Coronakonform

Vielleicht können wir einen Schreibtisch für Ihr Projekt organisieren, das muss ich erst mal bei uns intern ventilieren, sagt Herr Schmitt, als ich mich mit ihm am Telefon über Stadtschreiberin unterhalte. Ventilieren, zögere ich, was ist das? Es hört sich so wie ventriloquist an, die englische Bezeichnung für Bauchredner, ob er das meint? Kann er das denn, bauchreden?

Herr Schmitt sagt zunächst nichts, es gibt eine Stille am Telefon. Dann meint er, dafür müsse man bestimmt Talent haben, er habe es noch nicht versucht, könne sich aber auch nicht vorstellen, dass er es kann.

Auf YouTube kann man sich Tutorials ansehen, zum Beispiel von Jeff Dunham, er spielt  Achmed The Dead Terrorist. So kann man lernen, wie es geht, aber ich habe es ihm nicht vorgeschlagen.

Vielleicht hängt es vom Bauch ab, versuche ich.

Da hätte ich aber gute Chancen, antwortet er und lacht.

Coronavorrat?

Ja, da müsse er dringend etwas dagegen tun.

Vielleicht, überlege ich mir, könnte man damit arbeiten. Er soll mal anfangen zu üben, ich kann demnächst Bauchredner beim Projekt der Stadtschreiberin auftreten lassen, vielleicht statt einer normalen Lesung.

Denn gibt es überhaupt eine Unterhaltungsform, die mehr coronakonform ist?

Er überlegt kurz. Stimmt, findet er auch, keine infektiösen Aerosole. Theater und Gesang ohne die notwendige Plexiglastrennwand. Kein Mund- und Nasenschutz, keine zusätzlichen Abzugsvorrichtungen im Theater, kein Publikum, das nur einsam in weiter Ferne sitzen darf. Ein Publikum hautnah, zum Anfassen, oder fast, nur anderthalb Meter weg. Die Lösung für die Theaterwelt. Bauchreden. Ganzkörpertraining.

Ich freue mich über das informative Gespräch und darüber, Herrn Schmitt demnächst zu besuchen, um den möglichen Schreibort anzuschauen. Der Verlag, in dem er arbeitet, befindet sich in einem der schönsten Häuser der Stadt. Ein Schreibplatz dort wäre großartig.

Awful Coffee

Ich trinke Jasmintee, höre Awful Coffee von John Scofield. Gleich muss ich zum Zahnarzt, Wurzelbehandlung, und ja, ich kenne die Gefahren. Erscheinungen wie Müdigkeit, schlechte Laune, psychische Störungen, alles kann auf Entzündungsherde, die nach einer Wurzelbehandlung entstehen, zurückzuführen sein. Heilpraktiker fragen meistens als Erstes: „Haben Sie wurzelbehandelte Zähne?“ Wenn die Antwort ja lautet, ist man vielleicht selber schuld an seinem Leiden.

Ich habe einen sympathischen Zahnarzt, der sich auf zahnerhaltende Maßnahmen spezialisiert und mich ausführlich beraten hat.

Ich trinke also keinen Kaffee vorher, denn ich will einen angenehmen Atem haben, nach Jasmin duftend. Vielleicht hilft das ja. Ich verspüre Herzrasen.  Morgens um acht auf der Liege, auf dem Rücken mit aufgespreiztem Mund, Kofferdam und Haken in den Mundwinkeln, bin ich keine Heldin –was Kofferdam ist? Wikipedia: korrekt Cofferdam von englisch coffer ‚wasserdichte Struktur‘, ‚Verkleidung‘ (im Schiffsbau) und dam ‚Deich‘, ‚Dämmung‘, auch Rubberdam (…)zur Abschirmung des zu behandelnden Zahns vom restlichen Mundraum, insbesondere bei einer Wurzelkanalbehandlung.

Der Zahnarzt und die Assistentin beugen sich mit Lupe, Mikroskop, Pro-Glider und unglaublich feinen Instrumenten über mich, ich schließe die Augen, bleibe regungslos liegen, denke an Hamburg, an Wasser, Freiheit, Schiffe. Die Betäubung ist toll. Einige Stunden gehen vorbei. Zum Glück bespielt dieser Zahnarzt mich nicht mit Vogelgezwitscher und Bachrauschen, das wäre jetzt zu viel. Ich will nach Jazzmusik von Thelonious Monk fragen, aber ich kann den Namen gerade nicht gut aussprechen.

Nach der Behandlung gehe ich langsam und ein bisschen schummrig zu Folke. So heißt die Ehefrau des Zahnarztes, sie sitzt in ihrer frisch-fröhlichen Art am Empfang und hat gute Laune. Die Sympathie in Person. Folke, sag ich, dein Mann weiß, was er tut. Ich habe es mir viel schlimmer vorgestellt. Sie lacht. Der Peter liebt das. Wurzelbehandlungen sind seine Leidenschaft. Nun ja, denke ich. Nun ja. Ich will noch etwas Schlaues sagen, aber mir fällt nichts ein, ich bin noch zu leicht im Kopf, verabschiede mich. Bis in zwei Wochen.

Abends telefoniere ich mit meiner Tochter Sophie, sie segelt gerade im Norden von Norwegen, um die Inseln dort von Müll zu befreien. An einem Tag sammeln sie und der Rest der Besatzung bis zu 3 Tonnen angespülten Unrat ein. Der Verein, mit dem sie unterwegs ist, heißt in the same boat. Wenn Sturm ist, können sie nicht rausfahren, dann sitzen sie unter Deck und stricken oder kochen. Es gibt oft Sturm, und es ist kalt im Norden, jetzt in der Septembersonne nicht mehr als 10 Grad.

Das ist die neue Generation. Sie säubert die Ozeane und strickt. Sie trinkt Tee und backt ihr eigenes Brot. Ist das die Rebellion? Ich habe das Gefühl, dass die Vergangenheit mich einholt. Meine Mutter ist die beste Strickerin der Welt. Meine ganze Kindheit trug ich selbstgestrickte Pullover. Sie gingen nicht kaputt, nie. Sie wurden von Kind zu Kind weitergereicht, und dann zu den Verwandten nach Schottland verschickt. Es gibt sie immer noch, unverwüstlich lagern sie irgendwo in einer Kiste, die Pullis. In vielen Kisten. Und nach einem halben Jahrhundert pieksen sie immer noch am Hals.

Ich überlege, was Sophie auf dem Schiff gerade strickt, in welchen Farben (ich kann’s mir vorstellen, Backstein, Erde und Schlamm), und was ich zu Weihnachten geschenkt bekommen werde.

Spätsommer in Norwegen

Über Weihnachten rede ich am nächsten Tag mit einer Lerngruppe aus der Eifel. Sie sind zwischen 60 und 75 Jahre, und ich war ihre Englischlehrerin im Samstagsunterricht. Es ist ein warmer Spätsommertag, wir treffen uns in einer Gaststätte im tiefen Wald. Die Landschaft ist felsig, die Wege sind sehr steil, es stehen unheimliche Tannen auf den Hängen und stattliche Buchen in den Tälern. Kein Verkehr ist zu hören, eine Gruppe Mountainbiker sitzt an einem langen Holztisch, sie trinken Weizenbier und unterhalten sich laut und voller Begeisterung über die fabelhaften Abfahrten. Die Sonne verschwindet schon hinter den hohen Bäumen, es wird plötzlich ziemlich kühl. Die Rur fließt an der Terrasse entlang, die Bäume rauschen, die Vögel zwitschern. Ich kann aber nicht sagen, welche es sind, ein Specht ist nicht dabei.

Hier geht das, Vogelgezwitscher und Bachrauschen. Ohne Zahnschmerzen kann man das ertragen. Der Kaffee schmeckt schrecklich.

Die Englischgruppe hat mich letztes Jahr in Hamburg besucht, als ich Stadtschreiberin war. Es war ein wildes Wochenende, sie haben bei der Alsterrundfahrt um Tickets gefeilscht, indem sie darauf bestanden haben, eine Rentnertruppe zu sein und somit rabattfähig, obwohl mehr als die Hälfte von ihnen noch mitten im Berufsleben steht. Sie haben so clever gehandelt, dass sie nicht nur die Bootsfahrt, sondern auch noch eine Stadtrundfahrt mit dem Bus zum Sonderpreis bekommen haben.

Das Lokal, in dem wir uns befinden, war früher eine Disco, erzählen sie mir. Dort ist man hingelaufen, stundenlang durch den dunklen Wald. Klar, manchmal traf man einen komischen Vogel unterwegs. Wo es das nächste Telefon gab? Dort, wo man auch einkaufen konnte, ein bis zwei pro Dorf. Eine der Damen sieht mich verwundert an. Wir wollten Spaß haben und tanzen, doch nicht telefonieren.

Ich merke noch ein Ziehen im Mund, will aber das Thema Zahnmedizin nicht zur Sprache bringen, damit kann ich hier am Tisch nicht gewinnen. Ich werde bestimmt sofort übertrumpft.

Ich sehe in die Runde. Wald, Feld, Disco. Keine Anrufe, keine Chats unterwegs, keine Rechtfertigungen, nichts, das verpasst wird. Keine Fotos. Der Moment an sich. Improvisieren, wenn etwas schiefläuft.

Vor langer Zeit haben sie hier gefeiert, sie sind unter einem weiten Sternenhimmel nach Hause gelaufen, die steilen Berghänge hoch, durch die endlosen Wälder, mit Herzrasen und Bachrauschen. Berauscht. Vom Tanzen.

Es wird immer kühler, das Gespräch handelt jetzt von Weihnachten und davon, dass Anfang September bei 34 Grad die Lebkuchen bei den Discountern liegen. Tagsüber kann man sich Weihnachten überhaupt nicht vorstellen, aber sobald die Dämmerung fällt und die Kälte aus den Gewässern hochkriecht, schon, vor allem in der Eifel im düsteren Tannenwald. Wir reden darüber, wie der weiße Glühwein besser schmeckt als der rote, aber nur, wenn er vom Winzer kommt. Ein Nachtvogel schreit lange und schrill.

Ich habe keine Socken an und friere, dort auf der Terrasse an der Rur. Eine der Damen leiht mir ihre Jacke, die ich um die Beine schlage. Ich denke an meine Tochter und meine Mutter, die nie frieren. Hier in der Kälte hätten sie garantiert Wollsocken dabei, und einen Schal.

Auch wenn sie nie die Musik von John Scofield hören, und schon mal gar nicht die Klänge von Thelonious Monk, kennen sie jeden Vogel.

http://www.dr-dolezel.de/behandlungen.html

in the same boat

Ideen sammeln

Auf dem Weg nach Harburg steige ich in Hammerbrook aus. Es ist 12:00 h, und ich habe Lust auf guten Kaffee. Auf einen Hammerkaffee, Sie wissen schon. Maya! Mein Herz schlägt schon schneller, als ich merke, dass sich noch keine Schlange vor dem Geschäft gebildet hat. Es ist fast Zeit für die Mittagspause, und hier gibt es sehr viele Büros, aber gerade geht es. Ich gehe hinein, schließe die Augen, atme den Duft des Kaffeeröstens ein, bekomme eine Tasse voller Glück. Ich sehe die freundlichen Mitarbeiter an, kaufe noch ein Franzbrötchen mit Schokolade und setze mich auf einen Stuhl aus Kaffeesäcken.

Was will man mehr?

Ich sehe zu, wie die Bohnen – oder Kirschen? – frisch geröstet und noch warm eingepackt werden. Es riecht hier gut, ich könnte hier sehr lange sitzen bleiben.

Aber ich bin auf dem Weg nach Harburg, trinke den letzten Tropfen Kaffee, steige wieder in die S-Bahn und fahre über die eleganten Elbbrücken in den Südhafen.

Später habe ich einen Termin mit dem Vorstand der Kulturwerkstatt, aber es bleibt noch einen ganzen Nachmittag Zeit. Ich laufe durch den Hafen von Harburg. Ich habe gehört, dass Hamburg diesen Bezirk ziemlich stiefmütterlich behandelt. Richtig so. Denn wer will schon auf die verwöhnte leibliche Tochter des Kaiserkais treffen? Auf die hochnäsige Schwester der HafenCity? Ich stelle sie mir elegant und schick vor, in Businesskostüm und ökologisch korrekten Sandalen. So geht es hier nicht. Hier ist es ganz anders.

Harburg, du wildes, rebellisches Stiefkind. Unangepasst, frei, originell, unberechenbar.

Harburg ist Lederjacke, kaputte Jeans, Turnschuhe. Zigarette im Mund, einige Bierflaschen neben der Bank auf dem Boden, Blick auf unendlich.

Ob er das Foto gerne hätte? Der Mann, der gerade seine Zigarette anzünden möchte, sieht mich verwundert an. Welches Foto? Ich gebe zu, dass ich ihn fotografiert habe, weil die Farben stimmen. Der tiefblaue Spätsommerhimmel, das silbrig schimmernde Wasser, die Figur auf der Holzbank, der gelbe Hafenkran dahinter. Er sieht sich das Foto an, nickt, und ich teile es mit ihm.

Das Foto, der Spätsommer. Der Hafen in Harburg. Schiffe, Taue, der Geruch von Öl, Rost, Holz, Teer. Die Süderelbe.

Ich bin hier, weil ich das Projekt Stadtschreiberin starten will. Ich bin zwar die Stadtschreiberin, aber 2021 gibt es ein neues Stipendium, und dafür sammle ich gerade Ideen und Förderer.

Wieso gibt es eigentlich einen in Rottweil, nicht aber in Hamburg?

Ich muss den besten Kandidaten, die beste Kandidatin finden und das Preisgeld einsammeln, sodass ich ihr oder ihm eine schöne Zeit ermöglichen kann. Sind Sie interessiert? Auf meiner Startseite stehen die Details.

Ideen sammeln geht am besten draußen in der Natur. Ich laufe zur Elbe, lege mich auf einen Steg und gucke Schiffe. Der Nachmittag segelt an mir vorbei. Ich höre die kleinen Wellen, wie sie um den Steg glucksen. Ein Boot vom Zoll schneidet mit hoher Geschwindigkeit durchs Wasser, die Zollbeamtinnen sehen beeindruckend aus, wie sie in Uniform mit gekreuzten Armen fest am Bug ihres schnellen Schiffes stehen, unbeirrbar. Ich winke ihnen zu, sie nicken kurz.

Zwei Jugendliche befinden sich am Ufer, sie werfen Steine ins Wasser und angeln. Ein Segelschiff kommt vorbei, blau wie die Luft, mit Segeln weiß wie die Wolken. Es spiegelt sich im Wasser, ich denke an ein Gemälde von Constant Permeke, aber dann in hell und freundlich. Es ist eine Familie, die einen Nachmittagsausflug macht. Der Nachmittag dehnt sich unendlich.

Ich bin mitten in Hamburg. Ich sammle Ideen.

die Schwarzfahrer-App

Das Ticket kann nur in der App gekauft werden und ich muss registriert sein. Was war nochmal mein Passwort? Mein mittlerer Sohn, der mich zum Aachener Bahnhof fährt, beobachtet mit Staunen meine Versuche, ein Fahrticket zu kaufen. Kein Netz, App nicht zur Verfügung, Neuanmeldung. Wählen Sie eine Sicherheitsfrage aus. Mädchenname meiner Mutter? Zum Glück muss mein Sohn sich auf den Verkehr konzentrieren, und schnell fahren, denn das Navi zeigt an, dass wir eine Minute vor Abfahrt am Bahnhof ankommen werden.

Wollen Sie die Ortungsdienste für die App einschalten? Was? Werde ich von der Deutschen Bahn persönlich abgeholt? Schön wär’s, denke ich mir, während wir vor einer absurden roten Ampel mitten im Niemandsland stehen. Fahr! Meine Verantwortung. Der Bahnhof ist in Sichtweite, aber der Zug nach Köln hält in wenigen Minuten auf dem hinteren Gleis und die Zeit läuft weg. Nach kurzem Zögern fährt er tatsächlich, die Ampel bleibt einfach rot. Ich schäme mich ein bisschen für diese Anstiftung zur Ordnungswidrigkeit.

Die Bezahlung des Tickets von Aachen nach Köln schließe ich letztendlich im Zug ab, als der Schaffner schon um die Ecke gestapft kommt. Erleichtert lächele ich ihn hinter meiner Maske an, denn fast wäre ich schwarzgefahren, und er sieht nicht so aus, als würde er mir die Geschichte einer Schwarzfahrer-App glauben.

Außerdem habe ich tatsächlich mehr bezahlt als für das Ticket von Köln nach Hamburg, das ich gestern gekauft habe. Wurde hier wirklich nur einmal appgerechnet? Den Rest der Stecke brauche ich, um Emails zu empfangen, die mir bestätigen, dass ich bezahlt habe und wieder vollwertig bei dem Unternehmen registriert bin.

Nichts kann mehr schiefgehen.

Keine Stunde später bin ich im Kölner Hauptbahnhof, gleich geht es Richtung Hamburg weiter. Die Personen um mich bewegen sich mit der Gesichtsmaske und ihren Koffern durch die Bahnhofslandschaft. Manche sind in Eile, andere gehen langsam und konzentriert. Jeder von ihnen hat etwas aus seinem Leben dabei, trägt es wortlos durch die Welt.

Mit den Gesichtsmasken sieht es noch surrealer aus als sonst. Geheimnisvoll schreiben die Reisenden das Leben, indem sie sich selbst und die Gegenstände spurlos von hier nach dort transportieren. Ich rieche die Luft von Pizza, Eisen und Rolltreppe im Bahnhof, höre die Züge, wie sie metallisch auf den Gleisen bremsen. Ich sehe mir die Erschaffer der Welt an.

Hier passiert es. Alles! Hier kann man einsteigen. Man kann komplett aussteigen. Man kann ohne Probleme umsteigen.

Ich tanze vor Freude. Ich reise wieder.