Das Muster der Wellen

Ob ich noch ein Stück Apfelkuchen essen sollte, als Mittagessen, wo mein Frühstück doch auch schon Apfelkuchen war? Klar doch, so die sympathischen Jungs von Coffee Roasters, https://www.hermeticcoffee.com/ es ist doch Apfelzeit, und one apple a day… Und so kommt es, dass ich mittags schon wieder mit Kaffee und Apfelkuchen in der Oktobersonne sitze.

Ich darf das. Ich bin heute morgen ganz früh aus dem Karolinenviertel hinuntergelaufen, durch Planten un Blomen. Der Park hat surrealistisch viele Formen und Farben. Der Morgennebel, der aus den Wasserflächen aufsteigt, inszeniert das theatralisch. Dazu verlegen sich die Wege des Parks ständig, sie haben nie die gleiche Richtung oder Form wie am Tag vorher. Es gelingt mir nicht, einen Weg durch den Park zweimal zu laufen, nachts wird alles neu geordnet, es kommen Bäume und Büsche hinzu, Wasserfälle, Stege. Die Kulissen werden ständig ausgetauscht.

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Nicht reden

F

Es ist Sonntagnachmittag, die Geschäfte haben geschlossen, die Straßen scheinen breiter als sonst. Sie haben dazu gewonnen, Raum, Energie, Kraft. Das Wasser liegt ruhig da, es spiegelt die Herbstsonne, die zwischen den Wolken hängt. Die Menschen haben ihre Mäntel an, sie ziehen langsame Kreise durch die Straßen. Eigentlich wollen sie Kastanien sammeln, aber die meisten haben es vergessen. In der Ferne schwebt noch die Erinnerung an die schönen, glatten Früchte. Sie in der Hand halten, sie mit dem Daumen streicheln, die Farbe des Herbstes aufnehmen. Der Duft, der Geschmack von Maronen am Abend, wenn der Nebel kommt. Das Feuer, die Asche.

Die Bäume rauschen, sie haben ihr Laub schon fast verabschiedet.

So bald der erste Herbststurm kommt, werden die Blätter loslegen, sich zu wilden Farbbergen zusammenrotten. Dann werden sie in Banden ungestüm durch die Straßen und Gassen jagen, nicht einzufangen sein. Aber irgendwann werden sie langsamer, immer dünner und knochiger. Stiller. Und wenn die Zeit gekommen ist, halten sie an, ihr filigranes Gerippe leuchtet noch einmal auf, weil es so schön ist. Sie werden zitternd zur Erde zurückkehren, demütig und leise. Sich in Nahrung für die neuen Pflanzen verwandeln. So, wie es gedacht ist.

Langsam wandeln die Menschen weiter, sie bleiben stehen, unterhalten sich miteinander, sie freuen sich über diesen milden Herbsttag. Die Sonne scheint ihnen auf die Haare, man denkt, hier laufen Götter durch die Stadt. Götter mit flammendem Kopf, die Haare voller Licht.

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Da geht doch was

Damit anfangen, womit man aufgehört hat. Rosi und die letzte Hafenkneipe. Ich habe schon berichtet, dass ich die Glocke geläutet hatte und so eine Lokalrunde am Bein.

Nun, Christina hinter der Theke hatte gelacht und gemeint, die Männer hätten alle die Gläser noch voll, sie würde keine Runde für mich berechnen. Ich könnte es beim nächsten Besuch nochmal versuchen. Das nenne ich Gastfreundschaft.

Selber wurde ich natürlich schon zum Bier eingeladen, aber da ich den Weg zur S-Bahn und dann nach Hamburg noch finden musste, wollte ich nicht übertreiben. Wieso nach Hamburg? Ob ich nicht lieber im Hafen übernachten würde? Es gäbe das Hotelschiff, es gäbe außerdem Detlevs’ Segelschiff. Aha, triumphierte ich, und kramte einen sehr wichtigen Schlüsselbund hervor. Es gäbe doch auch die Kulturwerkstatt, hier habe ich die Schlüssel, und der Kühlschrank dort ist voll. Ein allgemeines Raunen. Lass uns dort eine Party feiern! so die Stimmung. Das wäre die Idee überhaupt. Eine Nachricht in die Whatsapp-Gruppe und ab in die Kulturwerkstatt. Da geht doch was. Sogar Kaffee ist da, für morgenfrüh. Weitere Vorteile: der Weg zur Arbeit würde plötzlich auf lediglich einige Meter zusammenschrumpfen. Und die Kulturwerkstatt würde so richtig eingeheizt werden.

Win-win Situation.

Am Morgen bin ich bei Martin eingeladen, in der Werkstatt “Jugend in Arbeit”. Die Umschulung zum Bootsbauer, die hier angeboten wird, umfasst 26 Monate, an 40 Stunden pro Woche. Es wird Theorie unterrichtet und alles wird gleich in die Praxis umgesetzt, im Hafen, wo echte Schiffe fahren, wo man viele Möglichkeiten hat, viel Platz und den Wind um die Nase. Martin ist Bootsbauer und hat den Beruf in Travemünde gelernt.

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Eine Kiste voller Gold

“Worauf man achten muss, ist dass die Truhe so gebaut ist, dass das ganze Geld da rein passt”, so sagt der Herr beim Spazierengehen zu seiner Begleitung. Sie bestätigt das, indem sie nichts sagt, ihn verschwörerisch ansieht.

Ich überlege, wo die Truhe dann hinkommt, wenn sie erstmal voll ist. Vielleicht wird sie irgendwo vergraben.

Ob es auch in Harburg Piraten gibt? Ich muss das Schloss besuchen, die Horeburg, auf der Schlossinsel. Der eigentliche Kern der Stadt, der am Fluss liegt. Sie wurde also vielleicht auch schon mal von Piraten heimgesucht. Meine Fantasie geht durch. Ich sehe Türme, Brücken, Tore mit Wachleuten, Schatztruhen und Piraten mit einem Messer zwischen den Zähnen.

Ich komme aus dem Bahnhof und gehe zum Rathaus. Renaissance. Es steht an einem schönen Platz mit Bäumen. Das Standesamt hat einen eigenen Ausgang, mit fotogener Treppe, ideal für romantische Hochzeitsfotos. Man geht durch den Konfettiregen und steht auf dem Markt, wo lokale Anbieter Zwiebeln und Kartoffeln verkaufen. Piraten? Fehlanzeige, hier sieht es wie eine verträumte Ecke auf dem Lande aus. Das Rathaus wurde schon ein paar Mal versetzt, denn es war zu nah am Wasser gebaut. Weiter geht’s, Richtung Hafen.

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Harburg und das Theater

Es ist schon spät, nass und dunkel. Es ist gruselig draußen. Ich hätte genauso gut in meiner Wohnung bleiben können, im warmen Bett, mit einem Tee. Ich würde die kuschelige Decke hochziehen, vielleicht endlich den Sankt Pauli Special von Hinz und Kunzt durchlesen.

Warum bin ich überhaupt aus dem Haus gegangen? Wie bescheuert, alleine ins Theater zu gehen, an so einem unheimlichen Abend in Harburg. Ich nehme mir vor, nicht begeistert zu sein, nicht darüber zu schreiben, das Stück heißt Vincent will Meer und das will ich nicht jetzt.

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Sterne gucken

Heute Nacht ist es nicht kalt, es ist windstill und fast trocken. Ich habe Gummistiefel und eine Regenjacke an. Die Haare sind nass durch die Feuchtigkeit in der Luft. Es riecht nach Herbst. Es ist schön hier an der Außenalster, jetzt, wo fast keine Leute unterwegs sind. Der Puls der Stadt schlägt in der Ferne, regelmäßig, langsam, tief.

Ich stehe unter einer Buche, das schwarze Wasser vor mir bewegt sich träge und ruhig, es macht kleine, freundliche Geräusche. Regentropfen, die beim letzten Schauer auf die Blätter gefallen sind, sammeln sich, gleiten über die Blätter, perlen herunter.

So ist das, wenn ich nicht schlafen kann und keine Lust habe, mich im Bett hin und her zu wälzen. Normalerweise schlafe ich sofort ein und wache morgens ausgeruht auf, aber hin und wieder passiert es, dass ich überhaupt nicht müde bin. Was tun? Lesen? Essen? Trinken? Alleine? Ich ziehe eine Jacke über, Stiefel an, geh raus. Ich steige aufs Fahrrad und fahre an die Alster. Kein Mensch unterwegs, es ist 4:00 am Samstagmorgen.

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Hören Sie mal

Der Spätsommer ist vorbei, es regnet stark die ganze Nacht, die neue B-75 steht unter Wasser- habe ich das richtig gehört? Aber der Regen hört nachmittags auf, die Sonne sorgt für unfassbar schöne und klare Farben. Ich denke, man muss in dem Moment leben, aber nur Theorie ist auch nichts, ziehe die Laufschuhe an, renne aus der Tür Richtung Planten un Blomen, bis zur Außenalster, ja, genau, stromabwärts rechte Seite, die ist am schönsten. Der Park, die Bäume. Die Kinder in Regenhosen und Gummistiefeln hüpfen in den Pfützen. Die Hunde drehen durch, endlich wieder raus. Ich denke an meine Laufgruppe in Aachen. Ich vermisse sie. Ich denke an Nike. Der ist 12 Jahre lang mitgelaufen und im Juni gestorben. Ein Berner-Senner Mischling.

Weiter geht’s. Bäume. Haben Sie sich schon mal eine Hängebuche genau angeschaut? Wenn die Äste wieder nach unten wachsen, ist das für eine Buche eigentlich eine Abweichung, etwas Unnormales. Aber wer staunt nicht über diese Schönheit? Der zierliche Stamm, die gewundenen glatten Äste, die prächtige Krone, die sich wie ein Wasserspiel runterfallen lässt.

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Die Stadt gestalten

Es ist heute der zweite Tag des zweitägigen schönen Wetters und die Sonne hat richtig viel Kraft. In meinem Büro im Kapitänszimmer mache ich ein Fenster auf und sehe auf die Straße. Tatsächlich, Sonne, Boote, Leute.

Die Harburger Kulturwerkstatt hat auch noch Konferenzräume, es sitzen dort 5 Männer, die etwas besprechen. Sie haben Laptops dabei und sehen sehr konzentriert aus. Sie sind Entwickler. Was sie denn so entwickeln dort? Ich denke an Stadtplanung, an ein tolles Konzept für den Hafen, oder vielleicht einen neuen Beachclub. Mit Sand, Buden und abends Lichterketten überall. So ein Club, wo man sich zum Feierabendcocktail trifft und übers Wasser schaut. Ein Beachclub, in dem man richtig fühlen kann, wo man angekommen ist. Im Süden. Am Südufer der Elbe. Dort, wo die Sonne noch wärmer scheint, dort hinter der Wetterschneise. Dort, wo man leichte Kleider anziehen kann, Cocktailkleider, und durch den Hafen flanieren.

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Altweibersommer

Es ist Sonntag und die ganze Stadt läuft in T-Shirt durch die Straßen, denn der Wetterdienst hat vorhergesagt, dass es heute warm wird, bis zu 22 Grad. Ein richtiger Altweibersommer! Alle sind draußen, im Karolinenviertel wird fleißig eine Grünfläche umgegraben, man guckt immer wieder in die Luft, wo ist denn eigentlich die Sonne?

Es regnet, es ist 13 Grad, man ist festentschlossen, das schöne Wetter zu genießen, man kramt die Tische und Stühle wieder raus. Nach dem Frühstückskaffee in der heißgeliebten Karo-Ecke fahre ich in den Harburger Stadtpark.

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Gerade scharf genug

Was „amuse-bouche“ heißt? Amuse kommt von amuser, amüsieren. Und la bouche ist der Mund. Es ist ein Häppchen vorweg. Ein Versprechen für ein leckeres Essen. „Les Bouches de l’Elbe“ sind die Münder der Elbe, die Elbmündung. Das Elbgeflüster.

Das gehört noch zu meinem letzten Blogeintrag, ich hatte es nicht erklärt.

Ich komme am 2.10 in Harburg an, es ist kalt und dunkel. Dies ist die offizielle Übergabe der Stadtschreiberin vom Schmidt-Theater in den Kulturhafen. Es regnet, das Gebäude ist kalt. Ich gucke mir die Räume an, das alte Kapitänszimmer. Da darf ich meinen Arbeitsplatz einrichten. Ja, überlege ich, aber nicht bevor die Heizung läuft und der Kühlschrank voll ist.

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