Brügge sehen

Brügge sehen.

Eigentlich ein logischer Gedanke, wenn man an der belgischen Küste ist. Von Oostende kommt man nach Brügge, wenn man 25 km an einem Kanal entlang landeinwärts, also östlich fährt. Schön bei Westwind, dann hat man das Gefühl, nur so am Wasser entlangzufliegen. Meistens haben wir Westwind. So auch gestern, ich musste bremsen, um auf halber Strecke an einem Café anzuhalten.

Im Café gibt es 300 Biersorten, das macht die Wahl schwierig. Aber noch viel schwieriger ist die Grundsatzentscheidung: Bleibe ich gleich hier, in einem Liegestuhl am Wasser, und probiere mich durch das reichliche Bierangebot, während der Wind mit meinen Haaren spielt? Den Moment genießen, ihn einen ganzen Tag lang genießen, nicht an den nächsten Tag denken.

Einfach Brügge Brügge sein lassen. Nicht mehr über die Stadt nachdenken.

Brügge vergessen.

Oder trinke ich hier etwas, dizipliniert, kultiviert, experimentierfreudig, aber mit contenance, und fahre erfrischt weiter?

Die Argumente gegen einen Besuch der Stadt sprechen für sich. Brügge ist von Touristen mit umgehängten Kameras überflutet, es ist keine wirkliche Stadt, sondern ein mittelalterliches Dorf unter dem Meeresspiegel, wo man mit dem Boot fahren und sich alte Gebäude angucken kann. Sie haben dort Spitzenarbeit als Spezialität. Nicht in der Architektur oder beim Sport, sondern mit Garn. Unnötige Spitzendeckchen werden hier hergestellt. So ähnlich kann man vor sich hin philosophieren, während man sich von der netten Bedienung das dritte Bier zapfen lässt, de dochter van de Korenaar, blond und sanft.

Am besten, man überlegt vorher, was man will. Es kann sein, dass man unbedingt mal etwas für die kulturelle Bildung tun will, aber nach jedem Bier werden die Gegenargumente doller. Ich leere mein Bier, greife das Rad, steige auf und fahre schnell weiter, mit Rückenwind.

Brügge ist eine wunderbare Stadt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hat sie sich gegen Modernisierungen in der Architektur entschieden, sie versucht, den mittelalterlichen Charakter wieder aufleben zu lassen. Hier ist sie, strahlend in der Junisonne. Die alten Backsteingiebel wurden zum größten Teil restauriert, nicht ersetzt. Man hat ganze Straßenzüge auf alte Art nachgebaut. Die Häuser sind klein, etwas schief, sie haben Treppengiebel und sehen wild romantisch aus.

Das Ganze war ein strategischer Gedanke. Der Architekt, der sich diesen Plan ausgedacht hat, wollte eine greifbare Geschichte erschaffen. So laufe ich durch ein wohriechendes Mittelalter, mit sauberem Wasser, schönen Menschen, Blumen, Bänken und Fontänen.

In den mittelalterlichen, kopfsteingepflasterten Straßen traben Pferde mit Kutschen, von lachenden jungen Leuten mit langen Haaren gelenkt. Ihre klaren Stimmen erzählen die Geschichte der Stadt. Ich weiß, dass es in Münster, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen auch Kutschen gibt. Sie werden ökologisch korrekt von einem Elektromotor angetrieben. Keine Tierquälerei, keine Abgase, kein Geruch nach Pferd. Kein wilder Trab, keine glänzende Mähne, keine leuchtenden Augen.

Ich bin froh, heute nicht in Münster zu sein.

Zierliche Brücken spannen sich über klares Wasser, die Sonne strahlt aus einem blauen Himmel mit flauschigen weißen Wolken. In dem Mittelalter, in dem ich mich befinde, sind Timm und Strüppi stark vertreten, sie füllen ganze Geschäfte, begrüßen ihre Fans.

Der Laden nebenan hat ein Schaufenster mit Spielzeugen für Erwachsene. Stilvoll, elegant, raffiniert. Es sind Objekte, die man sonst heimlich im Rotlichtviertel in einem fragwürdigen Schuppen kauft. Oder in einem Erotik-Supermarkt, der einem eine rohe Auswahl bietet, aber nicht das Gefühl, einzigartig zu sein. Hier, im Mittelalter, strahlen die Lieblingsgeschenke luxuriös in der Nachmittagssonne.

Brügge lieben.

Ein paar Schritte weiter kann ich 1000 Biersorten probieren. Die Weiterfahrt hat sich gelohnt. Hier ist der Rozenhoedkaai, mit dem Hotel, das man aus dem Film Brügge sehen und sterben kennt. Vielleicht eine der meistfotografierten Ecken. Ich bin kein wirklicher Biertrinker, nicht von Geburt an, aber ich bin auch kein Fotograf. Hier gelten andere Gesetze. Hier findet jeder eine Biersorte, die ihn umhaut.

Der Tag wirbelt  um mich herum, er ist schön, bunt, voller Sommerlaute und Musik. Ich fühle mich leicht. Ich sehe meinen Namen an den Straßen, Brücken und Geschäften. Katelijnestraat, Katelijnepoort.

Der Rückweg?

Wir sprechen hier von 25 km am Wasser entlang, durch offenes Feld, mit starkem Gegenwind. Abends, nach einem anstrengenden Tag. Ich sage nur, Belgier können das. Gut, dass auf halber Strecke ein Café liegt. In der Abendsonne, mit Liegestühlen am stillen Wasser.

www.bistronieuwege.be

16 Monate gereift

Bad Brambacher steht auf der hellgrünen, durchsichtigen Flasche. Sie ist naturell, 750 ml purer Genuss ohne Kohlensäurezusatz, seit 1908 und kostet 8,50 Euro. Ich werde die Flasche für immer bewahren, ich werde sie im  Pfandautomaten nicht los. Vor allem nicht zu einem vernünftigen Preis.

Vielleicht kann ich sie als Blumenvase verwenden und den grauen Plastikdrehverschluss entsorgen. Er muss natürlich vorher gründlich untersucht werden. Es ist ein hässlicher Verschluss, aber vielleicht birgt er einen Schatz. Eine feine Scheibe Edelmetall oder so. Denn das Design der Flasche rechtfertigt den Preis nicht, der Name auch nicht. Ich sehe im weltweiten Netz, dass ein Discounter dieses Wasser für 0,80 Euro pro Liter anbietet. Lediglich in einer anderen Verpackung. Die Flasche, die ich gerade erworben habe, ist schlank und edel, das Etikett jedoch genauso langweilig wie auf den anderen Flaschen.

Eine der gruseligsten Bastelarbeiten in der Grundschule bestand darin, Glasflaschen mit Wolle zu umwickeln. Die ganze Flasche wurde mit Kleber eingeseift, das Kind inbegriffen, die Wolle war muffig, warm und pieksig, das schöne glatte Glas verschwand. So entstand aus einem leichten, transparenten Gefäß etwas Schweres und Unklares aus Wolle. Das Objekt war nicht mehr schön anzufassen. Die Transparenz verschwand vollständig. Keiner konnte noch durchblicken, ab da wusste man nicht mehr, woran man war.

Aber so wurde die Flasche bruchsicher, immerhin. Keine Verletzungsgefahr. Vielleicht sollte man die Weinflaschen so einkleiden, dann können die Scherben nicht mehr in Fingern schneiden, wenn man sie ungeschickt aufmacht. Und der Wein behält die optimale Temperatur.

Haben Sie eine Zimmernummer für mich?, fragt der junge, frisch frisierte Kellner. Was für eine Anmache. Ich versuche, ihn streng anzusehen. Er kommt mit einer großen Ledermappe auf mich zu. Oder einen Veranstaltungscode? Das wird ja immer doller. Ich schüttele den Kopf und zeige auf die Mappe. Mit einer leichten Beugung legt er sie mir vor. Ich öffne sie langsam, er hat die Augen niedergeschlagen und wartet. Ich lege einen Schein in die Mappe, er nimmt sie wieder, verbeugt sich und geht zwei Schritte bis zu seinem Pult. Dort sucht er. Erst vorsichtig, dann unbeherrschter, er kramt wild herum. Eine Kollegin kommt dazu, und noch eine. Er sieht mich nervös an. Kein Wechselgeld. Ob ich es passend hätte?

Ich hätte ihm Trinkgeld geben können, es geht ja nur um 1,50. Aber es geht auch ums Prinzip. Wenn schon die Flasche Wasser diesen Preis hat, muss einer wenigstens Wechselgeld haben, sodass die Erwerberin nicht in eine schmerzliche Situation kommt. Aber sie verkraftet den Schmerz und wartet, die Flasche unter den Arm geklemmt. Sie bekommt eine Zwei-Euro-Münze zurück. Sie freut sich. Sie hat ein Geschäft gemacht!

Die Erwerberin der Flasche Wasser wollte die Stadt Hamburg im Abendlicht von der Plaza der Elbphilharmonie aus angucken. Sie hatte Durst und ist ins Restaurant gegangen, um etwas zu trinken. Übernachten wird sie dort nicht, auch wenn die 244 Zimmer gerade frei sind. Das Hotel Westin nennt die Zimmer modern, das ist eigentlich schon ein Ausschlusskriterium.

Mit der Beute gehe ich nachdenklich wieder raus. Es ist phantastisch auf der Plaza. Ein Geschenk für jeden Hamburger, für jeden Besucher dieser Stadt. Es ist wie fliegen, es ist wie nach Hause kommen. Die Schiffe auf dem goldenen Wasser, die tanzenden Türme, hinter denen die Junisonne grandios untergeht. Sehen Sie, spricht mich ein gut aussehender Mann an, wie die Türme einfach gerade gebaut sind, und nur die Hülle schief ist? Mit der Sonne wird die geniale Architektur deutlich.

Ja, das sehe ich, und ich kenne das. Die Hülle ist oft schief, auch wenn das Innere gerade ist. Ich muss mir Mühe geben, die Augen von dem schön geformten erklärenden Mund abzuwenden und die Türme in der Ferne anzusehen. Ist das Brusthaar? Die Türme!

Sollen wir noch etwas trinken zusammen?, wäre hier die passende Frage an einem so schönen Abend. Wir würden einen Wein kaufen, vielleicht einen Reserva aus 2014, aus La Mancha, 16 Monate gereift. Günstiger als Wasser. Dann würden wir an die Elbe gehen, vielleicht mit dem Schiff bis Övelgönne schippern. Am Strand würden wir erst an den Gärten entlanglaufen, wir würden uns an dem schweren Blütenduft betrinken. Dann eine Stelle suchen, um den Wein zu trinken, wir würden natürlich den perfekten Platz finden. Dort würden wir uns hinsetzen, ohne Worte, in den Sand. Ich war 16 Monate alt, als ich laufen gelernt habe, so würde ich ihm erzählen, er würde lächeln.

Freddy, ein Freund von meinem mittleren Sohn, hatte vor einigen Tagen ebenfalls die Idee, eine Flasche Wein ohne Korkenzieher zu öffnen. Dabei hat er sich zwei Finger fast abgeschnitten, er ist auf der Notaufnahme gelandet. Der Wein war auch nicht mehr trinkbar. Er hätte ihn lieber zuerst in Wolle einwickeln sollen.

Jetzt, an diesem Abend, würde ich einfach irgendwo klingeln, an einem Haus, das sympathisch aussieht, und die Flasche öffnen lassen.

Ja, da kann wohl jeder kommen. Als ob die Strandbewohner nichts anderes zu tun hätten, als Küchengeräte zu verleihen.

Ich bin mir sicher, dass es, wenn ich mit dem Gebäudeauskenner von der Plaza am Strand eine Flasche öffnen möchte, klappen würde. Sofort. Wir würden den Verleiher einladen, mit uns anzustoßen, so hätten wir gleich Gläser und Nüsse dazu.

Ein fabelhafter Abend würde beginnen.

Ich schwebe nachdenklich wieder die längste Rolltreppe der Welt hinunter, sie ist im Sommer besser auszuhalten als bei einem Wintersturm. Die Speicherstadt gibt das letzte Licht ab. Es gibt keine Bewegung in den backsteingesäumten Straßen, hier darf ja keiner wohnen, nur arbeiten. Das Kopfsteinpflaster ist ruhig und glänzt vornehm.

Ich habe noch ein bisschen Wasser in der Flasche, ungefähr für 50 Cent, die ich geschenkt bekommen habe.

Ich trage sie wie eine Trophäe vor mir her durch die Frühsommernacht, vielleicht leuchtet sie, wenn es dunkel wird.

Klippkroog

Klippkroog, denke ich, als ich durch Altona laufe. Dort habe ich im November letzten Jahres mit den Leuten der Stiftung Freiraum gefrühstückt, mal sehen, ob das Lokal auch im Sommer schön ist.

Die Terrasse an der Straße liegt einladend im sanften Juniwind, es gibt einen großen Sonnenschirm und Kissen auf den Fensterbänken. Die Tische stehen weiter auseinander als sonst, und gerade wird einer frei.

Einen Moment, bittet die Bedienung, sie desinfiziert den frei gewordenen Platz noch. Das ist gut. Ich freue mich, ich bin mehr als 500 Kilometer gefahren, um hier zu sein, ich kann warten.

Ein Verkäufer von Hinz und Kunzt kommt vorbei, ob ich die Zeitung haben möchte. Klar, die will ich, habe aber kein Kleingeld dabei. Der Mann sucht in seinen Taschen, kramt einige Kupfermünzen hervor, sie sehen ziemlich mitgenommen aus.

Nein, so haut das nicht hin.

Ein sympathischer Mann mit einem eindrucksvollen Tattoo auf dem Arm nimmt die Bestellungen auf und fragt, was ich trinken möchte. Das Tattoo ist eine Trompete mit einem Fischkopf und Wurzeln. Die Trompete symbolisiert, dass man nichts nur halb machen sollte. Ganz oder gar nicht. Die Wurzeln sagen, dass man nie vergessen sollte, wo die Wurzeln liegen. Der Fischkopf spricht für sich. Ja, das kann man wohl sagen.

Er hat es in London stechen lassen, erklärt er weiter. Ich halte mich gerade noch zurück, würde gerne mit den Fingern drüber streichen. Aber wir haben Abstandsregeln und so.

Kaffee, antworte ich, und ob er mir ein paar Euro vorstrecken kann. Das macht er gerne, er nimmt das Geld aus seiner privaten Brieftasche. So bekomme ich eine vom Regen gewellte Obdachlosenzeitung, es ist die aktuelle, versichert mir der zahnlose Verkäufer, außen ein bisschen hässlich, aber innen ganz toll. Ja, sage ich, und denke darüber nach.

Um mich herum sehe ich Farben, die ich noch vor einem Jahr in einer frühlingshaften Hafenstadt nicht vermutet hätte. Aber vielleicht vor 35 Jahren schon.

Die Menschen tragen ockergelb, brombeerrot, tannengrün. Ein bisschen weich, ausgewaschen. Weinrot, rostbraun. Viel Wolle, viel gestrickt, sogar jetzt, bei den sommerlichen Temperaturen. Der Stil ist locker, der Schnitt eher gemütlich, Corona-Kleider halt. Mit passendem Mundschutz, alles für die Gesundheit. Gesundheitssandalen.

Mir stehen diese Farben nicht. Außerdem sind sie in meiner Erinnerung schon fest belegt. Dort sehe ich mich als vierzehnjährige Pfadfinderin, wie ich mit einer Freundin Holz zusammentrage. Wir bauen auf einer Lichtung einen Stapel, mitten im dunklen Wald. Ich sehe die anderen Pfadfinder, wie sie das Klo graben, die Zelte aufstellen, die Tische aus Holzstämmen und Seilen bauen, während der Nieselregen von den Blättern tropft. Wir sind gekleidet in den Farben des Waldes, eins mit der Natur. Abends versammeln wir uns am Lagerfeuer, durchnässt, aber dennoch parat, ständig auf der Suche nach einer guten Tat.

Aber das hier ist nicht der tiefe Wald, hier bin ich fast an der Küste.

Am Strand in Övelgönne sehe ich gestreifte Shirts, blau-weiß und rot-weiß. Man kann die Hafenstadt-Besucher gut erkennen. Sie stapfen durch den Sand, lassen sich vom Wind bezaubern, trinken etwas in der Strandperle. Es ist Abend und die Sonne steht tief. Die blau-roten Hafenkräne leuchten ruhig auf, sie haben gerade nicht viel zu tun. Warum die blau-rot sind? Ich weiß es nicht. Aber diese Farben stehen mir.

Das Wasser steht ganz hoch gerade, es ist Flut und der Steg über dem Strand wird fast überspült. Es riecht hier nach Diesel und Meer.

Die Promenade und der kleine Weg von Övelgönne sind bei Sportlern beliebt. Auf dem schmalen Pfad zwischen den Häusern wird es ziemlich eng. Ich komme mit einer eleganten, schwarz gekleideten Dame ins Gespräch, wir sehen uns die alten, gewellten Fensterscheiben eines kleinen Hauses an. Das Glas erzählt Geschichten und kann bezaubern, man kann sich in der Unendlichkeit dieses Glases verlieren.

Abstand halten!, ruft sie plötzlich einer Fahrradfahrerin zu, die ihr zu nah gekommen ist. Die junge Frau hält abrupt an, dreht sich um, sieht genervt aus. Außerdem dürfen Sie hier gar nicht fahren, behauptet die Spaziergängerin weiter, womit sie recht hat, das steht ja auf einem Schild am Anfang des Weges. Ihr leuchtend roter Schal hebt sich wie ein Warnsignal vom schwarzen Kleid ab. Sie verdreht die Augen, während die Radfahrerin schimpfend weitergeht, das Fahrrad energisch neben sich her schiebend.

Sie führt unsere Unterhaltung weiter. Ja, Antwerpen, schwärmt sie, dort möchte ich so gerne mal wieder hin. Wir tauschen uns über die Esskultur dort aus, über den absurd schönen Bahnhof, der von manchen Magazinen der schönste der Welt genannt wird.

Nirgendwo kenne sie stilvollere Kaffeehäuser. Außen oft ein bisschen hässlich, aber innen ganz toll. Das habe ich schon mal gehört heute, ich muss lachen. Sie sieht mich verwundert an, finden Sie nicht? Komische Schuppen, die dann innen plötzlich eine neue Welt eröffnen?

 Ja, sage ich, so ist das in Antwerpen. Vor allem fühlt man sich willkommen, man wird freundlich bedient, was alles noch besser macht, so einigen wir uns. Der Kaffee und die Schokolade. Die Schokolade!

Und Blankenese? Dort ist doch auch eine Kaffeerösterei, die Schokolade verkauft. Ich weiß das, ich war mal mit einem Freund im Winter da.

Nun ja, das ist auch ein netter Stadtteil, er könnte sogar romantisch sein. Wenn nicht die ganzen Schnösel dort herumsitzen würden. Die glauben, sie hätten es verstanden, dabei verstehen sie gar nichts, es ist so wie in Santanyí. Sie rümpft die Nase, streicht ihr Kleid glatt, zwinkert mir zu und verabschiedet sich, während sie mit dem aufleuchtenden roten Schal in die Abendsonne hineinspaziert.

Hamburg, du bist verwegen.

Ich steige die Treppen hoch, denke an Santanyí und an Juan Font, der dort das Künstlercafé Sa Cova betrieb. Die Nächte dort, unendlich. Wie ich ihm geholfen habe, es zu renovieren, wie wir versuchten, die Seele dieses Ortes zu retten. Wie das Café erwachsener wurde, sich immer mehr anpasste. Das Verruchte verschwand, es wurde durchgestylt, vieles ging verloren. Jetzt hat ein Ochsenknecht es übernommen.

Ich bleibe oben auf der Treppe stehen, blicke über die schimmernde Elbe. Der Wind bläst mir die Haare ins Gesicht. Die Hafenkräne leuchten auf.

http://klippkroog.de

www.hinzundkunzt.de

Spezialisten

Komm mal mit zum Auto, so Hanne, als ich frage, ob sie die Pflanzen vorrätig hat. Sie zwinkert mir zu, kommt hinter der Holztheke raus und führt mich aus dem Laden, auf die Straße. Sie sind gerade frisch gekommen, ich verkaufe sie dir aus dem Kofferraum. Ihre Tattoos leuchten in der Sonne, die langen Haare sind locker zusammengebunden.

So stehe ich also am helllichten Tag an der Straße und kaufe grüne, feinblättrige Pflanzen von Hanne. Ein Herr kommt vorbei, sieht, was passiert, und meint, er könne auch etwas davon gebrauchen, was sie denn sonst noch dabei habe? Tanja, antwortet Hanne, die Bio-Freilandgurke. Die ist super dieses Jahr!

Ich bin zum Bioladen gefahren, weil die Pflanzen, die wir vor Monaten aus Samen gezüchtet haben, immer noch nicht größer als 2 cm sind. Sie stehen nur da, still im Beet, haben den ganzen Tag Sonne und Wasser und wollen nicht wachsen. Haben sie zu viel Dünger? Zu wenig? War es der Pferdemist, den ich im Winter habe liefern lassen? War es noch zu kalt im Mai? Zu warm? Ist die Sonne zu stark oder scheint sie zu wenig? Das Gemüse steht da und wächst nicht, sodass ich entschieden habe, einige größere Exemplare dazuzukaufen. Vielleicht können die Kleinen sich etwas abgucken. Wie wachsen geht. Wie Tomaten, Gurken und Chilipflanzen auszusehen haben. Der Porree im Beet ist nicht dicker als Nähgarn. Die Radieschen? Zwei Blätter.

Es gibt eine Warteliste für einen Schrebergarten. Mindestens 3 Jahre, wenn nicht 5. Alle wollen jetzt Gemüse anbauen, auf Instagram sieht man, wie es geht. Ganze Körbe voller Pflücksalat werden geerntet, die ersten Zucchinis wuchern über die Zäune. Die Kräuter duften, der ganze Garten riecht danach. Die stolzen Besitzerinnen der Kleingärten fahren Bakfiets, tragen lange Röcke, Sandalen und Strohhut. Sie ernten jetzt schon, Anfang Juni, instagramfähiges Gemüse, die Haare zu einem lockeren Zopf gebunden. Die Männer sind sonnengeküsst und mit Dreitagebart, immerhin ist es Corona- und Home-Office-Zeit.

Zeit, die Eltern zu besuchen. Meine Mutter meint am Telefon, sie erntet schon die dritte Generation Radieschen dieses Jahr. Ich sehe meine Tochter an, die das Telefon auf laut setzt.

Wachsen vielleicht auch schon Erdbeeren?, fragt sie übermütig.

Bring einfach einige Schüsseln mit, dann kannst du so viel pflücken, wie du möchtest. Ich weiß sowieso nicht, wie ich alle verarbeiten soll.

Ich hoffe, sie kommt nicht nächste Woche zu mir zu Besuch und sieht das Trauerspiel in meinem Garten. Ich kann schon nicht backen, jetzt klappt das mit dem Gemüse auch nicht.

Wein, das geht. Hundert Flaschen habe ich dabei.

Zum Glück gibt es im Bioladen oder im Kofferraum die richtigen Pflanzen. Wenn es sich Freilandgurke Tanja und die anderen anders überlegen und auch nicht weiter wachsen wollen, kann ich dort Gemüse einkaufen. Fertig geerntet.

Ich besuche die Eltern, pflücke Erdbeeren, sehe mich im Garten um, dort wachsen nicht nur Pfirsiche und Nektarinen, sondern auch Quitten, Feigen und Maulbeeren. Die reifen allerdings noch, sie sind erst im Juli so weit.

Wir essen mittags auf der Terrasse Spargelsuppe, Pflücksalat, Radieschen, selbstgebackenes Brot. Die Sonne scheint auf dem Wasser, Libellen kreuzen durch die Frühlingsluft. Ich denke ein bisschen nach.

Meine Tochter hatte mir einen Gutschein für das Café Hase geschenkt. Das ist eins meiner Lieblingslokale in Aachen. Die Inhaberin heißt Cara Stuhlweißenburg. Ein sehr interessanter Namen, Stuhlweißenburg ist eine Stadt mit Geschichte. Es ist der deutsche Name für Székesfehérvár in Ungarn.

Die Stadt bewarb sich Ende 2017 gemeinsam mit sieben anderen ungarischen Städten als Europäische Kulturhauptstadt 2023, vor zwei Jahren wurde die Kandidatur jedoch wieder aus dem Wettbewerb entfernt. Der Grund: Der EU-Kulturausschuss fand, dass der Werbefilm dieser Stadt zu viele fröhliche weiße Menschen zeigte, zu viele Kreuze und Kirchen. Dagegen gab es zu wenige Arme und Migranten zu sehen.

Cara ist jung, fröhlich, gut gelaunt, sie hat letztes Jahr auch das Café Fuchs eröffnet. Wie das Hase ein Geheimtipp für Aachen. Echte, ehrliche Küche, mit Herz und Seele. Ein Gutschein dort ist viel besser als ein selbstgebackener Kuchen. Ich versuche zu erklären, dass es nicht nur um den Kuchen geht, sondern um die ganze Atmosphäre. Es geht um die Leute, die da sind, um den Kaffee, so lecker und cremig wie in Hamburg. Meine Mutter sieht mich skeptisch von der Seite an, aus dem Augenwinkel sehe ich ein leichtes Schulterzucken.

Sie schenkt mir Filterkaffee aus der Thermoskanne nach. Wieso Migranten?, fragt sie.

Ich verabschiede mich und fahre zu meinem mittleren Bruder, mit einem kalten Crémant, die Schwägerin hatte Geburtstag. Wir sitzen am Schwimmteich, lassen die Füße ins Wasser baumeln und schauen über die Landschaft.

Ob ich Kuchen backe?, sie sieht mich an, überlegt kurz und verspeist eine Erdbeere, bevor sie antwortet. Nein, dafür gibt es Spezialisten. Man soll wissen, wo es aufhört. Ich kenne einen Laden. Dort bekommt man alles. Und die Kirschen sind bald reif, die kann man besser so essen.

Der Horizont ist scharf konturiert, die Luft ist blau, keine Flugzeuge. Die Bäume rauschen.

Es muss regnen, sagt sie.

Ja, sage ich.

Kirschtorte

Die Zellmembran, der fette Türsteher, sagt der Vierzehnjährige. Er lernt gerade Chemie per Fernunterricht, Osmose, Diffusion und wie die Zelle funktioniert. Blutplasma.

Im Internet kann man dazu Filme anschauen.

Eigentlich geht der Vortrag über die semipermeable Membran, aber die Personen in diesem Film mit ihren verrückten Frisuren haben ihre eigenen Begriffe dafür. Sie bewegen sich schnell, laut und gut gelaunt. Sie schauen direkt in die Kamera und haben perfekte Zähne.

Jugendliche brauchen Vorbilder und Impulse. Sie suchen ihren Platz in der Welt. Sie wollen sich ausdrücken, ihre Spuren hinterlassen. Herausforderungen werden angenommen. Es werden auch Fehler gemacht, die jedoch gleich wieder vergessen werden. Nichts ist für immer, nichts ist, wie es aussieht. Sie wollen Aufmerksamkeit für ihre Sicht der Dinge, ihre Vision der Welt. Auch wenn die Lehrer schon schlafen.

Sie vernetzen sich, treffen sich online, planen die Realität, entwerfen die Zukunft. Sie nehmen auf die Eltern Rücksicht und erklären ihnen immer wieder das Gleiche. Nach langer Diskussion haben die Eltern sich geeinigt, welche Serie sie streamen wollen, die Kinder zeigen nochmal, wie die Fernbedienung der Playstation bedient wird.

Sie dürfen ihre Großeltern nicht besuchen. Die sollen jetzt ins Wohnzimmer gezoomt werden.

Die Großeltern warten nicht auf diesen Anruf. Sie sitzen nicht zufrieden auf der Terrasse unterm Baum mit frischgebackenem Kirschkuchen und Sahne. Sie sind im Fitnessstudio, beobachten dort, wer seine Maske nicht richtig aufhat. Der wird angezeigt.

Am Samstagmorgen fahren sie zum Einkaufen, sie stürzen sich entschieden ins Gedränge. Sie sind kurzsichtig und schaffen es nicht, den Abstand einzuhalten. Außerdem beschlägt die Brille. Aber endlich bekommt der Magerquarkeinkauf seinen Platz in der Welt, Trockenpflaumen und Leinsamen sind nun Themen nationaler Sicherheit. Und sie sind mittendrin, maskiert, ernst zu nehmen. Tafelspitz nicht vergessen! Saure Gurken aus dem Spreewald!

Ich denke an die Worte von Prof. Dr. Alexander Klar von der Hamburger Kunsthalle. Er wünscht sich, dass mehr Menschen den Weg zur Kunst finden. Sie sollen keine Alternative für einen Spaziergang in der Natur suchen, das sei wichtig für Körper und Geist, lieber sollen sie beim Einkaufen Zeit sparen. Nur kaufen, was gebraucht wird. Unnötiges anzuschleppen beschwere den Menschen. Kunst dagegen mache den Menschen leichter.

Das kenne ich. Wenn ich in einem kleinen Geschäft einkaufe, zum Beispiel bei Resi und Jörg, geht das schnell und einfach, der Laden blue befindet sich in der Altstadt von Aachen. Die Beratung passt, ich finde fast immer, was ich suche, und bin schnell wieder raus. Die Zeit reicht noch für einen Besuch in der Kunstgalerie. Wenn Manfred Lust hat, serviert er Espresso auf der Bank vor der Tür.

Dort sitze ich, im Schatten des Aachener Doms. Ich spüre den leichten Frühlingswind, es riecht nach Kaffee und Brot. Neben mir ist das karolingische Oktagon aus dem 8. Jahrhundert, das im Laufe der Jahrhunderte umgebaut, ausgebaut und renoviert wurde. Der Dom sieht wie eine Torte aus. Ich rieche Blüten und Straßenstaub.

Als ich durch einen Park in Hamburg lief, Planten un Blomen, fand ich eine Rose, die Aachener Dom heißt. Die Rose wurde von ihrer französischen Züchterin auch Pink Panther genannt oder Panthère Rose. Was das Ganze auch nicht besser macht. Sie ist dick, gefüllt und duftet ein bisschen süßlich.

Auf einer Terrasse sitzen einige Rentner, Gesichtsmaske unterm Kinn. Sie haben gerade den Dom besichtigt, Kerzen angezündet und tippen jetzt mit dem Zeigefinger auf ihr Smartphone. Sie fotografieren den Kirschkuchen mit Sahne auf ihrem Teller. Das Bild wird den Enkeln geschickt, damit die sehen, wie es ihnen so geht an diesem sonnigen Mittwoch Anfang Juni.

Und damit diese Jugendlichen sich mal mit dem echten Leben beschäftigen, statt nur mit Zellmembranen, Bild- und Plasmaschirmen. Mit Großplasmabildschirmen, weiß Gott.

Der Kaffee wird kalt.