Maya röstet Kaffee

Früher habe ich Büroarbeit gemacht. In Düsseldorf. Ich war Übersetzerin, Fremdsprachenkorrespondentin, Sekretärin, es waren die 90er Jahren. Wir hatten Schulterpolster und schmale Röcke, wir trugen nie Turnschuhe und hatten rote Lippen.

Wir kochten Kaffee in der Büroküche. Für den Chef und für die Partner, die zu Besuch kamen und zum Grappa etwas Aufbauendes brauchten.

Wer hat eigentlich den Kaffee eingekauft? Er war gemahlen und kam in großen Behältern. Wir kannten damals drei bis vier Sorten, aus der Werbung, und es war uns egal, wir waren jung und scherten uns nicht um Kaffee. Wir lebten für die Pausen, die wir in der ersten Frühlingssonne oder im Herbststurm am Rhein verbrachten. Nach der Mittagspause war alles super entspannt, die Chefs hatten gegessen und getrunken und der Stress ließ nach. Bis kurz vor Feierabend, dann kam er manchmal wieder auf wie ein Mistral aus den korsischen Bergen.

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Die Sinne

der Alte Wandrahm.

Rahm in Hamburgs Straßen ist keine Sahne, es ist ein Rahmen aus Holz, auf dem Stoffe nach dem Walken und Färben zum Trocknen gelegt wurden. Das geschah in einem Rahmenhof. Die Wandbereitung war das Gewerbe der Tuchhersteller. Es gab bis zum 19. Jahrhundert sogar eine Wassermühle zum Walken (von Wolle) und Pochen (von Flachs). Die Poggenmühle wurde aber schon 1865 abgerissen.

Im alten Wandrahm ist jetzt eine Blindenschule. Keine Schule, in der Blinden lernen, mit der Realität der Sehenden umzugehen, sondern wo Sehende lernen, wie man sich in der Welt der Blinden zurechtfinden kann. Wenn ich das im Internet nachlese, bekomme ich gleich einen Widerwillen. Wieso sollte ich, die ich doch sehen kann, jetzt so tun als wäre ich blind? Vielleicht sehe ich nicht mehr ganz so scharf, in der Ferne sehe ich verschwommen, aber oft ist es besser, wenn man die Leute nicht so genau sieht. Und ich habe ja eine Brille, für den Straßenverkehr und so, abends. Was soll ich dort?

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Reisen

Ich sitze im Zug von Hamburg nach Aachen.

In Hamburg sind zwei Rechtsanwälte eingestiegen, die sich nicht kannten aber beide nach Bremen unterwegs sind. Der eine ist gefestigt im Amt, leicht ironisch und voll gerüstet, er hat die verrücktesten Sachen schon erlebt, der andere ist gerade neu und etwas verunsichert. Das kommt aber hauptsächlich, weil er nur das eine Hemd gefunden hatte, das Manschettenknöpfe braucht, die anderen waren nicht gebügelt. Und er hatte nur die exotischen Singvögel als Manschettenknopf.

So sitzt der Rechtsanwalt mir gegenüber, jung, mit schönen leuchtenden Augen und Vögeln am Handgelenk.

Beide kippen sich Kaffee rein, den gibt es hier en masse, es wurde schon welchen im Bahnhof gekauft und auch im Zug trabt ein Kaffeelieferant durch die Gänge auf und ab. Ich würde gerne mal im Bremer Amtsgericht schnuppern, eine Mélange aus Bahnhofskaffee in Pappbechern.

Ob sie denn eine Robe anhätten, will ich wissen, oder vielleicht auch eine Perücke. Eine Perücke hatte ich nicht ernst gemeint, aber die Robe, ja, die wird angezogen. Obwohl man damit in Bremen eher gedisst wird. “Das sind da alle solche Alt-68-er”, höre ich interessiert, “die haben einen Wettkampf laufen, wer denn am Schlechtesten gekleidet ins Gericht kommt, mit ausgebeulten Cordhosen und so” geht die Insider-Info weiter. Aha. Das merke ich mir.

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Am helllichten Tag

Der Morgen ist frisch und schön im Schanzenviertel. Die Leute, die an der Roten Flora wohnen sind schon aufgestanden, die Betten sind gemacht. Ich gehe weiter und sehe die Grüne Flora. Draußen stehen Holzkisten mit vielen Blumen in allen Farben, sie leuchten auf dem Bürgersteig. Innen sieht es wie ein verwunschener Garten aus, auf dem Boden liegen Holzbretter in einem weißem Kiesbett. Überall gibt es grüne Pflanzen und blühende Blumen, die Blumenmädchen sind sympathisch und fröhlich. Wer wäre das nicht, in diesem Garten auf dem Schulterblatt?

Später gehe ich in einen Käseladen hinein, den letzten, den es in Hamburg gibt. Bruno Blockus hat diesen Laden schon 30 Jahre hier. Er zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite. “Der Bäcker dort ist schon 85 Jahre da und der Teeladen daneben schon 50 Jahre. Und das Schreibwarengeschäft. Viele Läden sind schon sehr lange hier, man kennt sich, es ist eine gute Nachbarschaft”. Wo das ursprüngliche Schulterblatt war, das Café für die Walfänger, das als Aushängeschild ein Schulterblatt vom Wal hatte, weiß er nicht. Aber das finde ich noch raus.

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