Backsteinkunst

Mein Tagesticket führt mich nach Hammerbrook. Ja, dort ist dieses Café, der Grund, nach Hammerbrook zu fahren. Es ist sofort erkennbar, willkommen in die Großstadt. Hier hat jemand verstanden, um was es geht. Wenn man hineingeht, findet man keine Kuschelatmosphäre, sondern die coolsten Leute aus den umliegenden Büros, die sich hier einen Kaffee holen. Hier trifft man sich, hier werden Kontakte geknüpft, Verträge geschlossen, Projekte ausgearbeitet, hier stimmt der Kaffee, man kann sogar zusehen, wie er im Nebenraum geröstet wird. Die neue Einrichtung ist urban, expressiv, gleichzeitig klar und einladend. Als wären auch hier Graffiti-Künstler vorbeigekommen. Kaffeerösterei Maya. Merken Sie sich das.

Ich gehe hinein, setze mich an meinen Lieblingsplatz vorm Fenster und beobachte die Nachmittagsspaziergänger in ihren Anzügen. Der Kaffee tut jetzt gut. Die Chefin Birthe Haase kommt zu mir, wir reden über die neue Einrichtung. Sehr gelungen, sie freut sich, ihre Augen strahlen.

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Sternschanze und Schulterblatt

Sternschanze, fragen Sie nicht, wie ich hierhin gekommen bin. Ich denke, dass ich träume, wenn ich den grünen Monstern, die sich hier über die ganze Wand bewegen, ins Auge starre. Einäugige Fabelwesen, von oben bis unten. Won ABC war hier, so erfahre ich, er hat gerade den S-Bahnhof Sternschanze verschönert, und zwar im Auftrag der Bahn. Man kennt ihn aus der Szene, zum Beispiel aus der damaligen “OneZeroMore Gallery”. Er hat auch schon öfter illegal S-Bahnen verschönert, dafür wurde er zu Geldstrafen und sogar zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

Die kunsterfahrenen Polizeiermittler 1996 zeigten sich begeistert “hier haben wir einen der besten Sprayern Europas”. Sie hatten Recht. Won ABC hat die Kunstakademie absolviert, und überall auf der Welt wird er für die verschiedensten Projekte gefragt. In München hat er zusammen mit Loomit über eine ganze Häuserwand eine Hommage an Georg Elsner gesprayt.  Im Millerntorstadion kann man seine unvergesslichen Figuren auf den Betonwänden bewundern.

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die Daten

Die Datensammler haben große Netze, sie sitzen auf den Fensterbänken der Häuser und verrichten ihre Arbeit schweigend. Man kann sie sehen, wenn man im Winter abends um 21:00 in der U3 sitzt und am Baumwall vorbei fährt, Richtung Stadthaus. Die Büros sind beleuchtet, man sieht die Schreibtische, die Räume sind still, die Pflanzen warten ab, sie sind müde, sehen mickrig aus. Es stehen Computer auf den Schreibtischen, die Stühle sind leer, bis auf zwei. Dort sitzen noch Personen, sie bleiben da bis tief in der Nacht, das Gesicht blau angeleuchtet, konzentriert auf ihrer virtuellen Welt.

Aber auch morgens um 7:30 kann man von der S3 aus die Datensammler sehen, vor Sonnenaufgang bei Hammerbrook. Wie ein riesiger Adventskalender mit beleuchteten Törchen sehen die Bürogebäude aus. Hier und da wird ein kleines Theaterstück aufgeführt, es ist fast Weihnachten, viele Lampen sind schon an. Meist sind es Einmannstücke. Ein Raum ist leer, eine Kaffeetasse verrät, dass schon jemand dort war. Manchmal sehe ich Bewegungen von einem Raum in den anderen, so als würden die Personen durch die Wand gehen. Ich liebe Theater. Tragödien. Ich liebe den Regen, er macht alles noch dramatischer. Ich liebe Schokolade.

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der Strom

Wenn man in England eine politische Entscheidung trifft, bei der das Volk zuschauen kann, übers Fernsehen oder Internet, wenn das ganze Land auf etwas spannendes wartet, oder etwas zu verarbeiten hat, geht der Stromverbrauch plötzlich stark in die Höhe. Was ist das? Wieso verbraucht man mehr Strom, wenn es spannend wird? Weil die Engländer alle im Gleichtakt den Wasserkocher anmachen, denn mit einer Tasse Tee sieht die Welt schon viel besser aus. Der Satz, der immer hilft: I’ll put the kettle on. Damit hat man eigentlich alles gesagt: ich bin da, du bist nicht alleine, wir trinken erstmal einen Tee zusammen und dann sehen wir weiter.

Hamburg hat drei große Strom-Umspannwerke, Nord, Ost und Süd, die den Strom von Höchstspannung auf Hochspannung, also von 380.000 Volt auf 110.000 Volt umwandeln, und dann in das Verteilernetz einspeisen. Dann gibt es 55 Umspannwerke, die den Strom von Hochspannung auf Mittelspannung transformieren. Ungefähr 7.700 Netzstationen sorgen dann für die 230 Volt Netzspannung, die bei Ihnen zuhause aus der Steckdose kommen. Ab hier können Sie dann selber entscheiden, wie Sie die Anschlüsse nutzen. Sie brauchen nur noch den Versorger Ihres Vertrauens ausfindig zu machen. Es gibt eine Menge verschiedener Anbieter, und alle behaupten, der beste zu sein. Genau der, der zu Ihnen passt, und auf den Sie gewartet haben.

Ich weiß ja nicht, für welchen Anbieter Sie sich entschieden haben und was Sie mit Ihrer Energie vorhaben, komme aber gerne auf eine Tasse Tee vorbei.

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der Verkehr

Man kann fantastische Fotos der Köhlbrandbrücke machen. Sie ist aus den 70-ern und schwingt sich elegant über dem Köhlbrand, einer Nebenstrecke der Elbe. Man hat 8 Jahre lang versucht, diese Brücke zu sanieren, für 60 Millionen Euro. Aber jetzt ist es entschieden: in 20 Jahren gibt es die neue, die noch 20 Meter höher sein wird.

Gorieswerder war eine Elbinsel, die sich von Finkenwerder bis Kaltehofe ausstreckte. Während der Sturmfluten des 13. Jahrhunderts wurden schon Finkenwerder und Altenwerder von dieser Insel abgetrennt. Nach den Sturmfluten Ende des 14. Jahrhunderts entstand dann der Köhlbrand, als Gorieswerder immer mehr von Wasser überströmt wurde und so ständig neue Inseln entstanden.

Der Köhlbrand heißt so, weil früher an den Ufern dieses Flusses die dort ansässigen Menschen Holzkohle gebrannt haben, um diese an die Schiffer zu verkaufen. Sie waren die Köhlern.

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das Wasser

Oft sind die Flüsse der Ursprung einer Stadt. Das Wasser, das irgendwo aus einer Quelle sprudelt, findet seinen Weg zum Meer, ein kleines Rinnsal wird immer größer, es gräbt sich durch die Landschaft. Es formt die Landschaft.

Durch das Wasser entstehen die Täler, und somit auch die Hänge. Die kalten Nordhänge, mit spärlicher, schroffer Vegetation. Die verwöhnten Südhänge am Fluss, mit dem richtigen Boden für Wein. Falls Sie fruchtbaren Kalkboden antreffen, können Sie versuchen, Pinot Noir anzubauen. Eine hochempfindliche Beere, dünnhäutig und wählerisch. Sehr variabel, je nach Boden, Mikroklima, Lagerung, Verarbeitung. Jedes Detail entscheidet mit, ob Ihr Pinot vollmündig samtig oder streng sauer wird. Und lagern Sie ihn nicht für später, sparen Sie ihn nicht für eine bessere Gelegenheit auf, dieser Wein verliert seinen Charme, wenn er zu lange liegt.

Wollen sie Champagner? Dann brauchen Sie 38% der Pinot Noir Rebe. Der Rest in diesem Verschnitt ist Chardonnay und Schwarzriesling. Wenn sie die roten Trauben ohne Schale gären lassen, wird der Schaumwein weiß. Am besten, Sie fahren mal nach Frankreich, in die Champagner-Gegend, und lassen sich alles genau erklären. Besuchen Sie einige Weingüter und seien Sie überrascht über die Vielfalt der Aromen, lassen Sie sich auf ein prickelndes Abenteuer ein.

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Altona und Feldstraße

Ich laufe immer noch in Aachen über die Vennbahn im strömenden Regen und sehe eine Gruppe Männer, komplett eingepackt, auf Profirädern. Sie stehen zusammen und überlegen sich, in welche Richtung es weitergeht. Ich würde sagen, es gibt nur 2 Richtungen, weiterfahren oder umkehren, aber ich finde, das sollten sie selber herausfinden. Sie grüßen mich alle 5 fröhlich, rotbäckig. Sie sehen verwegen aus, mit Regen in den Haaren und leuchtend in der Dämmerung. Ich grüße zurück, renne weiter, auf zur nächsten Station meines gedanklichenTagestickets in Hamburg. Die S-Bahn zurück fährt durch Harburg, Harburg Rathaus. Wilhemsburg, Veddel, Hammerbrook.

Ich finde mich damit ab, dass sich die Strecke der S-Bahn im Kopf nicht wie ein korrektes Verkehrsnetz darstellt, sondern dass ich irgendwo auftauchen werde. Altona.

In Altona wurden die Schiffsladungen mitten des 19. Jahrhunderts von Pferden über Schienen den Hang hochgezogen, von der Elbe bis zum Altonaer Balkon. Auch ein Seilzug wurde eingesetzt, um die Frachten über eine schiefe Ebene vom Wasser hochzuziehen. Diebsteich heißt hier ein Bahnhof, wobei mir keiner sagen kann, ob der Name daher kommt, dass hier eine Hinrichtungsstelle war, die Diebe wurden danach einfach in den Teich geworfen, oder ob es vom „tiefen Teich“ kommt. Ein wichtiger Unterschied, so finde ich, an einem stillen und tiefen Wasser könnte ich wohnen, sogar einen Bahnhof errichten, dort soll ja der neue Fern- und Autobahnhof entstehen.  Im anderen Fall hätte ich Bedenken.

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Los geht’s

Der Aachener Regen ist laut und schräg, ihm fehlt die Eleganz des Hamburger Regens. Er jagt wild über die Landschaft und fällt dann einfach so runter, weil die Wolken bei der Eifel nicht weiterkommen, er denkt sich gar nichts dabei. Die Tropfen werden vom Wind getragen, sie reisen über Belgien, über die Niederlande, kommen in Deutschland an und würden gerne weiterreisen, in östliche Richtung, vielleicht sogar noch etwas südlicher. Aber dort liegt die uneinsichtige Eifel. Die Wolken, die gerade eine gute Fahrt aufgenommen hatten, werden abrupt zum Halt gebracht, sie müssen ihre kostbare Ladung fallen lassen.

Der Regen in Aachen hat einen Akzent, aber man versteht ihn gut, man muss sich auf ihn einlassen. Er ist umständlich und hört sich selber gerne regnen. Ich bin auf der Vennbahn, das ist eine alte Eisenbahntrasse, die zum Fahrradweg umgebaut wurde. Sie führt vom Zentrum in Aachen über die Grenze nach Belgien, durch die schöne Wallonie bis nach Luxemburg, das sind 125 km freie Fahrt. Wenn da nicht zu viele Jogger wie ich oder Hunde im Weg sind.

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die Ringe des Jahres

Bäume scheinen im Winter ein Eigenleben zu führen, es sieht so aus, als würden sie den Himmel tragen. Im Sommer, wenn alles blüht und voller Leben ist, fallen sie gar nicht so auf, sie stehen wie Dekoration in der Landschaft. Der Himmel wölbt sich hoch, weit weg von den Kronen. Aber im Winter ist es anders. Die Gräser und Blumen verschwinden, die Sträucher sind klein und mickrig. Die Wolken hängen tief und schwer über die stille, kahle Landschaft. Die 120 Schwäne sind ins Winterquartier gekommen, das war dieses Jahr am 19.11.

Im Spätherbst ist es anders, jetzt sieht man erst, was Bäume eigentlich sind.

Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Erde.

Sie führen Tagebuch. Sie schreiben genau auf, wie es ihnen geht. Im Sommer, wenn sie gut wachsen, sind die Holzzellen groß und hell, im Winter sind sie klein und kompakt und daher auch dunkler, man kann die Jahrringe sehen. War es ein langer, kalter Winter, ein kurzer Sommer, gab es genug Zeit zu wachsen? Die Dendrologie ist die Gehölzkunde. Jemand, der sich damit auskennt, ist ein Dendrologe.

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Ein gutes Jahr

Ich sitze in der Regionalbahn Richtung Köln, hoffe, dass ich den Anschluss nach Hamburg bekomme. Morgen halte ich an der Uni einen Vortrag über die Tätigkeit als Stadtschreiberin. Frau Prof. Dr. Gutjahr hat mich eingeladen. Heimlich hoffe ich, dass die Frau Professorin ihren Namen schon als Mädchen hatte, er ist perfekt. Aber ich würde es auch verstehen, wenn sie ihn später erworben hat, das würde ich auch tun. Gutjahr.

Ich sitze in der Bahn Richtung Hamburg, die Landschaft ist schon viel flacher hier. Bei mir im Abteil sitzen 2 junge Frauen, die eine ist Gladbach-Fan mit Tätowierungen auf den Unterarmen und die andere hat einen Mops dabei. Man sollte nicht glauben, die Hündin kriege schwer Luft, auch wenn die Nase so eingedrückt scheint, so Frauchen. Sie ist topfit, nimmt sogar immer wieder mal am Mops-Rennen in Köln teil. Die Strecke ist 50 Meter, die Möpse rasen nur so dahin, es scheint ihnen richtig Freude zu machen. Keine Spur von Atemproblemen oder zu kurzen Beinen.

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