Worum es geht

Corona Schröter, eine Sängerin und Schauspielerin, war als Jugendliche in Leipzig im 18. Jahrhundert ein absoluter Bühnenstar.

Sie sprach viele Sprachen, komponierte und malte.

Der junge Wolfgang von Goethe war völlig von den Socken, als er sie traf. Er holte sie als Sängerin nach Weimar, sie wurde seine Muse, es vereinten sich zwei Künstlerherzen in seinem Liebhabertheater.

Das Leben des großen Dichters war aber ein stürmischer Aprilhimmel mit dramatischen Wolken. Mit strahlender Sonne und Hagelsturm. Ein Himmel voller Leidenschaft und Sehnsucht.

Corona war nicht der einzige Engel, der dort unterwegs war.

Es gab noch Charlotte von Stein, die mit einem Stallmeister verheiratet war, 7 Jahre älter als Goethe war und 7 Kinder hatte. Auch sie wurde vom Dichter heißbegehrt. Am Anfang zierte sie sich, was das Feuer noch weiter auflodern ließ, aber später beanspruchte sie Goethe für sich alleine. Sie verhinderte, dass die Beziehung zwischen Corona und ihm zu kreativ wurde. Ihr waren aber ebenfalls die Hände gebunden, denn erstens war sie schon verheiratet und zweitens war ihre Chefin, Herzogin Anna Amalia, auch hinter Goethe her.

Goethe verabschiedete sich letztendlich von der reifen Dame und heiratete Christiane Vulpius, die 16 Jahre jünger als er war, lebensfroh, praktisch und natürlich. Charlotte zog sich beleidigt zurück, die fabulöse Corona war da schon 4 Jahre tot.

Sie ist an einer Lungenkrankheit gestorben.

Haben die Menschen im 18. Jahrhundert sich zum Date getroffen, sind sie zu zweit romantisch essen gegangen? Haben sie sich überhaupt wohl gefühlt in den engen Korsetten? Oder konnten sie nur dichten? Singen, schauspielern, Briefe schreiben, gezwungenermaßen bei Kerzenlicht? Mit kalten Füßen in dunklen Gemächern, unbequem, kränklich, eingeengt.

Was ist eigentlich die Absicht von einem Candlelight Dinner? so mein 20-jähriger Sohn, was bringt es, wenn man nicht sehen kann, was man isst?

Seine Schwester antwortet, es gehe dabei nicht ums Essen.

Er sieht sie mit zusammengekniffenen Augen an. Wie das? Man sitzt am Tisch, hat den Teller voll und es geht nicht ums Essen? Worum geht es dann?

Sie verdreht die Augen, findet, er stellt sich an.

Worum geht es, wenn man zusammen lebt, wenn man zusammen um den Tisch sitzt?

Bewusstes Essen, meint meine Tochter. Den Tisch richtig decken, sich die Zeit nehmen, leckere, farbenfrohe Gerichte. Schlichte Sachen, gute Qualität. Das richtige Werkzeug.

Vor allem ein scharfes Messer, versucht ihr kleiner Bruder beizusteuern.

Nicht zu viel reden, da sind sich alle einig.

Hauptsache viele Kalorien, wirft der 20-Jährige noch ein. Und nicht nach einer Stunde wieder Hunger haben und eine Pizza essen müssen.

Meine Tochter brät Kichererbsen in Sesammus, fügt Ahornsirup hinzu, Pfeffer und Salz. Sie sind sehr lecker als Topping über den Salat, über die Pasta, über den Gemüse-Eintopf.

Sie schmecken immer.

Am nächsten Morgen räume ich den Pizzakarton weg, der um Mitternacht dann doch noch den Weg aus dem Keller in die Küche gefunden hat, sein Inhalt wurde in den frühen Morgenstunden vernichtet.

Hülsenfrüchte sind gerade angesagt. Sie sind sehr gesund, machen eine schöne Haut, schöne Haare und sorgen für eine Topfigur. Sie machen satt. Außerdem eignen sie sich hervorragend zum Hamstern, das beliebteste Hobby in diesem Frühling.

Kichererbsen, Bohnen, Linsen, Erdnüsse. Die Erdnuss ist eine Hülsenfrucht, nichts ist so, wie man denkt. Die Erdbeere zählt zu den Nüssen, die Banane ist eine Beere.

Es ist Samstagabend, ich fahre noch kurz zum Supermarkt. Zeit zum Experimentieren, ich überlege, was ich kochen werde, jetzt, wo die Welt bewusster wird. Spaghetti ist nicht da, gut so, das wäre zu einfach. Linsen. Wirsing, Mangold. Ich sehe Ashwaghanda, das wirkt beruhigend. Kein Wunder, es ist die Schlafbeere. Die kaufe ich nicht ein, ich will es nicht übertreiben, finde mich ruhig genug.

Lutz sitzt an der Kasse, wir sprechen durch die neu angebrachte Plexiglas-Scheibe. Er hat viel zu tun, ist aber immer noch gut gelaunt.

Ente auf Calvados-Linsen. Zander mit Linsenspätzle in Dillgurken, lese ich auf den Zeitschriften dort, ich frage mich, wer solche Sachen kocht. Man sollte außerdem Hanfsamen einkaufen und Wassermelonenkerne, denn das sind Foods Trends für 2020.

Lutz lacht, er weiß es auch nicht.

Worum geht es also? So lange ich morgens im Bett einen Kaffee bekomme, während jemand die richtige Jazzmusik auflegt und die Fenster weit aufmacht, ist alles gut.

Ich esse Hülsenfrüchte. Erdnussbutter auf Schokokeksen.

Ich erzähle meine Träume, sehe das Herz auf dem Milchschaum, die Tasse liegt perfekt in der Hand.

Ich bin ruhig und habe keine Termine. 

14 cm

Das normale Corona-Zigarrenformat hat eine Länge von 14,0 cm und einen Durchmesser von 1,6 cm. Der genüssliche Zigarrenraucher braucht für eine Zigarre im Coronaformat 45-60 Minuten. Ich lese das im Internet und überlege mir, ob ich gerne eine Stunde lang eine Zigarre im Mund haben würde. Aber ja, so geht der Text weiter,  Zigarren rauchen bedeutet das Rauchen zu genießen und sich im Trubel des Alltags eine kleine Auszeit zu gönnen.

Auch hier. Corona bedeutet sich eine kleine Auszeit gönnen. Wenn man Raucher ist natürlich, und nicht im Krankenhaus oder beim Pflegedienst tätig. Ich sehe mir die alte, schöne Holzkiste an, die auf meinem Schreibtisch steht, Vieil Anvers steht darauf, eingebrannt ins Holz, Alt Antwerpen. Und auf einem kleinen goldenen Aufkleber eben dieses Alarmwort Corona.

Früher hat man die kunstvollen Zigarrenbanderolen gesammelt, die sogenannten Bauchbinden. Das Wort ergibt natürlich gar keinen Sinn, denn der Teil der Zigarre, der beim Rauchen in den Mund gesteckt wird, ist der Kopf. Der Fuß wird angezündet. Die Banderole ist am Kopfende, ist also eher ein Halsband. Das hört sich auch viel interessanter an als Bauchbinde. Ich habe nachgelesen, wie Zigarren hergestellt werden, unfassbar viele Arbeitsschritte sind dafür notwendig. Fast alles ist Handarbeit und es dauert Monate, manchmal Jahre, bevor die Zigarre geraucht werden kann.

Wenn Sie dann so mit Ihren Partnern zusammenstehen und Ihre Zigarren endlich zelebrieren können, rauchen Sie vielleicht auch einige Eier oder Larven des Tabakkäfers mit. Keine Panik, Sie brauchen nichts zu unternehmen, sie sind schon tot. Die Zigarren werden ja kurz tiefgefroren und behutsam wieder aufgetaut, die Insektennachkömmlinge werden so abgetötet, die empfindlichen Deckblätter dürfen dabei natürlich nicht ihren Charme verlieren oder gar beschädigt werden.

In der Zigarrenkiste liegen links die dunkelsten Zigarren und rechts werden sie immer heller. Es gibt spezielle Sortierer dafür, sie wählen aus den farblich zusammengelegten Stapeln die richtigen aus, und legen sie mit System in die Kiste. Das können Sie in Ihrem Kleiderschrank auch so machen, links hängen Sie die dunklen Kleidungsstücke auf, rechts die hellen. Es soll gut für die Psyche sein.

Und alles, was gut für die Psyche ist, ist wichtig in diesen Zeiten, wo die Welt aus den Fugen gerät. Sie können Ihren Kleiderschrank neu ordnen, viel wird erstmal nicht dazukommen. Sie können Zigarren rauchen, draußen auf dem Balkon, wahrscheinlich werden Sie dort von wunderschöner Musik begleitet.

Sie können sich ein Halsband umlegen und eine Auszeit vom Alltag nehmen.

Kopfkino

Die Landschaft in Schottland ist hügelig, der Frühling entfaltet sich gerade, man kann unglaublich weit gucken. Eine hohe und kristallklare Luft streckt sich von Horizont zu Horizont aus. Ich trabe durch die Gegend, sehe in die Ferne. Es weht ein trockener Nordostwind. Ich sehe das Ortseingangsschild Aachen.

Ich befinde mich nicht auf einer nordschottischen Insel, verlassen im endlosen Ozean, auch wenn es sich so anfühlt. Es ist Aachen hier. Aber unter einem endlosen blauen Himmel, wie man ihn nur selten sieht. Die weißen Streifen fehlen, das Gitter, das uns sonst gefangen hält.

Auch der Infraschall ist verschwunden. Das Geräusch, das man unbewusst ständig wahrnimmt. Jetzt nicht. Es gibt keine Flugzeuge. Es gibt kaum Autos. Plötzlich bekommt die Umgebung mehr Raum, mehr Tiefe.

Aachen liegt in einem Talkessel, wo sich gerne mal Wolken und Staub verfangen, wo viel Verkehr ist und es viel regnet. Gute Luft gibt es einige Kilometer außerhalb im Stadtwald. Aber dort braucht man sich jetzt nicht mehr zu treffen, man braucht sich gar nicht mehr zu treffen. Man kann fröhlich alleine über den Markt joggen, um den prachtvollen Brunnen mit der Statur von Karl dem Großen herum, die Luft ist rein.

Im Wald spielen Kinder am Bach, Personen stapfen zu zweit durch die Feldwege, jeweils von 2 Meter sauberer Luft getrennt. Am Parkrand spielt Familie Liebesstund eine Partie Boule unter den frisch geschnittenen Linden, sie haben schon hellgrüne Knospen. Das Wasser im Teich ist ruhig, es spiegelt die stille Luft, die Jungs versuchen zusammenzuzählen, wer gewinnt.

Hinter der Bruchsteinmauer ist ein Garten von der Gemeinde. Die Familie, die dieses Grundstück pachtet, baut dort gerade eine Baumhütte. Auf der Mauer wachsen die ersten kleinen Blumen, die Wildpflaume blüht pink.

Die Leute haben Angst. Diese Situation kennt keiner. Es fehlt eine langsame, sonore Musik, die Vorahnung, das etwas passieren wird. Wo geht die Geschichte hin, wie schlimm wird es noch? Was ist in einigen Wochen?

Alle wissen, das dies hier kein Picknick ist. Kein Spaziergang im Park. Die Menschen im Supermarkt tragen Schutzhandschuhe und Atemmaske. Langsam fährt ein Streifenwagen der Polizei vorbei. Im Krankenhaus gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, jetzt erst recht nicht. Es geht um Leben und Tod. Das eine Flugzeug am Himmel heute morgen bringt Atemmasken aus China.

Der Optiker meint, ein Mensch sollte mindestens anderthalb Stunden täglich im Tageslicht sein. Draußen, nicht hinter dreifach verglasten Fenstern. Sonst würde eine Kurzsichtigkeit oder Weitsichtigkeit sich rasant verschlechtern. Das Trampelpfad einer Augenerkrankung würde so zu einer vierspurigen Autobahn ausgebaut werden, so der eloquente Brillenberater. Vor allem, wenn man viel an Bildschirmen arbeitet.

Das Brillengeschäft ist jetzt geschlossen. Damit muss man leben. Keine neue Brille hier, aber die alte tut es noch. Die Haare wachsen unkontrolliert, die Friseure und Barbiere haben zu. Die Bärte sprießen. Die Fußpflege hat zu. Die Nagelstudios. Die Restaurants und Cafés sowieso. Lieferservice, das geht, Heimkino. Kopfkino, noch besser.

Ich habe meinen beiden Söhnen einen Irokesenschnitt verpasst, sie meinen, ist egal, sie müssen ja nicht zur Schule. Keiner geht zur Schule. So erreicht die Menschheit eine neue Evolutionsstufe. Online lernen. Die Lehrer sind nicht angezogen. Sie haben plötzlich ihre eigenen Kinder um sich, die auch nicht einfacher sind. Es gibt keine korrekten Frisuren mehr, keine parfümierte Bartpflege, keinen Undercut, das schafft man selber nicht, ich hab’s ja versucht. Sind wir also doch in den Highlands?

Keine neue Kleidung, keine Frühlingskollektion, egal, denn wir haben alle schlechte Augen wegen Netflix, Playstation und Home-Office.

Keine Übergangsjacken, es hat also auch etwas Gutes. Kein Songfestival. Keine Gel-Fingernägel, so sieht man wieder natürliche Hände, mit Nägeln, zartrosa wie Wildpflaume.

Alle zuhause, barfuß und mit wilden Haaren, kaum etwas zum Anziehen, keine Brille auf, Kopfkino.

Spuren im Sand

Wie kann man jemanden vergiften, der nicht isst? so Karsten, der an sein Buch der Gifte arbeitet. Es ist inzwischen in der 3. Auflage. Dieses Buch behandelt auch das Thema der Virustatika. Ein Virus, so schreibt er, besitzt keinen Stoffwechsel, es vermehrt sich mit Hilfe der von ihm befallenen Zellen. Also wie kann man es bekämpfen?

Man soll vor allem aufpassen, dass das Virus nicht in die Körperzelle eindringen kann. Wenn es aber schon zu spät ist, soll man versuchen zu verhindern, dass es seine Information in der Zelle vermehren kann. Wenn man allerdings auch da hinterherhinkt, sollte man wenigstens versuchen, die vermehrten Viren nicht aus der Körperzelle wieder austreten zu lassen. Denn dann werden sie andere Zellen attackieren.

Karsten erklärt anhand von chemischen Formeln, wie genau welches Protein dazu eingesetzt werden kann, in den verschiedenen Stufen der Virenbekämpfung einzugreifen, aber das können Sie am besten selber nachlesen. Übrigens mutieren die Viren sofort, es ist unfassbar, wie anpassungsfähig sie sind, und wenn ein Medikament endlich entwickelt worden ist, hat das Virus schon komplett andere Eigenschaften.

Eigentlich kann man nichts dagegen tun. COVID-19 ist ein Teil von uns. Es ist uns. Es kann ohne uns nicht überleben. Es folgt uns überall, teilt Tisch und Bett mit uns, Freunde und Familie, Geschäftspartner und Liebhaber. Unsichtbar formt es Teil unseres Lebens. Es formt unser Leben. Es zeigt uns, was wir sind. Es hat immer einen Vorsprung, vereint die Zellen der gesamten Menschheit auf der Erde, überspringt die körperlichen Grenzen mühelos. Es braucht nichts zu essen, kann nicht vergiftet werden.

Es hat die Kanäle in Venedig aufgeräumt, sie sind wieder klar. Es hat die Luft über China gesäubert, die Smog-Belastung ist dort extrem zurückgegangen, Sie können das auf Satellit-Fotos sehen. Es hat die Staus in Europa aufgelöst und alle Autobahnen freigepustet. Es hat den Wind aus den rechtspopulistischen Flügeln genommen, denn jetzt merkt sogar die dümmste Person, dass manche Sprüche nun wirklich keinen Sinn ergeben. Das Virus hat das Telefonnetz umfunktioniert, es hat die Mailboxen verschlossen und die Anrufbeantworter zum Schweigen gebracht. Die Nachrichten nach dem Pieps sind fast verschwunden und der Pieps genauso. Dafür leben die Hauskonzerte wieder auf. Die Liebeslieder auf dem Balkon.

Es sorgt dafür, dass der Staat endlich überlegt, kleine Betriebe zu unterstützen, ich sehe beim Hamburg Journal, wie die Leute von Hobenköök interviewt werden. Die haben eine Markthalle im Oberhafen, dort kann man die leckersten lokalen Gerichte bekommen, frisch zubereitet und mit einer großen Portion Liebe serviert. https://hobenkoeoek.de/ Sie haben jetzt eine harte Zeit, wie so viele Betriebe gerade. Ich denke an die ganzen kleinen Läden im Karolinenviertel, an die Cafés, wo ich im Herbst viele schöne Stunden verbracht habe, und die jetzt irgendwie überleben müssen. Ich wünsche ihnen viel Mut, Kreativität und Geld, damit es weitergehen kann.

Madame Lagarde, die großartige Christine Madeleine Odette Lagarde ist festentschlossen, hier nicht klein beizugeben. Sie kauft fleißig Papiere am Finanzmarkt und hält dadurch den Leitzins niedrig. Sie wird ihre Wertpapierkäufe um 750 Milliarden Euro aufzustocken, um Europa die notwendige Finanzspritze zu geben.

Ich sehe von meinem Schreibzimmer aus, wie ein junges Paar einen Anhänger Pferdemist durch den Garten fährt. Ich hatte sie letzte Woche gefragt, mir den Mist vorbeizubringen. So bald der Anhänger leer ist und sie den leichten Hang wieder hochfahren wollen, fährt sich das Auto natürlich fest, es hat viel geregnet und das Gras ist nass. Ich merke, dass nichts mehr geht, stelle den Plattenspieler ab, ziehe mir die Gummistiefel an und gehe raus. 

Die Räder drehen durch, die Grasbündel fliegen hoch in die Luft. Ich meine zu wissen, wie man am besten wieder rausfährt, aber es wird immer schlimmer, das Auto rutscht nur hin und her, der Anhänger in die andere Richtung, die Reifenprofile sind voller Schlamm und haben gar keinen Halt mehr.

Der Nordostwind ist kalt und schneidend. Ich schlage vor, erstmal einen Kaffee zu trinken, es wird schon eine Lösung kommen. Dort stehen wir mit unseren dampfenden Tassen auf der Terrasse und sehen uns den dampfenden Mist und das festgefahrene Auto an.

Wir reden über den Sommer, wie dann Erbsen, Möhren und Erdbeeren wachsen werden. Himbeeren und Petersilie. Sie erzählen über ihren Hof und die Pferde, wie sie am liebsten mit den Tieren zum Strand fahren. Frühmorgens an der Flutlinie entlang galoppieren, die Haare im Wind. Die Pferde ausgelassen und wild.

Das Zusammenstehen sorgt für gute Laune, wir wissen, es kann gar nichts passieren, wir müssen einfach das Auto irgendwie wieder herausbekommen. Das Gras wird sich schnell erholen. Wir trinken den Kaffee, stellen die leeren Tassen ins Kräuterbeet und packen das Chaos an. Wir schieben ein bisschen hin und her, bis das Auto plötzlich frei ist.

Wie kann man jemanden vergiften, der nicht isst? Vielleicht muss man ihn nicht vergiften. Vielleicht muss man ihn fragen, was er eigentlich will. Und sich dann überlegen, wie viel Platz er bekommt.

COVID-19 ist schon längst ein Teil von uns. Es hat seine Spuren auf der Welt klar hinterlassen. Es zeigt uns, dass es keine Grenzen gibt, keine Körpergrenzen, keine Staatsgrenzen. Es vereint die ganze Welt und kümmert sich nicht darum, ob wir das nun gut finden oder schlecht.

Ich denke an die Küste. An Wolken, Regen und Wind. Salzige Luft, galoppierende Pferde. Sie hinterlassen tiefe Spuren im nassen Sand, die mit der nächsten Welle wieder weggewischt werden. Erst sind die Abdrücke tief und bedeutsam, sie zeigen eine Spur. Einen Augenblick später sind sie jedoch für immer verschwunden.

Buchtipp:

Karsten Strey: die Welt der Gifte

Zone de quarantaine

Ich habe viele belesene und eloquente Personen in Hamburg kennengelernt, manchmal in Verbindung mit meiner Tätigkeit als Hamburger Gast, wie Ulf Busse von der Bergedorfer Zeitung, oder Maximilian König, einen angehenden Journalisten, der an der Henri Nannen Schule studiert, manchmal aber auch zufällig. Wie mittags beim Lieblingsvietnamesen, als ich Alexander Klar von der Kunsthalle auf seinen schönen Schal angesprochen hatte und ihn gefragt, ob er ihn selbst gestrickt hatte.  Mir war klar, dass ich diesen sympathischen Herrn irgendwo schon gesehen hatte, aber erst nach einer Weile fiel mir ein, wer er war.

Ich habe Personen getroffen, die ganze wissenschaftliche Bücher geschrieben haben, wie Karsten Strey und das Buch der Gifte, und solche, die mit Architektenplänen unterm Arm ganz aus Basel kamen, um ihre Projekte in Hamburg vorzustellen, wie Emmanuel Christ.

Keiner Frage sind sie ausgewichen, keine Schwierigkeit haben diese Personen umschifft. Immer, wenn ich sie  in ein Gespräch verwickelt habe, haben sie gezeigt, wie viel  Phantasie, Empathie und Energie sie haben.

Aber sie haben es nicht geschafft, meinen Namen richtig auszusprechen. Auch wenn sie vorher gefragt haben, wie es geht, und ich versucht habe, es ihnen beizubringen, lief es einfach nicht rund. Katelijne.

Das hat jetzt ein Ende. Denn man spricht ihn aus wie “Quarantäne”.  Dieses Wort, so wurde mir dieser Tage deutlich, hat genau den gleichen Laut, also die letze Silbe spricht sich gleich aus. Es reimt sich.

Nachts laufe ich durch den alten Obstgarten, der Duft von Kirschblüten hängt leicht und süß in der kalten Luft. Ein Käuzchen spielt Gespenst. Ich setze mich auf einen umgefallenen Apfelbaum und sehe mir den unglaublich klaren Sternenhimmel an, der große Wagen hängt gerade über meinem Kopf, nicht irgendwo überm Horizont wie sonst.

Eine Sternschnuppe rast durch den Himmel. Ich denke an die ganzen Kinder, die kurz vor Weihnachten das Licht der Welt erblicken werden. Sie werden aus einer Krise geboren werden, sie werden stark und schlau sein, sie werden die Welt weiterführen müssen, sie werden ganz besonders originell sein.

Sie werden ihre Gedanken und Ideen übermitteln, sie werden Häuser bauen, so effizient, wie wir sie uns noch gar nicht vorstellen können. Sie werden weiterhin Kunst sammeln, sie hüten und über sie berichten. Über ihre Welt berichten, in Worten, die wir ihnen nicht einmal beibringen müssen. Sie werden Geschichten erzählen von damals, als die Welt geschockt wurde. Als kurz alle Grenzen wegfielen und ein einziges Virus die ganze Welt vereinte.

Einige der Babies werden später mal den Mars besuchen, sie werden mit einem Raumschiff durch das endlose Universum reisen und die Quantenphysik verstehen. Sie werden aus einer unvorstellbaren Ferne auf die Erde schauen und wissen, dass alles gut ist.

Dieser neuen Generation wünsche ich viel Glück. Einen wunderbaren Start in ein neues Leben.

Suchen Sie noch einen Namen? Er reimt sich auf Quarantäne?

Burgundisch

Es ist Samstag, die Osterferien fangen an. Fünf Wochen Ferien, die Schulen schließen, das COVID-19 soll damit eingedämmt werden. Ich habe die Kinder  lange nicht mehr so fit und fröhlich gesehen. Sie rasen mit den Fahrrädern durch die Straßen, ausgelassen und voller Pläne. Sie organisieren Übernachtungsparties, um diesen Glücksfall zu feiern. Sie versprechen, sich oft mit Seife die Hände zu waschen, nur in der Armbeuge zu niesen und keine Großeltern zu besuchen.

Letzte Woche war ich auf der Suche nach Holz für den Kamin. Ein Bauer in der Gegend meinte, er verkaufe kleingesägtes trockenes Eichenholz. Er stellt Zaunpfähle her, die angespitzt werden müssen, damit sie gut in den Boden geschlagen werden können. Den Verschnitt hat er übrig, ich kann vorbeikommen und soviel abholen, wie ich will, er hat genug da.

Er wäre im Wochenende unterwegs, so sagt er am Telefon, aber seine Tochter sei morgens dort und melkt die Kühe, Samstag um 9 Uhr wäre perfekt. Ich verabrede mich und stelle mir diese Tochter vor, die alte Jungfer, die immer noch bei den Eltern auf dem Hof wohnt. Sie arbeitet viel, kennt sich mit dem Wetter und mit Tieren aus, fährt Trecker mit Anhänger, trägt einen Overall, Gummistiefel und hat einen praktischen Kurzhaarschnitt. Eine Bäuerin, unwirsch, zurückhaltend. Mit tiefliegenden Augen.

Am Samstagmorgen stehen wir um 7 auf, einen Anhänger hatten wir schon bei den Nachbarn ausgeliehen. Wir fahren zum Bauernhof. Die Kinder können ja helfen, die haben ab jetzt keine Schule mehr. Die Frühlingssonne strahlt aus einem blauen Himmel mit flauschigen Schäfchenwolken, das Holz liegt auf einem Riesenhaufen mitten auf der schlammigen Wiese, die Kühe stapfen durch einen offenen Stall hin und her und gucken uns an. Es sieht so aus, als wären sie schon gemolken. Ich gehe um den Stall herum und klingele an die Tür. Die Tochter macht auf. Sie ist fröhlich und noch keine 20. Sie lacht ansteckend, hat eine frische Haut, wunderschöne Augen, lange rotblonde Haare, die nass sind, sie hat gerade geduscht. Sie sieht in ihrer Jogginghose und den Gummistiefeln umwerfend aus. Ich sehe meinen Sohn von der Seite an, er scheint unbeeindruckt.

Das Holz riecht gut, die Scheiten müssen noch hier und da mit der Kettensäge gekürzt werden, aber das geht schnell. Das Feuer brennt gleichmäßig, lange und schön, wie ich nachmittags feststelle. Ich stelle außerdem fest, dass es bei uns im Gästezimmer kein Klopapier mehr gibt und schreibe es auf meine Einkaufsliste. Paprika, Olivenöl, Äpfel. Toastbrot, die Kinder sind zuhause und haben immer Hunger.

Wir haben unsere schnellsten Kassiererinnen angerufen und alle Kassen besetzt, dennoch standen die Leute Schlange bis zum Kühlregal, so die quirlige Kassiererin abends um neun, als ich noch schnell einkaufen wollte. Sie lächelt. Es war wie auf einer Karnevalssitzung, total übertrieben. Aber ja, die Regale sind jetzt leer. Trockenprodukte sind seit Freitag weg. Konservendosen, und natürlich auch das Klopapier.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt: Kalbsleberwurst, Ölsardinen und Dauerwurst. Wie bitte? Saure Gurken, Gläser Rotkohl und Sauerkraut. Ich frage mich, ob man raten kann, aus welchem Land die Liste für den Katastrophenfall kommt, wenn man sie liest. Bei dieser Liste, die ich im Internet gefunden habe, weiß ich sofort: in diesem Land gibt es keine burgundischen Wurzeln.

Einverstanden, man braucht keinen Rotwein auf die Liste zu setzen, es geht ums Überleben und nicht ums Feiern. Auch wenn dann der Notfall vielleicht besser durchzuhalten wäre, Wein trinkend, sich singend in den Armen liegend. Aber das geht nun mal nicht. Küssen natürlich auch nicht. Das macht die Bevölkerung nicht mit, letztendlich hat sie ja die offizielle Notfallliste, die eingehalten werden muss.

Jahrzehntelang hat man sich im Fernsehen in zahllosen Kochsendungen ganz viel Mühe gegeben, der Bevölkerung das Kochen beizubringen. Und jetzt werden hauptsächlich Konserven eingekauft. In den Zeitschriften an der Kasse gibt es Frühlingsgerichte voller frischer Kräuter. Junges, knackiges Gemüse aus dem Dampfgarer, alles in bunten Farben. Aber auf dem Band darunter läuft die beige Wurst im Glas, es fließt Dauerwurst und Leber vorbei.

In Spanien geht man das Problem anders an. Dort lesen sich die Empfehlungen vom Ministerium so: Im Notfall, machen Sie einen Plan, setzen Sie sich zusammen mit Ihren Lieben hin. Sorgen Sie für Nahrungsmittel, die Kinder gerne essen, sowie Nahrungsmittel, die Trost spenden oder Stress mindern.

Ist es denn doch das, was wir brauchen? Trost? Weniger Stress? Brauchen wir womöglich doch nicht ganz so viel einzukaufen? Vielleicht sollten sie sich einen Plan machen. Vielleicht zählt die offizielle Liste für den Katastrophenschutz noch nicht ganz, was brauchen Sie wirklich? Und wenn Sie in den Keller gehen oder in den Vorratsschrank schauen, sehen Sie vielleicht doch noch eine kleine Stelle, die frei ist. Entscheiden Sie spontan, noch kann man einkaufen gehen. Etwas Beruhigendes passt dort noch hinein, etwas Burgundisches. Vielleicht dort zwischen dem ganzen aufgerollten Papier. Lagern Sie es am besten dunkel und liegend. Gesundheit.

Luciferdoosje

Luciferdoosje hört sich rund an, schön, ein wenig verwegen, aber dennoch süß, so ein Schüler von mir. Luciferdoosje. Ich gebe zu, es spricht sich um einiges netter aus als Streichholzschachtel. Ich lese weiter auf der Packung, die ich gerade gekauft habe. Das Zündholz in einem Winkel von max. 40° mit einer Aufwärtsbewegung nur ganz leicht über die Reibefläche führen. Bitte. Hier lass ich nichts anbrennen.

Es regnet schon seit Tagen und ich möchte den Kamin anmachen, mich in den 70-er Jahre Sessel setzen, lesen, was ein Schauspieler so über seine Kindheit zu erzählen hat, die Flammen beobachten und einen Rotwein dazu trinken.

Heeft u soms een lucifer voor me? Können Sie fragen, wenn Sie eine Zigarette im Mund haben und kein Feuer. Sofort haben Sie Freunde gefunden, es kommt eine abenteuerliche Lagerfeueratmosphäre auf, so als wären wir zusammen am Strand an einem kühlen Septemberabend.

Wir hätten Treibholz gesammelt und eine alte Zeitung gefunden, einige trockene Zweige, wir würden ein Feuer machen. Der Tag wäre sonnig gewesen, warm, mit einer stahlblauen Luft und einem Hauch von Herbst. Unruhige Vögel hätten ihre Kurven geschnitten, sie würden trainieren, sich sammeln und sich für die Reise in den Süden vorbereiten. Die Wärme des Tages hätte einer klaren, kalten Spätsommernacht platzgemacht.

Die Sterne würden im schwarzblauen Himmelszelt funkeln, der Sichelmond wäre dort still und klar über dem Horizont. Venus, der Abendstern, wäre leuchtend im Westen zu sehen, unfassbar klar. Am kalten Septembermorgen würde er im Osten am Himmel stehen, als Morgenstern. Wir würden aufwachen, eng umschlungen unter den Decken, voller Sand. Wir würden uns wundern, wie kalt die Luft und der Sand wären. Die Gräser in den Dünen würden dieses wunderbare Licht des frühen Morgens sanft reflektieren, sie würden sich alle in die gleiche Richtung verbeugen. Es würde nach Meer riechen, salzig, frisch, wir würden einfach aneinander gelehnt in den Decken gehüllt sitzenbleiben und übers graublaue Wasser schauen.

Lucifer wurde von manchen Kulturen gebraucht, um den Teufel zu benennen, aber das stimmt so nicht, meint Goethe, der den Teufel Mephistopheles nennt.

Lucifer ist er, der das Licht trägt. Es ist der römische Name für den Morgenstern Venus.

Feuer, Licht und Morgenstern. Und was ist mit dem Hamburger Gast? Wieso findet er 2020 nicht statt? Hat das Stipendium aufgehört, ist es erschöpft, hat der Gast 2019 sich nicht gut benommen? Ich war das. 2019 wurde ich eingeladen, vier Monate über die Stadt zu schreiben. Meine Geschichte “Unterm Eis” hat am heißesten Tag des Jahres den Wettbewerb gewonnen. Die Jury hat sich einfach nur abkühlen wollen.

Jetzt haben die Hauptveranstalter nach vielen Jahren mit der Organisation aufgehört, denn sie sind aus Hamburg weggezogen und lustwandeln selber durch andere Städte.

Einer aus dem Team hat mich mit der Frage, ob ich dieses Stipendium ab 2021 organisieren könnte, vor einigen Wochen angerufen. So einen Anruf bekommt man nicht oft, und am Telefon bespricht man solche Sachen nicht. Daher bin ich nach Hamburg gefahren, habe einige Sponsoren und Zeitungskünstler zu Café Stark in der Wohlwillstraße gerufen und wir haben die Rahmenbedingungen erfasst. Es war eine energievolle, begeisterte Runde.

Wir haben uns gegen einen Schnelldurchlauf für 2020 entschieden, denn es soll ja alles gut durchdacht sein. August 2021 geht es los. Die Wohnung für den Gast haben wir schon, die Schreiborte auch. Jetzt noch einige Sponsoren dazu gewinnen und Lesungen organisieren. Und den Namen der Aktion festlegen. Stadtschreiber Hamburg. Gut. Dann noch einen Titel für den Schreibwettbewerb. Ich kann natürlich jetzt noch nichts verraten.

Machen Sie mit! Behalten Sie diesen Wettbewerb im Auge, es gibt keinen schöneren. Inselschreiber Sylt gibt es nicht mehr. Stadsdichter Antwerpen schaffen Sie nur, wenn Sie relativ gutes Flämisch sprechen und mit einer Gänsefeder schreiben können. Außerdem wären Sie dann 2 Jahre lang stadsdichter, Sie sollten in der Zeit mindestens 12 Gedichte über die Stadt schreiben, das müssen Sie wissen.

Mein Mann sagt mir manchmal du kommst aber von Hölzchen auf Stöckchen. Ich liebe diesen Ausdruck. Ich denke gleich an Treibholz, Feuer und Streichhölzern. An dem Moment zwischen Reibung und Flamme. Dieser einzigartige Geruch kommt mir sofort in die Nase. Ich bin in Gedanken am Strand.

Streichholzschachtel heißt boîte d’allumettes auf Französisch. Caja de cerillas auf Spanisch. Scatole di fiammiferi auf Italienisch. Was stimmt mit dem deutschen Begriff nicht? Vielleicht ist es die unseriöse Bezeichnung Holz. Dieses dünne Teil kann man kein Holz nennen, man muss ja auf Holz klopfen können. Und Schachtel hört sich wie eine Beleidigung an. Die Frage ist nur, ob man für diese wunderbare Erfindung eine bessere Bezeichnung finden kann. Wären Sie mit einer Streichholzschachtel im Mittelalter in den Städten unterwegs, Sie wären der König. So einfach Feuer machen. So mühelos für Wärme, Licht und Frieden sorgen.

Ich sitze vorm Kamin, neben mir liegt ein Buch auf dem Boden, Faust. Eins meiner Kinder liest das gerade für die Schule. Ich lese einige Zeilen und denke, wie sollen Jugendliche das verstehen? Statt es einfach als Pflichtlektüre auszuteilen, sollte man einen Poetry Slam Wettbewerb darüber organisieren. Oder jede Woche einen kurzen Abschnitt lesen und verstehen. Häppchenweise. Gibt es dazu schon eine App? Also appchenweise Goethe.

Sein Wunsch, neben seinem Weggefährten Schiller die ewige Ruhe zu genießen, wurde nach seinem Tod erfüllt. Dort liegen sie friedlich nebeneinander, in gleich aussehenden Särgen in der Weimarer Fürstengruft. Goethe möchte sich eigentlich umdrehen jetzt, von wegen Poetry Slam und der App und so, und aber er hadert mit sich, hält endlose Selbstgespräche, fragt den Erdgeist und den Engel und entscheidet sich letztendlich dagegen, er seufzt und bleibt einfach ruhig liegen.

Hier kann nichts mehr schiefgehen, so denke ich, trinke den Wein und lese eine Seite Faust.

Influencing

Viele Influencer haben genau diese Türen in ihren Wohnungen, so die junge Frau, als sie im Musterhaus eine Schiebetür auf- und wieder zumacht. Sie sieht ihre Freundin an. Wie kann das sein, dass dieses Haus schon 5 Jahre alt ist? Die Einrichtung ist doch jetzt gerade super aktuell.

Das weiß ich auch nicht, ich weiß nur, welche Metallbaufirma die Türen für uns hergestellt hat. Es sind Glastüren in einem schwarzen Metallrahmen, die Glasscheibe ist auch noch mal aufgeteilt, so dass man eigentlich nur die schlanken schwarzen Sprossen sieht, wenn man seine Brille nicht aufhat und das Glas der Türen sauber ist. Zargenlos und deckenhoch schweben sie im Raum. Aktuelles Industriedesign, findet die Freundin und macht einige Fotos.

Wir haben die Türen bei einer Firma speziell anfertigen lassen, so erkläre ich. Hermann Fickler Metallbau. Oder Robert, ich weiß nicht genau. Beide Frauen sehen mich fragend an. Das ist in Süddeutschland, dort hat man solche Namen. In der Firma Fickler gibt es nur einen Geschäftsführer, den Inhaber, er ist Schlosser und liefert perfekte Arbeit. Ein Geheimtip, denn im Internet findet man ihn kaum. Sie wollen den Nachnamen ins Telefon einsprechen, eine Gesprächsnotiz machen. Sie zögern, entscheiden dann, dass sie ihn auch so behalten werden. Ich weiß nicht, welchen Hashtag sie benutzen.

Sie nehmen noch einige Fotos von den Türen und influencen fleißig weiter mit ihren Smartphones. Dann unterhalten sie sich über einen dunkelbraunen Labrador, und ob er sich gut auf dem Sofa machen würde.

Genauso einen kenne ich. Er wiegt 35 kg, liebt es, im matschigen Wald zu spazieren, freut sich wie ich über den Regen und riecht satt nach Hund. Ich stelle mir gerade vor, wie eine Spur Schlammpfoten von der Haustür bis zum Wohnzimmer läuft und wie der nasse Hund fröhlich ins Sofa springt und sich zufrieden seufzend in den Kissen fallen lässt. Ich ziehe mich leise ins Arbeitszimmer zurück und rufe einige Kunden an. Es geht mir gerade ein wenig zu weit hier.

Es regnet den ganzen Tag, ideal um nach Feierabend das Lieblingsrestaurant zu besuchen. Marco steht in der Küche. Er kommt aus Rom, er weiß, wie man Nudeln zubereitet. Sie sind einfach perfekt. Der Regen schlägt gegen die großen Terrassentüren, die kahlen Bäume im Park bewegen sich hin und her. Von meinem Platz aus kann ich in die Küche sehen, ich beobachte, wie Marco das Essen zubereitet.

Hinter der Theke steht ein gut aussehender Junge, der sich um die Getränke kümmert. Er sieht aus, als würde er gerade für Dries van Noten über den Laufsteg spazieren. Ein durchtrainierter Körper, leichte, mühelose Bewegungen, wache Augen, konzentriertes Arbeiten. Er heißt Kevin.

Dries van Noten wurde wie ich in Antwerpen geboren, und als ich dort studiert habe, eröffnete er gerade das Modepaleis, den ersten eigenen Laden. Er entwirft Kleider, die einfach gut geschnitten sind, arbeitet mit hochwertigen Stoffen. Er macht die eigenen Prints und überlegt sich gründlich, wo er seine Stoffe weben, drucken und sticken lässt. Seine Produktion hält er so umweltschonend wie möglich. Am Anfang wurde alles in Belgien produziert, jetzt ist die Produktion zu umfangreich. Vieles wird in Indien hergestellt. In der Nähe von Calcutta gibt es Fachleute, die schon mehr als 20 Jahre für ihn arbeiten.

Er macht nur wenig Werbung, seine zeitlose Kleidung verkauft sich mühelos, er könnte überall auf der Welt Geschäfte aufmachen. Aber das macht er nicht. In Gegensatz zu vielen anderen Designern hat er nie seine Selbständigkeit aufgegeben, so dass er alleine entscheiden kann, wie er sich vermarkten will.

Privat wohnt er in einem Haus mit großem Garten und ja, er hat einen Hund, Harry. Der König von Belgien hat ihn geadelt, 2017 hat Dries van Noten den Titel eines Barons bekommen.

Harry braucht in seinem Leben keine Influencer, Dries auch nicht. Und Philippe, der 2 Jahre jüngere König, hat noch nie davon gehört.

Sie machen einfach ihren Job.

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Wangenkuss

Es finden Hamsterkäufe statt, so mein jüngster Sohn. Aber das verstehe ich nicht. Wieso macht man das? Ich antworte, dass man in Quarantäne kommt, wenn man vom Corona-Virus infiziert ist, so dass man keine weiteren Personen anstecken kann, und dass man dann nicht einfach so einkaufen gehen sollte. Aber man hat doch irgend jemanden, der dann etwas zu Essen vorbeibringt, es kann ja nicht sein, dass man verhungert, nur weil man krank ist, vor allem, wenn man daran keine Schuld hat.

Ja, denke ich, man hat immer jemanden, oder das sollte so sein.

Wenn man sich mir dem Corona-Virus infiziert hat, ist eine der Folgen, dass man keinen Appetit hat, überlegt er sich weiter, und findet, damit hat sich das Problem gelöst. Wieso sollte man dann 10 Kilo Mehl im Vorratsschrank haben? Wenn man eh keinen Hunger hat. Die Mehlmotten reiben sich die kleinen Saugrüsselchen, endlich kommt noch mal ein richtiger Vorrat auf. Sie müssen sich nicht mehr wie bisher durchs Gewinde der Vorratsgläser kämpfen, oder sich durch die Verpackung beißen. Sie können sich einfach ins Mehl fallen lassen und sich vermehren.

Die Raupen sind total durchtrainiert, sie können bis zu 400 Meter weit kriechen. Quarantäne? Sie lachen sich tot. Sie werden überleben, sie wissen, wie es geht.

Inzwischen sind wir beim Thema Ellbogengruß statt Wangenkuss.

Ich höre, wie auf sich dem Schulhof die Kinder mit den Ellbogen anspringen, denn fürs Anrempeln kann man  jetzt nicht einmal vermahnt werden. Sie sind froh, dass sie wenigstens nicht küssen müssen. Und keinem höflich die Hand geben. Endlich ist Seife da in den Toilettenräumen, und genügend Papier. Und vielleicht wird die Schule ja auch bald geschlossen, dann können sie im Frühlingswetter auf der Straße spielen, den ganzen Tag, 400 Meter weit laufen, wenn man sie einfach nur lässt.