Altweibersommer

Es ist Sonntag und die ganze Stadt läuft in T-Shirt durch die Straßen, denn der Wetterdienst hat vorhergesagt, dass es heute warm wird, bis zu 22 Grad. Ein richtiger Altweibersommer! Alle sind draußen, im Karolinenviertel wird fleißig eine Grünfläche umgegraben, man guckt immer wieder in die Luft, wo ist denn eigentlich die Sonne?

Es regnet, es ist 13 Grad, man ist festentschlossen, das schöne Wetter zu genießen, man kramt die Tische und Stühle wieder raus. Nach dem Frühstückskaffee in der heißgeliebten Karo-Ecke fahre ich in den Harburger Stadtpark.

Um den Mühlenteich spazieren die Leute herum, langsam, stattlich. Sie nehmen an einer Ballettvorstellung teil, bewegen sich im Gleichschritt, Jacke an, Jacke aus, Schirm auf, Schirm zu, Hund auf den Arm, wieder auf den Boden, Regenhose an, wieder aus. Ein Tanz im Rhythmus des Sonntagsspazierganges, mit dem sanften Applaus der Regentropfen.

Hier stehen sehr schöne, große Bäume. Der Park ist auch schon alt.

Herzog Otto II hatte Ende des 16. Jahrhunderts seine Wassermühle bauen lassen, indem er die Engelbek zu einem Teich aufstauen ließ und dort eine Wassermühle errichtete. Es lag außerhalb des Stadtgebietes, die Harburger nannten den See daher den Außenmühlenteich.

Die Engelbek ist nur ein kleiner Bach, der das Wasser der Geesthänge einsammelt und bis in den Außenmühlenteich bringt. Weiter geht es in einem Rohr, das unter die Harburger Hochstraße führt. Man kann die Engelbek noch kurz sehen, sie läuft in den Seevekanal bei der Phoenix AG. Der Name Phoenix kommt daher, dass die Gummifabrik immer wieder den Namen ändern musste, da die Eigentümer wechselten. Mit Phoenix hat man sich eine Marke gesichert. Die Firma hatte zwischendurch mit den Amerikanern von Firestone einen Vertrag und wurde 2004 von der Continental ziemlich unfreundlich übernommen.

Aber wieder zurück zum See im Park.

Seit 1890 ist hier in Harburg am Teich eine öffentliche Badeanstalt. Es ist verhältnismäßig schönes Wetter heute und die Hamburger sind ziemlich abgehärtet. Ich dusche jeden Morgen kalt ab, so dass ich mithalten kann, draußen auf den dünnen Bierbänken im Sturm, aber es scheint nicht viel zu bringen. Ich trage einen Mantel und Stiefel, während die anderen Spaziergänger in T-Shirt und Flipflops unterwegs sind. Immerhin sehe ich heute keinen, der im Mühlenteich badet, aber wundern würde mich das jetzt nicht. Es liegen nur einige Menschen auf der Saunaterrasse und dampfen, während eine Stimme durchs Megaphon schallt, die Kinder sollen doch bitte nicht rutschen, das ist verboten heute. Ein ganz normaler Sonntagmittag in Harburg.

Herzog Otto I (der Vater von Otto II, der mit dem Mühlenteich) überlegte sich, ein Harburger Schloss bauen zu lassen. Da jedoch beim Bau alles immer teurer wird als geplant, wurde schnell klar, dass nicht genug Geld übrig blieb, um Soldaten bezahlen zu können. Er dachte, es gibt hier schon Männer genug, die trainiert werden könnten. Die Wehrhaftigkeit  sollte durch gezieltes Training aufrecht erhalten bleiben. Er dachte sich ein Vogelschießen aus. Die Bürger sollten um die Wette schießen, jedes Jahr wurde ein König gewählt.

Otto I nannte sich selber den ersten Schützenkönig. Die Schützengilde ist fast 500 Jahre alt, und damit der älteste Verein Harburgs. Wo finde ich ihn?

Ich weiß, dass sie einmal im Jahr feierlich Grünkohl essen im Privathotel Lindtner. Das wurde 1949 in Heimfeld gebaut, und jetzt von den drei Schwestern Heidrun, Brunhild und Korri geführt. Und wie gesagt, die Schützen feiern dort. Da kann man sonntags brunchen gehen. Im Sommer im Garten, im Winter beim Kamin. So schön ist Heimfeld. Heute habe ich keine Lust auf Brunch, aber vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit, dort mal vorbeizuschauen.

Der älteste Verein, das ist doch schon was. Dann gibt es noch die älteste öffentliche Grünfläche Harburgs, die hat auch eine schöne Geschichte. Es gab einen Offizier, Major Ferdinand von Bissig, der 1835 seinen Soldaten den Nordhang des Schwarzenberges bepflanzen ließ, weil er ihn langweilig fand. Das finde ich gut. Ein Offizier, der Bäume pflanzen lässt. Aber da er keine Erlaubnis eingeholt hatte, hat er dafür eine Strafversetzung bekommen. In der Parkanlage erinnert ein Denkmal an diesen Offizier mit dem grünen Daumen.

Es ist Sonntagnachmittag, ich fahre wieder zurück. Im Karolinenviertel sind die Nachbarn mit dem grünen Daumen fertig, die Grünfläche ist umgegraben, dort stehen jetzt schöne Blumen.

Da es immer wieder regnet, treffe ich mich mit einigen Leuten noch mal im Schmidt-Theater, Tim Koller spielt die “Cave Queen”. Er sorgt dafür, dass dieses Wochenende noch ein Krönchen bekommt. Seine herzliche, lustige, unkomplizierte und dramatische Art nimmt uns mit. Er singt, tanzt und umarmt die ganze Welt.

Wir bekommen Hunger, gehen zu Erika’s Eck im Karo-Viertel. Ob wir noch etwas bekommen hier? “Klar” sagt Klaus, “bis 14:00 morgen Mittag”, die Antwort gefällt mir sehr. Wir essen Pommes, trinken Bier, hören Musik aus den 70ern. Da es ein schöner, warmer Abend ist, und nur ein bisschen Sprühregen durch die Luft tanzt, spazieren wir gegen Mitternacht noch zur Kleinen Pause bei Sabine für einen Absacker. Sie strahlt, sie hat den Laden 1986 eröffnet und ist immer noch gut gelaunt.

Es ist so einfach, so unkompliziert, man braucht kein Autorennen, man braucht kein Schloss, man braucht nicht jedes Jahr Schützenkönig zu werden. Man braucht herzliche Leute um sich, die mitten in der Nacht für einen da sind. Die man einfach mal besuchen kann, mit ihnen etwas trinken, reden und lachen. Inzwischen ist es Montagmorgen. Der Regen ist jetzt sanft, es weht ein warmer Wind durch die Straßen. Noch schlafen die Leute, noch ist es dunkel in der Stadt. Aber man kann schon vermuten, was kommt, wenn gleich die Sonne aufgeht, man spürt es in der Luft.

Wenn Sie an diesem Montagmorgen die Augen öffnen, werden Sie überrascht um sich schauen, Sie werden die Fenster öffnen, weil Sie es nicht glauben können. Und Sie werden ihn endlich sehen: den Hamburger Altweibersommer.

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