Locker bleiben!

Es ist Samstagmorgen, ich überlege, mich auf den alten Holzboden meines Zimmers hinzulegen und die Bauchmuskeln zu trainieren. Sie wissen ja, wenn man die Mitte stärkt, gewinnt man an Lebenslust, Selbstwertgefühl und Stabilität, man strahlt Kraft und Eleganz aus und ist für jede Situation gerüstet, aber ich habe keine Lust.

Die Sonne scheint, ich steige auf das Fahrrad und rolle Richtung Stadt. Ein Mensch auf einem schwarzen Chromrad fährt plötzlich neben mir. Er sieht sich mein Rad an, eigentlich Janas Rad, grinst mitleidig. “Muss mal in die Inspektion”, sagt er und fährt eine ganze Weile neben mir, auch wenn sein Rad eindeutig für andere Geschwindigkeiten entworfen ist. Durch die getönte Sportbrille, den Helm und das Tuch kann ich nur 2 cm Gesicht erkennen, an den Zähnen kann ich sehen, dass er um die 60 ist. Er sagt, dass er immer mit dem Rad zur Arbeit fährt, er kann ja im Büro duschen, Hamburg wäre eine echte Fahrradstadt. Ja, das finde ich auch. Man fühlt sich sicher. Etwas an ihm warnt mich, bei der roten Ampel anzuhalten, auch wenn kein Verkehr kommt.

In der Caffamacherreihe biegt er links ab, also doch. Ein sportlicher, gut gelaunter Polizist, der am Samstag Dienst hat und mich mit Sonnebrille und in Zivil durch die Stadt begleitet.

Am Rathaus sind sehr viele Leute, es sind Klimawochen, überall kommen Busse mit noch mehr Menschen, alles wuselt durch die Stadt, ich entscheide, weiterzufahren, an der Alster vorbei, am Park vorbei, wieder zu meiner Wohnung. Ich ziehe mich um und gehe ins Schmidt-Theater. Mal sehen, was dort im Wochenende so los ist.

Vor der Tür steht eine Menschenmasse. Da ich meine Brille nicht aufhabe, erkenne ich von weitem nicht, dass sie alle irgendwie ähnlich aussehen, denke, hier ist ein Schulausflug. Ich bitte die Schüler, mich durchzulassen. Ich wundere mich, dass sie sich ziemlich unflexibel bewegen, wenn ich mich vorbeischlängele, nicht unfreundlich, aber ihre Bewegungen sind irgendwie umständlich. Im Theater erfahre ich, dass es eine geschlossene Gesellschaft ist, 460 Bodybuilder. Aha. René nennt es eine Buildungsreise.

Drei Weltmeister auf der Bühne, Fotografen, Filmteam, Proteine. Proteine in allen Farben und Formen, Shakes, Pudding, Waffeln (mit Salty Caramel oder Schokolade, ohne Zucker), Süßigkeiten, Avocadobrote. Christian gibt mir seine Visitenkarte, Fitmart, der Sponsor. Er nimmt mir den Mantel ab, begleitet mich durch die Räume, erklärt mir freundlich, wer diese Schränke sind, die dort posieren, Weltmeister, und bittet mich, zu bleiben. Ich bekomme einen Sitzplatz ganz vorne im Theater.

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37 km

Wieso habe ich es jetzt erst getan?

Ich bin einem Käfig, die Tür schließt sich, ich bin eingesperrt. Es geht schnell runter, bis unters Wasser. Dann öffnet sich der Käfig wieder und ich sehe etwas unfassbar Schönes. Mysteriös, im sanften Licht streckt sich ein Tunnel vor mir aus, die Kacheln an der Wand schimmern, als wären sie nass. Ich sollte noch mal hinter mir schauen, sehen, wo ich herkomme, wie ich nachher wieder herausfinden kann, aber die Weite zieht mich an, ich bin wehrlos, werde in den Tunnel eingesaugt. Ich steige auf das Fahrrad und fahre so schnell ich kann geradeaus, auch wenn ich aus dem Augenwinkel gesehen habe, dass max. 10 km/h erlaubt sind. Ich kann nicht anders. Es ist wunderschön, es macht Spaß, ich bin im Film.

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Elbstrand

Heute bin ich aufgewacht und es regnete. Ich habe tief geschlafen, bleibe noch eine Weile liegen, gucke durchs Fenster. Da es im Vorwerkstift keine Vorhänge gibt, weiß ich, wie spät es ungefähr ist. Es gibt sehr viele Grauzonen. 50 shades of morninglight. Dieses Grau jetzt gerade ist relativ hell. Bestimmt schon 8:30.

Der Mittag ist regnerisch und der Abend auch. Das Grau hat sich über die Stadt gelegt, es fahren viele Autos. Das verändert die Energie. Bei Sonnenschein fahren viel mehr Fahrräder und Roller, die Bewegungen sind kleiner und wendiger, die Farben wechseln schneller, die Geräusche sind feiner und höher. Man hört Stimmen, man hört Leute lachen und rufen.

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Herbstb-rainstorm

Ich warte auf einen Tag, an dem ich zum Strand gehen kann. Nicht zum Nordseestrand, ich will nach Övelgönne. Ich warte auf Regen, auf Herbst, es gibt nichts schöneres als Strand und Herbst und Regen.

Haben Sie schon mal einen Kuss bekommen von jemanden, der mindestens eine halbe Stunde durch den Herbstregen gerannt ist, oder radgefahren? Von jemanden, der rote Backen hat, außer Atem ist und ganz durchnässt? Das liebe ich. Diesen Geruch.

Ich hoffe, ihn am Strand von Övelgönne zu finden, denn ich möchte keinen fragen, für mich eine halbe Stunde durch den Regen zu rennen, bis er außer Atem ist, um mich dann zu küssen. Wie soll man das erklären? Ich kann natürlich selber radfahren, schnell und leicht durch die Stadt, es soll sogar einen Wald geben in Hamburg. Den werde ich mal suchen, vielleicht finde ich dort den Geruch, der mir so gefällt. Ich stelle mir eine Böschung vor, einige mickrigen Akazien, Holunder, Ahornbäume und vielleicht drei dünngliedrige Birken.

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Flying P

Es ist Donnerstag 9:30 und im Café Paris formt sich die erste Schlange, alle hätten gerne Frühstück. Petit déjeuner. Es ist nicht so, dass das der einzige Ort in der Innenstadt ist, wo man ein gutes Frühstück bekommt, aber ich kenne nicht viele Établissements, in denen man sich so willkommen fühlt. Man geht hinein. Wartet kurz. Man wird abgeholt und an einen Tisch begleitet. Der Mantel wird aufgehängt, der erste Kaffee ist sofort da. Die Zeitungen liegen aus. Man wird freundlich  begrüßt.

Finden Sie das altmodisch? Ich nicht, ich finde das gut. Ich liebe es, wenn man sich um mich kümmert, nach mir guckt, mir einen Kaffee bringt.

Aber es ist Donnerstag und heute brauche ich kein Frühstück, ich stelle  mich nicht in Schlangen. Heute werde ich meiner Tochter einen Paternosteraufzug zeigen. Wenn man Paternoster fahren will, muss man sich zügig entscheiden, man darf nicht verweilen. Die Maschine hält nicht an, nie! Die Arme gehören steif neben dem Körper, bei Ausstrecken gibt es Verletzungsgefahr. Außerdem ist es gut, wenn man ein Gefühl für Gleichgewicht hat. 

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Speichern!

Die Speicherstadt hat eigene Gesetze.

Der offenporige Backstein nimmt alles auf, die Geschichten, die Eindrücke, Regen, Wind, Nebel, er gibt nichts wieder ab. Langsam sättigt er sich.

Bis er die ganze Welt gespeichert hat.

Dieses Gebiet wurde für den Handel gebaut, die Wasseradern brachten Güter aus allen Kontinenten. Es kamen fremde Aromen, exotische Stoffe, endlose Geschichten. Sie wurden auf der einen Seite der Gebäude von der finsteren, spiegelglatten Wasseroberfläche mit einer geschickten Bewegung hinein gezogen, so als würde jemand drinnen sitzen und angeln. An der anderen Seite wurden sie schwerfällig wieder rausgelassen. Dunkle Wagen warteten dort auf dem unebenen Kopfsteinpflaster um später mühsam und holperig mit der schweren Ladung wegzufahren.

Die Produkte haben kein bestimmtes Gewicht, keinen festen Klang. Auf dem Wasser sind sie ganz leicht und leise, sie gleiten dahin, aber auf dem Kopfsteinpflaster sind sie schwer und laut, sie poltern durch die Nacht.

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Das Spiel

“Hier wird richtig was los sein heute Abend” sagt er mir, und seine Kumpels bestätigen das. “Wir erwarten sehr viele Gäste, und ein richtiges Feuerwerk. Wir werden sie gut empfangen, alles ist bereit. Man wird die Gäste bis zum Spiel begleiten”.

Das hört sich ziemlich gastfreundlich an, denke ich. Ich sehe die sechs Männer an. Sie sind in Uniform, orange. Sie machen sauber im Karo-Viertel, alles soll bereit sein für das große Fußballfest.

“Es gibt keinen Alkoholverbot heute im Stadion” sagen sie. “Es wird richtig Randale geben”. Sie stehen in der Morgensonne und leuchten, sind gut gelaunt. Sie sind damit einverstanden, dass wir einige Fotos mit ihnen machen.

Nachmittags gehe ich mal gucken, was so am Stadion los ist, ob das Fest schon angefangen hat. Hubschrauber kreisen über meinen Kopf und Polizeiwagen reihen sich auf, es stehen gepanzerte Fahrzeuge für den Einsatz bereit. Die Mädels und Jungs in blauer Uniform haben beindruckende Schienbeinschoner an, Schutzwesten, Helme. Ich dachte, es gäbe ein Fußballspiel hier. Und das mit BFE Plus?

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Äpfel klauen

Ich war im Theaterstück “Tschüssikowski”. Ich bin dahin mit dem Fahrrad, in einem heftigen Regenschauer über den Kiez, mit Gummistiefeln und einem Regenmantel an. In der Garderobe des Schmidt-Theaters konnte ich mich umziehen.

Ich weiß, der Titel hört sich total bescheuert an.

Aber das Stück war richtig gut. Es fing auch im strömenden Regen an, ich dachte kurz, ich sollte wieder meine Gummistiefel anziehen.

Das Thema des Stückes ist einfach, die Umsetzung von höchster Professionalität. Die Musik macht richtig gute Laune, die Tänzer sind sexy und das Spiel schnell, die Schauspieler haben mehrmals die Rollen gewechselt und sind völlig überzeugend in immer anderen Outfits gekommen, sie wurden sogar zum Tier auf der Bühne.

Man fühlt sich als Publikum ernst genommen, wenn die höchste Qualität geboten wird, wenn jeder mitten in diesem rasanten Stück voll dabei sein kann.

Da ich nie so richtig verstehe, wie das mit der Musik und den Texten, mit dem Licht und den Nebelschwaden alles so klappt, bin ich hochgegangen und habe bei den Technikern geschaut, ob sie alles im Griff haben. Hier entsteht die Magie!

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Alles auf Anfang

“Ich bin der Mike. Ich wurde gerade aus dem Krankenhaus entlassen. Ich rauch nicht mehr, trinke nicht mehr, nehme keine Drogen mehr. Ich bin total clean und es geht mir gut. Nur die Freunde lassen mich jetzt im Stich. Ich habe meine Freunde nicht mehr. Aber Ich werde neue Freunde finden, welche, die es ertragen können, dass ich keine Drogen mehr nehme”.

Überrumpelt sehe ich den hageren Mann vor mir an. “Komm vorbei”, sage ich ihm, “erzähl mir die Geschichte”.

Wenn jemand plötzlich vor mir auf der Straße steht und etwas erzählen will, hat er eine Geschichte, er läuft von seiner Geschichte nur so über. Ich verabrede mich mit ihm, dass wir uns auf dem Schiff treffen werden, wir werden einfach eine Runde durch den Hafen fahren. Internationale Gewässer, sage ich. Er ist einverstanden.

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Berghütte

An einem Mittwoch war es soweit. Die Stadt war plötzlich zu voll, zu hektisch. Es hing ein tiefer, grauer Himmel über die Elbe und die Luft war voller Abgase. Die Häuser waren kalt und hart, abweisend.

Ich habe mich in den Zug gesetzt und bin über Nacht in die Berge gefahren. In Fulda und in München musste ich umsteigen, in Garmisch Partenkirchen ging die Sonne schon wieder auf. Ich habe mich mit meinem Bruder und noch zwei Freunden getroffen dort.

Im Zug kann ich schreiben, er bringt mich schnell und ohne Stau quer durch die Republik. Es ist September, ich merke ganz deutlich, dass der Herbst in der Luft hängt. 

Wir schnüren unsere Stiefel und gehen zum vereinbarten Treffpunkt, ein Bergführer wartet auf uns in der Nähe der Zugspitze, er heißt Dave und hat eine Mütze auf. Während der Nebel langsam hochzieht besprechen wir die Tour und laufen los. Erst ist es schwierig dort im Gelände, ich fühle mich unsicher, ungeschickt, wackelig auf den Beinen. Mir ist leicht schwindelig. Ich vermisse Hamburg. Ich will weg hier, ich will die Alster sehen. Die Berge um mich sind zu viel, zu schwer, ich fühle mich bedroht. Vor mir in der Ferne, ganz oben steht ein Kreuz, dort müssen wir hin, der Mut sinkt mir in die Bergstiefel.

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