Sie lächelt. Es war wie auf einer Karnevalssitzung, total übertrieben. Aber ja, die Regale sind jetzt leer. Trockenprodukte sind seit Freitag weg. Konservendosen, und natürlich auch das Klopapier.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt: Kalbsleberwurst, Ölsardinen und Dauerwurst. Wie bitte? Saure Gurken, Gläser Rotkohl und Sauerkraut. Ich frage mich, ob man raten kann, aus welchem Land die Liste für den Katastrophenfall kommt, wenn man sie liest. Bei dieser Liste, die ich im Internet gefunden habe, weiß ich sofort: in diesem Land gibt es keine burgundischen Wurzeln.

Einverstanden, man braucht keinen Rotwein auf die Liste zu setzen, es geht ums Überleben und nicht ums Feiern. Auch wenn dann der Notfall vielleicht besser durchzuhalten wäre, Wein trinkend, sich singend in den Armen liegend. Aber das geht nun mal nicht. Küssen natürlich auch nicht. Das macht die Bevölkerung nicht mit, letztendlich hat sie ja die offizielle Notfallliste, die eingehalten werden muss.

Jahrzehntelang hat man sich im Fernsehen in zahllosen Kochsendungen ganz viel Mühe gegeben, der Bevölkerung das Kochen beizubringen. Und jetzt werden hauptsächlich Konserven eingekauft. In den Zeitschriften an der Kasse gibt es Frühlingsgerichte voller frischer Kräuter. Junges, knackiges Gemüse aus dem Dampfgarer, alles in bunten Farben. Aber auf dem Band darunter läuft die beige Wurst im Glas, es fließt Dauerwurst und Leber vorbei.

In Spanien geht man das Problem anders an. Dort lesen sich die Empfehlungen vom Ministerium so: Im Notfall, machen Sie einen Plan, setzen Sie sich zusammen mit Ihren Lieben hin. Sorgen Sie für Nahrungsmittel, die Kinder gerne essen, sowie Nahrungsmittel, die Trost spenden oder Stress mindern.

Ist es denn doch das, was wir brauchen? Trost? Weniger Stress? Brauchen wir womöglich doch nicht ganz so viel einzukaufen? Vielleicht sollten sie sich einen Plan machen. Vielleicht zählt die offizielle Liste für den Katastrophenschutz noch nicht ganz, was brauchen Sie wirklich? Und wenn Sie in den Keller gehen oder in den Vorratsschrank schauen, sehen Sie vielleicht doch noch eine kleine Stelle, die frei ist. Entscheiden Sie spontan, noch kann man einkaufen gehen. Etwas Beruhigendes passt dort noch hinein, etwas Burgundisches. Vielleicht dort zwischen dem ganzen aufgerollten Papier. Lagern Sie es am besten dunkel und liegend. Gesundheit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.