Wo bleibt die Lust?

Das Pangolin ist das einzige Säugetier der Erde mit Schuppen. Es rollt sich bei Angst oder Gefahr schnell zusammen und sieht dann wie ein Tannenzapfen aus. Wenn es sich sicher fühlt, läuft es flink wie ein kleiner Dinosaurier auf den Hinterbeinen, sich mit dem Schwanz abstützend und die Hände nach vorne streckend. Am Mittelfinger und Ringfinger hat es lange Fingernägel, es muss klettern und graben können. Es frisst vor allem Ameisen. Die Zunge ist rund, klebrig und bis zu 70 cm lang, sie kommt in jedes Ameisennest hinein.

Das Pangolin hat Hornschuppen.

Sobald Horn im Spiel ist, ist ein Tier bedroht. Denn Horn könnte ja eine aphrodisierende Wirkung haben, es ist ein Bestandteil fragwürdiger Medizin. Horn soll die Lust wecken, es soll jünger und leistungsfähiger machen. Dafür sind wir Menschen bereit, die moralischen Überlegungen über Bord zu werfen. Das wurde schon dem Nashorn zum Verhängnis. Zur Zeit ist das Pangolin eins der meistgeschmuggelten Säugetiere der Welt. Auch sein Fleisch wird verkauft, es wird sogar als Delikatesse gehandelt.

Wie ist das mit der Lust? Irgendwo, weit in der Erinnerung, gab es sie mal. Man gräbt danach, hebt sie aus der Vergessenheit, betrachtet sie mit einem unwillkürlichen Schaudern, denn ja, sie war mal mächtig und groß. Sie hat mal unser Leben bestimmt. Dort liegt sie nun, ein Fossil auf der klarlackierten Fensterbank. Durch das niedrige Sprossenfenster kommt zögerlich das gefilterte Winterlicht hinein. Man hat dicke Socken an, trinkt Tee und sitzt an diesem Fenster, während man das Fossil betrachtet. Man sieht sich die Lust an. Den Ammoniten, den Bernstein mit Mücke, den Halbedelstein, grün-graulich.

Ein Fossil muss mindestens 10.000 Jahre alt sein, sonst heißt es anders.

Aber die Lust ist nicht dazu da, kontempliert zu werden, sie darf nicht verstauben. Sie will die Freiheit, sie will das Leben, sie will alles. Sie ist kein Fossil, sie gehört nur bedingt ins Museum, man darf sie nicht in einen Hornschuppen einsperren.

Das Pangolin wird bedroht, denn man will seine Haut, es wird in China auf verbotenen Tiermärkten gehandelt. Es trägt oft Viren in sich, die für den Menschen richtig gefährlich werden können. Viren, die sich rasend schnell verbreiten und dafür sorgen können, dass die ganze Welt ins Chaos stürzt.

Es ist ein schönes, elegantes und raffiniertes Tier, das in Ruhe gelassen werden will. Denn es möchte nur ein bisschen graben, Ameisen essen und unauffällig wie ein Tannenzapfen zusammengerollt am Waldrand überleben.

Als ich heute Mittag versehentlich den Wäscheständer auf ein kleines Loch im Gras gestellt hatte, dauerte es keine 2 Minuten, bevor eine Wolke von Hummeln sich tief über dem Boden formte. Wo kamen die plötzlich her? Sie bewegten sich kreuz und quer vor meinen Füßen, ohne dass ich mir ein Nest in den Bäumen vorstellen konnte. Das hätte ich doch gesehen?

Erst als ich den Wäscheständer wieder verrückte, sah ich das Erdloch. Die Hummeln tauchten eine nach der anderen dort hinunter. Sie verschwanden einfach in den Boden. Ich konnte es nicht glauben, wo wollten sie hin? Seit wann graben Hummeln Löcher?

Ich habe es nachgelesen. Sie besetzen die Wohnungen der Maulwürfe oder Mäuse. Bis zu 500 Hummeln können zusammenwohnen.

Jetzt denke ich an Dittsche, der in einem seiner Auftritte über den Großmaulwurf spricht. Ich weiß genau, was er meint. Ganz früh im Jahr kommt eine begattete Königin, sie besetzt ein Haus, wahrscheinlich das eines Großmaulwurfs. Sie legt ihre Eier ab, sie kümmert sich alleine um ihre erste Brut. Bis zum Frühsommer züchtet sie ein ganzes Volk heran.

Es ist die Königin der dunklen Erdhummeln. Eine Sorte, die heutzutage sehr gefragt ist, um Tomaten zu bestäuben. Das hat man jahrelang von Hand gemacht, Kosten ca. 10.000 Euro pro Hektar. Ein Belgier hat 1985 herausgefunden, dass die Hummeln es viel besser und günstiger können. Sie sorgen für eine erfolgreichere Befruchtung und somit für größere Erträge.

Die dunkle Erdhummel ist relativ sicher, dort tief unter der Erde. Ich stehe vor dem schwarzen Loch und staune über die Menge an Tieren, die hineinfliegen. Ich lese jedoch, dass auch im Maulwurfbau Gefahren drohen. Es gibt zum Beispiel ein Schmarotzervolk, das besetzte Häuser für sich einnimmt, wo immer es geht. So kann es sein, dass die Hausbesetzerin und ihre Nachkommen von einer weiteren Hummelsorte vertrieben werden. Die Bauten werden unterwandert, die Bewohner verjagt und die neu eingedrungene Sorte macht es sich dort gemütlich. Darf ich vorstellen: die Keusche Kuckuckshummel.

Ich suchte eigentlich nach einem Aphrodisiakum.

Das Pangolin muss ich leben lassen, seine Schuppen brauche ich nicht, das Fleisch ist eine Delikatesse, die mich nicht verführen wird. Das Tier hat seinen Festtag übrigens am 3. Samstag im Februar.

Das war in diesem verhängnisvollen Jahr 2020 der 15. Februar. Gefeiert wurde im Skiurlaub. Es wurde auf Tischen und Bänken getanzt, es gab ausgiebigen Körperkontakt, das COVID-19 Virus konnte sich rasant verbreiten. Kaum jemand hatte etwas von dem Pangolin gehört, Hauptsache Party.

Das Tier muss es mitgekriegt haben, es muss ihm wie Schuppen von den Augen gefallen sein. Das, was es da gerade anrichtete, ließ die ganze Welt erstarren.

Aber das war nie die Absicht gewesen. Zu spät! Höchstwahrscheinlich wird man nie wieder so ausgelassen feiern können, am internationalen Pangolintag. Gerade jetzt, wo doch für 2021 die Zehnjahresfeier geplant war. Es ist fraglich, ob jemals noch gefeiert werden darf, überhaupt.

Sogar für ihn persönlich könnte die Situation ein gravierender Rückschlag sein.

Auf der Liste der süßen Tiere wird es wieder einige Plätze tiefer sinken. Es wird noch mehr gejagt werden, denn man vermutet ein aggressives Virus in seinem Körper, in seinem Fleisch. Es werden sogar Stimmen laut, die meinen, man sollte es gänzlich ausrotten.

Das darf natürlich nicht passieren. Wir sind nicht gezwungen, Pangolin zu essen. Die Konsequenzen davon spürt nun die ganze Welt.

Ein Tannenzapfen liegt am Wegesrand in einem Tiroler Märchenwald. Die Landschaft um ihm herum ist sehr still, man hört nur das Rauschen des Windes.

Der Tannenzapfen bewegt sich kaum wahrnehmbar, aber wenn man sehr aufmerksam zuhört, merkt man, dass er ganz leise seufzt.

Was ist ein Held?

Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.

Mein 14-jähriger Sohn ist mit Wilhelm Tell beschäftigt, für das Fach Deutsch. Er soll die Handlung der Geschichte von Schiller in Haupt- und Nebenhandlungen beschreiben.

Ich sehe mir die Aufgabe online an, lese einige Zeilen im Buch und weiß, dieser Weg wird kein einfacher sein, und wenn er noch so hohl ist. Wie soll man Schulkindern heutzutage Freiheitskämpfer erklären? Helden? Und dann noch welche aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts in der Schweiz. Ich fasse zusammen:

Die Schweiz leidet unter der Tyrannei der Habsburger Vögte. Da Wilhelm Tell sich weigert, dem Hut eines Tyrannen, der auf einem Stock gesteckt wurde, die nötige Ehre zu erweisen, muss er zur Strafe einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen. Er legt sich zwei Pfeile zurecht, trifft mit dem ersten den Apfel, der Sohn bleibt dabei unverletzt. Der zweite Pfeil, so gibt er zu, war für den Tyrannen bestimmt, falls der erste sein Ziel verfehlen würde. Daraufhin wird er verhaftet, und per Boot über den Vierwaldstätter See zur Burg gebracht. Er entkommt aber im Sturm, schafft es ans Ufer, rennt in die Richtung der Burg und legt sich auf die Lauer in der Hohlen Gasse, wo der Herrscher vorbeikommen muss. Der Herrscher kommt, er wird von Wilhelm Tell erschossen, somit ist das Volk vom Joch befreit und hat einen Helden dazugewonnen.

Die Belgier kennen Küssnacht, weil dort 1935 Königin Astrid verunglückt ist. König Leopold III wollte unbedingt selber am Steuer des amerikanischen Cabrios sitzen, sein gleichaltriger Fahrer sollte hinten Platz nehmen. Der Achtzylinder kam vom Weg ab, knallte gegen einen Birnenbaum, die Königin verletzte sich am Kopf und fiel aus dem Wagen. Dabei wurde sie lebensgefährlich verletzt. Sie starb auf der Wiese in des Königs Armen. Sie kam aus Schweden, war schön und sehr geliebt und erst 29 Jahre alt. Sie ließ 3 Kinder zurück. Der Enkel Philippe ist inzwischen belgischer König.

Die Astrid-Kapelle kann man dort am See besuchen, auch wenn man sie inzwischen 30 Meter verschoben hat, um die Straße auszubauen. Der Unfallwagen wurde auf Befehl des Königs in den Vierwaldstättersee versunken. Er war kein Held, er konnte nicht einmal richtig Auto fahren. Aber bald wurde eine neue Prinzessin gefunden, für sie ließ Leopold einen Zwölfzylinder bauen, einen Ferrari 330 GTC Speciale P.F. Rethy

Was ist ein Held?

Ein Held ist mutig, hat einen noblen Charakter, oder ist besonders schlau. Er hebt sich von den anderen ab. Er braucht nicht unbedingt fleißig zu sein, muss nicht ins System hineinpassen, er kann auch einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Manche Helden werden von Ruhm oder Ehre motiviert, andere agieren selbstlos, streben nach etwas höherem.

In dieser Corona-Zeit geht es meistens nicht um Ruhm oder Ehre. Der Held hebt sich nicht von den anderen ab. Der Held hält einfach durch, er braucht kein schillerndes Kostüm, nur eine Mundmaske und Handschuhe. Aber was, wenn er einfach mal durchatmen muss? Die Handschuhe mal ausziehen? Wenn er an die frische Luft muss, um durchhalten zu können? Was, wenn gerne an der Elbe entlang läuft?

Ich lese gerade, dass der Heldenlauf in Blankenese abgesagt wurde. Er war wie immer am letzten Sonntag im August geplant, Euer Jubel ist unsere Motivation, so der Slogan. Der wahre Heldenlauf, mit Containerriesen um die Wette laufen.

Der Veranstalter Heldenzentrale hat alles dafür getan, die Einhaltung der notwendigen Vorsorgemaßnahmen zu versichern, aber das Event darf dennoch nicht stattfinden. Die Begründung lautet „Es kann nicht gewährleistet werden, dass mehr als 999 Personen sich dort versammeln“. Ab 1000 Personen ist es ja eine Großveranstaltung.

Somit fließen viel Engagement, intensive Arbeit und nicht unerhebliche Vorlaufkosten sowie vor allem Herzblut, ohne welches keine Laufveranstaltung auskommt, leider die Elbe runter, so die Heldenzentrale. Und das zum ersten Mal in 18 Jahren.

Wir können jetzt im Alltag sehr gut Helden erklären, so überlege ich mir, und nicht nur Antihelden mit komischen Frisuren. Denn Heldentaten sind eigentlich genau das, was wir jetzt brauchen. Wir müssen nicht gleich einen Herrscher erschießen. Aber auch nicht einfach die Karre in den See versenken und eine neue kaufen.

Wir sollten aus dem Schlaf aufwachen. Abwehrkräfte stärken. Den Atem, der ständig zurückgehalten und gefiltert wird, mal wieder befreien. Die Natur spüren, sich mit der Stadt verbinden, die Sonne und den Regen auf der Haut spüren. Sich miteinander treffen, Abstand einhalten, von mir aus in einer hohlen Gasse.

Ich kann nicht glauben, dass es einer Person besser geht, wenn sie sich monatelang einsperrt, und dabei missmutig auf etwas aus dem Vorratsschrank kaut. Wenn sie sich von bedrohlichen Mitteilungen auf zahlreichen Medienkanälen ständig verfolgt fühlt. Wenn sie alleine ist. Was macht der Körper mit so viel Stress und Unsicherheit?

Was braucht man in der Not? Ein neues Auto? Gut, ein Ferrari Baujahr 1967 ist schön. Mehr Geld? Wettbewerbsvorteile? Die Wirtschaft?

Wir brauchen Heldentaten. Wir brauchen Freiheitskämpfer und Querdenker. Bewegung und Motivation. Zwischenziele und Wachstum, weit über sich hinaus. Spontanität, Solidarität, Kreativität.

Die Wirtschaft zieht schon nach.

Antikörper

Es kommt leider im Moment sehr häufig vor, dass die Restmülltonnen nicht richtig entleert werden, so die freundliche Dame der Hamburger Stadtreinigung. Die Leute stopfen zu viel in die Mülleimer, und so bleibt ein Teil des Abfalls drin hängen. Ich überlege kurz. Schaut keiner mehr in die Tonne nach dem Entleeren? Und merkt man nicht, dass eine Tonne noch halb voll ist, wenn man sie zurückstellt?

Sie können immer noch einen weißen Sack dazustellen, so berät sie mich weiter. Die gibt’s für 3 Euro bei Budnikowski.

Ach so. Wieso ich bei der Hamburger Stadtreinigung anrufe und mit einer engagierten Mitarbeiterin über den Müll schnacke, ist eine längere Geschichte.

Jetzt sind sie gechipt, die Tonnen, sagt der Mann von der Müllabfuhr auf der Straße. Sie können jetzt dem jeweiligen Besitzer zugeordnet werden. Das macht man um zu vermeiden, dass man in die Versuchung kommt, irgendwo eine größere Tonne mitgehen zu lassen und nur für eine kleine zu bezahlen. Aber wer klaut Mülltonnen? Und wie?

Ich rufe einen meiner Brüder an, er arbeitet bei einer Müllentsorgungsfirma. Ich will ihn fragen, ob in dieser Zeit der Kontaktbeschränkung der Abfall anders aussieht. Ich kenne seine Geschichten von Eheringen und Kartoffelmessern im Küchenabfall, aber sonst? Gibt es etwas spannendes? Nora, meine 14-jährige Nichte ist am Telefon. Ob ich das Lama Winter kenne? fragt sie aufgeregt. Es wird eine Statue bekommen. Ja, ich habe davon gehört.

In Belgien wohnt ein Lama namens Winter.

Winter hat, wie alle Lamas, spezielle Antikörper im Blut, die in der richtigen Kombination bestimmte Coronaviren wie das COVID-19 unschädlich machen können. Sie binden sich an ein wichtiges Protein, das spike-Protein, und blockieren es.

COVID-19 invadiert normalerweise mit Hilfe von einem spike-Protein eine Zelle. Die Lama-Antikörper sorgen nun dafür, dass das nicht mehr klappt. Die Universität im flämischen Gent untersucht, wie man diese Antikörper bei dem Menschen erfolgreich einsetzen kann.

Im Gegensatz zu einer Impfung ist die Behandlung mit Antikörpern viel schneller. Die schützenden Stoffe gelangen direkt in den Körper, so dass der Schutz sich sofort entfalten kann, und nicht erst nach Monaten, wie bei einer Impfung. Da muss nämlich die Immunantwort des Körpers erst noch abgewartet werden. Außerdem reagiert  das Immunsystem von manchen Menschen, vor allem von älteren Personen, eher bescheiden und unklar auf eine Impfung.

Das Lama hat zwei Arten von Antikörpern im Blut, eine Art hat die Größe der menschlichen Antikörper, die andere ist viel kleiner, ungefähr ein Viertel davon. Das sind die nanobodies. Die wurden schon in verschiedenen Therapieansätzen eingesetzt. Sie können inhaliert werden, was die Therapie richtig angenehm macht, sowohl vorbeugend, als auch wenn man schon krank ist, um den Verlauf der Krankheit zu lindern.

Es gibt also Hoffnung. Warten Sie noch eine Woche, die Universität Gent wird bald in einem offiziellen Fachblatt die Lama-Winter-Studie veröffentlichen.

Nora holt jetzt ihren Vater ans Telefon. Was mich denn interessiere? Im Müll findet man alles. Ein Gebiss oder einen Revolver. Aber nicht jeden Tag. Scheren und Messer. Geldbeutel. Es wird vieles entsorgt, gerade, wenn man viel Zeit zuhause verbringt. Keller und Speicher werden aufgeräumt, der Garten wird umgegraben, die Blumenkübel und die Beete vorbereitet, bald haben wir ja die Eisheiligen.

Es hängt eine nervöse Spannung in der Luft, die Ungeduld wächst, man will sich wieder mit Menschen treffen, Freunde einladen, Verwandte besuchen, verreisen. Auf der Straße ist viel los, die Zeit der Isolation scheint vorbei. Arbeitgeber verteilen Verhaltensregeln, holen die Angestellten wieder aus dem Homeoffice zurück. Es fühlt sich so an, als ob jeder so schnell wie möglich wieder zur Normalität zurück will.

Aber ist die Normalität noch gültig? Was meint das Lama Winter dazu? Vielleicht wird alles anders jetzt. Die Welt stand kurz still. Für manche Personen für immer.

Es gibt viele Menschen, die wie in einem wilden Strudel keinen Moment von Ruhe hatten, keinen Tag ohne die schwerst mögliche Belastung. Aber viele Menschen bekamen auch einfach Zeit geschenkt. Zeit, zu überlegen, was wichtig ist im Leben, was man zum Überleben braucht und was überflüssig ist. Worauf kommt es nun an?

Überdenken Sie Ihre Beziehungen, denn darauf ist die Gesellschaft aufgebaut. Finden Sie heraus, wo Sie gebraucht werden, und was Sie überhaupt brauchen. Kunst. Liebe. Freiheit.

Was ist wirklich wichtig? Hören Sie zu, stellen Sie sich eine Herausforderung. Relativieren Sie. Lachen Sie mal wieder.

Sie brauchen nicht gleich Ihren Ehering in den Gartenabfall zu entsorgen.

Ganzheitlich

Entdecken Sie bei uns immer mehr alte Getreidesorten!

Ich sehe die Brottüte an. Was will sie mir sagen? Normalerweise steht auf einer Verpackung neu! Der Mensch ist neugierig, das liegt in den Genen. Er ist anpassungsfähig, draufgängerisch und risikobereit. Die Evolution der Menschheit geht weiter, nicht zurück. Noch nie.

Aber eine Krise bringt unsichere Zeiten mit sich, dann sucht man manchmal Halt in der Vergangenheit. Daher ist auch gerade überall die Hefe ausverkauft. Man will jetzt sein eigenes Brot backen, wenigstens theoretisch. Mit alten Getreidesorten.

Brot backen weckt Sehnsucht, ein Verlangen nach vergangenen Zeiten. Die Familie, die sich um den Tisch versammelt, das frische, duftende Brot. Das einfache Landleben von damals. Der verklärte Blick auf die Dinge.

Dabei gibt es Fachleute, die es viel besser können. Sie haben es gelernt, geübt, haben das Material und nehmen die Verantwortung auf sich. Man kann Ihnen vertrauen. Laufen Sie ruhig zu Ihrem Bäcker, er freut sich. Er kann auch erklären, was es mit den alten Getreidesorten auf sich hat.

Diese Sorten wie Emmer und Einkorn sind widerstandsfähiger und enthalten mehr Mineralstoffe und Vitamine. Sie wachsen anspruchslos auf ärmeren Böden und lassen sich dabei Zeit. Sie werden nicht so schnell krank, reifen langsam und brauchen viel Platz. Der Ertrag ist nicht so hoch wie bei den neuen Züchtungen für den industriellen Anbau.

Ich lese über ein ganzheitliches landwirtschaftliches Konzept in Japan. Es wird Gerste angebaut, geerntet, mit Wasser und Hefe vermischt. Weitere Zutaten werden nicht gebraucht, nur noch Fachkenntniss, Geduld und Zeit. Hier wird kein Brot hergestellt, auch kein Bier. Sondern Whisky.

Seit 1923 gibt es japanischen Whisky. Die Fachleute, die hier ihr Handwerk ausüben, bauen das Getreide an, verstehen die Kunst des Destillierens, sie können sogar Holzfässer bauen.

Ich fühle hier den drohenden Stilbruch, den Unmut der Fans von dem traditionellen schottischen Whisky, dem wahren Whisky, der nachweislich schon seit 1494 dort produziert wird. Hier sind wir wieder bei den alten Getreidesorten.

Lange Zeit haben sie versucht, die Namen richtig auszusprechen, um die Freunde und Feinde zu beeindrucken. Laphroaig. Bunnahaphain. Glenglassaugh. Sie haben sich die Wörter vorlesen lassen. Verschiedene Apps auf dem smartphone unterstützen den unverbesserlichen Whiskytrinker bei der richtigen Aussprache.

Und jetzt drängen sich Chichibu und Kanosuke auf den Markt. Die sollen sogar ganz gut sein. Teuer zwar, aber in feinster Handarbeit hergestellt, ganzheitlich und nachhaltig. Um die 1.000 Euro pro Liter.

Ich habe Verwandte in Schottland, und besuche das Land so oft es geht. Gerade haben wir schottisches Wetter, viele Wolken, immer mal wieder Regen, ganz viel Grün und klare Luft. Es ist Mai, der Whiskymonat. Ich fühle mich in den Highlands. Es ist, als würde ich meinen Onkel Niall hören, wie er in der Ferne Dudelsack spielt.

Eine Bachstelze sitzt vor mir im Gras. White wagtail auf Englisch, Wippsteert in Niedersachsen, was ein viel besserer Name ist. Das Tier wippt fast die ganze Zeit mit dem Schwanz. Gut, es hat auch lange Beine. Verglichen mit einem Spatz schon.

Ein Freund von mir hat Bachstelzen im Schuppen, die damit angefangen haben, ein Nest zu bauen.

Bei dem Paarungstanz ist der männliche Vogel aktiv, er plustert sich auf, nickt heftig mit dem Kopf und mit dem Schwanz und präsentiert sich von allen Seiten. Das Weibchen schaut zu und entscheidet, ob es reicht. Falls ja, legt es sich tief am Boden, senkt den Kopf, lässt die Flügel hängen und stellt den Schwanz auf.

Nach der Paarung suchen beide einen Platz, um das Nest zu bauen. Jetzt wird das Weibchen aktiver. Sie hat die Initiative und entscheidet auch, wo das Nest gebaut werden soll. Das Männchen darf helfen, die Außenseite zu bauen, das Grobe. Der Innenausbau, der das Nest erst weich, gemütlich und wohnlich macht, übernimmt sie selber.

Mein Freund sagt, die Vögel sind wahrscheinlich schon wieder vertrieben worden, weil er im Schuppen zuviel Lärm gemacht hat. Er hat gesägt und geschliffen, angestrichen und geschmirgelt, denn er muss ja nicht zur Arbeit. Er hat jetzt ein Schuldgefühl, denn er hat den Tieren gesagt, dass sie dort sicher seien. Es gäbe nur ab und zu eine Katze, aber sie käme nicht in den Schuppen.

Ich höre mir das an und weiß, dass es nicht so ist. Ich stelle mir gerade das Bachstelzenpaar vor, er nach dem erfolgreichen Balz aufgeplustert und laut, sie in sich gekehrt und schwanger. Sie schickt ihn vor, er meint den perfekten Platz gefunden zu haben, fängt schon euphorisch mit dem Nistbau an. Sie sitzt dort und weiß nicht so genau, sieht sich das Ganze eine Weile an und entscheidet dann, dass es nicht richtig ist. Er soll sofort alles fallen lassen und eine neue Stelle suchen.

Sie will einen guten Ausblick auf die Umgebung haben. Sie will ein Nest, das zu ihr passt. Beim vierten oder fünften Versuch wird es klappen. Er wird erschöpft die Zweige anschleppen, und mit dem Bauen anfangen, windfest, orkanfest, regenfest. Dann wird sie ihn wegschicken, damit sie es einrichten kann und in Ruhe ihre Eier legen.

Ich schalte auf dem Laptop eine Folge vom Tatortreiniger an und schenke mir einen japanischen Whisky ein. Nikka from the Barrel steht auf der viereckigen Flasche, er wird als guter Einsteigerwhisky gepriesen. Ein Geschenk von Lutz. Er braucht einige Tropfen Wasser, zwei oder drei. Die Farbe ist schön, der Geruch ist toll. Aber er ist mir zu stark, ich kann ihn kaum trinken. Ich lasse die Flüssigkeit langsam in den Hals fließen. Es fühlt sich wie eine Maßnahme gegen Corona an. Es schmeckt nach Karamell, Vanille, Kakao.

Ich sehe mir einige besonders guten Szenen ein zweites und drittes Mal an und freue mich über die großartigen Darsteller und über die Kunst, einen Film so zu drehen, dass die Details stimmen. Ich rieche nochmal an den Whisky, atme ein und aus und bin zufrieden.

Ich fange doch nicht an, Brot zu backen.

der Berg ruft

Auf dem Mont-Everest gibt es 5G-Mobilfunkempfang. Vor fast 70 Jahren wurde der höchste Berg der Welt zum ersten Mal bestiegen, jetzt kann man dort oben ganz bequem telefonieren und surfen.

1953 bestiegen der Sherpa Tenzing Norgay und der Neuseeländer Edmund Hillary den Mount Everest über die Südroute. Damit wurden sie offiziell die ersten Menschen auf dem höchsten Gipfel der Welt. Es gibt aber nur ein Foto von Tenzing Norgay. Er konnte die Kamera nicht bedienen und seinen Begleiter nicht knipsen. Edmund Hillary meinte, auf 8848 m Höhe gäbe es nicht die idealen Bedingungen, jemandem das Fotografieren beizubringen.

Die Mobilfunkmasten und 25 km Glasfaserkabel liegen an der chinesischen Seite, also an der Nordroute vom Berg. Sie dienen dazu, den Berg neu zu vermessen und werden bald auch wieder abgebaut. Also wenn Sie gerne klettern, aber nicht auf die sozialen Medien oder aufs Telefon verzichten können, ist jetzt Ihr Moment. Sie haben Zeit, denn die Wirtschaft zuhause liegt still, und Sie haben die vergangenen Wochen genug Kalorien zu sich genommen, um für die Extremtour gut gerüstet zu sein.

Es dürfte auch nicht zu schwierig sein, die Quarantäne-Vorschriften auf dem Berg einzuhalten. Abstand halten und Atemmaske nicht vergessen. Sie sind ja nicht Reinhold Messner.

Wenn Sie dort herumklettern, sollten Sie bitte darauf achten, nicht zu laut in Ihrem Mobiltelefon zu sprechen, das machen Sie zuhause doch auch nicht mehr. Es werden keine Geschäftsabschlüsse mehr diskutiert, keine hitzigen Verhandlungen geführt, keine erbitterten Ehestreite. Nicht in dieser Zeit, nicht übers Telefon.

Flüstern geht, den Geliebten anrufen, hören, wie es ihm geht, sich gegenseitig Mut zusprechen, weiter gehen.

Die letzte Etappe vor dem Gipfel schafft ein erfahrener Bergsteiger in einigen Stunden. Aber er ist dort nicht mehr alleine. Es ist Mai, wir haben die Fenstertage und jetzt formt sich gerade eine Schlange vor den Fixseilen, die dort befestigt sind, um die schweren Passagen überwinden zu können.

Nur an einigen Tagen pro Jahr, kurz vor dem Monsun, kann man die letzte Etappe schaffen. Und das wissen alle, die dort unterwegs sind. Es kann also sein, dass Sie dort erfrieren, weil der Vordermann nicht schnell genug vorangeht, oder weil jemand sich in der Schlange vorgedrängelt hat.

Hat man dann den Gipfel erreicht, muss man auch wieder zurück. Logisch, aber oft unterschätzt. Die meisten von den ca. 300 Toten, die auf dem Mount Everest geblieben sind, waren schon auf dem Nachhauseweg. In einer Notsituation können Sie nicht einfach so mit Hilfe rechnen, jeder ist für sich unterwegs, jeder potentielle Helfer würde sich selber in Lebensgefahr bringen. Außerdem ist er nur da, um den Gipfel zu besteigen, nicht um zu helfen.

Jede Minute in diesen extremen Zuständen zählt.

Ich war vor einigen Tagen einkaufen, in einem Geschäft, wo alles gerade war, die Ware geordnet in den Regalen, klar ausgeschildert, manche Regale waren leer. Verschiedene Angestellte waren dabei, wortlos und maskiert die Regale wieder aufzufüllen. Um mich herum war es todesstill, es gab keine Musik, keine Gespräche, keine Kinder, keine Fragen. Kein Lächeln, oder wenn, dann heimlich hinter der Maske. Keinen Lippenstift.

Nur wenige Menschen huschten mit ihrem Einkaufswagen herum, machten große Bögen um einander. Sie waren verhüllt, trugen Handschuhe und gingen auf leisen Sohlen. An der Kasse gab es kein Abzählen des passenden Geldes mehr, warten Sie, ich habe es klein, kein verständnisvolles Lächeln, sondern nur ein kurzes Nicken, einen Wisch mit der Kreditkarte ans Lesegerät, eine kurze Kopfbewegung zum Abschied.

Alles andere geht hinter der Maske verloren. Die Höflichkeit leidet und kein Mensch errötet dabei. Die Brille beschlägt und man weiß nicht, wohin mit der Maske, wenn man wieder zuhause ist. In den Backofen? In den Tiefkühler? In die Waschmaschine? Oder einfach nur in die Sonne? In den Mülleimer?

Ich lese, dass die anderen Geschäfte auch so langsam wieder öffnen können. Die Kunden müssen einen Mund- und Nasenschutz tragen. Sie müssen den Abstand einhalten. Die Cafés sollen noch geschlossen bleiben, die Terrassen in der Frühlingssonne bleiben verboten. Also Atemmaske, keine Seilschaften, keine Basecamps, keine Verpflegung unterwegs, jeder für sich. Vielleicht dann doch lieber bergsteigen? Wie gesagt, 5G in diesem Jahr.

Ich denke an mein Lieblingscafé, rufe Kosta an, dem es gehört. Wie es ihm geht. Gut, sagt er. Wird schon. Das kriegen wir hin. Er sagt genau, was ich hören will. Ruhig, souverän. Das kriegen wir hin.

www.ferbers.de