Ideen sammeln

Auf dem Weg nach Harburg steige ich in Hammerbrook aus. Es ist 12:00 h, und ich habe Lust auf guten Kaffee. Auf einen Hammerkaffee, Sie wissen schon. Maya! Mein Herz schlägt schon schneller, als ich merke, dass sich noch keine Schlange vor dem Geschäft gebildet hat. Es ist fast Zeit für die Mittagspause, und hier gibt es sehr viele Büros, aber gerade geht es. Ich gehe hinein, schließe die Augen, atme den Duft des Kaffeeröstens ein, bekomme eine Tasse voller Glück. Ich sehe die freundlichen Mitarbeiter an, kaufe noch ein Franzbrötchen mit Schokolade und setze mich auf einen Stuhl aus Kaffeesäcken.

Was will man mehr?

Ich sehe zu, wie die Bohnen – oder Kirschen? – frisch geröstet und noch warm eingepackt werden. Es riecht hier gut, ich könnte hier sehr lange sitzen bleiben.

Aber ich bin auf dem Weg nach Harburg, trinke den letzten Tropfen Kaffee, steige wieder in die S-Bahn und fahre über die eleganten Elbbrücken in den Südhafen.

Später habe ich einen Termin mit dem Vorstand der Kulturwerkstatt, aber es bleibt noch einen ganzen Nachmittag Zeit. Ich laufe durch den Hafen von Harburg. Ich habe gehört, dass Hamburg diesen Bezirk ziemlich stiefmütterlich behandelt. Richtig so. Denn wer will schon auf die verwöhnte leibliche Tochter des Kaiserkais treffen? Auf die hochnäsige Schwester der HafenCity? Ich stelle sie mir elegant und schick vor, in Businesskostüm und ökologisch korrekten Sandalen. So geht es hier nicht. Hier ist es ganz anders.

Harburg, du wildes, rebellisches Stiefkind. Unangepasst, frei, originell, unberechenbar.

Harburg ist Lederjacke, kaputte Jeans, Turnschuhe. Zigarette im Mund, einige Bierflaschen neben der Bank auf dem Boden, Blick auf unendlich.

Ob er das Foto gerne hätte? Der Mann, der gerade seine Zigarette anzünden möchte, sieht mich verwundert an. Welches Foto? Ich gebe zu, dass ich ihn fotografiert habe, weil die Farben stimmen. Der tiefblaue Spätsommerhimmel, das silbrig schimmernde Wasser, die Figur auf der Holzbank, der gelbe Hafenkran dahinter. Er sieht sich das Foto an, nickt, und ich teile es mit ihm.

Das Foto, der Spätsommer. Der Hafen in Harburg. Schiffe, Taue, der Geruch von Öl, Rost, Holz, Teer. Die Süderelbe.

Ich bin hier, weil ich das Projekt Stadtschreiberin starten will. Ich bin zwar die Stadtschreiberin, aber 2021 gibt es ein neues Stipendium, und dafür sammle ich gerade Ideen und Förderer.

Wieso gibt es eigentlich einen in Rottweil, nicht aber in Hamburg?

Ich muss den besten Kandidaten, die beste Kandidatin finden und das Preisgeld einsammeln, sodass ich ihr oder ihm eine schöne Zeit ermöglichen kann. Sind Sie interessiert? Auf meiner Startseite stehen die Details.

Ideen sammeln geht am besten draußen in der Natur. Ich laufe zur Elbe, lege mich auf einen Steg und gucke Schiffe. Der Nachmittag segelt an mir vorbei. Ich höre die kleinen Wellen, wie sie um den Steg glucksen. Ein Boot vom Zoll schneidet mit hoher Geschwindigkeit durchs Wasser, die Zollbeamtinnen sehen beeindruckend aus, wie sie in Uniform mit gekreuzten Armen fest am Bug ihres schnellen Schiffes stehen, unbeirrbar. Ich winke ihnen zu, sie nicken kurz.

Zwei Jugendliche befinden sich am Ufer, sie werfen Steine ins Wasser und angeln. Ein Segelschiff kommt vorbei, blau wie die Luft, mit Segeln weiß wie die Wolken. Es spiegelt sich im Wasser, ich denke an ein Gemälde von Constant Permeke, aber dann in hell und freundlich. Es ist eine Familie, die einen Nachmittagsausflug macht. Der Nachmittag dehnt sich unendlich.

Ich bin mitten in Hamburg. Ich sammle Ideen.

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