So ein Vogel

Was ist Kunst, wie äußert sie sich? Ich war im Juli noch mal im Haus meiner Verwandten in Antwerpen, habe dort die Gemälde angeschaut. Vor allem die Frauen, wie sie abgebildet sind. Wenn man richtig guckt, bemerkt man etwas Interessantes. Bestimmte Züge sieht man in den Gesichtern fast aller Frauen, sie kehren immer wieder. Ich spreche gerade über das Werk meines Vorfahren, Peter Paul Rubens.

Als er im Alter von 53 Jahre seine zweite Frau heiratete, meinte er zu einem Freund: “Wieso sollte ich die Freiheit gegen eine keifende alte Frau eintauschen? Wenn schon, soll sie jung und nicht aristokratisch sein”. Wenn er Augen malt, sind es ihre. Ich sehe ihr Kinn, ihre Ohren auf den vielen Kunstwerken, ihren Mund, er muss sie sehr geliebt haben. Helène Fourment war 16.

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Zeitlos

In der Morgenpost lese ich über den verschwundenen Schatz in der Elbmündung bei Cuxhaven. Napoleon war bis nach Ägypten vorgedrungen, nicht nur mit seinen militärischen Truppen, sondern er hatte auch Wissenschaftler und Forscher dabei, so schob er einen wahren Ägyptenwahn an. Plötzlich sahen sich die verschiedenen europäischen Städte im Wettkampf, die interessantesten und seltensten Kunstwerke zu zeigen, überall wurden ägyptische Museen errichtet, so auch von Kaiser Friedrich Wilhelm III in Berlin. Es wurden aus fremden Ländern Kunst und Heiligtümer geraubt, verschleppt und daheim ausgestellt. Mit ihrer überheblichen Art organisierten die Europäer Raubzüge und Plünderungen unter der Decke der Kunst. Der Auftrag läutete: “so viele Schätze wie möglich zu sammeln”.

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Ohne Furcht

Es ist ein besonderes Winterlicht an diesem klaren Januartag, die Sonne scheint, es gibt viel Wind, ich gehe an der Elbe entlang, St. Pauli Fischmarkt. Es ist Mittwochmorgen, nur wenige Leute sind unterwegs. Es gibt eine Hochwasserwarnung, der Wind drückt die Flut in den Hafen, Sie sollten ihr Auto wegfahren, falls Sie in Neumühlen stehen, so die 90,3-Reporterin. Dort stehe ich nicht, ich habe kein Auto dabei, ich habe Gummistiefel an und fotografiere die Werft.

An den Landungsbrücken spricht eine quirlige Frau die Passanten an, sie sucht Fahrgäste für eine Hafenrundfahrt. Sie erklärt anhand einer Karte, welche Tour das Schiff machen wird. Die Idee gefällt mir, einmal durch den Hafen bis zur Speicherstadt. Ich steige ein, denn ich möchte die Werft anschauen. Vom Ufer aus sieht man nicht, was los ist, und so schippern wir ein bisschen näher ran. Blohm & Voss hat hier einen Schwimmdock. Die Fluttanks kann man mit Wasser füllen, so dass sie absinken, das Schiff fährt bequem hinein, das Wasser wird mit Druckluft wieder herausgepumpt, so wird das Schiff aus dem Wasser gehoben. Man kann es in Ruhe begutachten, reparieren, man kommt überall gut dran.

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Hohe Luft

Wenn man eine bestimmte Runde durch den Samstagvormittag geht, trifft man sich. Auf dem Biomarkt, im Hof, im Domkeller. Beim Hühnerdieb. Ich schiebe mein Fahrrad durch die Aachener Fußgängerzone, am schlagsahnigen Dom vorbei, sehe die Stadtbewohner, wie sie kleine rote Beeten kaufen, dünnes Porreegemüse und Kartoffeln voller Lehm, sie drängen sich vor dem improvisierten Stand der rotbäckigen Verkäuferin. Daneben ist der Käsestand, dort sind die Blumen vom Holländer, dann sehe ich Piet.

Ob wir zusammen einen Kaffee…? Ja klar, hier im wilden Wind, der in der Krämergasse neben dem Dom wohnt, kann man sich nicht unterhalten, der Wind will das erste Wort, das letzte Wort, der Wind will alles.

Was das soll mit der Kunst? Und mit der Seele, wo kommt sie her? Was drückt Musik aus, kommt sie aus der Seele? Ich will die Geschichte Europas erzählen, so Piet, wie ein Storch alles beobachtet während er über den Ländern schwebt. Er segelt, der Storch, er kennt keine Grenzen, und was er sieht, ist sehr bedenklich.

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Musa

Ich traf sie in der Speicherstadt, reif und goldgelb, sie lagen im offenen Fenster in einem Korb. Saftig und süß, nicht zu weich, nicht zu hart, einfach perfekt. Zum Verschenken.

Der lateinische Name ist Musa, Carl von Linné war offensichtlich in einer guten Laune, als er sich für diesen Namen entschieden hat. Vielleicht war der Botaniker verliebt oder wenigstens stark inspiriert, als er der gelben krummen Frucht diesen schönen Namen verpasste.

Die Mütter der 70er-Jahre quetschten Bananen für ihre Babys. Falls sie welche zur Verfügung hatten, in der DDR gab es zum Beispiel keine. Sie wurden zu einem Symbol des Westens, ein Symbol der Sehnsucht. Und jetzt? In jedem Supermarkt linsen sie einem entgegen, kein Mensch verknüpft eine Musa mit Sehnsucht. Mein Vater meidet sie insgesamt, er hat als Jugendlicher einige Kisten zu viel davon löschen müssen auf einem regnerischen Kai in Antwerpen.

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die Elbphilharmonie

Ich studiere eine Seekarte, die vor mehr als 100 Jahren in London gedruckt wurde, am 22. Dezember 1902, und die ich auf dem Speicher meines Elternhauses gefunden habe. Sie heißt “Elbe River. Brunsbüttelkoog to Hamburg”. Und ein Ausschnitt heißt “Hamburg and Altona Habours”.

Ich wundere mich, wie sehr sich die Elbe geändert hat, dort liegt Estebrügge an der Este, Finkenwerder im Sumpf, Blankenese im Wald an der Mühle, ich sehe die Häfen in Hamburg: Mühlenwerder, Waltershofer, Kuhwerder, und diese in Harburg: Hafen I, II und III. Die Stadt liegt geschützt in ihren Wallanlagen, die in einen Grüngürtel umgewandelt wurden, es gibt einen Zoo. Das Museum ist eingezeichnet, diese Karte ist ein Schatz. Ich werde dafür sorgen, dass sie gedruckt wird, in ein Buch. Dann können Sie selber sehen, wie unfassbar schön sie ist. Was mache ich mit dem Original?

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Zauberstoff

Kleider werden in fernen Ländern produziert, sie kommen in Containern im Hafen an, sie reisen weiter über das Straßennetz, werden in Lagerräume untergebracht, gleich weiter an Geschäfte und online-Kunden verteilt. Später kommen sie in die Altkleidersammlung und werden wieder aus der Stadt gebracht, in Containern, sie kommen auf ein Schiff, sie werden in ferne Länder gefahren.

Die Entwerfer denken sich neue Schnitte aus, sie suchen die richtigen Materialien, sie suchen die richtigen Menschen, die die Kleidung herstellen können. Verpacken. Verteilen. Mit den richtigen Wörtern und Bildern, so dass jeder das Gefühl hat, das ist genau der Stoff, den er jetzt braucht, die Kleider, in denen er sich glücklich fühlen wird. Kleider, die die Identität unterstreichen.

Eine Flut an Stoffen, Garn, Knöpfen, Reißverschlüssen, Schnitten, Fetzen spült durch die Stadt.

Meine Eltern haben im Winter 1970 geheiratet, als das ganze Land unter einer Schneedecke ruhte. Sie waren blutjung, meine Mutter noch keine 21. Die Kapitänsuniform meines Vaters, die Braut im schlichten Kleid, der verliebte Hippieblick. Sie hat die langen honigfarbenen Haaren hochgesteckt, eine kleine weiße Blume oben drauf. Sie ist still, sieht auf den Fotos ruhig und souverän aus, wahrscheinlich stört sie nicht einmal ihre Mutter, die als goldene Kugel am Tisch sitzt.

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