Berghütte

An einem Mittwoch war es soweit. Die Stadt war plötzlich zu voll, zu hektisch. Es hing ein tiefer, grauer Himmel über die Elbe und die Luft war voller Abgase. Die Häuser waren kalt und hart, abweisend.

Ich habe mich in den Zug gesetzt und bin über Nacht in die Berge gefahren. In Fulda und in München musste ich umsteigen, in Garmisch Partenkirchen ging die Sonne schon wieder auf. Ich habe mich mit meinem Bruder und noch zwei Freunden getroffen dort.

Im Zug kann ich schreiben, er bringt mich schnell und ohne Stau quer durch die Republik. Es ist September, ich merke ganz deutlich, dass der Herbst in der Luft hängt. 

Wir schnüren unsere Stiefel und gehen zum vereinbarten Treffpunkt, ein Bergführer wartet auf uns in der Nähe der Zugspitze, er heißt Dave und hat eine Mütze auf. Während der Nebel langsam hochzieht besprechen wir die Tour und laufen los. Erst ist es schwierig dort im Gelände, ich fühle mich unsicher, ungeschickt, wackelig auf den Beinen. Mir ist leicht schwindelig. Ich vermisse Hamburg. Ich will weg hier, ich will die Alster sehen. Die Berge um mich sind zu viel, zu schwer, ich fühle mich bedroht. Vor mir in der Ferne, ganz oben steht ein Kreuz, dort müssen wir hin, der Mut sinkt mir in die Bergstiefel.

Plötzlich ist es so, als ob sich die Landschaft ausdehnt. Sie weitet sich schlagartig in die Tiefe und in die Breite, wie eine Aura, bevor der Migräneanfall kommt. Ein feines Klirren ist in der Luft, ein angenehmes Rauschen, wie der Kreislauf, kurz bevor er zusammenbricht.

Der Moment, in dem du weißt, alles ist gut.

Ich denke, vielleicht habe ich nicht genug geschlafen, es ist als ob ich schwebe. Ich hoffe, es geht gleich wieder.

Der Nebel ist nur noch in einigen Tälern zu sehen. Die Gipfel leuchten in der Sonne

In der Ferne sehe ich, dass sich die Landschaft tatsächlich weitet, sie vertieft sich auch, als würde sie eine Dimension dazu bekommen. Ich atme tief und regelmäßig ein und aus, versuche, die frische Luft einzusaugen und störende Gedanken loszulassen. Langsam verbinde ich mich mehr mit dem felsigen Untergrund, die Luft wird kälter und klarer. 

Ein letzter Hauch von Stadt verflüchtigt sich jetzt. Ich komme langsam an, fühle den dünnen, harten und eisigen Geruch des Gebirges um mich herum. Vor mir gehen mein Bruder Peter und Neville, neben mir Liz. Sie schaut in die Nebelwolken und nimmt meine Hand, inmitten der blauen, steinigen Welt. Ein leichter Wind kommt auf, es kommt Bewegung in die Luft, Wolken kommen aus dem Norden. 

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Dave kennt sich auf diesen Trampelpfaden aus. Seine Augen sind wach und klar, sie stehen etwas schräg und blicken unter der tiefsitzende Wollmütze hervor, sie glänzen. „Wir gehen zur Hütte, ein blauer Schneesturm zieht auf,“ sagt er und schnitzt mit einem Opinel Taschenmesser an einem Stück Holz.. 

Hamburg denke ich.

„Ein Weizen“ meint mein Bruder.

Dave sagt, wir müssen zusammenbleiben, er kennt den Weg.

„Wir sind zusammen in dieser Geschichte“, sagt Liz. „Wir sind schon mehr als halb so alt und müssen eigentlich eine Moral haben“.

Die dünne Bergluft sorgt dafür, dass ihre Worte nicht mehr präzise geformt werden, sie lässt sie einfach heraustaumeln. Das kann sie sich sonst nicht erlauben, denn sie präsentiert ein Kulturprogramm im Radio. Ich höre sie manchmal morgens, wenn ich alleine in meiner Wohnung bin, übers Internetradio. Sie hat eine ruhige Stimme und ich mag, wie sie die Konsonanten ausspricht, als würden sie leicht hüpfen, auf einem filigranen Trampolin.  

Sie hat aber Recht, die Hälfte unseres Lebens ist wahrscheinlich schon vorbei. Und diese Geschichte läuft ins Nichts, wenn sie keine Moral hat. Etwas muss noch passieren. Eine Gefahr, die überwunden wird, ein Drama. Das hatte Dave bestätigt, als ich die 3-tägige Bergwanderung bei ihm reserviert hatte. Er würde mit uns eine abenteuerliche Bergtour machen, damit wir abschalten könnten. Denn, so hatte ich ihm letzte Woche am Telefon erklärt, wir alle wohnten im Moment in großen Städten, hätten eine Sehnsucht nach dem einfachen Leben. Nach Natur und Wildnis.

Der Schneesturm von Dave rückt immer näher, wir hören die Warnung in seiner Stimme. Keiner von uns weiß, ob es gespielt ist, oder ob wirklich Gefahr droht, letztendlich ist es erst September. Ab wann kommt der Schnee hierhin? Sind die Tiere noch auf den Wiesen? Ich kenne mich hier nicht aus. In der Ferne glitzert der Schnee auf den Spitzen. Der Wind wird immer stärker, es wird auch kalt, und jetzt meinen wir alle, dass Schnee in der Luft hängt. Auch wenn keiner von uns genau weiß, was ein blauer Schneesturm ist. Aber Dave weiß es und das reicht.

Wir wandern, bis die Sonne tief steht und die Berge im warmen Licht leuchten. Der Sturm ist vorübergezogen. Meine Füße tun weh. Ich kann nicht mehr. Die Aussicht ist unglaublich schön. Gerade, als ich denke, ich leg mich jetzt hin und schlafe erst eine Runde, dort auf dem felsigen Boden, erreichen wir die Hütte. Sie ist etwas windschief und steht neben einer großen Tanne. Ihre Eingangstür ist schwer, Dave schiebt den Riegel zurück und wir stoßen sie zusammen auf. Wenn wir hineingehen, sehe ich den unendlichen Raum aus Holz. „Sind wir in einer Lärche?“ fragt mein Bruder schnüffelnd. „Ja“, bestätigt Dave, „willkommen in meine Lärche. Ein gutes Holz, ein starkes Holz, ein Holz zum Häuser bauen. Dies ist mein Haus, hier wohne ich“. Wir setzen unsere Rucksäcke ab und ziehen die Wanderstiefel aus, Neville macht den Kamin an, er ist gut mit Feuer.

„Hamburg“ sage ich.

„Warum ausgerechnet dort“, fragt mein Bruder und öffnet eine Bierflasche.

„Das Wasser“, versuche ich, „die Schiffe. Die Leute“.

Die Wände sind spiralförmig, wenn man einer Wand folgt, kommt man nicht genau an der gleichen Stelle wieder raus, sondern man dringt tiefer in das Holz hinein.

„Wie im echten Leben“, staunt Liz, „alles dreht sich wie eine Spirale, und mit der Zeit gelangt man immer tiefer. Daher wird auch Spiritualität von Spirale abgeleitet. Das ist das gleiche wie Algebra. Algebra leitet sich von Alge ab. Algen ergänzen sich, zählen alles auf, die Summe macht es“, sagt sie.

Neville öffnet den Mund, um zu protestieren, aber als er sieht, wie Liz in die Ferne schaut, in das dunkle Innere des Holzes, seufzt er und setzt sich hin. „Dieses Holz“, sagt er, „ist etwas ganz anderes als die Holzdecken in unserem Haus“. 

„Die Decken sind bestimmt aus Kiefer“, sagt Dave, „dein Vater ist Kieferchirurg, deshalb. Die können fast nicht anders. Aber Kiefernholz hat nicht diese Ruhe“. Ich denke, sind die hier alle so lustig auf dem Berg? Aber entscheide, mich darauf einzulassen. Wir werden unser Abendessen hier kochen und hier oben auf dem stillen Berg schlafen. Zum Glück brennt hier ein Feuer im Haus, und gibt es Rotwein.

„Mein nächstes Haus baue ich aus Zirbelholz“, träumt Dave vor sich hin, „du hast noch nie etwas so tolles gerochen. Weißt du, du schläfst unglaublich tief und zufrieden, wenn du ein Bett aus Zirbelholz hast“. Er sieht mich an, weiß, wo ich wohne, weiß, wie ich den Tag normalerweise verbringe.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich schon mal so gut geschlafen habe als in dieser Hütte. Das Fenster steht auf nachts, die Bergluft kommt hinein, ich höre einen fernen Bach flüstern, die Bäume rauschen, die Stille ist unfassbar tief. 

Und so verbringen wir drei Tage hier oben auf dem Berg. Tagsüber wandern wir, abends hacken wir Holz, machen Feuer, holen Wasser aus dem Bach, hören Geschichten über Schneestürme. So bald mein Kopf das Kissen auch nur berührt, schlafe ich ein. Ich schlafe sehr tief, träume leicht und klar.

Ich stehe in der Abendsonne im Bahnhof von Garmisch, die anderen sind schon eingestiegen, bis München fahren wir zusammen. Ich sehe den ruhigen Bergführer an, er hat graublaue Augen. Ich drücke ihn noch mal fest an mich, er riecht nach Wald. Ich steige in den Zug, verspreche, bald wieder vorbeizukommen.

Wenn ich am Sonntagmorgen im Hauptbahnhof Hamburg im Morgengrauen aussteige, kommt es mir so vor, als hätte ich alles geträumt. 

Ich gehe die Rolltreppe hoch, mein Rucksack ist schwer. Ich brauche erst mal einen Kaffee, er schmeckt mir überhaupt nicht.

Einige wilde Wolken ziehen über den Himmel. Ich gehe zur Alster und setze mich an die Lombardsbrücke auf eine Bank. Dort liegt die Stadt im trüben Sonntagslicht, keine Berge, kein Schnee. Die Alsterfontäne tut mir Leid, das Wasser riecht modrig. Ich denke an einen Wasserfall in den Bergen.

Ich betrachte die kleine Holzskulptur in meiner Hand, die Dave mir geschenkt hat. Es ist ein Hase und er soll Glück bringen. „Ein Glücksbringer für Hamburg“, hat er gesagt „aus Zirbelholz. Leg ihn neben dein Kopfkissen und denke an den blauen Schneesturm.

Ob ich umziehen würde? In die Berge? Darum geht es nicht. Ich verstehe schon, wieso viele Personen „Zürich“ sagen, wenn ich „Hamburg“ meine. Zürich hat alles, was Hamburg auch hat, nur schöner, besser, und die Berge sind da. Ja, ich verstehe es, bin aber nicht einverstanden. Das ist die Schweiz! Will man dorthin? 

Dort ist kein Meer, keine Schiffe, kein Kiez. 

Ich finde Zürich unglaublich chique, aber etwas fehlt dort. Eine bestimmte Größe. Die Großzügigkeit, nicht was die Architektur, sondern was die Menschen betrifft. In Zürich habe ich das Gefühl, alle bewachen ernst einen großen Goldschatz, und Besucher sollen einfach weitergehen. Gut, denke ich, lass sie doch, sollen sie ihren Schatz bewachen, ist mir egal.

Hier in Hamburg ist die Neugierde. Ich lege hier an, fühle mich aufgenommen und gleichzeitig frei, darum geht es. Um die Freiheit und die Neugierde.

Ich bringe jetzt Bergluft und Ruhe ins Karolinenviertel. Eigentlich brauche ich eine Holzhütte mitten in Hamburg.

Ich werde bei Baufritz nachfragen, die machen so etwas. Man schläft unfassbar tief dort. Man wacht auf, die Augen sind scharf und klar, die Haut ist fest und rein, die Gedanken sind sortiert.

Wenn man gut schläft, wird man ein besserer Mensch. Da bin ich mir sicher.

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