Brügge sehen

Brügge sehen.

Eigentlich ein logischer Gedanke, wenn man an der belgischen Küste ist. Von Oostende kommt man nach Brügge, wenn man 25 km an einem Kanal entlang landeinwärts, also östlich fährt. Schön bei Westwind, dann hat man das Gefühl, nur so am Wasser entlangzufliegen. Meistens haben wir Westwind. So auch gestern, ich musste bremsen, um auf halber Strecke an einem Café anzuhalten.

Im Café gibt es 300 Biersorten, das macht die Wahl schwierig. Aber noch viel schwieriger ist die Grundsatzentscheidung: Bleibe ich gleich hier, in einem Liegestuhl am Wasser, und probiere mich durch das reichliche Bierangebot, während der Wind mit meinen Haaren spielt? Den Moment genießen, ihn einen ganzen Tag lang genießen, nicht an den nächsten Tag denken.

Einfach Brügge Brügge sein lassen. Nicht mehr über die Stadt nachdenken.

Brügge vergessen.

Oder trinke ich hier etwas, dizipliniert, kultiviert, experimentierfreudig, aber mit contenance, und fahre erfrischt weiter?

Die Argumente gegen einen Besuch der Stadt sprechen für sich. Brügge ist von Touristen mit umgehängten Kameras überflutet, es ist keine wirkliche Stadt, sondern ein mittelalterliches Dorf unter dem Meeresspiegel, wo man mit dem Boot fahren und sich alte Gebäude angucken kann. Sie haben dort Spitzenarbeit als Spezialität. Nicht in der Architektur oder beim Sport, sondern mit Garn. Unnötige Spitzendeckchen werden hier hergestellt. So ähnlich kann man vor sich hin philosophieren, während man sich von der netten Bedienung das dritte Bier zapfen lässt, de dochter van de Korenaar, blond und sanft.

Am besten, man überlegt vorher, was man will. Es kann sein, dass man unbedingt mal etwas für die kulturelle Bildung tun will, aber nach jedem Bier werden die Gegenargumente doller. Ich leere mein Bier, greife das Rad, steige auf und fahre schnell weiter, mit Rückenwind.

Brügge ist eine wunderbare Stadt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hat sie sich gegen Modernisierungen in der Architektur entschieden, sie versucht, den mittelalterlichen Charakter wieder aufleben zu lassen. Hier ist sie, strahlend in der Junisonne. Die alten Backsteingiebel wurden zum größten Teil restauriert, nicht ersetzt. Man hat ganze Straßenzüge auf alte Art nachgebaut. Die Häuser sind klein, etwas schief, sie haben Treppengiebel und sehen wild romantisch aus.

Das Ganze war ein strategischer Gedanke. Der Architekt, der sich diesen Plan ausgedacht hat, wollte eine greifbare Geschichte erschaffen. So laufe ich durch ein wohriechendes Mittelalter, mit sauberem Wasser, schönen Menschen, Blumen, Bänken und Fontänen.

In den mittelalterlichen, kopfsteingepflasterten Straßen traben Pferde mit Kutschen, von lachenden jungen Leuten mit langen Haaren gelenkt. Ihre klaren Stimmen erzählen die Geschichte der Stadt. Ich weiß, dass es in Münster, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen auch Kutschen gibt. Sie werden ökologisch korrekt von einem Elektromotor angetrieben. Keine Tierquälerei, keine Abgase, kein Geruch nach Pferd. Kein wilder Trab, keine glänzende Mähne, keine leuchtenden Augen.

Ich bin froh, heute nicht in Münster zu sein.

Zierliche Brücken spannen sich über klares Wasser, die Sonne strahlt aus einem blauen Himmel mit flauschigen weißen Wolken. In dem Mittelalter, in dem ich mich befinde, sind Timm und Strüppi stark vertreten, sie füllen ganze Geschäfte, begrüßen ihre Fans.

Der Laden nebenan hat ein Schaufenster mit Spielzeugen für Erwachsene. Stilvoll, elegant, raffiniert. Es sind Objekte, die man sonst heimlich im Rotlichtviertel in einem fragwürdigen Schuppen kauft. Oder in einem Erotik-Supermarkt, der einem eine rohe Auswahl bietet, aber nicht das Gefühl, einzigartig zu sein. Hier, im Mittelalter, strahlen die Lieblingsgeschenke luxuriös in der Nachmittagssonne.

Brügge lieben.

Ein paar Schritte weiter kann ich 1000 Biersorten probieren. Die Weiterfahrt hat sich gelohnt. Hier ist der Rozenhoedkaai, mit dem Hotel, das man aus dem Film Brügge sehen und sterben kennt. Vielleicht eine der meistfotografierten Ecken. Ich bin kein wirklicher Biertrinker, nicht von Geburt an, aber ich bin auch kein Fotograf. Hier gelten andere Gesetze. Hier findet jeder eine Biersorte, die ihn umhaut.

Der Tag wirbelt  um mich herum, er ist schön, bunt, voller Sommerlaute und Musik. Ich fühle mich leicht. Ich sehe meinen Namen an den Straßen, Brücken und Geschäften. Katelijnestraat, Katelijnepoort.

Der Rückweg?

Wir sprechen hier von 25 km am Wasser entlang, durch offenes Feld, mit starkem Gegenwind. Abends, nach einem anstrengenden Tag. Ich sage nur, Belgier können das. Gut, dass auf halber Strecke ein Café liegt. In der Abendsonne, mit Liegestühlen am stillen Wasser.

www.bistronieuwege.be

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